Zu Besuch bei Waterloo: Seine kleine Welt

Waterloo hat in Mörbisch sein Paradies gefunden. Wir von Abenteuer Alter durften ihn dort besuchen und erfahren, dass es nie zu spät für eine kleine feine Welt und die große Liebe ist.

Damals, 1976, als die Welt ein bisschen übersichtlicher war, als Schlagermusik noch die Massen begeistern und man sich an die Teilnehmer eines Songcontest erinnern konnte, sang sich ein österreichisches Popduo in die Herzen der Radiohörer. Waterloo und Robinson hieß das 1969 gegründete Duo, das für Siebzigerjahre-Hits wie „Baby Blue“ oder das von Christian Kolonovits geschriebene „Hollywood“ berühmt wurde. Internationale Bekanntheit erlangten die beiden, als sie beim Songcontest mit der englischen Version von „Das ist meine kleine Welt“ im niederländischen Den Haag für Österreich teilnahmen und prompt auf Platz 5 landeten. Die deutschen Vertreter, die Les Humphries Singers, erreichten lediglich Platz 15, gewonnen hat „Brotherhood of Man“ mit ihrem Song „Save your kisses form me“. Die größere Strahlkraft im Duo hatte jedoch stets der Sänger Waterloo, Hans Kreuzmayr. Und der hat vor wenigen Jahren seine kleine Welt in Mörbisch gefunden, die wir besuchen durften.

Auf einer Anhöhe mit herrlichem Blick auf den Neusiedlersee begrüßt er uns. Vorbeifahrende Radfahrer tuscheln, Hans Kreuzmayr lacht. „Ich sage ja immer, dass ich ein kleines Häusel habe. Oft bleiben Radfahrer stehen und rätseln, ob das wohl mein Haus ist“, und deutet auf ein blaugraues Gartenhäuschen, das auf dem Nachbargrundstück steht. Wir betreten den Garten seines Hauses, drei Stunden dürfen wir bei ihm verbringen, in denen er launig über sein Leben berichtet. Stets an der Seite seine Andrea, von ihm verehrte Ehefrau, Officemanagerin, Checkerin und Kümmerin. Sie hat ihm anfangs Tanzunterricht gegeben, als er 2008 für Dancing Stars angefragt wurde, und es – trotz „bescheidenem Talent“ – fast bis ins Halbfinale geschafft hatte. Sie war es auch, weswegen das Paar den Wohnsitz vor vier Jahren vom oberösterreichischen Wels ins Burgenland verlagert hat. „Ich habe das Wetter dort nicht mehr ausgehalten“, sagt Andrea. So sei man nach Rust gefahren, um sich nach einer Immobilie umzusehen. „Nichts haben wir gefunden“, erzählt sie, „ich war todtraurig und dachte mir schon, dass ich bis zu meinem Lebensende im oberösterreichischen Nebel gefangen sein werde.“ Vor der Abreise drehte das Ehepaar mit dem Auto noch eine kleine Runde durch Mörbisch und kam vor einem wunderschönen kleinen Haus zum Stehen, das zum Verkauf stand. „Es ist genau für uns gemacht“, sagt Waterloo und bittet in den heimeligen Garten, für den Andrea verantwortlich zeichnet. „Ich liebe es halt, zu gestalten. Magst einen Kaffee?“, fragt sie und verschwindet im Haus.

Hans Kreuzmayr, der heuer 77 wird, steht noch immer auf der Bühne, und das gern. Waterloo und Robinson trennten sich 1981, es gab zwischendurch immer wieder Comebacks, 2007 beschloss man, eigene Wege zu gehen. Waterloo macht Musik, wie die Einflüsse gerade daherkommen, er hat etwa ein indianisches Album produziert und eines mit seinem Stiefsohn Erik. Im Keller liegt sogar noch eine Aufnahme mit dem amerikanischen Countrystar Willie Nelson, die er rechtebedingt bislang noch nicht veröffentlichen durfte. Weil er ohne Label arbeitet und seine Andrea die künstlerische und organisatorische Arbeit übernimmt, kann sich Waterloo leisten, Musik aus Spaß und Freude zu machen. Die großen Erfolge der Siebziger und Achtziger mit Reisen in die ganze Welt haben ihn geprägt. Er absolvierte gefeierte Auftritte vor großem Publikum, von Japan kommen noch immer die Anfragen, dorthin ist ihm aber die Anreise zu beschwerlich.

Vom Hendlbrater zum Bühnenstar

Hans Kreuzmayr wurde im oberösterreichischen Altheim geboren, weil der Vater in Linz einen Job bekommen hatte, zog die Familie dorthin. Er wuchs in sehr bescheidenen Verhältnissen auf, in einer Souterrainwohnung, es gab nur das Nötigste. Hans absolvierte eine Tischlerlehre, es folgte das Bundesheer, er hatte mehrere Jobs, unter anderem arbeitete er als Hendlbrater in einem Einkaufszentrum. In einem Möbelhaus war er für die Gestaltung und Inneneinrichtung zuständig, dort fand jedoch der Inhaber seine charmante Art gar nicht gut. Er brauche nicht so freundlich sein, schon gar nicht zu seiner Frau, herrschte er ihn an. Auf seinem Nachhauseweg durch Linz-Urfahr sinnierte er, was er stattdessen arbeiten könne, und kam an einem leeren Geschäftslokal vorbei. Das sei ein schöner Ort für eine Damenboutique, dachte er. Eine Frau, die mit ausladendem Oberkörper und verschränkten Armen am Fenster lehnte und die Geschehnisse aus der Straße beobachtete, zeigte ihm den Weg zum Besitzer der Immobilie. Dieser meinte auf Kreuzmayrs Ankündigung, dass er den Laden gern mieten würde, aber knapp bei Kasse sei, „1500 Schilling. Passt das?“ Es passte. Für die Gestaltung des Geschäftes suchte Hans Kreuzmayr eine kreative Person, die er in der gegenüberliegenden Kunstschule in seinem späteren musikalischen Partner Josef Krassnitzer fand. Weil Kreuzmayr anfangs Schwierigkeiten hatte, für die Boutique eine Genehmigung zu erhalten, zog er einen jungen Mitarbeiter der oberösterreichischen Wirtschaftskammer zu Rate, der ihm half, die Probleme aus dem Weg zu schaffen. Sein Name war Christoph Leitl.

Der Neid gehört in Österreich dazu

Genauso wie der Erfolg seiner Damenmoden-Boutique Eglisé, in der auch die Schwester mitarbeitete, in die Höhe schnellte, ging es mit der Bühnenkarriere von Waterloo und Robinson stetig bergauf. 1969 begann ihre musikalische Zusammenarbeit, 1971 belegten sie mit ihrem Lied „Du kannst sehen“ über ein blindes Mädchen den dritten Platz bei der Show-Chance, einem von ORF, ZDF und SRG veranstalteten Talentewettbewerb. Hans Kreuzmayr erinnert sich schmunzelnd an seinen ersten Besuch bei Evamaria Kaiser im ORF, die in den 1960er-Jahren die Sendung „Gut aufgelegt“ präsentierte und heimische Talente förderte. Ihr legte er Demobänder seiner früheren Band „Melodias“ vor, worauf diese antwortet: „Lernt’s erst mal singen und dann kommt’s wieder.“ Für Waterloo war dies eine Erfahrung, die ihn bis heute prägt: „50 Prozent der Menschen mögen dich und 50 Prozent sind dir neidisch oder trauen dir nichts zu. Ich habe mir schon damals gesagt: Wenn ich es schaffe, in dieser Mitte durchzugehen, bin ich auf dem richtigen Weg.“ Neid, diese österreichische Tugend, ist dem Künstler keineswegs fremd. Nicht unerfreut sei man deshalb gewesen, als sich die Karriere des Duos Waterloo und Robinson in den Siebzigerjahren eher nach Deutschland verlegte, wo die beiden in den großen Abendshows von Peter Frankenfeld, Lou van Burg oder Hans Rosenthal oft zu Gast waren.

Seinen Weg zu finden half ihm schon sein Vater. Dieser sollte bei seinem Jobantritt bei der Voest der SPÖ beitreten, was er ablehnte. Er habe seine Prinzipien gehabt, die sich stets auf der „moralisch guten“ Seite des Lebens befunden hätten, betont Waterloo: Die Erziehung sei wohlwollend gewesen, „er hat geraucht und zu mir hat er gesagt: Du kannst machen, was du willst, ich würde es dir aber nicht empfehlen“, und als am Voest-Gelände zwei kleine Katzen gefunden wurden, hat er sie kurzerhand mit nach Hause genommen, um sie vor ihrem sicheren Tod zu beschützen. Das richtige Gespür für Mensch, Tier und Natur begleitet den Künstler bis heute. Seit vielen Jahren leben er und seine Andrea vegetarisch, nur ab und zu kommt Fisch auf den Tisch. Der Vater begleitete ihn als Kind auch nach Wien zum Vorsingen bei den Wiener Sängerknaben, zu einer Aufnahme ist es aber nicht gekommen. „In meinem Blut fließt Musik“, sagt Waterloo, der Vater hat ihn dabei stets unterstützt. Des Sohnes musikalisches Talent half diesem auch sonst im Leben: „In Mathematik bin ich einmal zwischen vier und fünf gestanden, ich mochte das Fach einfach nicht. Ich habe der Lehrerin ein Lied vorgesungen und sie hat meine Note auf einen Vierer korrigiert. Beim Marschieren beim Bundesheer hieß es oft: ,Funker Kreuzmayr, ein Lied!‘ Ich habe ein Lied gesungen und bekam dafür zwei Tage frei.“

Die echte Liebe ließ sich Zeit

Seine ruhigere Lebensphase läutete vor allem ein Ereignis ein: Als er vor 23 Jahren seine jetzige Frau kennenlernte. Er spielte damals im niederösterreichischen Winzendorf den Winnetou im Stück „Winnetou und Old Surehand“, Andreas Sohn wirkte bei der Veranstaltung mit. Die damals 40-Jährige durchlebte gerade eine schwierige Zeit und war auf dem Sprung nach Indien, dort wollte sie in einem Kinderheim mithelfen. Um das zu verhindern, intervenierte Sohn Erik bei Waterloo: „Rede ihr das bitte aus“. Der Musiker ging zur Mutter, gab ihr seine Telefonnummer und meinte: „Ruf mich bitte an, wenn du reden willst.“ Andrea arbeitete damals in einem Fotogeschäft, fasste sich, bereits mit Schmetterlingen im Bauch, ein Herz, wählte am Festnetztelefon die Nummer und legte wieder auf. Beim dritten Versuch blieb sie standhaft, Waterloo hob ab, in dem Moment betrat eine Kundschaft das Geschäft, sie stammelte nur: „Hier ist die Mama vom Erik, entschuldige, ich arbeite in einem Fotogeschäft und soeben ist jemand hereingekommen“, und legte auf. Wenige Tage später läutete das Telefon, am anderen Ende war der Musiker. Woher er ihre Telefonnummer habe? Er: „Ich habe alle Fotogeschäfte in Wiener Neustadt durchgerufen, ob es dort eine Andrea gibt.“

„Wenn ich etwas will, bekomme ich das auch“, sagt Hansi Kreuzmayr und schmunzelt. So sei das schon immer gewesen. Der Beginn dieser liebevollen und treuen Beziehung führte sie zunächst nach Oberösterreich, wo das Paar knapp 20 Jahre lebte. In Mörbisch nun haben sie ihre Bleibe gefunden, Herz und Seele sind am Tag des Einzugs ebenfalls angekommen, sagt Andrea und lacht. Wir verabschieden uns, Waterloo muss sich auf sein Konzert vorbereiten, das am nächsten Tag zu spielen ist. „Pfiat di und bis bald“, ruft er. Und ein paar Radfahrer freuen sich, den berühmten neuen Mörbischer live gesehen zu haben.

