Schönheit ist …

… Eine Frage der Betrachtung. Wir wollen ein Zeichen setzen, frei nach dem Motto: Zum Schönsein ist man nie zu alt. Dieses Mal: Pauline Leitner, 69.

Was ist Schönheit für Sie?

Früher als junges Mädchen habe ich Schönheit mit äußerlichen Dingen verbunden: mit schöner Kleidung, Schminke, einer tollen Frisur. Schönheit war aber auch, wenn ich in Graz über die Murbrücke gegangen bin und die Mur sauber war! Schön war auch, wenn ich bei der Bushaltestelle am Lendplatz die vielen verschiedenen und interessanten Frauentypen betrachtet habe, die Bäuerinnen von der Teichalm und die modernen Frauen aus der Stadt. Heute ist Schönheit für mich, dass ich tun und lassen kann, was ich will. Ich ziehe an, wonach mir ist, gerne schön, ich fühle mich aber auch in Gummistiefeln wohl, wenn ich um das Haus herum arbeite. So richtig angekommen in meinem Leben als Frau bin ich an meinem 50. Geburtstag. Da hatte ich das Gefühl, ab jetzt kann ich nur mehr gewinnen. Dieses Gefühl ist zum Glück geblieben.

„Als Mensch will man wahrgenommen werden, als ältere Frau noch mehr.“

Was macht Sie schön?

Wenn mir mein Partner Komplimente macht, beispielsweise über mein Aussehen oder darüber, was ich alles mache und tue. Er freut sich mit mir, das macht mich größer und auch schöner. Als Mensch will man wahrgenommen werden, als ältere Frau noch mehr, als solche verschwindet man ja gern von der Bildfläche. Mit über 40 hatte ich eine Begegnung, die mich geprägt hat: Ich war auf der Murbrücke unterwegs, damals noch mit gefärbten Haaren, und zwei junge Männer pfiffen mir nach. Als sie mich von vorne sahen und realisierten, dass ich kein junges Pupperl mehr war, versteinerten sich ihre Blicke. Das war der Zeitpunkt, an dem ich beschlossen habe, meine Haare nicht mehr zu färben, sie kurz schneiden und das Grau herauswachsen zu lassen.

© Marija Kanizaj
02.02.2022