Hören – Heute schon an Morgen denken

Es ist kaum nachvollziehbar, aber Studien belegen es eindeutig: Die Altersgruppe von „65 plus“ verschenkt vielfach sieben bis zehn Jahre an Lebensqualität, weil sie auf eine zuerst unmerklich beginnende, dann jedoch immer weiter zunehmende Hörminderung nicht reagiert.

Ing. Lukas Schinko, Vorstandsvorsitzender (CEO) des gleichnamigen Familienunternehmens, warnt eindringlich vor jedem Zuwarten: „Es dauert im Normalfall viel zu lange, bis betroffene Personen an eine Versorgung mit einem Hörgerät denken. Aber: Je länger der Hörentzug andauert, desto schwieriger wird es, auch mit besten Hörgeräten wieder ein ganz normales Hörempfinden zurückzubekommen.“

Lukas Schinko benennt in einem Gespräch mit Abenteuer Alter in seinem Headquarter in Graz-Messendorf die grundlegende Problematik für diese Verzögerung bei der Entscheidung – es ist die undefinierbare Angst vor der Frage: „Was werden die Freunde, die Bekannten sagen, wenn ich auf einmal ein Hörgerät trage?“ „Wir bieten deswegen die Möglichkeit, sich bei uns testen und vollkommen unverbindlich ein Hörgerät anpassen zu lassen, dieses zwei Wochen lang zu tragen und auf die Reaktion eben dieser Freunde etc. zu achten. Man wird dann draufkommen, dass es niemand mitbekommt, keinem fällt es auf, so unauffällig klein sind die Geräte bereits geworden.“

Der Weg zu einem Hörgerät ist unkompliziert. Liegt ein Attest von einem HNO-Facharzt vor, dann leisten die Krankenkassen signifikante Beiträge. Aber auch von Sozialversicherungen werden im Anlassfall Zuschüsse gewährt.

Der (noch nicht) Mittdreißiger Lukas Schinko entstammt einer Hörgeräte-Dynastie und leitet seit nunmehr zehn Jahren als Vorstandsvorsitzender das Familienunternehmen in vierter Generation. Den Grundstein für die spätere Neuroth-Gruppe legte eine Paula Neuroth, die selbst von einer Hörminderung betroffen und eine Pionierin auf dem Gebiet der Hörakustik war. Sie eröffnete – eine unglaubliche Leistung für eine Frau in der damals von Männern dominierten Geschäftswelt – im Dezember 1907 in Wien das „1. Spezialhaus für „Schwerhörigenapparate“. Es folgten wirtschaftliche Höhenflüge und Krisen und eine Stunde null nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch die Firma Neuroth überlebte.

Im Jahre 1979 übernahm schließlich Lukas‘ Mutter Waltraud Schinko-Neuroth nach dem Tod ihres Vaters August Carl Neuroth, Paula Neuroths Neffen, das Unternehmen mit einem achtköpfigen Team. Mittlerweile ist die Neuroth-Gruppe eines der führenden Hörakustik-Unternehmen überhaupt, Marktführer in Österreich und mit mehr als 250 Fachinstituten und rund 1.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in sieben Ländern tätig und zählt zu den großen Playern in der Branche.

„Wir haben den Erfolgsweg, den unsere Mutter eingeschlagen hat, gut weitergehen können.“

Lässt sich aus dieser Erfolgsgeschichte eine Empfehlung für Jungunternehmer ableiten?

Lukas Schinko, selbst Absolvent der HTL für Elektrotechnik in Graz und zusätzlich gelernter Akustikmeister, ist um die Antwort nicht verlegen: „Es gibt ein Rezept dafür, das heißt ‚pure Leidenschaft‘. Man muss ein Thema finden, das alle, die daran beteiligt sind, begeistert und bewegt. Bei uns ist das Thema ‚Hören‘. Leidenschaft aber kann man nicht lernen. Aber trotzdem muss man viel lernen, weil man auf Fach- und Methodenkompetenz zurückgreifen können muss. Nur Leidenschaft oder nur Kompetenz für sich allein bringen noch nicht den durchschlagenden Erfolg, aber beides zusammen. Wir haben den Erfolgsweg, den unsere Mutter eingeschlagen hat, gut weitergehen können.“

Ein markanter Meilenstein auf diesem Erfolgsweg ist die im vergangenen September offiziell vorgestellte „Neuroth-HörErlebniswelt“ in Lebring. Eine neunzigminütige Besuchertour führt durch die faszinierende Welt des Hörens, lässt hinter die Kulissen des hochtechnisierten Apparatebaues blicken und zeigt in musealer Form die Entwicklung der Hörgeräte von den ersten elektrischen Hilfen groß wie ein Radioapparat bis zu den jetzigen, im Ohrgang verborgenen Winzlingen, die sogar bluetoothfähig sind und als Schnittstelle zu Handy oder MP3-Player fungieren.

Was denkt der Neuroth-CEO, wenn er Jugendliche mit Kopfhörern auf der Straße sieht, weiß, wie sie in Discos zugedröhnt werden, sieht er in ihnen schon die Kunden von übermorgen?

„Ich denke mir, dass Jugendliche oft nicht genau wissen, was sie ihrem Gehör antun. Aber ich bin froh, dass schon viele Sicherheitsmaßnahmen in der Unterhaltungselektronik eingesetzt werden, Lautsprecher oft nicht mehr so laut sind, als sie sein könnten. Und die Kopfhörer in der U-Bahn oder Straßenbahn bedeuten oft eine Suche nach Isolierung, damit sich jemand von der Informationsflut, die über ihn hinwegschwappt, ein Stück distanzieren kann, die Aufmerksamkeit wird auf die Musik gelenkt. Aber auch dafür haben wir ein Produkt entwickelt, womit man den ungewollten Lärm nicht mit einem anderen Schall übertönen muss, sondern ihn wegfiltern kann.“

Größere Sorgen bereiten ihm vor allem die bereits 16 bis 20 Prozent der Bevölkerung, die an Hörminderung leiden, da nur rund ein Viertel davon mit einem Hörgerät versorgt ist und denen erfolgreich geholfen werden könnte. „Es gibt“, so Lukas Schinko, „eine Vielzahl von Möglichkeiten für eine Hörschädigung, das reicht von genetisch bedingt bis zur Schädigung durch Medikamente, aber am häufigsten tritt die Altersschwerhörigkeit auf. Auffallend viele kommen auch aus Berufen, in denen sie großem Lärm ausgesetzt waren.“ Aber für alle gilt: Je früher der Gang zum Hörakustiker erfolgt, desto aussichtsreicher ist die Chance auf gutes Hören im Alter.

„Es ist wunderschön, weil einen Kinder aus allem, womit man gedanklich beschäftigt ist, herausreißen.“

Mit seiner Familie lebt Lukas Schinko am Zürichsee, nicht weit entfernt vom Schweizer Firmensitz in Zug, und pendelt ständig zwischen den Standorten bei den Eidgenossen und in der Steiermark. Die Frage, wie sich ein Leiter eines 1.200-Mitarbeiter-Imperiums entspannt, wenn es einmal einen terminfreien Tag gibt, kann ihm nur ein Lächeln entlocken: „Ich habe einen Sohn mit drei Jahren und eine Tochter mit acht Monaten, die wollen die volle Aufmerksamkeit, wenn ich zuhause bin, und bekommen sie auch. Es ist wunderschön, weil einen Kinder aus allem, womit man gedanklich beschäftigt ist, herausreißen. Das gilt auch für das Geschäftliche.“

 

© Neuroth
14.12.2021