„Corona bringt uns an die Grenzen“

Wo drückt der Schuh in den Pflegeheimen? Abenteuer Alter sprach mit führenden Fachleuten des Pflegebereiches in der Steiermark über die Corona-Pandemie und ihre Folgen. Teil 1: Mag. Marianne Raiger

 

Mag. Marianne Raiger, Direktorin der Akademie für Gesundheitsberufe und Landesvorsitzende des Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes, sieht alle, die Pflege leisten, im Ausnahmezustand.

Durch die Corona-Epidemie hat sich die Beziehung zwischen denen, die Pflege leisten, und denen, die sie brauchen, verändert. Es ist ein anderer Umgang miteinander, an den sich viele erste gewöhnen mussten. Es macht etwas mit den meist älteren Bewohnerinnen und Bewohnern in den Pflegeheimen, wenn das vertrauten Personal ständig den Mund-Nasen-Schutz tragen muss. Die Stimme verändert sich und die Art zu sprechen. Die Menschen vermissen das Gesicht der Person, die zu ihnen spricht und ihre Mimik. In unserem Beruf spielt auch die Berührung eine Rolle, das kann bis zu Umarmungen gehen. Das alles ist nicht mehr so selbstverständlich wie es war. Dabei ist es ganz wichtig.

Wenn eine Diplompflegerin oder die Pflegeassistenz wegen akuter Infektionsgefahr den Ganzkörperschutz tragen muss, ist das geradezu ein Ausnahmezustand. Wir sind zwar alle seit der Ausbildung mit Infektionserkrankungen oder der Isolierung von Personen vertraut, aber die Corona-Praxis bringt uns an die Grenzen. So einen Anzug mehrere Stunden zu tragen ist eine große Belastung, zeitlich und körperlich.

Wer in der Pflege tätig ist, akzeptiert die zusätzlichen Belastungen durch die Corona-Epidemie. Notfalls beißen wir uns durch, weil wir uns den uns Anvertrauten verpflichtet fühlen. Die Personaldecke in manchen Häusern und Einrichtungen ist sehr dünn. Da erlebt man oft, dass man an einem freien Tag oder am Wochenende angerufen und gebeten wird, einzuspringen, wenn eine oder einer vom Team erkrankt ist. Denn die Erkrankungen im Pflegepersonal nehmen zu. Die durch Corona gestiegene körperliche Belastung schwächt die Immunabwehr, das bleibt nicht ohne Folgen.

 

2. Dezember 2020
Bildquelle: Raiger / beigestellt