Waterloo vor seinen goldenen Schallplatten

von Daniela Müller
© Daniela Müler, Andrea Kreuzmayr
Beitrag veröffentlicht am 06. August 2022

 

Make-up-Tipps für reifere Haut

Worauf ist beim Make-up zu achten, wenn die Haut keine 20 mehr ist? Sind ab 50 bei Lidschatten und Co. dezentere Farben angebracht oder darf es auch auffälliger sein? In unserem Schmink-Tutorial gibt es die Antworten!

Marlies Herbsthofer (55) schminkt sich nicht sonderlich gern. Für Abenteuer Alter machte sie eine Ausnahme und begab sich in die professionellen Hände der Visagistin Jamileh Gohiladeh. Sie gab beim Dior-Counter bei Kastner & Öhler Beauty-Tipps für die nicht mehr ganz jungen Haut.

Die richtige Hautpflege

„Wir reden nicht von Alter, sondern von Hauttypen“, stellt Jamileh Gohiladeh gleich zu Beginn klar und schmunzelt. Dazu prüft sie zunächst die Hautbeschaffenheit und empfiehlt die passende Pflege als Basis für den ganzen Tag. Die beinhaltet bei Marlies aus der Dior Prestige-Reihe ein Feuchtigkeitsserum, eine gute Augenpflege sowie eine Tagescreme mit Sonnenschutz. Die Augenpflege ist besonders wichtig, weil dort die Haut sehr fein ist und mehr Nahrung braucht.

 

Nur den Typ betonen

Beim Schminken beginnt Jamileh Gohiladeh bei den Augenbrauen. Weil diese den Augen einen Rahmen geben, sollten sie auf jeden Fall betont werden, bei Marlies erfolgte dies dezent mit einem Augenbrauenstift zur Formgebung und einem Gel zur Fixierung. Die Farbe des Lidschattens wiederum ist Geschmackssache: Soll er einen Kontrast zur Augenfarbe bilden oder mit dieser harmonieren? Ausprobieren! Wichtig sei, sagt Jamileh Gohiladeh, beim Kauf auf hochwertige Produkte zu achten, damit die Farbe nicht in den Augenfalten verrinnt. Unverzichtbar ist für die Visagistin der Kajal zur Betonung der Augen, unserer „Fenster zur Seele“. Der Lidstrich auf dem oberen Lid unterstreicht die Wirkung der Wimperntusche. Unter diese sollte unbedingt eine Grundierung, bei Dior nennt sich das Produkt „Maximizer“: Dieser sorgt für Volumen, Länge und Dichte, die Inhaltsstoffe sind pflegend und für die Wimpern wachstumsfördernd.

Sollte man ab 50 am Stil etwas ändern?

Sich anders schminken, nur weil man ein gewisses Alter erreicht hat, wäre kein guter Rat. Wer in puncto Make-up seinen Stil gefunden hat, soll diesen fortführen, sagt die Visagistin. Ändern sollte man lediglich die Hautpflegeprodukte, ältere Haut braucht reichhaltigere Pflege. Dasselbe gilt auch für das Make-up, für nicht mehr so glatte Haut gibt es eigene Produkte. Um zu verhindern, dass der Lippenstift in kleine Fältchen um den Mund entwischt, empfiehlt sich ein Konturenstift, auch bei der Verwendung von Lipgloss. Ein Tipp aus der Redaktion: Probieren Sie zu Ihrem neuen Make-up einmal größeren und auffälligeren Ohrschmuck!

 

von Daniela Müller
© Marija Kanizaj
Beitrag veröffentlicht am 03. August 2022

Siegfried Schrittwieser: Endlich Uhu!

Warum Altpolitiker Siegfried Schrittwieser nach Landhaus, Rotem Kreuz und Kirche jetzt Uhu werden wollte.

Diese zwei Dinge zu glauben fällt einem schwer, wenn sich der – salopp formuliert, könnte man sagen – „Gute-Laune-Typ“ vor der Pernegger Frauenkirche aus seinem Ford Kuga schwingt, dass er nämlich eine Woche zuvor noch mit einer covid-bedingten schweren Lungenentzündung kämpfte und dass er soeben auch beim Siebziger angeschrieben hat. Warum sich „Abenteuer Alter“ mit dem früheren Landeshauptmann-Stellvertreter Siegfried Schrittwieser ausgerechnet vor dieser Marien-Wallfahrtskirche traf, hat einen besonderen Grund, worüber hier noch die Rede sein wird.

Auf unser scherzhaftes Kompliment zur Begrüßung „Gratuliere, der schlankste Siegi, denn es je gab“ antwortet er lachend: „Ich habe mir auch fest vorgenommen, zu meinem Siebziger ein Uhu zu werden. Jetzt habe ich’s geschafft, jetzt bin ich Uhu. Unter hundert Kilo.“

Vor sieben Jahren hatte sich der gebürtige und auch heute noch dort wohnhafte Thörler Siegfried „Siegi“ Schrittwieser aus der Landespolitik verabschiedet, nicht aber von den Menschen, für die er immer da war. Vor allem nicht für jene aus „seiner“ Region, dort ist er weiterhin omnipräsent. Nicht als stimmenwerbender Politiker, sondern als engagierter Bezirksstellenleiter des Roten Kreuzes für Bruck-Mürzzuschlag. „Ich bin im Jahr 2016 zum Bezirksstellenleiter gewählt worden und es ist dann ein Jahr später die Fusion der vier Rot-Kreuz-Bezirke Bruck, Kapfenberg, Mürzzuschlag und Mariazell gelungen und, was mich besonders freut, wir schreiben heute schwarze Zahlen.“

Ganz von ungefähr kommt dieser erfreuliche Umstand nicht, der lässt auch auf eine gewisse Beharrlichkeit und Durchsetzungsfreude des Bezirksstellenleiters zurückführen: „Natürlich besuche ich mindestens einmal im Jahr alle 19 Bürgermeister unseres Rot-Kreuz-Bezirkes, halte enge persönliche Kontakte mit der Wirtschaft und habe immerhin auf diese Art in den letzten sechs Jahren mehr als drei Millionen Euro zusätzlich auftreiben können.“ Und übrigens: Vor kurzem wurde Siegfried Schrittwieser wieder für die nächsten fünf Jahre ohne jede Gegenstimme zum Bezirksstellenleiter gewählt.

Zum Sammeln von Erfahrungen für das Rote Kreuz hatte der gestandene Landes- und Kommunalpolitiker reichlich Gelegenheit. „Denn immerhin“, so Schrittwieser, „war ich schon 1983 Ortstellenleiter vom Roten Kreuz in Thörl und dort war meine erste Aktion, dass wir eine neue Dienststelle gebaut und dabei keine Schulden gemacht haben. Und ich muss sagen, ich bin heute nach 39 Jahren Rotes Kreuz noch immer gerne für diese Einrichtung da, weil ich spüre, ich habe noch die Kraft, die Freude und die Begeisterung und die lege ich jetzt in die Arbeit für das Rote Kreuz und schaue, dass ich so viel wie möglich von dem zurückgeben kann, was ich in meinem Berufsleben erfahren habe.“

Siegfried Schrittwieser als Bezirksstellenleiter beim Roten Kreuz

Was er alles in diesem Berufsleben erfahren hat? Erstens eine profunde Ausbildung als Schlosser bei der Firma Pengg in Thörl und zweitens in „seiner“ Sozialdemokratischen Partei einen Werdegang, von dem er heute nicht ohne Stolz sagen kann: „Niemand anderer in der SPÖ hat derart viele Funktionen ausgeübt wie ich.“ Mit 16 Jahren Landesobmann der jungen SPÖ, mit 27 der damals jüngste Vizebürgermeister, Bezirkspartei Parteisekretär. Mit seiner Einsatzfreude bald in Graz aufgefallen berief ihn Peter Schachner zum Landesparteisekretär. 1987 zum ersten Mal in den Landtag gewählt, in weiterer Folge Klubobmann im Landtag, dann einen Stellungswechsel von der Grazer Landhausgasse in das Thörler Rathaus, wo er den Bürgermeistersessel einnahm.

„Nachdem man mehrfach mit dem Ansinnen, mich als Bürgermeister zur Verfügung zu stellen, an mich herangetreten ist, habe ich zu den Thörlern gesagt ‚Gut, wenn’s ihr mich unbedingt wollt’s, dann komme ich.‘ Die haben gewollt und ich habe mich an mein Versprechen gehalten und bin Bürgermeister geworden, was in der Praxis jedoch bedeutet hat: Dienstauto weg und weniger verdienen. Aber Versprechen sind dazu da, um gehalten zu werden. Und die Belohnung ist gekommen in Form von mehr als 70 Prozent der Stimmen bei der nächsten Gemeinderatswahl.“

2005 eine „Rückholaktion“ nach Graz, diesmal als Präsident des Steiermärkischen Landtages, 2009 von Landeshauptmann Franz Voves als Landesrat für Soziales der Öffentlichkeit vorgestellt und ein Jahr später nach der Landtagswahl zum Landeshauptmann-Stellvertreter mit den Ressorts Soziales und Erneuerbare Energie ernannt. 2015 dann mit 63 Jahren der Abgang von der politischen Bühne, bedacht mit höchsten Auszeichnungen, darunter auch der großen Viktor-Adler-Plakette.

