Ein grandioser Jungbrunnen – Spermidin

Spermidin, so ungewöhnlich der Name auch klingt, hat’s in sich. Das Polyamin, das von Darmbakterien im Körper produziert wird und in hoher Konzentration in Samenflüssigkeit vorkommt, ist ein wahrer Jungbrunnen. Spermidin ist enthalten in Keimgemüse, Erbsen, Vollkornprodukten, Äpfeln, Salat, Pilzen, Nüssen, Kartoffeln oder gereiftem Käse. Beim steirischen Lebensmittelverarbeiter Steirerkraft hat man entdeckt, dass eine geballte Ladung an Spermidin in Kürbiskernen steckt. Das Unternehmen Steirerkraft verarbeitet Lebensmittel von rund tausend Bauern, ca. zwei Drittel des Umsatzes werden mit Kürbiskernprodukten gemacht. Die Steirerkraft-Ernährungsexpertin Angelika Pinter regte aufgrund der zahlreichen Forschungsergebnisse über Spermidin an, das dortige Lebensmittelsortiment auf Spermidinhaltigkeit hin untersuchen zu lassen. Und siehe da: Analysen katapultierten Kürbiskerne mit 104 mg Spermidin pro Kilo auf Platz vier der spermidinreichsten Lebensmittel – nach Weizenkeimen (243 mg/kg), getrockneten Sojabohnen (207 mg/kg) und gereiftem Cheddarkäse (199 mg/kg). Ein Gespräch mit Wolfgang Wachmann, Geschäftsführer bei Steirerkraft.

Herr Wachmann, wie viele Kürbiskerne müsste man pro Tag essen, damit genug Spermidin im Körper ist?
Wachmann: Man sollte Kürbiskerne genussvoll in den täglichen Speiseplan einbauen, etwa auf Salate in Aufstrichen oder zum Knabbern für zwischendurch. Das Gute ist: Man kann Spermidin nicht überdosieren.

Kürbiskerne galten immer als Hausmittel gegen Blasen- und Prostataprobleme. Welche neuen Erkenntnisse gibt es über diese steirische Spezialität?
Wir wissen, dass der Kürbiskern nicht nur eine optimale Ballaststoffquelle und reich an mehrfach ungesättigten Fettsäumen und Vitamin E ist, sondern auch ein Lebensmittel, das sehr spermidinreich ist. Wir essen täglich eine Handvoll Kürbiskerne. 

Dass die Menschen in Japan sehr alt werden, liegt auch an der Ernährung. Was unterscheidet uns? 
Menschen aus Japan nehmen pro Tag rund 23 Milligramm Spermidin zu sich, bei uns sind es nur sieben. Wir haben also ziemlichen Nachholbedarf. Das mit dem Spermidin hat sich noch nicht so herumgesprochen, dabei ist es hochrelevant. Nicht umsonst forschen weltweit rund hundert Forschungsteams an Spermidin. Wir reden immerhin über die Verlängerung der Lebensdauer oder über die Prävention bei altersdegenerierten Krankheiten. 

Was ist dabei Ihre Mission?
Wir als Steirerkraft klären auf, informieren unsere Kunden, bringen entsprechende Hinweise über den Spermidinanteil auf den Produkten an, arbeiten mit Ernährungsberatern und Diätologen zusammen und geben unser Wissen weiter. Worauf wir sehr stolz sind: Wir haben auf unserer Homepage (www.steirerkraft.com/de/rezepte) die größte Sammlung an spermidinreichen Rezepten (eine Auswahl finden Sie im Kapitel Genuss). Dabei beraten uns die Ernährungsexpertin und Diätologin Angelika Pinter sowie die Altersforscherin und Food-
bloggerin Julia Ring. In einer Kooperation mit sechs Pflegeheimen arbeiten wir an den neuen Speiseplänen mit, haben dort mit dem Chefkoch den Menüplan überarbeitet und Produkte zur Verfügung gestellt.

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Entdeckt wurde die Wirkung 2009, als die beiden Forscher Frank Madeo und Tobias Eisenberg von der Universität Graz herausgefunden haben, dass die Zufuhr von Spermidin die Lebensdauer von einfachen Organismen wie Hefe, von Fruchtfliegen oder Fadenwürmern verlängert. Seither wird Spermidin weltweit beforscht, von rund hundert internationalen Forschungsteams. Doch zunächst ein kurzer Exkurs, wie es dazu kam. Im Jahr 2016 bekam der japanische Zellbiologe Yoshinori Ohsumi den Nobelpreis für seine Forschung rund um die Autophagie. Diese beschreibt die Entsorgung des zellulären Mülls aus der Zelle, sie ist sozusagen eine Selbstreinigungsfunktion der Zellen. Ohne Autophagie wäre es wie mit der Mülltonne, die nicht geleert wird. Das wiederum schützt vor Krankheiten. Mit zunehmendem Alter findet die Autophagie nicht mehr so effizient statt, es kann dadurch zu krankheitsrelevanten Ablagerungen in den Zellen mit den möglichen Folgen Diabetes, Demenz, Tumoren oder Atherosklerose kommen. Und hier treten zwei Faktoren ins Spiel: Fasten und Spermidin. 

