Von der Hebe- zur Opernbühne

Mister Google weiß bekanntlich (fast) alles, so zum Beispiel, dass der bekannte steirische Unternehmer Franz Wuthe mit seiner Firma in der Grazer Triester Straße an 365 Tagen im Jahr jeweils 24 Stunden für Kfz-Reparaturen aller Art, Abschleppungen, Bergungen etc. bereitsteht, dass er den Vorstand mehrerer Vereine und Institutionen abgibt, seine Arbeit als größtes Hobby ansieht, daneben aber gerne reist, Bauer und Imker ist, der Jagd frönt und Sport betreibt. Abenteuer Alter-Leser lernen nun eine weitestgehend unbekannte Facette des Multiaktivisten Franz Wuthe kennen: Er zählt zu den großen Richard Wagner-Kennern unserer Zeit, sein Lebensweg führt den gelernten Mechaniker von der Hebebühne zur Opernbühne.

Dort, wo die Triester Straße für den Ortsunkundigen leicht verwirrend in den Bereich Karlauergürtel – Herrgottwiesgasse einmündet, befindet sich der Hauptsitz des Wuthe-Imperiums – Autowerkstätte, Fundgrube für gebrauchte Ersatzteile, Abstellplätze für Fahrzeuge, die von ihren Besitzern auf Straßenbahngeleisen oder gar auf Behinderten vorbehaltenen Plätzen geparkt wurden, Versteigerungshalle, sprich: Verwertungsbörse, wo der Chef selbst zum Hammer greift und die Zuschläge erteilt. Allein das dort angehäufte Sammelsurium ist sehenswert – von A wie Armbanduhr über F wie Fahrrad bis Z wie Zauberkasten findet sich ein repräsentativer Querschnitt aller Erzeugnisse aus den letzten Jahrhunderten. Geringfügige Erlöse im einstelligen Eurobereich werden nicht eingehoben, dafür gibt es ein Sparschwein für kleine Spenden, die der Aktion „Von Mensch zu Mensch“ von Altbürgermeister Alfred Stingl zugutekommen. Die baulichen Anlagen im gesamten Wuthe-Areal verbreiten jenen unaufdringlichen Charme, der zwischen Nostalgie und Renovierungsbedürfnis angesiedelt sein könnte, dafür parkt unter den Hallendächern eine Fahrzeugflotte aus dem letzten Stand der Technik mit zwei hypermodernen, vierachsigen Bergewagen als Aushängeschilder für die technische Innovationsbereitschaft der Firma.

„Ich habe ja bei einem kleinen Mechanikermeister gelernt.“

Platz unter diesen Hallendächern haben auch einige Oldtimer, die dem Chef ans Herz gewachsen sind. Da lüftet Franz Wuthe eine Abdeckplane und sichtbar wird ein Vorkriegsmodell, Baujahr 1938, namens Tatra 57 B, eine tschechische Autolegende. „Ich habe ja bei einem kleinen Mechanikermeister gelernt und der war noch auf Tatra-Modelle spezialisiert. Der hier ist auf Wechselkennzeichen angemeldet, ebenso wie der Lotus nebenan und auch mein Puch G-Cabrio. Alle sind startbereit.“ 

Technik, Fortschritt, der Konkurrenz immer um ein paar Schritte voraus sein, das bedeutet Franz Wuthe viel, aber den Erfolg äußerlich zur Schau zu stellen, ist seine Sache nicht. Dementsprechend sein Büro. Nach Marmor, Glasfronten und Teakholzverkleidungen wird man dort ebenso vergeblich Ausschau halten, wie man in wohlgepolsterten Lederfauteuils versinken wird. Ein vollgeräumtes riesiges Tischoval, mit Kunstleder bezogenen Sesseln darum herum, viele davon von Kartons und Ordnern besetzt, auf den Lehnen hängen Jacken, an der einen Wand übermannhohe Holzspinde, die ohne Weiteres ein Schnäppchen aus einer Büroauflösung sein könnten, offene Regale und ein Getränkekühlschrank an der anderen, die Fenster zum Innenhof, das ist die Kommandozentrale. Der Raum spricht für sich und damit nicht gerade dafür, dass dort täglich Mitarbeiterkonferenzen und Endlos-Besprechungen abgehalten werden, jeder Wuthe- Mitarbeiter kann ohnedies – wenn nötig – den Chef jederzeit erreichen. „Ab sechs Uhr früh bin ich da, auch an Sonn- und Feiertagen. Außer Bayreuth ruft oder eine andere interessante Opernveranstaltung, und meine Jagerei darf ich natürlich auch nicht ganz vernachlässigen. Na ja, und doch kommt noch meine Landwirtschaft dazu.“