Erwin Zankel, ehemaliger Chefredakteur der Kleinen Zeitung und ebenfalls gebürtiger Thörler, der Siegi Schrittwiesers politischen Weg von dessen Jugend an mitverfolgte, kommt bei der Beurteilung des Gesamterscheinungsbildes Schrittwieser zu folgendem treffsicheren Schluss: „Bei ihm hat man sich jedes Mal, wenn er wieder eine neue Funktion antrat, die Frage gestellt, ob das für ihn nicht eine Nummer zu groß sein könnte. Und man konnte recht bald feststellen: Nein, ist es nicht. Er ist in jedes Amt rasch hineingewachsen und hat es überraschend gut ausgefüllt.“

In die Wiege gesungen war dem Sohn aus dem einfachen Arbeiterhaushalt in Thörl dieser Aufstieg in die Höhen der Landespolitik sicher nicht – sechs Kinder, drei Buben, drei Mädel, Mutter Hausfrau, Vater Alleinverdiener. Mit sechs Jahren ging der Bub schon ministrieren, machte das mit Begeisterung bis zu seinem zwölften Lebensjahr, dann war einmal Schluss. „Wir hatten damals Wochendienste, das hieß eine Woche lang jeden Tag um sechs Uhr Messe, zusätzlich Begräbnisse, aber auch Hochzeiten. Die waren gefragt, weil da hat es dann hier und da auch für die Ministranten ein paar Schillinge gegeben. Aber dafür wurde ich nie eingeteilt und einmal fragte ich den Kaplan, warum ich nicht darf und er stellte mir nur die Gegenfrage: Ministrierst du vielleicht nur wegen dem Geld? Ich habe mich umgedreht, bin gegangen und nie wiedergekommen. Ich war immer schon ein Gerechtigkeitsfanatiker.“

Diese Erfahrung hat aber seine positive Einstellung zur Katholischen Kirche nie getrübt, im Gegenteil, als Landtagspräsident hat er auch den Dialog mit Bischof Egon Kapellari gesucht und gefördert und als die Frauenkirche in Pernegg, als beliebte Wallfahrtskirche auch Klein-Mariazell genannt, bedenklich zu bröckeln begann, wandte sich der damalige Bürgermeister Andreas Graßberger an seinen Freund Siegi Schrittwieser: „Du, deine Frau Liesi ist ja Perneggerin und es wäre schön, wenn du uns da helfen könntest.“ Er half, wurde Obmann des Kuratoriums zur Rettung der Frauenkirche, setzte auf sein Verhandlungsgeschick und seine Verbindungen und man überzeuge sich selbst – das barockisierte Kulturjuwel ist es allemal wert, von der Brucker Schnellstraße D 35 die Abfahrt Pernegg zu nehmen und dort innezuhalten.

Einen Ruf als erfolgreicher Kirchensanierer wird man nicht so leicht los, also folgte schon die Einladung zum nächsten Kuratoriumsvorsitz, diesmal für die Pfarrkirche von Seewiesen. „Auch das ist nun abgeschlossen und selbst das Problem in St. Ilgen, dort habe ich aber nur dem Kuratorium angehört, haben wir gelöst. Der Turm ist dort schon ein wenig schief gestanden, jetzt hält er wieder für die nächsten Jahrzehnte.“

Rotes Kreuz, Kirche, und sonst noch etwas, was ihm den „Unruhestand“ verkürzt? „Oh ja, meine Frau und ich haben uns ein Jahresticket gekauft und entdeckt, wie schön es ist, mit den Öffis zu reisen. Vor kurzem waren wir in Venedig – super. Aber an meine Altersgeneration möchte ich an dieser Stelle schon noch eine kleine Botschaft ausrichten: Es soll niemand glauben, dass er, nur weil er 70 ist, schon zum alten Eisen gehört. Es ist nämlich wirklich schön, vorausgesetzt man ist noch gesund, sich in die Gesellschaft einzubringen und etwas Gutes zu tun. Schließlich kommt auch viel wieder zurück. Und das tut einem gut.“

von Dieter Rupnik
© Luef Light
Beitrag veröffentlicht am 01. August 2022

 

Barbara Frischmuth: Mein fantastisches Leben

Barbara Frischmuth spricht mit Abenteuer Alter über ihr Ausseer Dirndl, ihren Feminismus und die Gefahr des Klimawandels.

Die gefeierte Schriftstellerin lebt und arbeitet in ihrem Haus hoch oben über Altaussee und ist durchaus froh, dass sie nicht alles mitbekommt, was „unten“ im Ort passiert. Zum Beispiel die Folgen der Bauwut im Ausseerland und im ganzen Salzkammergut, die sie stören und verärgern. Aber auch in ihrem großen Garten erkennt die Schriftstellerin Veränderungen, die sie herausfordern und die auf verblüffende Weise den Ereignissen unserer Tage ähneln. „Auch Pflanzen haben ihre Reviere und überwuchern die anderen“, beobachtet sie bei der täglichen Arbeit. Im Mai, als Barbara Frischmuth mit Abenteuer Alter telefonierte, musste sie feststellen, dass im harten Winter manche ihrer Pflanzen erfroren sind, konnte aber auch die Pracht ihrer Pfingstrosen genießen.

Die 81-Jährige kennt wie wenige sowohl das Leben in der Stadt als auch auf dem Land, in ihrem Heimatort. Ganz schnörkellos sagt sie „Altaussee ist sehr schön“. Sie kann das trennen vom Umstand, dass es hier ein Klima gibt, das ihre Pflanzen erfrieren lässt, und davon, dass sie den Flächenfraß durch die Untaten der Bauwütigen für ein ernstes Problem hält. Sie akzeptiert einige der Villen der Großbürger aus Wien oder München, wird aber energisch beim Gedanken, dass Manche aus Spekulationsgründen zwei oder drei Wohnungen horten und die Preise für Immobilien in schwindelnde Höhen treiben: „Man muss einmal Stopp sagen!“ Die äußerst erfolgreiche Autorin Barbara Frischmuh missgönnt niemandem das Erreichte, vermisst aber Grenzziehungen. „Wenn es hier zu wenig Wiesen und Umwelt gibt, wird auch Altaussee seinen Charme verlieren. Dann kann man gleich nach Kitzbühel fahren.“ Sie kennt schon Leute, die sagen, dass sie nicht mehr kommen, weil es nicht mehr das Altaussee ist, das sie lieben. „Die Ruhe, die wunderschöne Landschaft, die Natur – das hört sich alles auf.“

Das ist nicht Verbitterung, sondern derselbe Realismus, der aus ihr spricht, wenn die Touristen im Ort in Tracht und Dirndl aufmarschieren. Sie anerkennt die Kleidsamkeit des Dirndls: „Den meisten Freuen passte es“. In ihrem Schrank hängen „drei oder vier Dirndln, die ich schon ewig habe“. Das spricht wohl auch dafür, dass sie ihre Figur über die Jahre behalten hat. Sie trägt ein Dirndl nur im Salzkammergut und höchstens dann, „wenn es ein Fest gibt, wo man es halt anzieht“. So würden es alle Einheimischen halten. Offenbar tragen die Ortsfremden viel öfter Tracht als die Ausseer es tun. „Denen macht es Spaß und sie glauben dann, dass sie eher Kontakt zu den Einheimischen finden. Und für die Einheimischen ist es eine Einkommensquelle.“

Manche ihrer Beobachtungen und Empfindungen klingen lakonisch und andere wiegen schwer. Etwa, wenn Barbara Frischmuth sich intensiv mit den Themen des Lebens auseinandersetzt. Ihre Naturverbundenheit ist kein Gefühl, sondern geradezu wissenschaftlich fundiert und kommt in ihren jüngsten Büchern zu Ausdruck: „Dein Schatten tanzt in der Küche“ und „Natur und die Versuche, ihr mit Sprache beizukommen“. Deshalb hat sie mehr als nur Sympathie für die Fridays for future-Bewegung. „Die Natur rächt sich zu Recht. Da kommt etwas auf uns zu, was die meisten noch immer nicht ernst nehmen und das die nächste Generationen ausbaden müssen“, sagt sie. Das ist nicht Selbstanklage, sondern Analyse.

Sie gehört einer Generation an, „die ein fantastisches Leben hatte, weil es keinen Krieg gab“ und weil die Gesellschaft „auf die erste Nachkriegsjugend geradezu gewartet hat.“ Die positive Erfahrung, willkommen zu sein, begleitet sie ihr ganzes Leben und wappnen sie für alle Herausforderungen. Umso mehr macht ihr zu schaffen, dass sie neben der drohenden Klimakatastrophe und der Pandemie auch noch einen Krieg in Europa erleben muss. Also ob die Schäden durch den Klimawandel noch nicht bedrohlich genug wären, „kommt da noch diese Zerstörung durch die Menschen dazu“. Als Schriftstellerin will Barbara Frischmuth nicht behände gleich ein Buch über dieses neue Thema schreiben, das hat sie auch in Bezug auf die Pandemie vermieden. So etwas braucht „eine längere Zeit und einen gewissen Abstand“. Zum Beispiel sagt sie über das 2019 erschienene Buch „Verschüttete Milch“, sie habe es „schon 40 Jahre lang schreiben wollen“.

Durch all die Jahre und all die Bücher, Aufsätze und Vorträge zieht sich ein leidenschaftliches Bekenntnis zum Frau-Sein und zum fundierten Feminismus.

Das beginnt mit der Erfahrung zuhause, weil sowohl ihre Großmutter als auch ihre Mutter nach dem Tod des Mannes „ihren Mann stehen“ mussten, die eine in einer Fleischhauerei, die andere in einem Hotel. Man darf sich auch Barbara Frischmuth nicht als Stern vorstellen, der ohne sein Zutun von einer Sonne bestrahlt wird, sondern als eine zielstrebige berufstätige Frau. Die große Zahl von Büchern, die sie in mehr als 50 Jahren geschrieben hat, ist nicht vom Himmel gefallen, sondern Ergebnis disziplinierter Arbeit. Diese gelebte Selbstständigkeit gerade als Frau war in ihrer Generation die absolute Ausnahme. Das sind andere Erfahrungen, als sie etwa Ingeborg Bachmann machte, von der demnächst ein Film erzählen wird, dass sie bei ihrem Lebenspartner Max Frisch auch so etwas wie Schutz gesucht habe. Die Altausseerin hat durchaus Verständnis für dieses Empfinden, sagt aber ohne Schnörkel „Ich habe immer versucht, mich selbst zu schützen.“

von Johannes Kübeck
© Luef Light
Beitrag veröffentlicht am 29. Juli 2022

Prince Charles: Ein Königreich für die Natur

Das Regieren wurde ihm bisher verwehrt, außer in seinem Gartenparadies Highgrove. Dort ist Prinz Charles König, dort hat er das Gärtnern neu erfunden. Karl Ploberger drehte über die Leidenschaft Seiner Königlichen Hoheit kürzlich eine Dokumentation, für die er jahrelang auf eine Genehmigung warten musste. Wir spazieren einfach so hinein, an der Seite von ORF-Biogärtnerin Angelika Ertl.

