Bewegung muss Spaß machen

Das Dehnen und Kräftigen der Muskeln zu verbreiten hat sich der Pädagoge und Sportwissenschafter Dr. Helmut Aigelsreiter zur Lebensaufgabe gemacht.

Seinen 88. Geburtstag hat Dr. Helmut Aigelsreiter Anfang Jänner wie fast jeden Tag seines Lebens begangen. Zwei Stunden ein strammer Spaziergang durch das winterliche Radstadt, dann eine gute Stunde Dehnübungen, die seinem Körper noch immer etwas Turnschuhartiges verleihen. Die „Kleine Zeitung“ hat ihn erst im Dezember 2017 als „ewigen Kämpfer“ beschrieben und zum „Steirer des Tages“ geadelt. Sein Credo lautet „Pro-Aging“. Man muss das Altern an sich heranlassen, das Beste daraus machen. In den vielen Ausformungen des Anti-Aging, der ebenso verzweifelten wie vergeblichen Sucht, das Alter zu besiegen, sieht Aigelsreiter nur eine üble Geschäftemacherei einer ganzen Gruppe von Branchen, die damit Milliarden Euro verdienen.

Der menschliche Körper und seine Bewegungen, das ist das Fachgebiet des Pädagogen und promovierten Doktors der Leibeserziehungen, der einer der wichtigsten Trainerausbilder Österreichs ist, und zwar für 47 Sportarten. Er hat den professionellen Schisport revolutioniert, indem er etwa propagierte, auch in Schulschikursen mit Torstangen zu arbeiten. Schon 1968 kam sein Buch „Vom Schulschilauf zum Rennschilauf“ auf den Markt. Er machte den Schilehrern bewusst, dass Wettbewerb die Jugend mitreißt, aber es war und ist ihm klar, dass jeder Sport mit Maß und Ziel betrieben werden muss. „Sport darf nie auf Kosten der Gesundheit gehen“, ist seit jeher eine seiner Standardregeln. Sie hat in der Branche, bei den Trainern und Funktionären, erst Skepsis und Kopfschütteln ausgelöst, ehe sie verstanden wurde.

In diesem Sinne ist wichtiger als das Muskeltraining ein Dreigestirn, das er DKB nennt. Nämlich die Muskeln zu dehnen, zu kräftigen und zu bewegen, so ein Leitsatz. Männer wie seine kongenialen Mitstreiter, der Grazer Orthopäde und Sportarzt Dr. Eduard Lanz, oder der erfolgreiche Schispringer und Trainer des österreichischen „Adler“-Teams, Prof. Baldur Preiml, haben seine Botschaften verstanden, mit ihm weiterentwickelt und Teile des österreichischen Sports revolutioniert. Seither liegt im Training das Augenmerk nicht nur auf den spektakulären Übungen für mehr Kraft, Ausdauer und Technik, sondern auch auf dem unscheinbaren richtigen Dehnen der Muskulatur. Aigelsreiter und Lanz gelten als „Väter des Dehnens“. Ihre Bücher erreichten hohe Auflagen und die Schar der Menschen, die sich nach den DKB-Regeln fit und gesund halten, sind Legionen. Ein Bestseller ist das Buch „Die 7 Aigelsreiter“, in dem er und seine Tochter Alena sieben Dehn-und Kräftigungsübungen beschreiben.

Auf seinem Schurteppich dehnt Aigelsreiter erst seine Hüftbeugemuskeln, dann die Kniemuskulatur, den Schultergürtel, die Bauchmuskeln (vergisst dabei die schrägen nicht) und arbeitet sich binnen einer Stunde gleichsam durch den ganzen Bewegungsapparat. Jeden Tag macht er das, ob er zu Hause in Graz ist oder auf Reisen. Und jeden Tag ist er zwei Stunden nicht mit gemächlichem Tempo, sondern mit kraftvollen Schritten zu Fuß unterwegs. „Es macht Spaß“, erklärt er dem skeptischen Besucher mit einem breiten Lachen und steht behände wie ein 30-Jähriger vom Boden auf.

Anhand eines Kunststoff-Skeletts erklärt Aigelsreiter Unkundigen und Zweiflern die Ursachen vieler Beschwerden. Am Anfang stehe oft zu viel Training. Dadurch würden Muskeln verkürzt, es komme in der Folge zu Verreibungen der Knorpelflächen in den Gelenken, zu den entsprechenden Schmerzen und letztlich zur Arthrose. Stets sind es markige Sprüche oder banale Feststellungen, die das spröde Wissen verständlich machen. „Ab 30 wird‘s schleißig“. „Radfahren bringt für den Körper nichts“. „Wir haben einen Bewegungsapparat, keinen Ruheapparat“. Das und viel mehr bekommen die Fans zu hören, die seine Vorträge besuchen und seine Bücher lesen.

Es ist eine große, geradezu urige Überzeugungskraft, die Dr. Aigelsreiter auszeichnet. Die bekam zuletzt eine Gruppe von Hautärzten zu spüren, die ihn zu einem Vortrag eingeladen hatten. Immerhin gibt es zwischen den Veränderungen der Haut und dem Bewegungsapparat durchaus wichtige Verbindungen. Als die honorigen Doktoren es sich bequem machten, um ihm zu lauschen, veränderte er die Inszenierung fundamental. Es sei doch wenig sinnvoll, auf Stühlen sitzend etwas über körperliche Bewegung zu erfahren. So brachte er die Hautärzte dazu, sich auf den Boden zu setzen und seine Übungen mitzumachen. „Dann wollten sie nicht mehr aufhören“, schmunzelt er.

Viele Menschen machen aus falschen Motiven Sport und Bewegung, hat Aigelsreiter in Jahrzehnten beobachtet. Es geht nicht darum, dass man zehn Kilometer läuft, weil man das so will. Wichtiger als der Wille sei die Vorstellungskraft, dass es dem Betreffenden nachher gut geht. Schmerzen sind gelegentlich auch beim Dehnen und Kräftigen nicht zu umgehen. Dann darf man die Übungen aber nicht abbrechen, sondern muss konsequent bleiben. „Man muss alles wachsen lasssen, mit Ho-Ruck geht gar nichts“.

Fotos: Erwin Scheriau

 

Beitrag veröffentlicht am 7. März 2018.