Spitze Feder statt Skalpell

Noch trägt er den weißen Mantel beziehungsweise das lindgrüne OP-Gewand, als er bereits das spitze Skalpell gelegentlich gegen eine nicht minder spitze Feder tauscht. Sein Erstlingswerk: ein humoristisch-satirisches Büchlein verfeinert mit einem Schuss Selbstironie und dem Titel „Um Gottes Willen, ein Mediziner“, das sich sofort als Topseller etablierte und beileibe keine literarische Eintagsfliege bleiben sollte. Kriminalromane sollten ebenso folgen wie eine Edition zu Kunst und Gesellschaft.

„Abenteuer Alter“ traf jenen bekannten Primararzt, der nach seiner Pensionierung im Jahre 2001 zum Krimiautor wurde, in seinem Einfamilienhaus am Grazer Rosenberg. Und man bemerkt als Erstes: die Familie versucht gar nicht, anglophile Ambitionen zu verheimlichen. Der Garten mit Hecken, Solitärbüschen, Bäumen und einem kleinen Teich, die Fenster des Hauses bis zur Dachtraufe hochgezogen, die Sakkos des Hausherrn aus feinem Tweedgarn – very british. 

Es wäre keine besondere Überraschung, würde nun John Nettles, als Detektiv Chief Inspector Tom Barnaby Titelfigur einer englischen Krimiserie, öffnen. So aber ist es der Universitätsprofessor i. R. Mag. Dr. Herbert Lipsky, Facharzt für Chirurgie und Urologie und von 1978 bis zu einer Pensionierung im Jahre 2001 Primarius für Urologie am Landeskrankenhaus Leoben. Sein kriminalistischer Aufklärer mit dem großen Durchblick bei Mordfällen aller Art ist der Starchirurg Paul Leistenschneider – very steirisch.

Dass er als Jahrgang 1936 den Fünfundachtziger heuer schon hinter sich gelassen hat, sieht man dem ehemaligen Primararzt keineswegs an, da wirkt sich offensichtlich auch heute noch seine Jugend als Leistungssportler aus, als er für die GAK-Basketballmannschaft einnetzte und auch bei den Wasserballern heftig mitmischte. Als Reminiszenz an diese Zeit hängt noch ein auch heute noch ständig benutzter Basketballkorb in der vorgeschriebenen NBA-Höhe von zehn Fuß, also 3,05 Metern, an der Nordseite seines Hauses.

In der Grazer Wickenburggasse aufgewachsen, führte sein kurzer Schulweg nur hinüber auf das andere Murufer in das Kepler-Realgymnasium, trotz Kriegs- und Nachkriegswirren planmäßig zur Matura und dann in unglaublicher Rekordzeit von nur elf Semestern das Medizinstudium vollendet. Für den Vereinssport war jetzt allerdings der Rückzug angesagt. „Als ich in den ‚Orden‘ der Mediziner eingetreten bin, ist die Zeit dafür etwas knapp geworden“, erinnert sich der Mediziner, „dafür durfte ich schon bei der ersten künstlichen Niere mitarbeiten, auch bei den ersten offenen Herzoperationen dabei sein und durfte auch bei der ersten Nierentransplantation in Graz mithelfen.“ 

In diese Phase fiel für den jungen, dynamischen Oberarzt die Weichenstellung in Richtung Urologie. Am Ende der Sechzigerjahre zog es ihn dann für ein Jahr nach London in das damals weltberühmte Lehrspital Hammersmith College in White City in Westlondon. „Das war für mich der Wendepunkt in meinem Leben. Der kleine Bub aus der Provinz hat in die große Welt hinausgeblickt. Ich habe das besondere Glück gehabt, in einer Zeit dorthin gekommen zu sein, wo die englische Urologie sehr innovativ war, habe dort auch Anschluss an internationale Fachgesellschaften gefunden, was mir während meiner gesamten beruflichen Laufbahn von Nutzen war. Dort habe ich auch mit meiner Habilitation begonnen, die ich dann 1974 abgeschlossen hatte.“ Mit einem zwischenzeitlichen Aufenthalt im südfranzösischen Montpellier arbeitete er als erster Oberarzt an der Grazer Urologischen Klinik und übernahm schließlich 1978 die neu gegründete „Uro“ am Landeskrankenhaus Leoben.