Nein, in London waren wir nicht dabei, als mit großem Pomp das 70. Thronjubiläum von Königin Elisabeth II. gefeiert wurde. Wir besichtigten stattdessen mit der Gartenexpertin Angelika Ertl das Anwesen Highgrove, in dem Prince Charles, der ewige Thronfolger, die Welt ein bisschen besser macht. Das mit dem Hineinspazieren ist wohlgemerkt etwas flapsig ausgedrückt, selbstverständlich müssen auch wir uns an das Fotografierverbot halten und den Anweisungen der Sicherheitskräfte folgen. Die übrigens auch für das Wohlergehen der Kleintiere auf dem Anwesen sorgen: So wurden einmal einer Entenfamilie, die an einem entlegenen Ende des Gutes gebrütet hatte und mit ihrem Nachwuchs stets eine Straße außerhalb des Geländes queren musste, auf Geheiß des Prinzen kurzerhand Bobbys für den Straßenübertritt zur Seite gestellt.

Einen Garten mit Haus, please

Prinz Charles wollte schon immer einen Garten mit Haus – und nicht umgekehrt –, gefunden wurde dieser in Cloucestershire in den Cotswolds, zweieinhalb Autostunden von London entfernt. Highgrove erwarb Anfang der Achtzigerjahre übrigens nicht die königliche Familie, sondern das Herzogtum Cornwall für – aus heutigem Blickwinkel gesehen – ein Schnäppchen von kolportierten 800.000 Pfund, Prinz Charles, der Herzog von Cornwall und Prinz von Wales, wurde als Pächter ernannt. Das Haus war beim Kauf von „einem Nichts“ umgeben, wie der Prinz selbst sagt – außer einer alten Eibenhecke und der 200 Jahre alten Zeder vor dem Gebäude, die das Herz des 73-jährigen Thronfolgers letztlich eroberte. Als erste Maßnahmen ließ er am Haus Balustraden und Säulen als Kletterhilfe für Pflanzen anbringen, die ihren Duft bis hinauf in die Königlichen Räume bringen sollten. Die Leidenschaft für die Gärtnerei hat Prinz Charles von seiner Großmutter geerbt, deren Gartenutensilien er zu ihrem Andenken aufgehoben hat. Den Garten von Highgrove zieren zudem Büsten jener Menschen, die für den Prinzen Inspiration und Ideengeber waren. Sein Garten, so schreibt er im Vorwort seines Buches „Highgrove – ein Jahr im Königlichen Garten“, sei ein bescheidener Versuch, zur Heilung von Schäden beizutragen, die durch kurzsichtiges Handeln dem Boden, der Landschaft und letztlich unseren Seelen zugefügt wurden. Ihn hat er wie ein Maler gestaltet, jeder Teil ist ein separates Bild: Der Thyme Walk etwa mit verschiedensten Thymiansorten und den künstlerisch zurechtgestutzten Eiben-Figuren, und der „Stumpery“, in dem wilder Farn und sattes Grün über alten Wurzeln wuchern. Vor dem Haus finden sich Felder von Rittersporn, der Lieblingsblume des Prinzen. Die Kunst bei der Gestaltung bestehe für ihn zur Hälfte darin, dafür zu sorgen, dass der Garten beim Blick aus dem Fenster auch in den Wintermonaten reizvoll sei. Was ist für Angelika Ertl das Besondere an der Anlage? „Prinz Charles lässt seinen Garten mehr und mehr verwildern, penible Genauigkeit gibt es nur in wenigen formalen Gartenzimmern. Sonst wird der Garten lebendiger und auch wilder.“ Prinzessin Diana hielt übrigens nicht sehr viel von der Gartenleidenschaft ihres Mannes. Sie fuhr lieber ins benachbarte Städtchen Tetbury und ging dort einkaufen.

Als der Prinz „Bio“ hoffähig machte

In den 1980ern, als sich der fein- und kunstsinnige Prinz, der in seiner Freizeit gern malt, entschlossen hatte, sein Anwesen nach den Kriterien der biologischen Landwirtschaft zu betreiben, fand in Österreich gerade der Weinskandal statt und weltweit wurden in der Landwirtschaft unbedacht giftige Chemikalien eingesetzt. Dennoch hielt man von „Bio“ nicht viel, das war für Spinner. Auch in Großbritannien wusste man zunächst nicht recht, was man von der „spinnerten“ Idee des Prinzen halten sollte. Er schickte Sekretäre nach Deutschland zu Hardy Vogtmann, dem damaligen Pionier für biologische Landwirtschaft, um sich Beispiele zu holen, damit der Prinz seine Familie, die von der Bio-Idee rein gar nichts hielt, überzeugen konnte. Er bekam 60 Hektar Land „zum Probieren“ und fand mit David Wilson als Gutsleiter den kongenialen Partner, wie die Dokumentation „Der Bauer und sein Prinz“ zeigt. Wilson kam frisch von der Landwirtschaftsschule, wo ihm vor allem beigebracht wurde, welche Chemikalien er in welchen Situationen einsetzen sollte, wie er erzählt. Als er beim Bewerbungsgespräch mit der Frage konfrontiert wurde, ob er sich unter „biologischer Landwirtschaft“ etwas vorstellen könne, verneinte er und sagte Ja zum Job. Die Reise hin zu einer alternativen Art der Lebensmittelproduktion gefiel dem Vater von zwei kleinen Kindern. Mittlerweile ist man sich einig: Des Prinzen „verrückte“ Idee war eine vernünftige in einer verrückten Welt.

 

 

Einsatz für eine gesunde Zukunft

Heute ist das Landgut Highgrove mit insgesamt 760 Hektar – 311 waren es vor 30 Jahren, mittlerweile bewirtschaftet man auch den Boden von Nachbarn – ein landwirtschaftlicher Vorzeigebetrieb, in dem sich viele Bauern Rat für neue Wege holen. Es werden alte Schaf- und Schweinerassen vor dem Aussterben bewahrt, tausend Apfelbäume, jeder eine eigene Sorte, wurden gepflanzt. Die Milchkühe haben nichts mit den Turboleisterinnen in der konventionellen Landwirtschaft gemein, im Gegenteil, sie finden reichlich Platz in einem modernen Stall, wo ihnen ein längeres Leben gestattet ist. Artenschutz, Biodiversität sowie der Erhalt traditioneller Pflanzmethoden und Handwerksberufe stehen im Landgut des Prinzen an erster Stelle, und bei allem wird einen Schritt weitergedacht, um die Natur zu erhalten und die Menschen mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen. So ist es Prinz Charles zu verdanken, dass im nahezu baumlosen Großbritannien die Heckenkultur wieder etabliert wurde. Damit
steigt nicht nur der Grundwasserspiegel, Hecken verhindern Bodenerosionen durch Wind und bieten zudem Platz für viele Wildtiere. Den
Schnitt der Eibenhecken aus seinem Garten lässt er an ein nahegelegenes Forschungsinstitut liefern, das Öl hemmt das Tumorwachstum. Als
Grund für seinen ökologischen Einsatz nennt der Prinz die vielen umweltschädigenden Maßnahmen ab den 1960ern, als Gebiete weitgehend mit Chemie behandelt wurden, man Bäume entwurzelt hat und Feuchtgebiete trockengelegt, Hecken entfernt und Wiesen zerstört. Prinz Charles sagt dazu: „Wir müssen einsehen, dass wir selbst auch Teil der Natur sind und nicht separat existieren. Viele aber sind in diesem Glauben aufgewachsen.“ Nachsatz mit einem Verweis auf EU-Fördermaßnahmen, die keinesfalls auf Nachhaltigkeit abzielen: Solange wir die billigsten Lebensmittel wollen, wird die Landwirtschaft, die auf Produktionssteigerung und maximale Erträge ausgerichtet ist, bestehen bleiben.

Es braucht auch im Garten Humor

Der Magnet von Highgrove ist freilich der Garten Seiner Hoheit, den jedes Jahr rund 40.000 Gartenfans
besuchen. Weilt der Prinz dort, wird das durch eine gehisste Flagge signalisiert, zwischendurch kommt er immer wieder auf den Balkon, um seinen Gästen zuzuwinken. Es kann auch vorkommen, dass eine geplante Gartentour kurzfristig abgesagt wird, weil Prinz Charles mit seiner Camilla ein Wochenende in Abgeschiedenheit verbringen will, sagt die ORF Biogärtnerin Angelika Ertl. In ihren Gartenreisen ist Highgrove Garden ein regelmäßig wiederkehrender Programmpunkt, sie selbst wird dort wie eine alte Bekannte begrüßt. Bei ihrem letzten Besuch wurde sie allerdings stutzig, denn die Führung durch den wunderschönen Garten startete nicht wie üblich, man betrat diesen über einen anderen Pfad. Der Grund: Auf dem Weg, den man sonst gegangen ist, steht eine Büste von Prince Charles, ein Geschenk, über die der Thronfolger gar nicht „amused“ ist. Und diesen Anblick will man auch den Gästen ersparen. Eine Büste, die Prince Charles mit seiner
Camilla zeigt, hat man überhaupt im Wald versteckt. Genau das macht die Briten so unverbesserlich: charmante Diplomatie, stets mit einer guten Prise Humor, die auch dem Kronprinzen nachgesagt wird. Humor findet sich ebenso in seinem Garten, erzählt Angelika Ertl. So ließ der Prinz die etwas verknöcherte Eibenhecke im Thyme Walk von seinen Gärtnern eigenwillig umgestalten: Jeder seiner Gärtner durfte sich mit einem Gegenstand verewigen. So wächst da eine Schnecke aus der Hecke und dort eine Teekanne. Es wird übrigens gemunkelt, dass
sich der Prinz auf eine baldige Thronnachfolge einstellt, seine Mutter, Queen Elizabeth II., feierte immerhin im April ihren 96. Geburtstag. Auf Highgrove bereitet man sich schon jetzt darauf vor, dass der Prinz in Zukunft viel weniger Zeit dort verbringen wird. Sein Garten und sein Landgut stehen Besuchern unverändert offen, Tee oder Prosecco wird nach der Gartentour weiterhin serviert werden. Cheers!

