Von Hartmannsdorf nach Hollywood

Schauspieler Peter Simonischek ist auch nach mehr als 50 Jahren auf der Bühne und vor der Kamera ein Mann im vollen Saft, ein Steirer mit Herz und Hirn und ein unterhaltsamer Erzähler.

Auf wen ist ein so großer Schauspieler wie Peter Simonischek neidisch? Auf andere Stars der deutschsprachigen Bühne, des Fernsehen, oder des Films? Nein, dieses Gefühl beschleicht ihn, wenn er irgendwo in einem steirischen Dorf das Spiel einer Laienbühne verfolgt. Wenn er sieht, wie sich die Zuschauer so eines lustigen Laientheaters amüsieren, da kann er „richtig neidisch werden.“ Mit weit mehr als fünfzig Jahren Bühnenerfahrung spürt Peter Simonischek dann, wie die Schauspieler auf der Woge der Zustimmung zu einer grandiosen Form auflaufen. Es ist bemerkenswert, dass der große Mime das Theater ganz aus dem Blickwinkel des Publikums sieht. Er ist dann ein ganz normaler Oststeirer aus Markt Hartmannsdorf, wo der in Graz 1946 Geborene aufgewachsen ist, und dessen einstigen Zustand er so treffend beschreiben kann. „Das war ein Bauerndorf, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht gesagt haben und wo die Landstraße bis zur Ortstafel aus Schotter und Makadam bestand und nach dem Ortsende wieder aus Makadam.“

Dieser führende österreichische Schauspieler, der den Jedermann bei den Salzburger Festspielen so oft und so umjubelt gespielt hat, wie keiner vor ihm, der für seine Rolle im Film „Toni Erdmann“ in Hollywood denkbar knapp an einem Oscar vorbeigeschrammt ist, holt sich die Kraft auf der Holzbank vor seinem Bauernhaus nahe Markt Hartmannsdorf. So verbunden ist er mit seinem Geburts- und Kraftort, dass die örtliche Musikkapelle ihm am Flughafen Wien-Schwechat ein Ständchen hielt, als er – zwar mit leeren Händen, aber als ungebrochener Held der Region – von der Oscar-Zeremonie aus Hollywood zurückkehrte.

Als Sechzehnjähriger hat der Sohn eines Dentisten im Grazer Schauspielhaus Helmut Lohner als Hamlet brillieren gesehen und er war, wie er sagt, „hin und weg“. Es war klar, dass er ein Theatermann würde. Simonischek absolvierte die Schauspielschule in Graz und hat ein verschmitztes Lob bereit. Sie habe ihre wichtigste Aufgabe erfüllt, nämlich dass „die Begabten ihr Talent nicht verlieren.“ Er sagt das mit der Erfahrung von Jahrzehnten auf der Bühne und mit dem Wissen, das er selbst am Wiener Reinhardtseminar an den Schauspielernachwuchs weitergegeben hat. Die Bühne spielt auch in seiner Familie eine große Rolle. Seine erste und seine zweite Ehefrau sind Schauspielerinnen. Sohn Max aus erster Ehe ist längst selber einem großen TV-Publikum bekannt und seine beiden jüngeren Söhne haben bei den Wiener Sängerknaben eine musikalische Ausbildung genossen.

Einer der Vorteile des Berufs als Schauspieler ist, dass man ihn solange ausüben kann, sagt der 74-Jährige. Jedenfalls so lange, als man in der Lage ist, sich den Text zu merken. Andere Berufe in der Kunstszene haben diesen Vorteil nicht. Simonischek erzählt von einem Freund, der Klarinettist bei den Berliner Philharmonikern war und der nicht nur mit 65 Jahren in Pension geschickt wurde, sondern auch sein Instrument abgeben musste, das ihn sein Leben lang begleitet hatte. Die Klarinette habe, so wurde es ihm erklärt, einen so speziellen Klang, der einfach zum Orchester gehört. Und sein Freund habe das todtraurig akzeptieren müssen.

