Der Streit um die Pflege

Der Pflegeregress ist seit 2018 abgeschafft, doch die Debatten laufen weiter. 650 Millionen Euro fordern die Länder und Gemeinden vom Bund. Der Finanzminister beharrt jedoch auf den budgetierten 100 Millionen Euro. Diese Rechnung dürfte wohl nicht aufgehen.

Seit Anfang des Jahres kann nicht mehr auf das Vermögen von pflegebedürftigen Menschen zugegriffen werden. Das Blöde am Aus des Pflegeregresses ist nur, dass die Finanzierung nicht zu Ende gedacht wurde. Fakt ist, dass die vom Bund gebotenen 100 Millionen kein Kostenersatz sind, denn die Länder gehen von mindestens 500 Mio. Euro an Mehrkosten aus. Eine klare Strategie für die immer älter werdende Gesellschaft ist gefragt.

Durch die Abschaffung des Pflegeregresses in Einrichtungen ist die Pflege in den eigenen vier Wänden plötzlich teurer als das Heim. Es sei die absurde Situation entstanden, dass der Steuerzahler die teuerste Form, die Heimunterbringung, die von den Menschen gar nicht bevorzugt wird, voll finanziert. Die gewünschte private und weitaus kostengünstigere Pflege dagegen nicht. Volksanwalt Günther Kräuter fordert in der ORF-Sendung Bürgeranwalt eine Anhebung des Pflegegeldes um 30 Prozent und die Verdoppelung des Bundeszuschusses zur 24-Std-Betreuung. Nur so könne eine volkswirtschaftlich sinnvolle Trendumkehr gelingen und der Überlastung der Einrichtungen sowie dem teuren Neubau und Betrieb von Alten- und Pflegeheimen entgegengesteuert werden.

IN WÜRDE ALTERN – IM HEIM ODER DAHEIM
Der Bundesverband der Alten- und Pflegeheime Österreichs fordere die Bundesregierung auf, eine menschenwürdige und hochwertige Pflege und Betreuung in Österreich sicherzustellen. Es gehe vor allem um ein lebenswertes und menschenwürdiges Leben im Alter – ob im Heim oder daheim. Die Selbstbestimmung müsse im Vordergrund stehen. Da kaum eine Pflegesituation mit einer anderen vergleichbar ist, brauche es auch eine Vielfalt von Betreuungsformen. Welche Betreuungsform gut und sinnvoll ist, sei primär eine Frage der pflegerischen Machbarkeit und dürfe nicht rein nach Kostenargumenten entschieden werden. Alle Betreuungsformen sollen eine vergleichbare Qualitätssicherung erfahren – zum Wohle der alten Menschen.

PFLEGE DAHEIM MUSS ATTRAKTIVER WERDEN
Der Pensionistenverband Österreichs (PVÖ) schlägt hingegen „Sofortmaßnahmen“ vor, um Pflege daheim attraktiver zu machen. Pensionistenverbands-Generalsekretär Andreas Wohlmuth erklärte, dass es durch die Abschaffung des Pflegeregresses – wenn man in einem Pflegeheim gepflegt wird – parallel dazu auch Verbesserungen bei der Betreuung zu Hause geben muss.

Wohlmuth nannte drei Sofortmaßnahmen. Erstens: Eine Anhebung des Pflegegeldes in allen Pflegestufen. Zweitens: Bei der 24-Stunden-Betreuung fordert der Pensionistenverband eine Erhöhung des zuletzt 2008 angehobenen Förderungsbetrages für Betreuungskräfte. Und als dritten Punkt werden steuerliche Verbesserungen gefordert.

PFLEGE IST EIN ZUKUNFTSBERUF
Bis 2050 werden in Österreich 1,25 Millionen Menschen über 80 Jahre alt sein – das sind dreimal so viele wie heute. Laut Mattersberger, vom Bundesverband der Alten- und Pflegeheime Österreichs, sei Österreich auf eine gute Versorgung so vieler älterer Menschen noch nicht vorbereitet. Daher benötigen wir neben mehr Ausbildungsplätzen auch dringend Maßnahmen zur Attraktivierung der Pflegeberufe.

Quellen: Pensionistenverband, Bundesverband Alten- und Pflegeheime Österreichs, Volksanwaltschaft
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