 

Britische ­Gartenleidenschaft
Die Briten und die Franzosen sind sich bekanntlich nicht sehr „grün“. So ist der britische Garten in gewisser Weise ein Gegenentwurf zum französischen. Sonnenkönig Ludwig XIV. war bekannt dafür, sich die Natur untertan gemacht zu haben. Sein Garten in ­Versailles, ein „Angebergarten“, wie Angelika Ertl sagt, sollte perfekt sein und auf den Tisch bringen, was er für sein feudales Leben haben wollte. In England derweil wurde das gegenteilige Motto ausgerufen: Man solle der Natur wieder folgen. Wobei auch dort ein bisschen Angeberei sein musste: Unter Königin Viktoria bereisten „Plant Hunter“, so genannte Pflanzenjäger, die Welt, um von überall Pflanzen, Früchte und Kräuter mitzubringen. Das beeinflusste auch die Architektur, denn es brauchte Pflanzhäuser, um diese neuen Errungenschaften präsentieren zu können. Die Landschaftsplaner hatten damals alle Hände voll zu tun. Ein schöner Garten ist in England noch heute Statussymbol. Einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung dieses Erbes leistet der National Trust. Er wurde gegründet, nachdem sich viele Erben ihre Anwesen nicht mehr leisten konnten, weil sie die Hälfte des Wertes als Erbschaftssteuer abzuführen hatten. Der National Trust ist heute der größte Land-, Küsten-, Pub-, Mühlen- und Gartenbesitzer in Großbritannien. Die Königsfamilie unterstützt diesen Trust seit jeher.

 

von Daniela Müller
Beitrag veröffentlicht am 20.07.2022

Hans Jud: Zurück in die Zukunft

Aus Hans Jud spricht die Begeisterung, die Lebensfreude. Mit jedem Satz, jedem Wort, jeder Silbe bringt er zum Ausdruck, was ihn bewegt. Jahrzehntelang war es seine Arbeit als Familienrichter und noch länger schon sind es seine alten Autos. Gut, am Anfang in der Studienzeit waren es keine Oldtimer, sondern einfach nur – dem schmalen Studentenbudget geschuldet – „alte Autos“.

Nicht überpflegt, aber dafür billig, und den Reparatur und Wartungsstau der Vorbesitzer hat Hans Jud neben dem Studium in den Griff bekommen. In dieser Zeit ist auch die Geschichte entstanden, dass der junge Jurist immer eine Handvoll Vergaserdüsen in der Hosentasche hat. Man weiß ja nie, ob man nicht schnell eine braucht, weil der Motor wieder spuckt und stottert.

 

Hans Jud geht es immer um das „Warum“. Eine Grundsatzfrage, die ihn als Richter täglich beschäftigt hat. Diese Frage stellt sich heute auch, bei fast jedem seiner zehn Oldtimer. Warum wird der Motor heiß, warum fällt sporadisch eine Anzeige aus, warum läuft die Maschine unrund? Und die Antworten halten den Pensionisten jung, weil man sich täglich mit der Lösung eines Problems beschäftigt. Die Filmreihe „Zurück in die Zukunft“ passt also perfekt. Aus der Vergangenheit die Aufgaben für die Zukunft entstehen lassen. Und genauso wie der junge Michael J. Fox mit seinem DeLorean durch die Zeiten gesprungen ist, so hat auch Hans Jud einen der seltenen Flügeltürer in der Garage stehen, um die Vergangenheit mit der Zukunft zu verbinden. Und er schraubt nicht nur, er fährt auch.

Mit dem DeLorean war er in Irland im Werk bei einem Treffen. Seinen Rennjaguar, einen XK120 OTS (steht für open two seater), jagt er bei historischen Bergrennen in Rekordtempo den Pokalen nach. Und mit seinem Datsun 240 Z fährt er in Graz herum. Was ihm daran gefällt? Ein Auto mit tollem Sound und echten Fahrqualitäten, der von außen einfach nur aussieht wie ein „alter japanischer Reiskocher“, in der Szene würde man sagen, ein ehrlicher „shitlooker“ (wird hier aus Gründen der Etikette nicht übersetzt). Ein Oldtimer ist für Hans Jud ein Fahrzeug, in dem man sich in die Jugend zurückversetzen kann. „Er riecht anders, fährt sich anders, ohne den ganzen elektronischen Schnickschnack, unvermittelt, ehrlich…“ Das schätzt der ehemalige Richter übrigens auch an der Oldtimerszene. Das sind Leute aus allen Berufsgruppen: Mechaniker, Richter, Tischler, Rechtsanwälte, Professoren, ja sogar Moderatoren soll es in der Szene geben. Und man trifft sich und tauscht sich aus, führt Benzingespräche, löst Probleme, lacht und bleibt unter seinesgleichen jung.

Und so ist es für Hans Jud auch immer ein Erlebnis, in andere Garagen und Oldtimerwelten einzutauchen. Bei Herbert Fellner, einem Professor für Fahrzeugtechnik an der FH Joanneum, hat er einen Stammplatz in der Garage. Hier stehen weitere Pretiosen, die exemplarisch die Bandbreite der historischen Fahrzeuge offenbaren. Vom Morgan Threewheeler mit knapp 40 PS bis zur AC Cobra mit mehr als 400 PS. Was den Maschinenbaudoktor Herbert Fellner am Oldtimer reizt? Dass man die Technik von damals – wenn man sie einmal verstanden hat – auf die Autos von heute übertragen kann. Also auch hier wieder das Motto „Zurück in die Zukunft“: Versteh das Gestern, dann bist du gut gerüstet für das Morgen. Und auch für den Morgan. Oder den DeLorean. Oder den Jaguar…

Übrigens: Hans Jud wollte als Richter gar nicht in Pension gehen und hat sogar die Republik geklagt, um länger arbeiten zu dürfen. Diesen Prozess hat er verloren. Aber dafür ein Riesenstück Lebensfreude gewonnen. Denn zur Pensionierung hat er sich wieder ein Projekt gekauft, ein Rennauto von früher, den Lancia Delta Integrale, mit dem er sich nach England, Japan und Deutschland nun auch ein Stück Italien in die Garage geholt hat.

Beitrag veröffentlicht am 02.05.2022
© Luef Light

Renate Rosbaud: Ein Hund als Jungbrunnen

Aus den zahlreichen Anrufen und E-Mails als Reaktion auf den ersten Beitrag der bekannten TV-Moderatorin und Tierexpertin Renate Rosbaud in der letzten Ausgabe von „Abenteuer Alter“ kristallisierte sich ganz deutlich ein Themenschwerpunkt heraus: „Ich gehe zwar noch gerne spazieren, aber ganz topfit bin ich gerade auch nicht mehr, hätte aber gerne einen Hund als Begleiter. Darf ich, soll ich, kann ich?“ Renate Rosbaud hat dazu einen Expertenrat eingeholt.

Ein Hund tut gut in jedem Lebensalter! Vor allem, wenn Sie ein „Best-Ager“ sind, heute auch „Generation Gold“ oder „50plus“ genannt. Die Vorteile eines Vierbeiners sind großartig: Mit einem felligen Begleiter kommen Sie leicht ins Gespräch mit Gleichgesinnten jeden Alters und verschiedenster Herkunft. Freundschaften und Hundegruppen zum gemeinsamen Gassi gehen können entstehen. Leicht überwinden Sie auch ihren fiesen, inneren Schweinehund, denn der reale Vierbeiner muss hinaus. Das heißt, auch Sie müssen sich bewegen, bei jedem Wetter. Das hält beweglich, körperlich und geistig. Und Sie sind nie allein, es wird nie langweilig. Sie können mit Ihrem Hund sprechen, Ihre Sorgen loswerden, Ihren Ärger, ihm Schönes erzählen. Vorteil: Er hört zu und meckert nicht zurück. Perfekt!

Doch bevor Sie aufspringen und sich einen vielgewünschten und heiß ersehnten Wauzi zulegen, sollten Sie einige Punkte in Ruhe überdenken – schreiben Sie am besten eine Liste. Seien Sie ehrlich zu sich selbst. Bin ich noch so fit wie früher? Wie lange und oft möchte ich spazieren gehen? Fahre ich mehrmals im Jahr auf Urlaub? Habe ich eine Betreuung für meinen Hund, eine Tierpension, Familie, FreundInnen, NachbarInnen? Möchte ich eine Rasse, die oft beschäftigt werden will oder eher etwas Gemütliches?

Prinzipiell gilt, je kleiner und leichter ein Hund ist, umso einfacher ist es, ihn mitzunehmen, ihn wo hinaufzuheben, bei Bedarf zu tragen. Und es ist eine Frage der eigenen Sicherheit, der des Hundes und anderer Menschen. Wenn der Hund nämlich so groß und kräftig ist, dass er Sie umreißt, wenn er an der Leine zieht – dann ist er der Falsche. Diese praktischen und wichtigen Gedanken hat mir Andreas Gomsi verraten, Hundetrainer bei der renommierten Hundeschule „Martin Rütter DOGS Graz“ auf der Laßnitzhöhe. Er hat in meiner Serie „Bei Tier daheim“ (jeden DIENSTAG um 19 Uhr in „Steiermark heute“) schon öfter wertvolle Tipps gegeben. Auch er hat oft ältere Hundebesitzer in seinen Kursen, mit denen er trainiert und spricht deshalb aus Erfahrung.

Andreas sagt, es gibt nicht „die“ Hunderasse, die für „Best-Ager“ geeignet ist oder eben nicht. Es kommt auf den Charakter des Tieres an. Und auf das Alter des Vierbeiners. Ein Hund wird im Schnitt 10-15 Jahre alt. Kann ich mich solange um ihn kümmern? Gibt es jemanden, der auf ihn aufpasst, wenn ich krank bin, ins Spital muss, nicht mehr da bin? Ein guter Tipp, so der „Martin Rütter DOGS“-Trainer, ist, sich in Tierheimen nach älteren Hunden umzuschauen. Diese finden leider meist nicht so schnell ein neues Zuhause und sind dankbar, wenn ihnen jemand noch Liebe und Zuwendung schenkt. Der Vorteil, sie sind meist auch schon erzogen und stubenrein. Gehen Sie einfach ein paar Mal probeweise spazieren. Dabei merken Sie schnell, ob Sie und der Hund harmonieren.

Als Vierbeiner-Faustregel könnte man sagen: eher klein, nicht zu schwer, pflegeleichtes Fell und von ausgeglichenem Charakter. Ich persönlich finde ja Klein- oder Zwergpudel entzückend, kurz geschoren und relativ leicht zu erziehen. Außerdem haaren sie nicht. Wenn Sie das alles abgewogen haben, dann steht einer Hundeliebe bis ins goldene Alter nichts im Wege. Und außerdem: 80 ist ja immerhin das neue 60 und in diesem Alter sind viele von Ihnen fitter als so mancher Teenager.

Beitrag veröffentlicht am 19.04.2022
© Luef Light

Als ein Grazer Portorož „erfand“

Jede Zeit hat ihren Lugner. Nicht nur die unsere kann in den letzten Dezennien mit einem solchen aufwarten, auch die Monarchie hatte den ihren. Eine Nummer größer sogar.

