Lizzi und Elisabeth: Ein Solo für Zwei

Elisabeth Engstler wurde heuer 60 und ist flotter denn je. Sie hofft, mit ihrem neuen Solo-Programm bald wieder auf der Bühne stehen zu können und coacht Seniorinnen und Senioren für ein Musical, das im Frühjahr Premiere hat.

Elisabeth Engstler betritt beschwingt und sommerlich gebräunt den Kurpark Mödling, den sie als Treffpunkt vorgeschlagen hat. Tochter Amelie und der Hund begleiten sie. Die gebürtige Kärntnerin und Wahl-Niederösterreicherin ist heuer 60 geworden, was ihr nichts auszumachen scheint. Begeistert erzählt sie vom Musical „Onkel Harry“, bei dem Peter Färber und Alfons Haider die Hauptrollen spielen und sonst nur Laiendarsteller der Generation 60plus auf der Bühne stehen. Ein Beweis, dass diese Generation alles andere als alt, gebrechlich und verstaubt sei, sagt Engstler. Die Premiere hätte eigentlich im Oktober stattfinden sollen und wurde nun auf das Frühjahr 2021 verschoben. „Hoffentlich geht alles gut, mit Corona weiß man ja nie.“

Corona hat auch ihr Herzensprojekt „Lizzi und Elisabeth. Ein Solo für 2“ auf Eis gelegt. Gemeinsam mit dem Musiker Goran Mikulec verbringt sie viel Zeit im Wohnzimmer, um Melodien für ihre Liedtexte zu finden. Eigentlich hätte das Projekt schon vor drei Jahren fertig sein sollen, aber es kam das Musical „I am from Austria“ dazwischen, in dem Engstler eine der Hauptrollen spielte. Mit Teilen von „Lizzi und Elisabeth“ stand sie schon einmal auf der Bühne und gerade der zweite Programmteil, in dem sie persönliche Lieder darbot, sei sehr gut angekommen. „Schreiben’s doch mal etwas für uns Frauen, unsere Sorgen und Nöte“, sagte eine Besucherin nach der Veranstaltung zu ihr. Gesagt, getan, und alles ein bisserl selbstironisch. Wann das Programm zur Aufführung kommen wird, steht wegen Corona noch in den Sternen. „Sonst überlege ich mir andere Auftrittsmöglichkeiten, wir Künstler müssen kreativ sein“, sagt Engstler und fügt nachdenklich hinzu: „Es ist unglaublich schade, was mit unserem großartigen Kulturerbe in Österreich gerade passiert. Das müsste viel mehr gestützt werden.“
Apropos: Wie möchte sie angesprochen werden? Mit Lizzi oder mit Elisabeth? „Ich höre auf beides.“

„Ich finde es fürchterlich, wenn man anderen Menschen vorschreiben will, wie sie zu leben haben!“

Im Mai wurde Elisabeth Engstler 60, das Älterwerden nimmt sie mit Gelassenheit. Ihre Oma sei ein „sehr lustiges Weiberle“ gewesen, eine „lustige Alte“ wolle auch sie werden – mit innerer Ruhe versteht sich. Sie möchte sich auch in Zukunft nichts vorschreiben lassen. „Ich finde es fürchterlich, wenn andere Menschen festlegen, wie man zu leben hat! Wer bitte kann über Andere urteilen, wie der oder die zu sein hat? Das beginnt ja schon beim Wort ,Erziehung’, niemand kann und soll an Kindern ziehen!“ Freilich sei man als Mutter versucht, Kindern zu raten, was besser für diese sei.

„Aber weiß man wirklich, was besser ist? Als Erwachsener weiß man das ja für sich oft selbst nicht einmal. Liebe ist das Kind der Freiheit und nichts anderes! Wir sollten stattdessen aufmerksamer sein.“

Als Kind wuchs sie in einem Hotel in Velden auf, der Vater war Arzt und hatte im Wohnhaus der Familie seine Ordination. Die kleine Lizzi sang gern, war in Velden im Kirchenchor. Weil die Familie bis ins 14. Jahrhundert fast nur Ärzte hervorgebracht hatte, wollte sie nach der Matura Medizin studieren („Ich habe schon als Kind Bäume geheilt.“) Aber wie so oft kommt es im Leben anders. In Wien, während des Medizin-Studiums, verdiente sie sich etwas Geld in einem Studentenjob, in dem sie im Chor in einem Studio sang. Dort wurde sie gefragt, ob sie nicht auf ein Probeband singen möchte. So kam es zum Gesangsduo „Mess“ mit Michael Scheickl, das mit seinem Lied „Sonntag“ am 24. April 1982 in Harrogate, Großbritannien Österreich im Song-Contest vertrat. Der erste öffentliche Auftritt vor 300 Millionen Menschen, und das mit erst 21 Jahren!