Die hat er sich in der Marktgemeinde Eggersdorf zugelegt, betreibt dort eine Imkerei mit 22 Bienenvölkern und verteilt seine beachtliche Honigernte in handlichen Glaserln an Kunden und Freunde als kleine Aufmerksamkeiten mit dem Werbeslogan: „Alles Gute – von Wuthe.“ Erdäpfel und Kukuruz, im Steirischen „Woaz“, besser bekannt als Mais, anzubauen, war seine Sache nicht, als Folge seiner Experimentierfreude darf er sich heute Brennnesselbauer nennen. „200 Produkte kann man aus dieser Staude von den Wurzeln über die Stängel und Blätter bis zum Samen gewinnen, kulinarisch ebenso schmackhafte wie für die Gesundheit wertvolle.“ Und nachdem auch die Modewelt die früher bekannten Brennnesseltextilien wieder für sich zu entdecken beginnt, hat sich Franz Wuthe, standesgemäß einem Brennnesselbauer, einen Brennnesselanzug schneidern lassen. „War nicht ganz einfach, da musst hartnäckig sein. Den Stoff habe ich schließlich über London bezogen, einen Schneider, der mit diesem Material umgehen kann, in Hamburg gefunden.“

Gestellt wurden und werden die Weichen für das gesamte Unternehmen seit dem Jahre 1978 aus der vorhin erwähnten Schaltstelle im Objekt Triester Straße 25. Dort fallen die Entscheidungen, die, abgesehen von einigen Bremsmanövern, die Firma in eine erfolgreiche Zukunft führten. Angriffe aller Art abzuwehren hatte nämlich Franz Wuthe schon in früher Jugend gelernt, vor allem bei Sturm. In der Sturm-Jugendmannschaft war er der respektierte pfeilschnelle rechte „Außendecker“, wie der Posten damals noch hieß, mit dem späteren Versicherungsmakler Franz Eccher im Tor und der Sportreportergröße Rudi Hinterleitner im Sturm eine der Stützen der Elf, denkt er gerne an die Zeit bei den Schwarzen zurück, waren sie doch für den in Liebenau aufgewachsenen Buben eine Art Familie, zu der er sich heute noch zugehörig fühlt.

In die Wiege gesungen war es dem gebürtigen Grazer, Jahrgang 1947, in keiner Weise, dass er einmal der Vize des Obmannes der Österreichischen Richard Wagner Gesellschaft Graz, Hans Lehofer sein würde, dass er mit Siegfried Wagners Tochter Verena und damit der Enkelin des großen Komponisten befreundet sein würde und dass er auf ihre Einladung hin mehrere Aufführungen in Bayreuth aus der Mittelloge heraus verfolgen würde, zweimal sogar von jenem Platz aus, auf dem – wie er später erfuhr – ein gewisser Adolf H. begeistert applaudierte. Verena Wagner war das jüngste der vier Kinder des Richard Wagner-Sohnes Siegfried und seiner Frau Winifred und starb 2019 im Alter von 98 Jahren.

„Ich habe viele Stammkunden aus dem Kreis von Oper und Schauspielhaus gehabt.“

Wie es überhaupt zur Liebe des Tankwartes aus Graz zum Gesamtwerk des großen Komponisten Richard Wagner und zur Festspielstadt Bayreuth kam? Mit nur einem Satz allein lässt sich das nicht erklären, da muss der gelernte Automechaniker schon ein wenig ausholen. „Damals hat es ja noch den Tankwart gegeben, der die Kunden bediente, aber auch, wie es bei mir der Fall war, gleich Reparaturen vorgenommen hat. Und ich habe viele Stammkunden aus dem Kreis von Oper und Schauspielhaus gehabt. Darunter den liebenswerten Josef Keplinger, die Mezzosopranistin Fran Lubahn oder den unvergessliche Tenor Jose Maria Perez. Der Kontakt mit ihnen hat dann auch mein Interesse an deren Beruf geweckt. Da bin ich dann zum ersten Mal in meinem Leben in die Oper gegangen, war aber bei Weitem noch kein Wagner-Fan.“

Doch der erste entscheidende Schritt von der Hebe- zur Opernbühne war damit getan. Zu Wagner führte der Weg über einen Freund. „Bei einer Sachverständigentagung habe ich den inzwischen leider verstorbenen Grazer Richter Dr. Roman Gerhard kennengelernt und es entwickelte sich aus dieser Begegnung eine herzliche Freundschaft. Er war bereits Mitglied der Wagner-Gesellschaft und hat mich nicht nur dort, sondern überhaupt in die Welt von Wagner eingeführt. Über die Gesellschaft und den Wagner-Verwandten Walter Scherz-Parey lernte ich Verena Wagner kennen. Durch diese Leute bin ich erst über das Genie Wagner so richtig aufgeklärt worden.“