Studien beweisen den Verjüngungseffekt
Die Autophagie funktioniert am effizientesten, wenn der Körper für einige Stunden nichts zugeführt bekommt. Eine Möglichkeit ist das so genannte Intervallfasten, bei dem der Körper für eine bestimmte Zeit Nahrung erhält, die restliche Zeit (optimal wären mehr als 16 Stunden) fasten muss, was den Regenerations- und Erneuerungsprozess effizienter macht. 2013 hat man an der Universität Graz herausgefunden, dass Spermidin diesen Autophagie-Prozess unterstützt, anregt und die Zellen länger jung hält.

Zunächst wurde Spermidin als Mittel gegen Alzheimer definiert, später zeigte sich, dass es auch einen Verjüngungseffekt beim Herz haben könnte: In Tierstudien stieg durch die Beigabe von Spermidin die Herzelastizität und diastolische Entspannung der linken Herzkammer, während zugleich die Verdickung der Herzwände abnahm. Das bedeutet, dass sich der Herzmuskel zwischen den Schlägen besser entspannen und mit mehr Blut füllen kann. Herzmuskelsteifigkeit und die Verdickung der linken Herzkammer treten häufig im Alter auf und erhöhen die Gefahr für Herzversagen.

„Der Spermidingehalt im Körper nimmt mit dem Alter ab.“

Dass Spermidin eine lebensverlängernde Wirkung hat, fand man in der sogenannten Bruneck-Studie heraus, in der über einen Zeitraum von 20 Jahren die Ernährungsgewohnheiten der Teilnehmer und Teilnehmerinnen erfasst wurden. Das Ergebnis: Jene Menschen, die viel Spermidin in der Nahrung zu sich nahmen, hatten eine höhere Chance, länger zu leben. Zusätzlich zeigte sich bei älteren Menschen, deren Autophagie-Prozess verlangsamt ist, dass eine Spermidin-Zugabe die Anfälligkeit für Gefäßerkrankungen oder Tumore reduzierte.

Der Spermidingehalt im Körper nimmt mit dem Alter ab, kann – beziehungsweise sollte – aber zugeführt werden. Den Zusammenhang zwischen Spermidin und Demenz hat die Fachhochschule Wiener Neustadt herausgefunden. In sechs Pflegeheimen von „Gepflegt Wohnen“ in der Steiermark hat man die Ernährung der 85 Bewohner für den Zeitraum von drei Monaten umgestellt. In dieser Zeit wurden dem Gebäck – Kornsemmeln und Kornspitz – spermidinreiche Weizenkeime zugeführt. Um die kognitive Leistungsfähigkeit der Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu testen, wurde zu Beginn und am Ende der Untersuchung ein Leistungstest durchgeführt. Das Ergebnis: Bereits einen Monat nach der Umstellung auf spermidinreiches Frühstück konnte man einen höheren Spermidinspiegel feststellen. Drei Monate nach der Ernährungsumstellung zeigten sich bei den Studienteilnehmern und –teilnehmerinnen merkbar bessere Gedächtnisleistungen. Aufgrund der Ergebnisse wird in den Seniorenheimen weiterhin spermidinreiche Kost gereicht, die Speisepläne werden in Zusammenarbeit mit dem steirischen Lebensmittelverarbeiter Steirerkraft optimiert. 

Sogar bezüglich Corona gibt es Ergebnisse im Zusammenhang mit Spermidin. Der mit COVID-19 berühmt gewordene Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité konnte in einer Reihe von Experimenten zeigen, dass das Corona-Virus den zellulären Prozess der Autophagie drosselt, um sich vermehren zu können. Gleichzeitig sinkt die Konzentration des im Körper vorhandenen Spermidin-Pools erheblich. Als die Forscher zu den infizierten Zellenkulturen Spermidin gaben, konnte die Virusvermehrung um 85 Prozent gesenkt werden. Auch die Vorbehandlung gesunder Zellen mit Spermidin verhinderte eine nachfolgende Infektion mit Coronaviren. Spermidin wirkt hier somit zweifach: Es hemmt die Virusvermehrung und stärkt den Immunzellenpool. 

„Regelmäßig gegessen, sind auch heimische Gemüsesorten spermidinhaltig.“

Spermidinreich und richtig ernährt  
Die Ring Schwestern geben auf ihrem Food Blog Informationen und Rezepte, wie Spermidin als Jungbrunnen eingesetzt werden kann (www.ringshealthkitchen.com). Spermidinreiche Lebensmittel sind Hülsenfrüchte wie Erbsen, viele Gemüsesorten wie Brokkoli oder Karfiol, Vollkornprodukte, Äpfel und Birnen, Salat, Pilze, Samen und Nüsse, Kartoffeln und gereifter Käse – allerdings nicht alle Sorten. Kaum Spermidin findet sich in Fleisch oder frischen Milchprodukten. Schonendes Kochen schadet den Inhaltsstoffen nicht, zu hohe Temperaturen wie beim Backen sollten aber vermieden werden. Was schnell geht und gut schmeckt: geröstete Nüsse oder Samen auf die Speisen zu geben.

Wolfgang Wachmann von Steirerkraft setzt nicht nur auf Spermidin in der Ernährung, er begünstigt den Prozess der Autophagie durch Fastentage im Kloster Pernegg. Dort isst er zehn Tage lang nichts. „Nach zwei Tagen hört die Bauchspeicheldrüse auf, Insulin zu produzieren, man hat keine Hungergefühle mehr. Es ist faszinierend, wie man mit der Zeit ruhiger wird, wie die Gedanken klarer werden. Man wird leichter, nicht nur vom Gewicht her.“

 

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Daniela Müller
Beitrag veröffentlicht am 27. Juli 2020
Bildquelle: Luef Light / Steirerkraft / beigestellt