Es war im „Fin de Siècle“ ein adeliger Industriellensohn aus Graz, der, hätte es damals schon so etwas wie ein TV gegeben, den perfekten k. u. k. Seitenblicker abgegeben hätte. Beide haben sich ein Denkmal gesetzt – der Wiener mit der Lugner City, der Grazer mit einem Hotel, das Portorož vom kleinen istrianischen Fischerdorf zum international begehrten Nobelkurort aufsteigen ließ, dem legendären „Palace Hotel“, das heute als Fünf Sterne „Kempinski Palace Hotel“ den Charme dieser einstigen Noblesse in die Gegenwart mitgenommen hat.


Hans Reininghaus

Man schrieb das Jahr 1907, als der damals vierzigjährige Johann Friedrich von Reininghaus, bekannt als Hans von Reininghaus, beschloss, in der malerischen Bucht von Portorož ein Hotel zu errichten. Nicht irgendeines, sondern eines, das sämtliche Maßstäbe an bisher gebotenem Komfort sprengen sollte. Als Architekt beauftragt wurde ein gewisser Johann „Giovanni“ Eustacchio aus Buje, Sohn jenes Angelo Eustacchio, der zum Ahnherren der großen steirischen Eustacchio-Familie werden sollte. 1908 wurden die Bauarbeiten aufgenommen und nach nicht einmal zwei Jahren konnten die ersten prominenten Gäste im Luxustempel, der schönste an der oberen Adria neben dem Excelsior in Venedig, wie die Zeitungen schwärmerisch berichteten, ab 20. August 1910 ihre Zimmer beziehen.

Man speiste im Kristallsaal, genoss den betörenden Duft von hunderten Rosenstöcken und Lorberbäumen, suchte den Schatten der Pinien und Zypressen oder zog sich in die Ruhe des Lesesaals zurück. Zu den Thermen gab es eine direkte Verbindung. Alles hatte Architekt Eustacchio, der in Graz studiert hatte, in seinen Planungen berücksichtigt, nur die Grundwassersituation nicht – Frischwasser musste täglich per Tankschiff herbeigeschafft werden, was aber für die Gäste keine Minderung des Komforts bedeutete.

In nur zwei Jahren Bauzeit war das Luxus-Hotel fertiggestellt – und in fünf Jahren pleite.

Nachdem der technisch begabte und vor Ideen sprudelnde Hans Reininghaus diese auch in die Baugestaltung einfließen ließ, hatte sich die kalkulierte Bausumme in der Endabrechnung mit 2.257.100 Kronen nahezu verdoppelt. Johann Eustacchio erlebte allerdings die Eröffnung „seines“ Hotels nicht mehr, er starb mit nur 40 Jahren am 7. Juli 1909 in Wien. In imperialer Pracht geprägt von einer behutsam abgestimmten Mischung von Historismus, Wiener Sezession und Neorenaissance entfaltete sich ein gesellschaftliches Leben, das der Projektentwickler und Financier Hans von Reininghaus sehr genoss und für seine PR-Zwecke einzusetzen wusste. Richard Lugner hätte bei ihm bestimmt Know-how Anleihen zeichnen können. Einzig bei der Zahl der geschlossenen Ehen hat ihn Lugner überflügelt. Waren es beim Wiener Baumeister insgesamt fünf, so hielt Reininghaus bei drei an. Davon sollte die erste jedoch nicht nur für längere Zeit die Tagesthemen in der monarchischen Zeitungslandschaft vorgeben, sondern auch den Grund liefern, dass sich Sorgen- und Zornesfalten auf des Kaisers Stirn zeigten. Aber davon etwas später.


Das Palace Hotel setzte neue Maßstäbe in punkto Glanz und Gloria zur Endzeit der Monarchie.

Ein Lieblingsneffe erinnert sich noch gut an Onkel Hans und auch an dessen erste Gattin Tante Gina.

„Abenteuer Alter“ konnte mit einem liebenswürdigen Herrn, der das Grazer „Luschin-Schlössl“ am Rosenberg bewohnt, sprechen, der diesen Hans von Reininghaus nicht nur gut kannte, sondern auch dessen Lieblingsneffe war. Würde die Monarchie noch existieren, würde er sich Georg Graf Künigl von Ehrenburg nennen, so ist er einfach Diplomingenieur, der beim Land Steiermark als Experte für den Autobahnbrückenbau arbeitete, sich als Hofrat in den Ruhestand verabschiedete und heuer seinem Neunziger entgegensieht.

„Der Onkel Hans war ein Herr, der auch im Alter noch eine charismatische Ausstrahlung versprühte, groß, fesch, eloquent, interessiert an allem, wusste viel und hielt damit auch nicht zurück. Das konnte mitunter anstrengend werden, wenn er auf langen Spaziergängen bei seinem Wochenendhaus in Edelschrott dir als jungem Menschen die Budgetgestaltung erklärte. Oder seine Fahrten nach Wien. Weil er Angst vor dem Einschlafen im Auto hatte, durfte ich mit ihm immer wieder in seinem stromlinienförmigen Tatraplan mit dem markanten Schrägheck in die Bundeshauptstadt fahren. Aber ich habe dadurch so viel von seinem bunten spannenden Leben erfahren können, auch von seiner Expeditionsreise am Nil bis in den Sudan im Jahr 1905.“

Der „Onkel Hans“, geboren 1867 in Graz, war in seinen jungen Jahren ein talentierter Universalsportler, fuhr mit dem Hochrad sogar von Graz bis München, wo er recht enttäuscht war, dass die festliche Beflaggung der Isar-Metropole nicht ihm, sondern dem Oktoberfest galt. Er war ein sieggewohnter Turnierreiter, forcierte mit Max Kleinoscheg den Skisport, zählte Peter Rosegger, Alexander Girardi und den Bildhauer Hans Brandstetter zu seinen engsten Freunden, nannte eines der ersten Autos in Graz sein Eigen und stieg konsequenterweise zum ersten Präsidenten des steirischen Automobilclubs als frühen Vorläufer des ÖAMTC auf, zählte zu den besten Schachspielern der Monarchie und war so ganz nebenbei eine technische Begabung. Nur ein kleines Beispiel: die Drehtür – ein Patent von Hans Reininghaus.

Nach mehreren „Hafenrundfahrten“ steuerte auch ein Hans Reininghaus den Hafen der Ehe an. In Triest hatte er die bildhübsche und blitzgescheite Gina, Tochter des berühmten Portraitmalers Tito Agujari kennen gelernt und sich Hals über Kopf in die Sechzehnjährige verliebt, die er alsbald – man schrieb das Jahr 1896 – vor den Traualtar führte. Der Ehe entsprossen sechs Kinder, wovon der älteste Sohn Peter von Reininghaus ab 1920 für 50 Jahre die Geschicke des Unternehmens Reininghaus leiten wird.

Aber weswegen verschlug es den Grazer Hans Reininghaus in das verträumte, damals (noch) österreichisch-istrianische Portorose, dem Rosenhafen? Georg Künigl erinnert sich an alles, was man in der Familie darüber erzählte: Nachdem seine Mutter Therese Reininghaus schon in Abbazia das Hotel Quisisana besaß, sah sich der Sohn an der gegenüberliegenden Seite von Istrien in Piran und Portorose um – und wurde fündig, indem er dort 1907 die Leitung der Portorose Aktiengesellschaft übernahm. Seine Handschrift sollte sofort sichtbar werden, denn ein Jahr später begann schon der Bau des Hotels Palace. Damit stellte das Jahr 1907 einen Meilenstein im Leben des Grazer Adeligensprosses in zweifacher Hinsicht dar – er trug sich mit den Plänen für das Hotel, ein anderer mit solchen betreffend seine attraktive Frau.

„Als 1901 der Vater von Onkel Hans, Peter Reininghaus, der gemeinsam mit seinem schon früher verstorbenen Bruder Julius Reininghaus die Grazer Brauerei-Dynastie begründet hatte, plötzlich verschied, war es nicht  Hans, bis dahin als Prokurist im Betrieb tätig, der die Brauerei führen sollte, seine Mutter Therese übernahm gemeinsam mit einem Schwiegersohn die Leitung. Hans aber steckte voller Ideen, wollte sich beweisen und Geld dazu besaß er auch.“

Niemand anderer als der damalige Chef des Generalstabes, Franz Conrad von Hötzendorf, vor Jahren schon Witwer geworden, verliebte sich unsterblich in die 27 jüngere Virginia „Gina“ von Reininghaus, die vorerst seinem Liebeswerben Folgendes beschied: „Sieben Gründe sprechen dagegen – sechs Kinder und ein Ehemann.“


Die bildhübsche Triestinerin Virginia „Gina“ Augjari, geschiedene Reininghaus und spätere Gattin von Feldmarschall Franz Conrad von Hötzendorf

 

Jenes Glück, das dem späteren Feldmarschall im ersten Weltkrieg auf allen Frontlinien versagt geblieben war, konnte er dafür durch Hartnäckigkeit bei seiner Angebeteten erringen. 1915 wurde diese Art einer „Menage à trois“ Hans Reininghaus zu viel und er reichte die Scheidung ein. Aus für die Ehe, ein Aus auch für das Hotel. Bedingt durch die Einschränkungen des Krieges schlitterte es nach fünf Jahren Mondänität, in denen Hoch- und Geldadel dort allerhöchsten Luxus genossen hatten, sogar Kronprinz Franz Ferdinand seine Gattin Gräfin Sophie Chotek dort zum Tanz geführt hatte, in die Insolvenz. Ein mäßiger Betrieb in der Zwischenkriegszeit, anschließend Beschlagnahme durch das Militär, erst durch das deutsche, dann nach dem Zweiten Weltkrieg durch das jugoslawische. Dann die Auferstehung in den Wirtschaftswunderjahren als neuerlicher Treffpunkt für Schön & Reich.

Der internationale Jetset liebte das Palace Hotel und selbst Marschall Tito war dort Stammgast.

Staatschef Josip Broz Tito liebte es genauso wie Yul Brynner, wie Winnetou Pierre Brice oder Sophia Loren, um nur einige zu nennen. Zu Beginn der Siebzigerjahre der große architektonische Sündenfall: In den prachtvollen Park setzte man unansehnliche Kioske, die den Blick auf das Meer verstellten, diente sich dem zunehmenden Autoverkehr mit dem Bau einer Straße mit zwei Spuren an – jeweils eine davon für das Parken. Das Palace Hotel verlor erst seinen Charme, daraufhin sein Publikum. 1980 war zum ersten Mal Schluss und nach einigen erfolglosen Wiederbelebungsbemühungen kam mit 1990 das endgültige Aus.