Künstler wie Peter Simonischek müssen mit der Popularität leben. Für ihn ähnelt sein Beruf einer „hochfrequentierten Bahnhofshalle“. So turbulent geht es manchmal zu. Immerhin gelingt es ihm jetzt, dass er sein Leben weniger nach dem Terminkalender ausrichtet als früher. Zum Beruf gehört auch, anderen wichtigen Theaterleuten zu begegnen oder sogar mit ihnen zu spielen. Schmunzelnd schildert er eine kleine Episode mit dem Hollywood-Star Robert De Niro, unvergesslich seine Charakterrolle etwa in „Der Pate“. In einer Bar im damaligen West-Berlin stolperte der leicht angesäuselte US-Mime eine Treppe hinab und landete direkt in den Armen des kraftstrotzenden Peter Simonischek, der die Stiege gerade hinauf ging. Es wurde ein herzlicher Wortwechsel daraus.

Die vielen Jahre auf deutschen und österreichischen Bühnen, im Film und im Fernsehen waren von einem gewaltigen Wandel des Theaters geprägt. Die Welt des Theaters sei keine Blase, aber sie müsse sich immer neu erfinden. Eher mit Schaudern erinnert er sich an Versuche, das Schauspiel für ein Massenpublikum zu adaptieren. Manche Theatermacher, Intendanten und Mimen spielten vor den Arbeitern in ihren Betrieben, andere spielten in Kantinen oder einfach auf der Straße. Aber alle hätten es bald wieder aufgegeben. Die Kunst und das Theater sei immer nur für Wenige gewesen, scheut er sich nicht eine Wahrheit auszusprechen, die nicht allen gefallen wird.

Eine Rolle, die Peter Simonischek gern einmal gespielt hätte, war die des Hamlet. Aber es hat sich nie ergeben. Heutzutage genüge es nicht mehr, wenn ein großer Schauspieler diese Rolle spielen will. Man müsse das im Zusammenhang zwischen dem Haus, der Direktion, dem Intendanten, dem Regisseur und den Bühnenpartnern sehen. Das sogenannte Einspringen – kurzfristig eine Rolle zu übernehmen, weil die Stammbesetzung aus irgendeinem Grund ausgefallen ist – sei praktisch nicht mehr möglich, bedauert er. Simonischek erklärt es an einem konstruierten Beispiel. Wenn man den Hamlet in Berlin spielt, heißt das noch lange nicht, das man ihn auch in Hamburg spielen kann, denn in Berlin fährt Hamlet auf einer Harley Davidson und in Hamburg tragen alle am dänischen Hof Nazimäntel.

An dieser Stelle schränkt Peter Simonischek ein, daß er nichts gegen moderne Interpretationen klassischer Stücke habe. „Aber ein Regisseur muss dem Autor intellektuell und phantasiemäßig das Wasser reichen können.“ Deshalb falle es ihm schwer, wie er sagt, „einem jungen neurotischen Regisseur seine Psychiaterstunden zu ersetzen.“ Er bedauert, dass es heutzutage nur wenige Theatermacher gibt, für die der Kern der Arbeit das Stück ist und der Autor: „Bei Ibsen geht es heutzutage um den Klimawandel“, bedauert er.

Nach einem so erfolgreichen Bühnenleben, in dem er die Werke vieler großer Erzähler interpretiert hat, ist Peter Simonischek selbst ein unterhaltsamer Erzähler mit einer deutlichen oststeirischen Note geworden. Dabei ist das Älterwerden gelegentlich ein Thema. Beeindruckt hat ihn zum Beispiel eine Begebenheit im Stiftsgymnasium St. Paul im Lavanttal, wo er selber zur Schule gegangen ist. Ein ehemaliger Schüler aus Graz hat seine einstigen Klassenkameraden regelmäßig bei Maturatreffen gesehen. Sie sind naturgemäß immer weniger geworden und in einem Jahr wurde ihm bewusst, dass er der letzte Lebende seiner Klasse war. Auch der letzte seiner Schulkameraden war gesorben. Wie der Mann selbst in einem Artikel für die Schulchronik schrieb, rang er mit sich, ob er noch einmal – als Letzter – so ein Maturatreffen begehen sollte. Und er hat es getan, mit Gottesdienst, mit dem Besuch des Klassenzimmers und mit dem Essen im Stiftsgasthof. „Das Schicksal eines alten Mannes“, schließt Peter Simonischek diese Erinnerung.

Bildquelle: Xenia Hausner

Beitrag veröffentlicht am 28. November 2019.