Das Erlebnis sei großartig gewesen, im Vorfeld gab es zu Ehren der Teilnehmer ein opulentes Mittelalterfest auf einem Schloss, mit vielen schönen Kostümen, Pfauen auf den Bäumen und in Livreen servierendes Personal. Etwas einschüchternd fand sie hingegen die Rückkehr nach Österreich, als der Flughafen gesperrt werden musste, weil Tausende Fans dorthin stürmten, um das Duo zu begrüßen. „Sonntag“ war wochenlang Nummer 1 in den Ö3-Charts, Engstler wurde über Nacht berühmt.

Weil Engstler findet, dass man das, was man tut, auch gelernt haben sollte, begann sie, auf der Wiener Musikuniversität Gesang zu studieren, ein Jahr lang sogar parallel zum Medizinstudium. Als sie am Ende ihrer Studienzeit am Burgtheater im Musical „Valerie“ die Hauptrolle spielte, wurde eine Redakteurin des ORF auf sie aufmerksam und lud sie zu einer Audition ein. Sie ergriff – zunächst aus Neugierde – die Chance und moderierte Kinder- und Jugendsendungen, später den „Ferienexpress“, zwei Stunden Liveprogramm, jeden Tag aus einer anderen Stadt. Engstler erinnert sich gern an ihre Gesprächspartner, etwa an Karlheinz Böhm oder José Carreras. Als sehr schönes Interview ist ihr ein Gespräch mit Klaus Maria Brandauer in Erinnerung geblieben, der als nicht immer einfacher Interviewpartner gilt. „Ich musste einspringen und hatte keine Zeit, mich vorzubereiten. Das habe ich Herrn Brandauer gesagt, er meinte nur: ,Wenn sie mir das sagen, dann ist das kein Problem’. Es war eines der besten Gespräche, die ich jemals hatte.“ Ob sie Lampenfieber plagt? „Ich neige nicht dazu, weil ich es auch nicht mag. Das bringt nichts“, sagt sie. „Manches Mal kann man es auch nicht verhindern. Mich rettet da die Neugierde. Und natürlich eine gute Vorbereitung auf den Gast.“

Die Entertainerin lässt sich auf ihr Leben ein. Kraft und Energie gab ihr der Job als ORF-Moderatorin, als die sie stets tolle Quoten hatte und viel positiven Zuspruch des Publikums erfahren habe. Diese Rolle als positive Kraftquelle auch für Andere hat sie immer ernst genommen und sogar eine Coachingausbildung absolviert. Kraft schöpft sie zudem beim Rückzug in ihr privates Leben mit Tochter Amelie und Hündin Betty, mit der sie gerne und lange spazieren geht, sie kocht, isst und genießt gern. Authentizität ist eine Eigenschaft, die Elisabeth Engstler wichtig ist, auch wenn sie, wie andere auch, ihre Masken habe, die sie von Zeit zu Zeit aufsetze. „Wenn wir dann einmal weise und erleuchtet sind, betreten wir dieses Zimmer und lachen über all diese Masken, die wir trugen“, sagt sie. Weisheit ist für sie keine Altersfrage. „Ich sehe das bei meiner Tochter, wie weise diese Generation in vielen Dingen ist, wie sehr sie große Dinge erkennen kann.“

„Ich bin heute glücklicher, weil ich meine Mitte gefunden habe.“

Ob sie noch einmal jung sein möchte? „Nein!“, ruft Engstler. Etwas jünger wäre gut, weil die Zeit nach hinten länger sei, auch wenn niemand wisse, wie lange das dann sei. „Und ein bisserl weniger Falten um den Mund wären auch nicht schlecht, damit der Lippenstift nicht verrinnt. Das mit den Falten ist ein Fehler im System, finden Sie nicht auch?“ Freilich kokettiert Frau Engstler damit. Sie sei heute glücklicher als früher, sagt sie, „weil ich meine Mitte gefunden habe“. Auch wenn es Höhen und Tiefen noch immer gebe, würden sich gewisse Sorgen relativieren, nicht zuletzt, weil man besser damit umgehen könne als in jungen Jahren. Wobei: Das mit der Gelassenheit gelingt ihr nicht immer, „mich ficht noch immer viel zu viel an.“

Das Schreiben von Liedtexten sei hier heilsam. Oft seien es auch zufällige Begegnungen, die das Leben schöner machten. Einmal, als sie sehr betrübt („Ich bin Stier und neige damit noch mehr als andere Künstler zu Existenzängsten“) mit ihrem Hund spazieren ging, kam ihr ein Ehepaar entgegen. Der Herr begrüßte sie mit den Worten: „Frau Engstler, Sie schauen sehr traurig. Ich möchte Ihnen nur sagen, dass wenn Sie im Fernsehen sind, bei uns das Licht aufgeht.“

 

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Daniela Müller
Beitrag veröffentlicht am 16. Oktober 2020
Bildquelle: Clara Buchberger