Bei Oma & Opa geht noch was

Die bekannte Sexual- und Paartherapeutin Gerti Senger ist Zeitzeugin der sexuellen Revolution. Bei jungen Paaren ortet sie einen  neuen Trend zum Biedermeier.

Ihr Name steht für Sex. Das ist natürlich oberflächlich und übertrieben, aber ihre wöchentliche Seite mit dem Titel „Lust und Liebe“ in der Sonntagsbeilage der Kronen Zeitung, zahlreiche einschlägige Auftritte im TV und eine ganze Reihe von Büchern punzieren Gerti Senger in der Öffentlichkeit oft als Österreichs First Lady der Sexualforschung. Geht es um eigene Bettprobleme, den Blick durchs Schlüsselloch der Nachbarn oder die Auswüchse der Sexindustrie – die Wienerin, die den 70er schon vor ein paar Jahren gefeiert hat, ist mit fundierten Aussagen zur Stelle.

Die promovierte Psychologin (Dr. phil.) und ausgebildete Therapeutin (Mag. paed.), zudem mit dem Berufstitel Professor ausgestattet, hat kein Problem damit, dass ihr Name meist im Zusammenhang mit Sex genannt wird. Auch ihre Familie nicht. „Wir sind eine außerordentlich entspannte Familie“, sagt sie lachend zu Abenteuer Alter.

Gerti Senger, der Typ der kultivierten, „feschen Wienerin“, hat sich schon als junge Frau gewundert, dass andere Leute beim Thema Sexualität immer so nervös sind.  Dabei ist es für sie weder peinlich noch belastend oder schwierig. Sie lebt seit 45 Jahren mit demselben Mann eine wunderbare Beziehung und weiß, dass er kein Problem hat mit der Rolle, die ihr zugeschrieben wird. „Ich hätte nie mit einem Mann zusammen sein können, der Schwierigkeiten damit hat, was ich in der Öffentlichkeit vertrete.“

Ihr Erkennungszeichen ist die klare Sprache. Weder in der Praxis für Beziehungs- und Sexualtherapie, die sie seit mehr als 50 Jahren betreibt, noch in ihren Kolumnen oder Vorträgen redet sie um den heißen Brei herum. Zu ihr kommen die Menschen, wenn es in der Partnerschaft klemmt, wenn Beziehungsprobleme überhandnehmen, wenn die Kommunikation stockt und wenn dann in der Regel auch das Sexualleben in Trümmern liegt. Eben weil es in diesem Bereich noch immer Tabus gibt und das Meiste nicht ausgesprochen wird, kommt sie verbal zur Sache.

Mit ihrer Berufserfahrung weiß Gerti Senger, wie Menschen in einer Beziehung zueinander gehässig, gemein, schroff, desinteressiert oder indifferent sein können, öffnet dem Publikum damit die Augen für die eigenen Probleme und bietet Auswege an. Sex ist, so Kommunikationsprofi Gerti Senger, nichts Anderes als eine Frage der Kommunikation. „Wenn nicht überhaupt die intensivste Art, wie Menschen miteinander kommunizieren.“ Paare, die sich nicht mitteilen, kommen auch im Bett auf keinen grünen Zweig. Ihre klaren Worte haben auch auf wissenschaftlicher Ebene Gewicht, wenn sie Erfahrungen ohne Augenzwinkern mitteilt. Insider kennen Gerti Senger auch als Referentin des Wiener Instituts für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie. Da agierte sie Seite an Seite mit Christoph Kardinal Schönborn oder dem Grazer Psychiater und Sachverständigen Peter Hoffmann.

Ein besonderes Merkmal ist, dass ihre Generation diejenige ist, für die Sex eine so große Rolle spielt wie noch für keine vor ihr. Die heute 60- bis 80-Jährigen waren geradezu das Zentrum und die Speerspitze der sexuellen Revolution. In ihrer Jugend drang die sexuelle Aufklärung in die Schlafzimmer und es bröckelten die patriarchalischen Strukturen. Dann kam die Pille und schließlich erkämpften die Frauen mit der Emanzipation auch die Gleichberechtigung im Bett. Sex wurde für viele Menschen erstmals etwas Selbstverständliches, nicht nur für die heißblütigen Jungen. Auch die Junggebliebenen erkannten, dass das Bett auch nach dem 50. Geburtstag nicht nur zum Schlafen da ist, und erweiterten die Spannbreite ihres Zeitvertreibs um die horizontale Dimension. Die Medien und die Konsumgüterindustrie erkannten: „sex sells“. Keine Werbung für Waschmittel, Bohrmaschinen oder Lebensmittel kommt ohne offene oder verstohlene Anspielungen auf Sexualität aus: von wiegenden Hüften und wogenden Oberweiten über augenzwinkernde Mimik bis hin zu unzweideutigen Phallussymbolen.

