„Applaus ist zu wenig, heute mehr denn je“

Sein Resümee nach einem Jahr Pandemie ist klar: Es muss endlich über die Zukunft der Pflege diskutiert werden. Was es dazu braucht, erklärt Hilfswerk Steiermark-Geschäftsführer Gerald Mussnig im Gespräch mit Abenteuer Alter.


Vor einem Jahr wurde den Pflegekräften applaudiert, heute macht sich vielfach Erschöpfung breit. Wo stehen wir in Sachen Pflege aktuell?

Gerald Mussnig: Applaudieren alleine ist zu wenig, heute mehr denn je. In den letzten zwölf Monaten ist uns bewusster geworden, was Pflege für unsere Gesellschaft bedeutet und ob wir es verleugnen oder nicht, wie sehr wir von Betreuung und Pflege betroffen sind. Wenn ein Kind geboren wird, hat Pflege etwas Positives. Das ändert sich, je älter ein Mensch wird.

Was bräuchte es?

Gar nicht so sehr Menschen, die das machen wollen, denn die gibt es. Es braucht eine größere Anerkennung der Wertigkeit und diese ist, so profan es klingt, eine finanzielle.

Woran krankt es da?

Es krankt an der Geschichte. Woher kommt Pflege? Das war zunächst eine ehrenamtliche Tätigkeit, die Menschen, vor allem Frauen, aus hauptsächlich emotionalen Motiven heraus geleistet haben, eingebettet in religiöse Orden, als unbezahlter Dienst am Nächsten. Diesen geschichtlichen Hintergrund sehen wir noch heute, wenn Pflegeschülerinnen und -schüler kostenlos Praktikas absolvieren müssen.


„Persönlich gelehrt hat mich, wie fragil unsere Systeme sind.“


Pflege ist ja vor allem Frauensache. Wie bekommt man mehr Männer in den Pflegeberuf?

Es gibt viele Männer in dem Beruf, mein Sohn ist einer davon. Pflege bietet Ausbildungs- und Aufstiegschancen, sie ist ein interessantes Tätigkeitsfeld und emotional sehr bereichernd. Wir haben Mitarbeiterinnen, die seit 30 Jahren in der mobilen Pflege sind und ihren Job noch immer gern machen.

Warum besteht noch immer so etwas wie eine moralische Verpflichtung vieler Frauen, die kostenlose Pflege von Angehörigen zu übernehmen?

Lassen Sie mich das anders beantworten: Wenn ich ein neues Organ erhalte, wird sich eine diplomierte OP-Pflegekraft um mich sorgen. Da sage ich ja auch nicht: Das kann meine Tochter übernehmen! Aber bei alten Menschen mit mehrfachen Erkrankungen sollte die Tochter eine ordentliche Pflege leisten? Das geht nicht! Es ist auch falsch, zu sagen, die Pflege einer Person sei nur ein kurzer Zustand, auch intensive Pflege kann sich über mehrere Jahre erstrecken. Das kann keine Tochter oder kein Sohn übernehmen. Wir erleben in unserem psychosozialen Bereich, dass Menschen in der Pflege erschöpfen, weil es um viel mehr als nur um Waschen oder emotionale Zuwendung geht. Natürlich sollte man Menschen so lange wie möglich zuhause betreuen, das entspricht dem Willen aller. Oft stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob Frauen für die mehrjährige Pflege ihren Beruf aufgeben sollen? Für mich ist diese Fragestellung unredlich, da sie sehenden Auges in die Frage der Frauenarmut im Alter führt. Pflege daheim muss professionell unterstützt werden. Wenn Angehörige mit ihrer Anwesenheit emotional unterstützen, ist das genug.

Am 12. Mai ist Tag der Pflege. Was würden Sie sich für diesen Tag im Jahr 2025 wünschen?  