„Was mir so imponiert hat“, fährt Franz Wuthe über seine Anfänge als Wagnerianer fort, „war, dass er nicht nur selbst getextet und komponiert hat, sondern auch als einer der allerersten Dirigenten zum Orchester hin und nicht wie früher zum Publikum gewandt dirigiert hat. Dadurch sind die Einsätze ungleich exakter geworden.“ Von den insgesamt 13 Wagner-Opern werden zehn in Bayreuth aufgeführt, die drei Jugendopern nicht. Wuthe hat sie alle mehrmals erlebt. „Auch die drei, die nicht im Festspielhaus aufgeführt werden, die habe ich an anderen Opernhäusern gesehen.“

„Am allerschönsten habe ich die Meistersinger von Nürnberg in der Wiener Staatsoper gefunden.“

Zu Gast war der Grazer Mechanikermeister in Opernhäusern rund um den Erdball, Südamerika hat bei ihm besondere Eindrücke hinterlassen, „aber“, schwärmt der Wagner-Fan auf die Frage, welche Oper ihm am besten gefallen habe, „am allerschönsten habe ich die Meistersinger von Nürnberg in der Wiener Staatsoper in der Inszenierung von Otto Schenk gefunden.“ Um „seinen“ Wagner aber vor allem in Bayreuth hören zu können, nimmt Franz Wuthe vieles in Kauf: „Da ist es schon vorgekommen, dass um sieben Uhr in der Früh das Telefon klingelt, was kein Problem wäre, da ich sowieso immer schon um sechs im Betrieb bin, aber dann erfährst du, dass es für diesen Tag doch noch eine Karte gibt. Und wie man weiß, beginnen die Vorstellungen in Bayreuth allesamt um 16.00 Uhr. Also nichts wie auf ins Oberfränkische.“ 560 Kilometer und sechs Stunden Fahrzeit ohne Pause spielen in diesem Fall keine Rolle mehr. „Es sollte zwar nicht, aber passieren kann es dann trotzdem“, gesteht der Richard Wagner-Verehrer ehrlich, „dass dir irgendwann im zweiten Akt ein Sitznachbar in die Rippen stößt, weil’st ein bisserl eingenickt bist. Und das merklich hörbar.“

Ohne Spuren ist die Corona-Pandemie auch an Franz Wuthe nicht vorübergegangen. Natürlich gab es gerade in der Kfz-Werkstätte Rückgänge, die sind jedoch verkraftbar, was ihn aber besonders schmerzt, ist die Tatsache, dass in diesem Jahr im August das Festspielhaus am Grünen Hügel in Bayreuth geschlossen bleibt. Mit besonderem Interesse erwartete er die für heuer vorgesehene Neuproduktion vom „Ring der Nibelungen“, auf Grund der Probenplanung wird dieses Projekt vermutlich erst im Jahre 2022 Premiere feiern.

In Graz war ihm bereits von Hans Lehofer angeboten worden, eines Tages nach ihm den Vorsitz der Richard Wagner-Gesellschaft zu übernehmen, das wehrt der noch immer energiegeladene Dreiundsiebzigjährige jedoch ab: „Ich liebe Wagner, ich kenne Wagner, aber für dieses Amt wären mir die Schuhe zu groß, das muss man sich ganz ehrlich eingestehen. Da gibt es Leute wie den Dr. Lehofer, die kennen jede einzelne Textstelle auswendig, die hören ein paar Töne und können dir nach wenigen Sekunden sagen, aus welcher Oper sie stammen – da kann ich einfach nicht mithalten.“ Einiges schwebt ihm dennoch mit der Gesellschaft vor, zumindest die große Hoffnung hegt er, dass es ihm vielleicht einmal gelingen könnte, die Richard Wagner-Gesellschaft mit dem Richard Wagner Form, das sich im Jahre 1995 abgespalten hatte, dereinst wieder auf eine gemeinsame Basis zu führen. Ganz ruhig ist es auch noch lange nicht um seine Geschäftsideen – so könnte Horst Lichter mit „Bares für Rares“ eine Konkurrenz von Franz Wuthe erwachsen, die dann heißt: „Moneten für Raritäten.“

 

Dieter Rupnik
Beitrag veröffentlicht am 13. August 2020