Manfred Rupprecht – Vom Hofrat zum Bahnvorsteher

Abteilungsleiter für Umwelt und Raumordnung, Altstadtanwalt, Doktor jur., Hofrat, Landesumweltschutzkoordinator, Professor, dazu noch Buchautor, das alles und noch mehr könnte er vor seinen Namen setzen. Tut er aber nicht. Manfred Rupprecht reicht ihm. Oder: Herr Bahnhofvorsteher.

Der bescheiden-sympathische Beamte war und ist einer der anerkanntesten Juristen im Land Steiermark, seit 17 Jahren im Ruhestand, aber nie in Ruhe. Im Vorjahr stieß man auf seinen Achtziger an und erstmals gestand der Rechtsexperte seine heimliche Liebe ein – für „Abenteuer Alter“ öffnete er sogar das zu dieser heimlichen Liebe gehörende Gemach. Jetzt wissen wir es genau: Manfred Rupprecht ist Modelleisenbahner mit Herz und Seele.

In den schon lichteren Höhen von Graz-Waltendorf mit schönem Blick über die Landeshauptstadt steht sein gediegenes Domizil, Gattin Pia und die schneeweiße Hündin Gini sind ebenfalls zur Stelle und gemeinsam geht man die Stiege hinunter ins Souterrain. Vorbei an tönernen Sekt- und Weinlagerregalen und dann noch einmal um die Ecke ins Allerheiligste – in den ehemaligen Schutzraum, der, wie es sich für einen Baurechtsjuristen geziemt, auf den Millimeter genau den damaligen strengen Vorschriften entsprach. Dort tut sich eine durch die Zauberformel 1:87 geschrumpfte Märchenwelt auf. Diese Verhältniszahl drückt den Maßstab der Verkleinerung aus, in dem sich das „rollende Material“ im Miniformat darstellt, auf Schienen in der Nenngröße H0, sprich Ha null, 16,5 Millimeter Spurweite. Dampflok-Ungetüme, die in natura einschließlich Tender bis an die 140 Tonnen auf die Waage bzw. auf die Schienen bringen, finden hier auf einem Handteller Platz und die Zielschilder auf den Waggons lassen sich nur mit sehr guter Lesebrille entziffern.

Es ist die ganz eigene Welt der Modelleisenbahner, die den nostalgischen Charme der ersten Eisenbahnen ebenso einfängt wie sie die rasante Entwicklung auf dem Schienensektor von der Elektrifizierung bis zu den Hochgeschwindigkeitszügen darstellt, die Geschichte vom funkenspeienden, furchteinflößenden Dampfross, wie es Peter Rosegger („Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß“) überliefert, bis zum nahezu lautlos dahingleitenden ICE erzählt. Modelleisenbahner, nicht jene, die dann einige Schachteln vom Dachboden holen, ein Gleisoval zusammenstecken und darauf einen Zug auf dem Wohnzimmerteppich seine Kreise ziehen lassen, wenn Enkerln zu Besuch kommen, sondern jene, die eine permanente Anlage ihr Eigen nennen, entführen uns in die Historie der Eisenbahnen und laden gleichzeitig zu einer Fahrt durch Märchenlandschaften ein.

Manfred Rupprechts Modelleisenbahnanlage lädt ein zu einer Zeitreise durch eine zauberhafte Märchenwelt.

Bei Manfred Rupprecht wird diese Geschichte auf zehn Quadratmetern Grundfläche, auf denen 55 Meter Gleise verlegt sind, von 40 Loks und mehr als 60 Waggons erzählt. Plus Straßenbahnen, einer Unzahl von Gebäuden, Personen, Autos, Bergen, einige von Tunnels durchbohrt. Da thront stolz über einer Anhöhe die Ruine Gösting, unter ihr verschwindet der Zug in einem Tunnel, passiert, kaum wieder am Tageslicht, das kleine Dorfkirchlein umgeben von blumengeschmückten Gräbern mit den winzigen Holzkreuzen innerhalb der Friedhofsmauer und trifft dann auf einer Art Hauptbahnhof ein, mit Bremsgeräuschen vor dem Halt und Lausprecherdurchsage am Bahnsteig. Vorausgesetzt, der oberste Eisenbahner, also Bahnhofvorsteher, Lokführer, Fahrdienstleiter, Stellwerker in einer Person, drückt auf den richtigen Knopf. Vorbei geht die Reise an einem liebevoll nachgebauten Altstadt-Ensemble, wo gerade von einem Feuerwehrwehrauto die Drehleiter ausgefahren wurde und eine Löschmannschaft sich bemüht, den barocken Kirchturm vor den Flammen zu retten. Ungerührt davon zieht die Straßenbahn ihre Kreise. Kurz zusammengefasst: das Hamburger Miniatur Wunderland als „Light Version“ – en miniature.

