„Ich war immer ein Revoluzzer“

Lotte Tobisch hat die große Weltbühne für immer verlassen. Ein Nachruf auf die letzte Grande Dame Österreichs.

Der Kopf voll Anekdoten und Erinnerungen, konziliant im Ton, aber durchaus kämpferisch in der Sache: So erwies sich Lotte Tobisch, von 1981 bis 1996 Organisatorin des Wiener Opernballs, auch im Gespräch mit unserem Magazin. Im feinsten Burgtheater-Deutsch, mit fester Stimme, nicht näselnd, aber mit einem verführerisch rauchigen Timbre, verteilte die zarte 93-Jährige wohldurchdachte Zensuren zum Lauf der Dinge, zur sogenannten besseren Gesellschaft früherer Zeiten, zur sogenannten Emanzipation und über allerhand Zeitgenossen.

Lotte Tobisch von Labotýn, wie ihr Briefpapier verrät, war eine Chronistin ihrer Generation wie kaum eine andere. Aufgewachsen im Wiener Großbürgertum war es ihr zu wenig, ein Mädchen aus gutem Hause zu sein. „Ich war von Kindesbeinen an ein Revoluzzer“, zog sie Bilanz und vermied mit einem Augenzwinkern die weibliche Form des Begriffs. Sie sah sich als „Sacre-Coeur-geschädigt“ und belegte das mit der Tatsache, dass sie sieben Mal die Schule gewechselt hat. Das ist kein Widerspruch dazu, dass sie aus einer Gesellschaft kam, die „eine gewisse Feinheit“ hatte. Denn längst wusste Lotte Tobisch, dass die damaligen Zeitgenossen nicht „besser“ waren als die jetzige „sogenannte“ Gesellschaft. „Sie waren nur besser angezogen und haben sich besser benommen.“ Aufgrund dieser Erfahrung war das Verhalten gehobener Kreise in Gesellschaft heute für sie „an der Grenze des Erträglichen.“ Sie ortete einen „eklatanten Mangel an Anstand und Benehmen.“

Sie sei schon als Kind „unerziehbar“ gewesen, beschrieb sie schmunzelnd ihr Revoluzzer-Tum. Dabei bestand diese Eigenart wohl darin, dass sie die Kunst beherrschte, unterscheiden und eine Wahl treffen zu können. Lotte Tobisch kannte und schätzte die gehobenen Verhältnisse, aber sie wusste ganz genau, dass man auch in diesen Milieus nur mit Wasser kocht. Im Krieg folgte die überzeugte Gegnerin der Nazis nicht ihrer Familie, die sich im Westen in relative Sicherheit brachte, sondern blieb im Wien, das von Bombern bedroht war. Sie führte eine Art Zwitterleben zwischen harter, angeordneter Arbeit in einer Rüstungsfabrik, der Ausbildung zur Schauspielerin und dem Privatleben in der durchaus mondänen elterlichen Villa. In diesem Umfeld ging sie eine Beziehung mit einem um 37 Jahre älteren, verheirateten Dramaturgen ein. Das hatte im Wien der Nachkriegszeit durchaus etwas Lasterhaftes, erzählte sie verschmitzt. Das Glück in der Ehe hat sie sich selber versagt. Sowohl ihre Mutter als auch ihr Vater waren je drei Mal verheiratet. „Das war genug verheiratet“, schloss sie dieses Kapitel für sich ab.

So viel erlebt zu haben und diese Schlüsse mit Verstand und Instinkt ziehen zu können, war für Lotte Tobisch ein Glücksfall, für den sie dem Schicksal unendlich dankbar war. Ihren Lebensweg kreuzten Geistesgrößen und Künstler wie Burg-Legende Raoul Aslan, ihr Lebensmensch, der Dramaturg Erhard Buschbeck, Schriftsteller wie Elias Canetti, Thomas Mann oder Carl Zuckmayer, sowie der Philosoph und – wie sie sagte – „denkende Marxist“ Theodor W. Adorno, ein langjähriger enger Freund. Das Geheimnis, warum diese damals junge Frau so eng mit diesen Größen des Kultur- und Geisteslebens verbunden war, lüftete sie, indem sie eine von ihnen zitierte: „Sie kann gut zuhören und man kann mit ihr gut lachen.“