Erst nach einer völligen Neuordnung der Besitz-  und Zuständigkeitsverhältnisse konnte im Jahr 2003 eine bis 2008 dauernde, umfassende 70 Millionen teure Sanierung das Hotel mit der Kempinski-Gruppe als Betreiber wieder unter den Top-Fünf-Sterne-Palästen positionieren. Und wie ging es mit den handelnden Personen von einst weiter? Georg Künigl erinnert sich: „Tante Gina, die Ex-Gattin von Hans, die wir ja auch gut kannten und von ihrem Klavierspiel immer fasziniert waren, wurde bereits 1925 Witwe, starb selbst 1961 im Südbahnhotel am Semmering, wo sie die letzten Lebensjahre verbracht hatte. Sie war nie wieder eine Ehe eingegangen. Onkel Hans hatte in unserer Gegenwart nie über sie gesprochen, er heiratete noch zwei Mal und lebte glücklich mit seiner letzten Frau, der Apothekerin Elisabeth Seidl in einer eher kleinen Wohnung in der Glacisstraße 5 in Graz. Das Schloss Hardt in Thal hatte er verkauft, hatte aber 1927 den inzwischen trocken gelegten Thalersee wieder zu einer beliebten Freizeiteinrichtung für die Grazer ausgebaut. 1959 war er noch bei meiner Graduierung zum Diplomingenieur dabei, starb aber noch im selben Jahr nach einem Schlaganfall im Alter von 92 Jahren.“

Richard Lugner hat mit seiner Lugner City ein bauliches Denkmal und Hans von Reininghaus? Hat eben jüngst auch eines bekommen: Im neuen Stadtviertel Reininghauspark trägt ein Wohnblock – fünf Stockwerke, 20 Wohnungen – den Namen „Haus Johann Dietrich“. Hans nannten ihn ja außer der Familie nur die vielen Freunde und Bekannten.

Beitrag veröffentlicht am 21.4.2022
© Kempinski Palace Hotel

Alfons Haider, Berufsjugendlicher

Mit einem „Ach was, ist ja nur eine Zahl!“ wischt Alfons Haider beiläufig die Tatsache weg, dass er heuer 65 Jahre wird. Der ewig Junggebliebene ist fit durch regelmäßigen Sport, Herumtollen mit seinen drei jungen Neffen und er ist nach wie vor erfolgreich im Job: „Mich erfüllt mein Beruf und die Tatsache, dass ich mich immer wieder verändern kann, wenn ich will.“

Als Moderator hat er jedenfalls seine Bühne gefunden, beim Opernball beispielsweise mit vielen Stars und Glamour. Seine fotogene Seite und seine Schlagfertigkeit haben ihm bei seiner Moderatorenkarriere stets geholfen, auch wenn dieses Standbein seiner Schauspielkarriere geschadet hat, wie er im Gespräch mit „Abenteuer Alter“ berichtet.

Anna, der König und Mörbisch

Doch es kommt ohnehin stets anders. Seit dem Vorjahr ist Alfons Haider Generalintendant der Mörbischer Seefestspiele und des Festivalsommers jOPERA, „das ist für mich Futter für den Kopf.“ Im Moment dreht sich alles um die Vorbereitungen für Mörbisch, wo er bereits 1975 als Statist im „Zigeunerbaron“ auf der Bühne gestanden ist. Heuer gilt es, die 3.600 Quadratmeter große Seebühne mit dem 27 Meter hohen Königspalast mit Gesang und Leben zu füllen. Kurz vor dem Gespräch mit „Abenteuer Alter“ telefonierte er noch mit der möglichen Zweitbesetzung für den König für das Stück „Der König und ich“, das heuer aufgeführt wird, 110 Darstellern, 50 kommen aus Asien. Die elf mitwirkenden Kinder hat Alfons Haider zum Teil selbst „gecastet“ und auf der Straße angesprochen. Das Stück nach einer wahren Begebenheit, das sich auch in Alfons Haiders Theater Biografie wiederkehrend findet, handelt von der britischen Witwe Anna Leonowens, die 1862 mit ihrem Sohn Louis an den Königshof von Siam kommt, wo König Mongkut mit starker Hand über Reich herrscht. Anna verliebt sich augenblicklich in die zahlreichen Kinder, die sie dort unterrichtet. Die Geschichte wurde mehrfach verfilmt, unter anderem mit Yul Brynner, sowie als Musical aufgeführt. So auch in Mörbisch. Haider brach dort mit der alten Tradition und ersetzt nun Operette durch das Musical, was „nicht unkritisch“ gewesen sei, doch junges Publikum locke man nicht mehr mit Operetten, betont der Intendant.

Moderator mit fünfeinhalb

Seine ersten Bühnenerfahrungen hatte Alfons Haider im Kindergarten, er spielte den König, den Weihnachtsmann, den Prinzen im Rotkäppchen. Als Moderator stand er im zarten Alter von fünfeinhalb Jahren auf der Bühne und führte durch die Muttertagsgala in einem von Nonnen geführten Kindergarten. Mit 17 Jahren zog es ihn in die weite Welt, an die Lee-Strasberg-Schauspielschule nach Los Angeles, wo er unter anderem von Charlton Heston unterrichtet wurde. Sein Schwerpunkt lag in der Fernseh- und Kameraausbildung, ein großer Vorteil für seine spätere Karriere als Fernsehmoderator, weil er dadurch jegliche Angst vor der Kamera verloren hat. Kein Lampenfieber also? „Nicht mehr, aber dafür habe ich mit zunehmendem Alter größeren Respekt vor den Shows und den Menschen bekommen, mit denen ich dort arbeiten darf.“ Nachsatz: „Lampenfieber hätte ich vielleicht, wenn ich den Papst interviewen müsste.“

Seine Zeit im damals noch recht gefährlichen Los Angeles („ich war recht tollpatschig, hatte aber zum Glück einen Schutzengel“) endete recht abrupt nach sechs Monaten, als Haiders Vater gestorben war. Seine Ausbildung setzte er am Konservatorium der Stadt Wien fort, den ersten Auftritt hatte er mit 20 als Statist in „Der Vogelhändler“ an der Volksoper. Auf die Lieblingsrolle befragt, nennt er ohne zu zögern die Rolle als Daniel Kaffee im Theaterstück „Eine Frage der Ehre“, das 1993 im Volkstheater in deutscher Sprache welturaufgeführt wurde und mit dem er zwischen 1994 bis 1997 auf Tour war. An der Josefstadt und am Volkstheater war er jeweils fünf Jahre engagiert, 1978 war er Teil der Tischgesellschaft beim „Jedermann“ in Salzburg. Von Maximilian Schell bekam er zu seinem 50. Geburtstag ein Buch mit der Widmung: „Dem Kollegen Alfons Haider, der mehr gehalten hat als versprochen.“

Obwohl die Liste seiner Theaterengagements lang ist, wollten ihn die Kulturkritiker nur als Moderator sehen, viele „Watschen“ in Kulturkolumnen habe er damals bekommen. Über eine Kritik muss er noch immer schmunzeln: Ein bekannter Kurier-Kritiker, der von seiner Frau überredet wurde, ins Stück „Eine Frage der Ehre“ zu gehen, verkündete in der Zeitung recht kleinlaut, dass „der Moderator“ entgegen allen Erwartungen dann doch ein prima Schauspiel geboten hat. „Als ich als Moderator Karriere gemacht habe, habe ich mir sämtliche Bühnenmöglichkeiten verdorben. Das ist für mich in Ordnung und macht mich auch nicht böse“, sagt Alfons Haider, wobei ein leicht schaler Geschmack schon übrig bleibt: In Österreich bleibe man an Klischees hängen, wer einmal als Komödiant bekannt sei, werde im ernsten Fach kaum Chancen haben. „Geschafft“ habe man es hierzulande erst, wenn man „auf der Burg“ sei. Alfons Haider schmunzelt. Er hat über 700 Mal seinen Daniel Kaffee gespielt, über 600 Mal den Kaiser Franz Joseph, „so lange das Publikum zufrieden ist und man selbst mit seiner Leistung, ist für mich alles in bester Ordnung.“

Die Jugend, das Gesicht und die Seele

Alles in allem ist Alfons Haider zufrieden mit seiner Karriere und seinem Leben, zu dem sich eine gewisse Altersweisheit gesellt hat. „In meinem Beruf gibt es viele Auf’s und Ab’s. Wenn ich so nachdenke und mich frage: Was ist, wenn ich nur mehr 15 Jahre habe?, finde ich es lächerlich, mich über gewisse Sachen zu sehr zu grämen. Das Leben ist ein Lernprozess, auch im Alter.“ Seine Jugendlichkeit verdankt er einem recht gesunden Leben und gutem Genmaterial: „Als ich 40 Jahre war, hat Hans Holt einmal zu mir gesagt: Alfons, du musst aufpassen, mit 50 kommt die Seele eines Menschen ins Gesicht. Das stimmt, wie ich finde.“ Er fügt schmunzelnd hinzu: „An guten Tagen schaue ich aus wie 40, an schlechten wie 65.“ Sein Elan wurde zuletzt durch eine heftige Corona Infektion gebremst, die ihn zehn Tage ans Bett fesselte. Besorgt war er in dieser Zeit vor allem um die bei ihm lebende Mutter. Jeder verblieb in seinem Zimmer, die Unterhaltung innerhalb der eigenen vier Wände fand telefonisch statt. Seine Mutter hat er vor wenigen Jahren zu sich geholt, sie ist 84 und schon etwas gebrechlich. „Wir sind seit 65 Jahren wohl die einzigen Menschen, die sich beim Frühstück noch etwas zu sagen haben“, sagt Alfons Haider.

Der politische Alfons Haider

Die Pandemie zeigte dem Schauspieler eine Seite, die ihn erstaunt bis traurig macht: „Es ist vielen einfach wurscht, wie es den alten Menschen geht. Aber bei der Wirtschaft heißt es: koste es, was es wolle.“ Ein bisschen ist der smarte Schauspieler dann auch Mahner, wenn es um Ungerechtigkeiten oder Unmenschlichkeit in der Politik geht. Selbst hat er 1997 öffentlich verkündet, homosexuell zu sein und viele Kommentare ausgelöst: Auf der einen Seite wurde er provoziert, er solle endlich öffentlich machen, was ohnehin jeder wisse, auf der anderen standen jene, die im Anschluss lautstark äußerten, wozu das nötig gewesen sei, es wisse ohnehin jeder über Haiders Homosexualität. Und dann gab es solche, die ihm vorwarfen, das Outing nur gemacht zu haben, um mehr Karten für seine Show verkaufen zu können. Es gab Drohungen gegen seine Familie und Freunde, seine Mutter wurde sogar tätlich angegriffen. Der damalige Landeshauptmann Erwin Pröll hat Haider und seiner Mutter sogar Unterschlupf angeboten, bis sich die Wellen geglättet haben.

