Vollpension mit Kuchen

Frau Angelika und Frau Ingrid sind „Backomis“ in der „Vollpension“. In dem Wiener Café arbeiten Seniorinnen, die nicht nur die besten Kuchen und Torten backen (wie Omis es eben oft tun), sondern gesellschaftlichen Anschluss finden und ihre oft recht karge Pension aufbessern können.

Ach Oma, wie hast du das nur geschafft? Dein Biskuit war immer riesig, meiner schafft es nicht über die 5-Zentimeter-Marke. Egal, welches Rezept ich nehme, vier, fünf oder sechs Eier. So lange schlagen, bis das Eigelb fast weiß ist? Einfach mehr Backpulver? Er wird einfach nichts. Frau Angelika lacht, „ich verwende ja nur Weinsteinbackpulver“. Sie ist Back-Omi und eine von 44 Seniorinnen, die in der Vollpension arbeiten, ein Kaffeehaus in Wien, in dem vor allem Frauen im Ruhestand eine neue Aufgabe finden, backen etwa. Frau Angelikas Spezialitäten sind der Apfelstrudel mit Topfenteig, die Linzertorte oder Blechkuchen mit ganz viel Streusel, die 63-Jährige, die für jede Schicht fast eineinhalb Stunden aus dem Marchfeld nach Wien in das Kaffeehaus fährt, probiert auch Zuhause viel herum. Am Vortag etwa den Cheesecake, „der braucht drei verschiedene Backgänge, eigentlich ein Wahnsinn, was ich mir da antue“, sagt sie und lacht. In ihrem Erwerbsleben war Frau Angelika Lehrerin, nur Haus und Garten wäre ihr zu langweilig. Eigentlich wollte sie ja in der Pension Leihoma zu werden, von der Idee nahm sie aber Abstand, als sie von der Vollpension hörte, wo sie seit einem Jahr mitwirkt und sichtlich Freude an ihrem Job hat.

Die Vollpension ist ein so genanntes Social Business. Das heißt, dass der soziale Zweck genauso wichtig ist wie der Gewinn, erklärt Michael, der uns in der neuen Filiale in der Wiener Musikuniversität begrüßt. 2015 wurde die Vollpension gegründet, seit Herbst 2019 gibt es diesen zweiten Standort. Insgesamt arbeiten in beiden Filialen 90 Personen zwischen 18 und 81 Jahre, für viele der Pensionistinnen bedeutet der Job einen Zuverdienst zur mitunter recht kargen Pension. Die Seniorinnen backen nach alten Familienrezepten, versorgen aber auch die veganen Gäste mit Kuchen und Torten, die Herren im Team arbeiten meist in der Gästebetreuung. Mittlerweile gibt es eine Backleitung, die den Ablauf professionell gestaltet, die Vollpension ist ein richtiger Gastrobetrieb mit Dienstplan, Pflichten und Urlaubsanspruch. Der erste Standort in der Schleifmühlgasse ist sieben Tage die Woche geöffnet, teilweise stünden die Gäste für die süßen Köstlichkeiten der Omis Schlange, sagt Michael. Es gäbe schon viele Anfragen aus anderen europäischen Ländern, die das Konzept übernehmen möchten. Die Geschäftsführung der Vollpension hat jedoch beschlossen, gesund zu wachsen und vor allem „das Gemütliche zu bewahren“, sagt Michael. Ein paar Vollpensionen mehr hätten in Wien aber dennoch Platz, fügt er hinzu.

Bezahlt wird nach Kollektivvertrag, die Seniorinnen bekommen sogar etwas mehr, dafür sind sie beim Trinkgeld nicht beteiligt, im Durchschnitt liegt der Zuverdienst bei 300 Euro im Monat. Dass der Bedarf nach Arbeitsplätzen für Seniorinnen gegeben ist, zeigen die Bewerbungen, die für die neue Filiale eingegangen sind: 350, großteils handgeschrieben, in nur einer Woche. Michaels Aufgabe besteht darin, die neuen Arbeitskräfte einzuschulen, aber auch, den sozialen Zusammenhalt über den Arbeitsraum Vollpension hinaus zu gestalten, „Isolation und Einsamkeit ist ein brennendes Thema in der Stadt“, sagt Michael. Das Vollpension-Team geht gemeinsam ins Theater, wenn ein junger Mitarbeiter in einer Band spielt, sind auch Senioren bei seinem Konzert dabei. Michael beschäftigt sich auch mit der Frage, was man für jene Mitarbeiter tun kann, die nicht mehr am Erwerbsleben in der Vollpension teilhaben können, wie eine Mitarbeiterin, die aufhören muss, weil die Hörleistung stark abgenommen hat. Umgekehrt geben die Seniorinnen den jüngeren Menschen „Nachhilfe“, es gibt etwa einen Nähworkshop mit Hilde oder einen Tanzworkshop. „Wir versuchen, die Räume für mehr Begegnungen zwischen Jung und Alt zu öffnen“, erklärt Michael. Die finanzielle Not mancher Frauen werde in der Zusammenarbeit zwischen Jung und Alt bewusst nicht thematisiert, „niemand soll sich hier als Opfer fühlen. Es geht uns bei dem, was wir tun, um Teilhabe, um Empowerment, immerhin ist statistisch bewiesen, dass Menschen mit einem positiven Altersbild länger leben.“

Frau Ingrid (Spezialität: Bananenschnitten, Mohntorte) arbeitet ebenfalls seit einem Jahr in der Vollpension. Ihr bunter beruflicher Lebenslauf – Friseurmeisterin, Mutter und Hausfrau, Mitarbeiterin im elterlichen Betrieb – bekam mit schweren Krankheiten eine Zäsur; Sie musste mit dem Arbeiten aufhören, ihre Pension ist heute dementsprechend gering. Im Ruhestand nicht zu arbeiten, komme ohnehin nicht infrage, sagt die quirlige Frau, deren Motto schlicht und ergreifend „dranbleiben“ lautet. „Schön, dass man dazuverdienen kann. Das macht das Leben leichter.“ Frau Ingrid wirkt, als hätte sie ihre Berufung gefunden. Und ihr Scheiterhaufen schaut wirklich köstlich aus.

Hier können Sie unterstützen: https://www.vollpension.wien.

Daniela Müller
Beitrag veröffentlicht am 22. April 2020
Bildquelle: Marija Kanizaj