Voraussetzung für diesen Lebensweg war, dass Lotte Tobisch belesen war wie wenige. Schon als Teenager las sie sich durch die große Bibliothek in der Wiener Familienvilla. Die Ausbildung zur Schauspielerin und das systematisch angehäufte Wissen prägten nicht nur ihre plastische, druckreife Sprache, sondern ihre unbändige Lust am Erzählen. Graz und die Steiermark lobte die Wienerin in höchsten Tönen, seit sie 1946 erstmals bei einem Gastspiel des Burgtheaters da war. Im Landhaushof wurde „Jedermann“ gegeben, sie war Teil der Tischgesellschaft. Seither schätzte sie den Kastner & Öhler und war Stammgast im Hotel „Erzherzog Johann“. Dort hatte sie stets ein wunderbares Zimmer, „durch das jedes Mal die Tramway durchgerattert ist“, wie sie sich ohne Groll an Hörerlebnisse früherer Zeiten erinnerte.

In die Rolle als Organisatorin des Wiener Opernballs schlüpfte die Schauspielerin, die eigentlich nicht gerne tanzte, 1981 und Lotte Tobisch hat sie 15 Jahre bravourös gemeistert. Wieder hatte sie, wie sie sagte, viel Glück gehabt, weil es hätte ja auch „im Desaster enden können.“ Der größte Erfolg war für sie nicht, dass sie die „Marke Opernball“ zu einem internationalen Erfolg mit unerhörtem Publicity-Wert machte, sondern in banaleren Dingen zu finden. „Es gibt junge Menschen, für die ist es ein Traum, den Opernball zu besuchen oder gar zu eröffnen.“ Lotte Tobisch machte eine ungeheure Erfahrung: „Ich kann Leute glücklich machen.“ So erzählte sie von einem Mädchen, das bedauerlicherweise kein vorteilhaftes Aussehen hatte. Selbst die Familie riet davon ab, das Rampenlicht des Opernballs zu suchen. Doch Lotte Tobisch sah das anders. Das Mädchen absolvierte die Vorbereitung mit Ernst und Eifer und begann geradezu aufzublühen. Sie wurde keine Schönheit für die erste Reihe der Eröffnungspolonaise, aber sie genoss das wahrscheinlich größte Erfolgserlebnis ihres jungen Lebens. Diese Erfahrung machte Lotte Tobisch so mutig, dass sie Wege fand, zum Beispiel auch blinde Mädchen zum Opernball zu holen und etwas glücklicher zu machen.

Die turbulenten politischen Zeiten beobachtete diese Grande Dame der Republik mit größter Aufmerksamkeit. Sie kannte Sebastian Kurz, seit der „mit dem Radl duch die Wiener Außenbezirke gefahren“ ist und erinnerte sich gern an SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky, der den Habitus seiner großbürgerlichen Herkunft nie ganz ablegte. Gewissermaßen war man verwandtschaftlich verbunden: Kreisky erwarb einst einen Welpen ihres Boxerrüden Dagobert. Daraus entstand eine lebendige Freundschaft. Lotte Tobisch hatte kein Verständnis für politisches Hickhack und hob als Beispiele für gute Politiker zwei Steirer hervor: Franz Voves und Hermann Schützenhöfer, weil sie das Gemeinsame gesucht und das Notwendige getan hätten. So verstand sie auch ihre ehrenamtliche Rolle an der Spitze des Vereins „Künstler helfen Künstlern“ und als Ehrenmitglied der Österreichischen Alzheimer-Gesellschaft.

Eine Frau mit dieser Biografie und diesen Zuschnitts, die einen Handkuss schätzte und gern Komplimente hörte, die organisieren und sich durchsetzen konnte, hatte auch mit der Emanzipationsbewegung naturgemäß nichts am Hut. Lotte Tobisch bezeichnete sich konsequenterweise als großen Gegner der Emanzipation, nicht als Gegnerin. Ihr war diese Tendenz so ein Gräuel, dass sie fast schon so weit war, „die Männer gegen die Emanzen zu verteidigen.“

Am 19. Oktober 2019 ist Lotte Tobisch nach langer Krankheit im Alter von 93 Jahren im Badener Künstlerheim verstorben. Die Trauerfeier findet am 8. November in der Feuerhalle Simmering statt. Vor Beginn der Feier wird ein Kondolenzbuch aufgelegt, auch ein digitales Kondolenzbuch wurde eingerichtet.

Bildquelle: Michael Fritthum

Beitrag veröffentlicht am 21. Oktober 2019.