In der damaligen Stimmung ließ er sich in der Satiresendung „Willkommen Österreich“ zu einem deftigen Zitat über das „verlogene, verschissene Österreich“ hinreißen, das Wogen der Empörung schlug. Ob er das heute noch einmal so sagen würde? „Wenn Not am Mann wäre, ja. Aber ich glaube, dass sich seither vieles verbessert hat in Bezug auf die Akzeptanz von homosexuellen Menschen. Ich bin vor allem der Meinung, dass jeder erst einmal vor seiner eigenen Tür kehren soll.“ Die FPÖ habe damals verlangt, dass man Haiders Pass abnehme, „das hat mich dann schon etwas stolz gemacht“, sagt Haider und schmunzelt. Er findet, dass sein Outing und das von Günter Tolar zuvor gesellschaftlich dann doch einiges bewegt haben. Er bekam sogar viel Applaus, als er 2011 mit Vadim Garbuzov bis ins Finale von „Dancing Stars“ tanzte. „Und was Österreich betrifft, muss ich sagen: Wir leben in einem der schönsten Länder der Welt. Trotz allem.“

 

Beitrag veröffentlicht am 12.04.2022
© Ali Schafler, Thomas Ramstorfer

Geschichten über Liebe & Leben

Arabella Kiesbauer ist seit vielen Jahren Partnervermittlerin im TV. Mit Abenteuer Alter sprach sie über die Dreharbeiten von „Bauer sucht Frau“ und das Geheimnis der Liebe, über das ihr anfangs fremde bäuerliche Leben und ihre Vorstellung vom Älterwerden.

Arabella Kiesbauers Karriere begann Ende der 1980er-Jahre im ORF bei der Jugendsendung X-Large. Heute moderiert sie große TV-Shows im deutschen und österreichischen Fernsehen, etwa Starmania, Kiddy Contest oder den Life Ball. Die 52-Jährige ist mit einem Wiener Unternehmensberater verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von 10 und 13 Jahren. Für ATV moderiert sie seit 2014 die Kuppelshow „Bauer sucht Frau“. 

Frau Kiesbauer, wie wäre es mit einer Kuppelshow für Seniorinnen und Senioren?

Kiesbauer: Gedanken darüber habe ich mir noch keine gemacht, aber es wäre schon ein Thema für ältere Menschen, weil die Einsamkeit in unserer Gesellschaft rasch voranschreitet. Laut Caritas-Schätzung haben schon vor der Pandemie 370.000 Menschen in Österreich angegeben, sie hätten niemanden zum Reden. In Großbritannien wurde mittlerweile ein Einsamkeitsministerium ins Leben gerufen, andere Länder wollen diesem Vorbild folgen. Klar ist das ein relevanter Wirtschaftsfaktor, vor allen Dingen aber ist es traurig.

„Ältere Menschen sind aufgrund ihrer Lebenserfahrung selbstsicherer bei der Partnersuche.“

Aktuell läuft die 18. Staffel von Bauer sucht Frau. Haben Sie noch einen Überblick über alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer?

Ja, aber manche stechen besonders heraus, das sind oft die anfangs sehr schüchternen, die durch die Sendung und den Zuspruch, den sie erfahren, eine Wandlung durchleben und mehr Selbstbewusstsein bekommen. Und dann natürlich die richtigen Draufgänger, die Showtypen, die für Unterhaltung sorgen.  

Wie viele Verkupplungen waren erfolgreich?

Ungefähr ein Drittel der Bauern fand das Liebesglück. 

Welches Paar ist Ihnen am besten in Erinnerung?

Da gibt es viele! Um eines herauszugreifen: Ein cooler, junger Bauer, der recht spartanisch gelebt hat, aber fesch und charismatisch war und demnach viele junge Damen bezaubert hat. Er hat in seiner Claudia die Richtige gefunden. Mit ihr ist er auf Weltreise gegangen, die beiden sind in Neuseeland hängengeblieben, haben ein Baby bekommen und sind glücklich miteinander.  

Und wer betreut den Hof?

Seine Eltern. Ein Hof ist ja selten alleine zu bewerkstelligen. Oft arbeiten auch noch die Großeltern mit. 

Was haben Sie durch Bauer sucht Frau über die Bauernschaft gelernt?

Wahnsinnig viel! Ich war früher ja ein richtiges Stadtkind und habe mir keine großen Gedanken darüber gemacht, woher die Lebensmittel kommen und wie viel Arbeit dahintersteckt. Das habe ich erst erfahren, als ich den Bauern über die Schultern schauen durfte. Die Wertschätzung für die Arbeit und Produkte, die wir dank der Bauern in Österreich genießen dürfen, ist bei mir jedenfalls immens gestiegen.

Wie alt waren eigentlich Ihre ältesten Teilnehmerinnen und Teilnehmer?

Wir hatten BewerberInnen und Bauern über 60 Jahre. Die waren keine Kinder von Traurigkeit! 

Wie verändert sich die zwischenmenschliche Annäherung mit dem Alter, was beobachten Sie hier? 

Ich beobachte, dass ältere Menschen aufgrund ihrer Lebenserfahrung selbstsicherer bei der Partnersuche sind. Das ist ein sehr angenehmer Effekt, sie wissen, was sie wollen und was nicht passt. Es ist auch mehr Ernsthaftigkeit dabei. Im Gegensatz zu jungen Menschen trauen sie sich auch eher, über Gefühle zu sprechen.

Was haben Sie in Ihrem Berufsleben über Menschen gelernt?

Ich habe durch die Gäste in meinen Sendungen, die ich während der letzten 30 Jahre moderiert habe, viel über das Leben erfahren, weil ich ja in meinem eigenen Leben nur einen kleinen Ausschnitt dessen erlebe, was alles möglich ist. Meine Gäste haben mich auf ganz viele Reisen in die unterschiedlichsten Lebenswelten mitgenommen. 

Woran erinnern Sie sich besonders?

Faszinierend sind für mich als Hobbysportlerin unter anderem die Gespräche mit Extremsportlern, mit Bergsteigern, Marathonläufern oder Apnoetauchern, wie diese sich zu Extremleistungen motivieren beispielsweise. Das ist für mich ein Eintauchen in eine Welt, die ich nicht kenne. 

Kommen wir bitte zurück zur Partnersuche. Was sind so die Probleme bei der Partnerfindung? 

Wir leben in einer Welt, die geprägt ist von der Suche nach Best-of-Momenten. Wir wollen immer das Schönste, Beste, Tollste finden. Das bedingt, dass Menschen dazu neigen, eine Beziehung, die nun einmal Höhen und Tiefen hat, schneller auszutauschen als man das früher gemacht hat.  

Wie hat sich die Begegnung von Menschen untereinander in den letzten Jahrzehnten geändert?

Unsere Generation hat sich beim Kennenlernen in die Augen schauen müssen, wir mussten miteinander reden. Heute gaukeln uns die Sozialen Medien vor, dass man das nicht tun muss. Ich habe oft beobachtet, dass sich junge Menschen nicht mehr in die Augen blicken können und sich nicht mehr trauen, das Gegenüber anzusprechen. Beim Schreiben hingegen sind sie super (lacht). Über Gefühle reden kann diese Generation nur schwer, dabei sind die, die zu mir in die Sendungen kommen, eh schon recht mutig!

„Dass ich erfolgreich war und bin, ist ein schöner Nebeneffekt. Für mich ist wichtiger, ein erfülltes Leben zu führen.“

Wissen Sie nach 18 Staffeln Bauer sucht Frau besser, was eine gute Partnerschaft ausmacht? 

Ich glaube schon. Das Geheimnis einer guten und funktionierenden Beziehung ist, füreinander da zu sein und sich auf Augenhöhe zu begegnen. 

Sie begleiten unsere Leserinnen und Leser schon lange als Fernsehmoderatorin. Ist es eine Branche, in der man als Frau älter werden darf?

Jedenfalls schlechter als ein Mann. Doch Neid auf die jüngere Generation ist nicht angebracht. Wenn man in meinem Bereich – große Shows und Formate in der Primetime – schaut, tun mir die jungen Kolleginnen fast Leid, weil die Zeit eine andere ist und auch die Produktionsbedingungen. Früher hatten wir bei einer Show mehrere Probetage, wir hatten Zeit, hineinzuwachsen. Eine Sendung, die anfangs keine so tolle Quote hatte, bekam Zeit, um zu wachsen. Das war in den Budgets drin. Heute muss eine Sendung vom Start weg die Erwartungen erfüllen, für große Shows gibt es keine Probetrage, weil dafür kein Geld da ist. Da braucht man absolute Profis in allen Bereichen, die das Ding aus dem Stand stemmen können. Und diese Erfahrung kann man mit 20 nicht haben.

Wie sehen Sie das Thema Älterwerden? Entspannt oder weniger entspannt?

Der Gedanke an Siechtum, das Schreckensgespenst, das hoffentlich in weiter Ferne liegt, ist nicht angenehm. Aber positiv formuliert: Letztlich ist Älterwerden ein Privileg, zu dem es keine Alternative gibt.  Deswegen geht es auch um „Best Aging“ und dazu muss man Geist und Körper pflegen. Was den Geist betrifft, so schätze und pflege ich das Kind in mir. Um mit dem Autor Franzobel zu antworten: Es ist wichtig, sich die Neugierde zu behalten, um im Kopf frisch zu bleiben. 

Welche Karrierestationen würden Sie noch gern durchlaufen?

„Karriere“ ist für mich nicht so wichtig. Dass ich erfolgreich war und bin, ist ein schöner Nebeneffekt. Für mich ist wichtiger, ein erfülltes Leben zu führen und dazu gehört mehr als nur der Beruf. In meiner Altersgruppe herrscht noch ein gewisser Tunnelblick, man hat Familie, Job und ganz viele Dinge, die rundherum organisiert werden müssen. In Wahrheit lebe ich mit meinen zwei Kindern ja drei Leben, da ist schon sehr viel zu organisieren. Mit Blick auf das Älterwerden bedeutet das aber auch, später einmal mehr Freiheit zu haben und sich wieder mehr selbst spüren zu dürfen. 

Denken Sie manches Mal an Ihren Ruhestand und was Sie dann gern machen würden? 

Ich sehe mich mit 70 auch nicht recht viel anders leben als jetzt. Für mich sind Aussagen wie „Wenn ich erst einmal in Pension ist, mache ich dies und das …“ eher traurig. Warum nicht jetzt? Natürlich wird sich einiges verändern, wenn ich in Pension bin, ich möchte dann zum Beispiel wieder lange Reisen machen, vier oder fünf Monate mit Rucksack durch Asien trampen, das ist jetzt wegen der Schulpflicht der Kinder nicht möglich. Im Großen und Ganzen glaube ich aber nicht, dass sich mein Leben so sehr verändern wird. Ich werde immer mein Leben mit Leidenschaft füllen. 

 

© Ernst Kainerstorfer & Jens Hartmann
05.01.2022