Dort begann sein Herz für die Kunst recht deutlich zu schlagen und Herbert Lipsky rief die Ausstellungsreihe „Kunst im Spital“ ins Leben – die Patienten dankten es ihm, statt kahler Gangwände Bilder, die zum Schauen, auch zum Diskutieren Anlass boten, Farbtupfen im grauen Krankenhausalltag.

Was lag dann für den Herrn Primar, der sich inzwischen auch den Ruf eines profunden Kunstkenners erarbeitet hatte, näher als nach dem Ende der Berufslaufbahn Kunstgeschichte zu studieren. Nicht, um sich mit dem zusätzlichen Magister-Titel zu schmücken, sondern um sich das Wissen um ein überaus heikles Thema im Detail zu erarbeiten. Drei Jahre hatte er Archive durchstöbert, private Korrespondenzen und Tagebücher akribisch ausgewertet, wurde im Festsaal des alten Leobner Rathauses auf der Suche nach verschollen geglaubten Werken aus der Nazizeit fündig und konnte schließlich den aufsehenerregenden Band „Kunst einer dunklen Zeit“ präsentieren. 

Auf 368 reichbebilderten Seiten bietet der Autor eine detaillierte Bestandsaufnahme jener steirischen Künstlerinnen und Künstler, die mit dem NS-Regime kollaborierten oder sich zumindest anpassten. Damit hat Herbert Lipsky absolutes Neuland beschritten und ein Nachschlagewerk zur steirischen Kunstgeschichte und zum Kulturbetrieb des Landes während der Zeit des Nationalsozialismus geschaffen.

Damit die Unterhaltung jedoch nicht zu kurz kommt, hat er sich dann auch als Krimiautor betätigt. Mit „Mord am Murhof“ eröffnete er 2011 den Krimi-Reigen, es folgte ein Jahr später „Mord im Kunsthaus“, dann der „Mord im Spital“, 2015 der „Parkour“ und 2017 „Der Maler und der Teufel“, wobei die legendäre Mühl-Kommune Modell gestanden ist.

Nachdem von seinem allerersten Bändchen „Um Gottes Willen, ein Mediziner“ auch die zweite Auflage bald vergriffen war, reichte er noch eine weitere Publikation mit dem Titel „Über die Medizin und andere Unzulänglichkeiten“ nach. Erlebtes und Erfahrenes aus dem Alltagsleben eines Arztes, Geschichten, die lustig und heiter sind, die Leserschaft schmunzeln lassen und sich Ausflüge ins Kabarettistische gestatten.

Zwei Jahre später – 2019 –tritt der nunmehr wieder ernste Herbert Lipsky an die Öffentlichkeit und zwar mit der 300-Seiten-Familiensaga „Jahrgang 1936: Chronik einer Grazer Familie“. 

Der Roman lässt autobiografische Züge erkennen, Lipsky hat Erfahrungen und Erzählungen aus seinem Verwandten- und Bekanntenkreis in das Geschehen mitverarbeitet und so eine durchgängige Darstellung einer gesellschaftlichen Entwicklung der letzte 80 Jahre geschaffen. Als Romanfigur beginnt sich der Medizinstudent Lukas Steiner nach dem tödlichen Autounfall seines Vaters im Jahre 1957 intensiv mit der Geschichte seiner Familie in der Kriegs- und Nachkriegszeit auseinanderzusetzen und lässt auch eigene traumatische Kindheitserlebnisse Revue passieren. Bei seinen Nachforschungen stößt er auf einige in der Zeit des Nationalsozialismus in der Steiermark maßgebliche politische Akteure, die sein Interesse erwecken.

Auf die Frage von „Abenteuer Alter“, ob dies sein letztes Werk gewesen sein wird, kommt nur ein entschlossenes: „Nein, keinesfalls! Da ist schon noch etwas in der Röhre.“ Was es ist, will er nur zum Teil verraten: „Nur so viel, es wird ein Roman über die Mafia.“ Gespannt wartet die Lipsky-Leserschaft auf Enthüllungen, Camorra, Cosa Nostra und `Ndrangheta ließen (noch) nicht von sich hören.

 

© Jürgen Radspieler
29.12.2021