„Begonnen hat das mit der Modelleisenbahn erst vor 40 Jahren.“

Der Umweltjurist und Grazer Altstadtexperte zu „Abenteuer Alter“: „Von meinen insgesamt 40 Loks sind 25 auf Schiene, und worauf ich ein klein wenig stolz bin – vier davon habe ich selbst gebaut. War etwas mühsam, die Arbeitsstunden, die ich dafür aufgewendet habe, will ich gar nicht wissen, aber wenn sie dann das erste Mal fahren, ist jede Mühe vergessen.“ Seine Züge – zehn Personen- und acht Güterzüge fahren auf vier Schaltkreisen, die anderen stehen einsatzbereit in der Remise. „Aber bei mir“, so Manfred Rupprecht, „funktioniert noch alles auf analoger Basis, da gibt es keine Computersteuerung, die dir die Arbeit abnimmt. Das ist eine Aufgabe, die höchste Konzentration erfordert, damit es zu keinen Kollisionen kommt.“

Der spätere Modelleisenbahner war – könnte man salopp sagen – eine „Alterserscheinung“ im Leben des Landesjuristen. Die frühen Jugendjahre, noch vom Zweiten Weltkrieg geprägt, boten sich nicht unbedingt zum Eisenbahnspielen an, auch nicht die folgenden im Benediktiner-Stiftsgymnasium in St. Paul im Lavanttal. Für seinen Lieblingssport Fußball blieb gerade noch etwas Zeit, Gedanken an eine Modelleisenbahn beschäftigten ihn damals nicht ernsthaft. „Vielleicht habe ich aber“, mutmaßt Manfred Rupprecht, „eine erbliche Vorbelastung insofern, als mein Großvater mütterlicherseits Lokführer war. Wer weiß? Aber begonnen hat das mit der Modelleisenbahn erst vor rund 40 Jahren.“ Die Original-Eisenbahnerkappe, die in seiner Miniaturenwelt an der Wand hängt, stammt jedenfalls nicht aus Großvaters Erbschaft, sondern war das Geburtstagsgeschenk eines lieben Freundes zum Siebziger. 

Damals vor 40 Jahren, als bei ihm das Modellbau-Fieber ausbrach, war Manfred Rupprecht nach den Ausbildungsstationen bei den Bezirkshauptmannschaften Radkersburg und Mürzzuschlag und einem kometenhaften Aufstieg in das Büro Landeshauptmann, wo er mehr als neun Jahre Sekretär bei den Landeshauptleuten Friedrich Niederl und Josef Krainer war, bereits Leiter der Rechtsabteilung 3, mit den Zuständigkeiten für Bauen, Energie, Wasser und Verkehr. Als „Abteilungsübergreifender Umweltkoordinator“ hatte er eine der wichtigsten Abteilungen der steirischen Landesverwaltung inne. Dort hatte er sich in kürzester Zeit das Image des erfolgreichen Problemlösers in juristisch noch so heiklen Situationen erkämpft. Gesetze den Betroffenen zuerst glaubhaft erklären und dann vollziehen, manchmal auch der Politik die Grenzen des Machbaren vor Augen zu führen, das war seine Sache, Grenzwertfanatismus nie.

Es war in jener Übergangsphase, in der sich seine Zeit als pfeilschneller Mittelfeldspieler in der Fußballmannschaft des Büros Landeshauptmann allmählich ihrem Karriereende näherte, als die erste Modelleisenbahn ins Haus kam. „Wie bei den meisten, so auch bei mir,“ erinnert sich Manfred Rupprecht, „begann es mit dem bekannten Gleisoval und zwei Weichen. Dass es dabei nicht geblieben ist, sieht man ja.“ Und zeigt lachend auf seine Anlage.