Dass das Netz der Mobilen Pflege massiv ausgebaut ist. Ich würde mir wünschen, dass Angehörige ausreichend Entlastungsstrukturen, durch Mobile Dienste, in Tagesstätten oder Zentren für Seniorinnen und Senioren, finden. Nur wenn ich Angehörige entlasten kann, ist eine Betreuung daheim länger möglich. Ich würde mir wünschen, dass Interessierte in der Pflege einen Beruf sehen, der nicht mit emotionaler Erschöpfung und körperlicher Belastung verbunden ist. Die Pflege ist ein attraktives Berufsfeld und die finanzielle Diskussion ist letztlich eine Verteilungsdiskussion. Das Geld, das in der Region für eine Pflegekraft ausgegeben wird, bleibt in der Regel in der Region und ermöglicht diesem Menschen eine Lebensbasis. Wenn der Staat sagt, das kostet aber Geld, wird man sagen müssen: Ja. Aber ein Euro, investiert in die Pflege, generiert drei Euro an Wertschöpfung, welche im Land bleibt.

Sie sprechen damit indirekt die 24-Stunde-Pflegekräfte aus dem Ausland an.

Wir haben mit der 24-Stunden-Pflege ein System etabliert und damit gleich auch die Schwarzarbeit legalisiert. Wir holen Pflegekräfte aus dem Ausland, nehmen Mütter aus Familien, weil sie am dortigen Arbeitsmarkt keine Chance haben, und setzen sie in ein fremdes Umfeld, wo wir sie in eine Scheinselbstständigkeit zwingen. Mit der 24-Stunden-Betreuung schwindeln wir uns um die Tatsache herum, dass wir mehr Pflegekräfte bräuchten, als vorhanden sind. Und wir haben damit in der Gesundheit ein Zweiklassensystem etabliert, das wir akzeptieren. Denn nicht jeder hat die räumlichen Voraussetzungen und das Geld für eine 24 Stunden Betreuung.

Beim Hilfswerk setzt man stattdessen auf mobile Betreuung.

Ein schwer pflegebedürftiger Mensch möchte eine Ansprechperson, die im Idealfall schnell zur Stelle ist. Das kann die 24-Stunden-Betreuung abdecken. Die Qualität der Pflege ist jedoch in vielen Fällen kritisch zu sehen. Unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vom Mobilen Dienst können drei bis vier Stunden zuhause betreuen, die Betreuung ist von hoher Qualität. Die erwähnte 24-Stunden-Pflege betreut nur fünf Prozent der pflegebedürftigen Menschen, 31 Prozent werden von den Mobilen Diensten zuhause betreut und unterstützen damit die Angehörigen. Die Alltagsbegleitung, wie sie vom Land Steiermark eingerichtet und gefördert wird, ist auch ein weiteres neues Angebot der Entlastung der pflegenden Angehörigen zu sehen.

Man könnte jetzt fragen, warum die Metaller so gut organisiert sind und entsprechend höhere Löhne haben, das Pflegepersonal nicht.

Metaller können auf eine langjährige Tradition der zentralen Gehaltsverhandlungen und gewerkschaftlichen Strukturen aufbauen, die Pflege hat diese Geschichte noch nicht. In der Pflege entstehen erst jetzt Strukturen, in denen aufgezeigt werden, dass Handlungsbedarf besteht. Ich würde sagen: Einem Metallrohr ist es egal, ob es bearbeitet wird, dem Menschen ist eine fehlende Betreuung nicht egal. Dafür braucht es finanzielle Anerkennung und eine solche von Seiten der Politik. Wir brauchen keine neu angedachten Gemeindeschwestern, diese Strukturen gibt es, wir brauchen eine gute kostenlose Pflegeausbildung und eine finanzielle Absicherung während der Ausbildung, so wie dies auch zum Beispiel bei der Polizei selbstverständlich ist und die Erkenntnis, dass wir in diesem Zusammenhang eine Verteilungsdiskussion zwischen den Financiers Gemeinden – Ländern und Bund führen müssen.

Welche Lehre haben Sie aus einem Jahr Pandemie gezogen?

Dass unser Pflege- und Betreuungspersonal diese engagiert und bewundernswert gemeistert hat. Es hat Phasen der Unsicherheiten gegeben, aber nun ist Pandemie zur Routine geworden. Wir haben uns an vieles gewöhnt – die Schutzmasken beispielsweise – und vieles implementiert, wir bewältigen die Situation. Persönlich gelehrt hat mich, wie fragil unsere Systeme sind.

 

21.07.2021
Daniela Müller
© Bernhard Bergmann