Allen hat’s gefallen

„Unsere Erfolge gehören unseren Fans“: Mehr als 40 Jahre begeisterten die White Stars aus Graz mit flotten Klängen und schmeichelweichen Melodien ein riesiges Publikum.

Romantische Schlagermusik, gespielt in bummvollen Festzelten, in Radiosendungen und TV-Shows, zu hören auf Vinyl und Video, auf CD und DVD sowie in zahlreichen Tanzlokalen in ganz Österreich. Das war es, womit die Reischl-Buam aus Graz-Liebenau als White Stars eine der größten Erfolgsstorys der steirischen Musikgeschichte schrieben. Im Gespräch mit unserem Magazin lassen Walter und Günther Reischl sowie Joschi Scheucher, der für sie der „Ehrenbruder“ ist, mehr als 60 Jahre swingender Erfolge und großer Publikumshits Revue passieren.

Die äußeren Zeichen der musikalischen Höhenflüge – 11 goldene Schallplatten, zwei aus Platin, eine aus Kristall und zahlreiche Ehrungen – sind nur ein Spiegelbild für die bis heute anhaltende Beliebtheit bei den Fans. Walter (71), der als „Walter von den White Stars“ noch immer ein musizierender Entertainer ist, nennt sie „unsere goldenen Fans.“ Denn die goldenen Schallplatten, mit denen sie ausgezeichnet wurden, würden eigentlich diesen „Wahnsinns-Fans“ gebühren. Die Popularität ist drei Jahre nach dem (vorerst) letzten Auftritt ungebrochen. Es berührt Walter Reischl, wenn im Jahr 2019 ein etwa 12-jähriges Mädchen nach einem Konzert zu ihm kommt und schüchtern um ein Autogramm bittet. Auf Walters Frage sagt sie, schon ihre Großeltern waren einst glühende Fans der White Stars.

Diese enorme Popularität, die weit über Graz und die Steiermark hinaus reicht, dokumentiert Günther (73), der die Bassgitarre spielte, auf der Facebook-Seite, wo Tausende Likes verzeichnet sind. Vorgänger der sozialen Medien von heute war einst eine riesige leibhaftige Fangemeinde. Aus mehr als 120 Fanclubs, die es sogar in Amerika gab, wurde lang nach dem offiziellen Abschiedskonzert 1993 die heutige quicklebendige White Stars-Familie. „Facebook und Youtube zeigen uns immer noch, was damals los war“, sagte der frühere KFZ-Mechaniker Günther.

„Die White Stars machten Musik, die wir alle liebten“, postete eine 60-jährige Steirerin. Nostalgisch ergänzt ein anderer: „Da kommen die Jugendzeiten wieder zurück.“ Die Fans schicken auf Facebook Ostergrüße an die einstigen Idole, einer hat zum ersten Advent einen virtuellen Kranz mit der ersten brennenden Kerze ins Netz gestellt, man gratuliert einander gegenseitig über die White Stars zum Geburtstag. Das sind 26 Jahre nach dem offiziellen Abschiedskonzert und drei Jahre nach dem letzten gemeinsamen Auftritt Beweise für eine Beliebtheit, die ihresgleichen sucht. Heute noch ist die einstige Weihnachts-LP „Weiße Weihnachten mit den White Stars“, welche die Band 1982 produziert hatte, ein Verkaufsschlager.

Der riesige Erfolg mit mehr als einer halben Million verkauften Schallplatten und mehr als 300 Auftritten im Radio und Fernsehen ist auch deshalb so bemerkenswert, weil die White Stars zwar unglaublich professionell gearbeitet haben, aber doch nie echte Profis waren. Sie blieben immer Halbprofis mit bürgerlichem Beruf, also mit beiden Beinen auf dem Boden. Wie Günther war auch Joschi Scheucher (heute 73 Jahre alt) aus dem Kfz-Fach.Er war der einzige, der kein „Reischl-Bua“ war, deshalb als „Ehrenbruder“ aufgenommen wurde und all die Jahrzehnte das Schlagzeug der White Stars bediente. Walter, der Leadsänger, war Klavierbauer, ehe er 25 Jahre als Musikchef des ORF-Steiermark fungierte. Der verstorbene Peter, der 2019 den 75. Geburtstag gefeiert hätte, spielte die Gitarre und betrieb in Liebenau das Café „White Star“. Michael (65) war Gitarrist und Komponist, im Zivilberuf Röntgenassistent und zählte zu den Gründern der Österreichischen Musikermesse.

Einen eigenen musikalischen Weg gingen Werner (68) und Bernd (67), als sie 1974 die Tanzkapelle „Regenbogen“ gründeten. Werner war und ist ein Komponist und Musikpädagoge mit Schwerpunkt religiöse Lieder („Sing mit mir ein Halleluja“), Bernd kombinierte sein musikalisches Talent und das Können als Elektrotechniker, indem er ein professionelles Tonstudio aufbaute. Techniker Wolfgang (…) ist der einzige der sieben Reischl-Buam, der mit der Musik der White Stars fast nichts zu tun hatte.