Auf 10 m2 Grundfläche begegnen einander Garnituren von den Anfängen der Eisenbahn bis zu den modernen Hochgeschwindigkeitszügen.

Die seinerzeitige Kaufentscheidung fiel damals zugunsten der österreichischen Firma Kleinbahn aus. „Man musste bei dieser Firma zwar kleine Abstriche in der Detailgenauigkeit hinnehmen, dafür waren die Motoren langlebig und die Gleisanlagen ausgesprochen robust. Und vor allem war sie um einiges billiger als ausländische Produkte“, begründet der Hofrat seinen Einstieg bei Kleinbahn. „Außerdem boten die deutschen Hersteller wie Märklin nur wenige Modelle aus dem österreichischen Eisenbahnwesen an.“ So gehört zum Rupprecht’schen Fuhrpark unter anderem auch der legendäre blaue Triebwagen der Reihe 5046, der, als Nahverkehrsvariante von den Luxus-Fernzügen „Vindobona“ und „Venezia“ abgeleitet, allmählich die Dampfloks im innerösterreichischen Bahnverkehr abzulösen begann. Aber die fortschreitende Elektrifizierung erwies sich auch für den Dieselbetrieb als unüberwindbarer Konkurrent – im Jahre 1997 erfolgte die letzte Fahrt auf das Abstellgleis. Eines der wenigen erhaltenen Exemplare lässt sich noch auf dem Bahnhof Semmering bewundern.

Aber auch nur knapp elf Jahre überlebt hat der Transalpin, der unter klingenden Namen wie „Johann Strauß“, „Bodensee“ und „Rosenkavalier“ 30 Jahre lang Österreich mit einigen Nachbarstaaten verbunden hatte, seine Diesel-Vorfahren. Bei Manfred Rupprecht steht er noch im Vollbetrieb. Apropos Elektrifizierung – die gibt es natürlich auch in Rupprechts Modelleisenbahnwelt. Kleinbahn ermöglicht mit einer Oberleitung ein sogenanntes Zweileitersystem, also einen voneinander unabhängigen Zweizugbetrieb. Bei der Erwähnung von Oberleitung bittet Manfred Rupprecht seine Gattin Pia vor den Vorhang: „Sie ist es, die in unermüdlicher und geduldiger Kleinarbeit die Oberleitung Mast für Mast gesetzt hat.“ Nur zum Teil weitervererbt wurde das Engagement der Frau Mama auf die beiden Töchter. Während sich die Eisenbahnbegeisterung von Brigitta in für Mädchen nachvollziehbaren Grenzen hielt, brachte sich ihre Schwester immerhin durch den Bau von akribisch detailliert gestalteten Telefonzellen ein.

Aber mit dieser einen Anlage ist Manfred Rupprechts Eisenbahnwelt noch lange nicht zu Ende, ganz im Gegenteil: zurück und wieder vorbei an den Sekt- und Weinflaschen und ein paar Schritte in sein Arbeitszimmer und schon tut sich ein zweites Eisenbahn-Diorama auf. Zwar sind dort mit ihren 41 Laufmetern 14 Meter Schienen weniger verlegt als in der Eisenbahnwelt Nummer 1, dafür handelt es sich um eine Anlage mit der Nenngröße N und ihrer Spurweite von sagenhaft geringen neun Millimetern, auf der Winzlinge im Maßstab von 1:160 ihre Runden durch die bunten Pappmache-Landschaften ziehen. Für diese Anlage hat sich der „Eisenbahner-Hofrat“ die Firma Fleischmann aus dem mittelfränkischen Heilsbronn bei Nürnberg auserkoren, „dies deswegen“, so Manfred Rupprecht, „weil es dort ein ebenso günstiges wie technisch anspruchsvolles Sortiment gab.“ Nach dem aktuellen Fuhrparkbestand von 2020 verkehren auf dieser Mini-Mini-Anlage zwölf Zugsgarnituren. Ob sich die Frequenz in absehbarer Zeit noch erhöhen könnte? „Aller Voraussicht nach nicht. Jetzt geht es um die Fuhrparkerhaltung und schließlich auch um Reparaturen.“

 

Dieter Rupnik
Beitrag veröffentlicht am 4. März 2020
Bildquelle: Erwin Scheriau, Dieter Rupnik