Die älteste Teenagerin der Welt

Die New Yorkerin Iris Apfel ist mit ihren 99 Jahren eine gefeierte Stilikone. Bunt, schrill, aber alles mit Humor, das ist ihre Devise. Eine Geschichte über das Sichtbarsein im hohen Alter.

Iris Apfel rechnet nie mit irgendetwas. Sie tut einfach und richtet sich nach ihrem Bauchgefühl. „Wenn etwas aufregend und interessant klingt, tue ich das – und mache mir später Gedanken.“ Im Vorjahr erschien ein Bildband über den „Rara Avis“, den seltenen Vogel, wie es auf Lateinisch heißt. Die Frau aus New York City mit der Riesenbrille und Armen voller Armreifen hat es mit weit über 90 auf einige Cover von Zeitschriften und zu einem Modelvertrag gebracht. Im August wurde die gefeierte Stilikone 99 Jahre.

Dass der Lebensabend so turbulent werden würde, damit rechnete die studierte Kunsthistorikerin und Innenarchitektin nicht. Mit ihrem Mann Carl führte sie in New York ab 1950 das Unternehmen „Old World Weavers“, das in einer eigenen Weberei Wohntextilien herstellte. Greta Garbo war eine Kundin, der Vatikan und das Weiße Haus. Ihre enge private und berufliche Verknüpfung kommentierte sie einst mit: „Alles funktioniert. Man muss es nur wollen.“ Auf die Frage, ob der Mann einmal eine Affäre hatte, antwortet sie: „Was weiß ich? Das ist sein Problem, nicht meines.“

 Die Affinität zur Mode habe sie von der Mutter, die nach der Geburt der Tochter das Studium aufgegeben und eine Boutique eröffnet hatte. Iris Apfel kauft Mode, wie es ihr gefällt, auch am Flohmarkt. In ihrer Biografie schreibt sie von einem Flohmarktbesuch in Europa, bei dem sie ein originalverpacktes und nicht getragenes Messgewand aus dem 19. Jahrhundert gefunden hatte, mit rubinrotem Samt und großflächigem Seidenbroché. Sie wollte das natürlich tragen, was dem Mann sehr missfiel. Erst als eine bekannte Modejournalistin auf sie zukam und vom Stück schwärmte, willigte der Gatte ein. Der Stoff kam später in die Linie ihres Unternehmens, sie ließ daraus Hosen und Slipper anfertigen. Eine andere Anekdote: Als in den 1940er-Jahren die ersten Jeans auf den Markt kamen, wollte Apfel auch eine. Die gab es aber nur in Läden für Arbeitsbekleidung, und das nur für große Männer. Mehrfach besuchte Apfel so einen Laden und fragte nach der Möglichkeit einer Änderung auf ihre Größe. Sie wurde immer abgewiesen, bis ein Verkäufer Mitleid hatte: Er bestellte ihr eine Hose für Jungen. An diese Stelle passt ein Zitat aus dem Buch: „Die meisten Leute schwimmen am liebsten mit dem Strom, das ist einfacher. Aber es ist nicht so interessant.“ 

„Die Stadt macht ein geriatrisches Starlet aus mir.“

Iris und Carl Apfel waren gern gesehene Gäste in der New Yorker Society, auch, nachdem sie 1993 ihr Unternehmen verkauft hatten. Als Anfang des Jahrtausends der Kurator des Metropolitan Museums anklopfte, er möchte eine Ausstellung mit ihren Outfits und dem Schmuck machen, sagte sie zögernd zu. 2005 wurde die Ausstellung „Rara Avis“ eröffnet, von den Feuilletons gelobt und letztlich avancierte die Schau zum Besuchererfolg. Und Iris Apfel war weit über New York hinaus bekannt. 

Die Stadt mache ein „geriatrisches Starlet“ aus ihr, meinte sie dabei ironisch. Sie nutzte den Ruhm, kreierte mit 90 ihre eigene Make-up-Reihe, spielte in Werbespots mit, stand Modell für eine Iris-Apfel-Barbie, die 1996 auf den Markt kam, und unterzeichnete im Vorjahr einen Modelvertrag in der Agentur, die auch Kate Moss und Giselle Bündchen unter Vertrag haben. 2015 starb ihr geliebter Ehemann, mit dem sie 66 Jahre verheiratet war. Ihr Geheimnis für eine gute Ehe? Humor, Respekt voreinander, dem anderen Raum geben, nicht immer einer Meinung sein zu wollen, nie die eigenen Perspektiven aufgeben wollen, nie die Abenteuerlust für gemeinsame Tätigkeiten verlieren, kreativ sein, nicht kleinlich sein und vor allem auch mal Dinge tun, die der Partner nicht unbedingt für gut heißt. Und ihm das auch zuzugestehen.

Buchempfehlung: Iris Apfel – Stil ist keine Frage des Alters, erschienen 2019 im Verlag Midas Collection

 

Daniela Müller
Beitrag veröffentlicht am 12. Oktober 2020
Bildquelle: Gregory Zäch