Die Brüder waren allen Liebenauern von Kindesbeinen an ein Begriff. Jeder hatte auf Geheiß der Eltern Hermann und Elisabeth mindestens ein Instrument erlernt und die Liebe zur Musik entdeckt.
Die große Bubenschar war nur durch Disziplin zu bändigen. Eine Nachbarin erinnert sich, wie die Reischl-Buam regelmäßig auf den Stufen vor der Eingangstür des elterlichen Hauses saßen und die Schuhe putzten. Zum Bodenständigen der White Stars gehörte auch ihre Treue zum Fußballklub SK-Sturm Graz, für den sie sogar die Vereinshymne „Hier regiert der SK Sturm“ komponierten.

Disziplin prägte neben dem Talent den musikalischen Werdegang. Für die Eltern Hausmusik zu spielen, war für die Heranwachsenden bald nicht attraktiv genug. Begierig hörten sie die aktuellen Schlager und Popsongs im Radio und gaben sie auf ihren Instrumenten wider. Das blieb nicht unbemerkt. Die Reischl-Buam wurden als Band wahrgenommen und begannen in Tanzlokalen im Großraum Graz zu spielen. So entdeckte sie 1964 Wolfgang Reinprecht, der Chef des Hotels Fischerwirt in Gratkorn, damals das größte Tanzlokal der Steiermark. Der hatte den Ehrgeiz, diese Position zu halten und auszubauen. Der Sound der fremden und der eigenen Schlager und das stets strahlend weiße Outfit der Jugendlichen aus Liebenau trafen den Geschmack und den Nerv des Publikums. Weil noch keiner der Reischl-Buam anfangs einen Führerschein hatte – und ein Auto schon gar nicht –, spielte Reinprecht für das Quintett sogar den Chauffeur.

Zehn Jahre lang, bis 1975, spielten die White Stars beim Fischerwirt. Freitags und samstags strömte das tanz- und musikbegeisterte Publikum hin. Heute noch erinnern sich einstige Fans an die Musik der White Stars und an die Atmosphäre im Fischerwirt, die etwas Einmaliges ausstrahlte. Dabei war es selbst für die meisten Grazer nicht leicht, nach Gratkorn zu kommen, weil Autos noch keine Selbstverständlichkeit waren. Der kleine Bahnhof von Gratkorn war also gut frequentiert, Fahrgemeinschaften bildeten sich, manche Jugendliche saßen viele Kilometer zu dritt auf dem Moped oder der Vespa. Der Andrang war so groß, dass der Hotelier den Tanzsaal in zehn Jahren zweimal vergrößern musste.

Die Popularität stieg, als die Band ihre ersten Schallplatten selbst produzierte. Das ORF-Radio wurde aufmerksam und die White Stars hatten als erste Band so viele Fans, dass sie die neu aufgekommenen Fest- und Bierzelte mit Tausenden Plätzen füllen konnten. Tanzlokale wie der Fischerwirt wurden für populäre Live-Bands zu klein. „Wir waren für die Veranstalter die Garantie, dass die Zelte voll wurden“, erzählt Walter nüchtern. Durch Hits wie „Ich war nie ein Casanova“
vervielfachte sich der Erfolg und das große deutsche Schallplattenlabel Ariola wurde auf die Grazer aufmerksam. Es kam zum Plattenvertrag, womit Präsenz und Popularität noch einmal gesteigert wurden. Dazu muss man wissen, dass die White Stars wahrscheinlich die einzigen nicht professionellen Musiker waren, die dieser Produzent von europäischem Format unter die Fittiche nahm. Ariola hatte doch auch Größen wie Udo Jürgens oder Peter Alexander unter Vertrag. Und wie diese bekamen auch die White Stars Auftritte in den großen TV-Shows wie bei „Tritsch-tratsch“ oder im Musikantenstadl.

Die Brüder ließen sich vom Erfolg nicht blenden. Sie arbeiteten unter der Woche weiter in ihren bürgerlichen Berufen und spielten freitags und samstags in den Zeltfesten fast überall in Ostösterreich zwischen der damaligen jugoslawischen und tschechoslowakischen Grenze auf. Dazwischen komponierten, texteten und probten sie, nahmen Schallplatten auf und absolvierten Auftritte in Radio und Fernsehen. Ihr Leben war und ist die Musik, die sie von Kindesbeinen an im Blut hatten und sie machten daraus eine große steirische Erfolgsgeschichte.

Bildquelle: Erwin Scheriau, White Stars

Beitrag veröffentlicht am 19. November 2019.