Gerti Senger ist in ihrem Beruf mit den Folgen der sexuellen Befreiung konfrontiert. Als Zeitzeugin erinnert sie sich mit Schaudern daran, dass ein junges Paar früher verlobt sein musste, um miteinander Sex zu haben. Es gab Scheinverlobungen und familiäre Dramen. Man war gezwungen, versteckt und verschämt zur Tat schreiten, ehe die neue Zeit den „Mief und Muff“, wie sie es nennt, hinwegfegte und Befreiung brachte.

Die Generation der Babyboomer hat nicht nur die sexuelle Befreiung erlebt, vorangetrieben und ausgekostet, sondern bekam an der Schwelle zur Pensionierung auch noch Viagra auf’s Nachtkästchen gelegt. Kein Paar muss seither wegen „seiner“ altersbedingter Erektionsstörungen auf Sex verzichten. Kinder und Enkel stellen mit gemischten Gefühlen fest: „Bei Oma und Opa geht noch was.“ Gerti Senger kann über die Schauermärchen vor 20 Jahren nur lächeln, als die Potenzbombe auf den Markt kam und es hieß, jetzt würden alte Männer immer und überall „können“ und Frauen mehr denn je zum Sexualobjekt degradiert. Wie vieles andere ist für sie auch der Umgang mit den diversen Hilfen im Sexualleben „eine Frage der Reife und Kultur“. Ganz Expertin fügt sie hinzu, dass es vergleichbare Mittel zur Luststeigerung für Frauen „leider“ nicht gibt und nicht geben wird. Körper und Psyche der besseren Hälfte der Menschheit sind zu komplex.

Der Inhalt ganzer Bücherwände beschäftigt sich mit der Frage, was die sexuelle Befreiung aus den Menschen, ihren Beziehungen und dem altmodischen Wunder der Liebe gemacht hat. Gerti Senger bejaht die Entwicklung, aber mit Einschränkungen. Sex wurde von den alten Fesseln befreit und ist alltäglich geworden, aber die sexuelle Freiheit hat bei Vielen auch eine Übersättigung bewirkt. Sex ist so verfügbar geworden wie Schokolade, es gibt eine „absolute Trennung von Sex und Gefühl.“ Die Folge ist, dass die Jungen heute eine „kalte sexuelle Welt“ vorfinden. Obwohl sie eine überaus entspannte Frau ist, sieht die Beziehungstherapeutin die Allgegenwart des Sexuellen und die absolute Trennung von Gefühl und Sex mit ein wenig Bedauern: „Man muss nicht mehr lieben, um guten Sex zu haben.“

Sie macht in den Gesprächen mit ihren Klienten aber schon eine Art Gegenbewegung aus. „Die Menschen werden wieder ein bisschen biedermeierlicher.“ Das drückt sich so aus, dass Paare aller Generationen das Verliebtsein wieder entdecken oder dass sie gemeinsame Werte vereinbaren. Mitten in einer Welt des Fremdgehens bekommt plötzlich wieder der altmodische Begriff der Treue einen Stellenwert, stellt sie fest.

Für sie selber ist Treue in der Liebe unverzichtbar. Als Skorpion im Sternzeichen hat sie ohnehin einen Hang zur Eifersucht, den sie offen eingesteht. Sie schiebt die Rolle der Therapeutin beiseite und erläutert ihren eigenen Beziehungsbegriff: „Liebe kann nur exklusiv sein.“ Der Mensch kann also nur eine Person lieben. Aus der eigenen und der beruflichen Erfahrung glaubt sie an die Kraft der Liebe und hält echte Liebe für etwas „extrem Kostbares.“

 

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Johannes Kübeck
Beitrag veröffentlicht am 21. Juli 2020
Fotos: APA: Rene Prohaska / picturedesk.com