Sexualität im Seniorenheim

Was Sie schon immer über Lust und Liebe im Alter wissen wollten!

Dass Frau Helga und Herr Bertl einander gut vertehen, war längst nicht mehr zu übersehen. Als die beiden dann aber immer wieder Händchen haltend im Park saßen und viel gemeinsame Zeit auf Helgas Zimmer verbrachten, war das Getuschel in der Pflegeeinrichtung dann doch unüberhörbar. Von „ach wie süß“ über „die alten Trottel“ bis „Du bist ja nur neidig“ reichten die Reaktionen bei MitbewohnerInnen, Pflegepersonal und so manchem Besucher, erzählt Pflegerin Susanne. Sex im Alter und ganz speziell in Pflegeeinrichtungen ist auch heute noch vielfach ein Tabu! Aber auch wenn das Thema wenig bis gar nicht zur Sprache kommt: Die sexuelle Lust wird nun einmal nicht mit dem Eintritt ins Heim abgegeben. „Spätestens wenn es diesbezüglich zu Auffälligkeiten oder gar Übergriffen auf das Personal kommt, herrscht Alarmstufe Rot. Das sind Momente, in denen dann häufig wir professionellen Sexualassistentinnen kontaktiert werden“, erzählt Angie von ihren Erfahrungen mit „Lust und Liebe“ in Senioreneinrichtungen.

Angie stammt eigentlich aus der Werbebranche und ist über diverse Jobs eines Tages zur Volkshilfe gekommen, wo sie auch die Ausbildung zur Sexualassistentin gemacht hat. „Mich hat das Thema lange schoninteressiert. Und ich habe gemerkt, wie groß der Bedarf nach professioneller Begleitung ist. Auch wenn sich Einrichtungen in jüngster Zeit Gott sei Dank vermehrt diesem Thema öffnen, ihr Personal schulen oder  Kuschelzimmer einrichten, gibt es in den meisten Seniorenheimen, so meine Erfahrung,  in Sachen Sex nach wie vor großen Aufholbedarf“, wünscht sich Angie mehr Aufmerksamkeit, Akzeptanz, Toleranz und Maßnahmen im Zusammenhang mit diesem Thema. Wie Sexualbegleitung bei ihr abläuft? „Das ist ganz unterschiedlich – und ganz auf die individuellen Wünsche und Gegebenheiten abgestimmt. Aber es ist auf alle Fälle nicht so, wie man sich das klischeehaft meist vorstellt“, gibt die aufgeschlossene 52-jährge Einblick in ein sehr sensibles Thema. Und erzählt: „Ich bereite mich gut auf den Klienten vor. Bespreche mit dem Personal seinen Gesundheitszustand. Lasse mich sehr auf die jeweilige Person ein. Deshalb ist das Feedback, das ich von meinen Klienten aber auch vom Pflegepersonal bekomme, auch stets überaus positiv.“ Vor allem die große Menschlichkeit begeistert an Angie: „Ich würde nie nach meinem Dienst einfach das Zimmer verlassen. Mir ist es wichtig, mich auch ,danach´mit meinen Klienten auszutuaschen und mich auf entsprechende Weise zu verabschieden. So entstehen auch immer wieder ganz besondere Begegnungen und Beziehungen – die zum Teil über viele Jahre andauern. Zufriedenstellend kann das Angebot der Sexualassistenz nur sein, wenn alle Beteiligten gut und mit entsprechendem Respekt vor der Sache zusammenarbeiten.“ Und Angie setzt nach: „Ich sehe meine Arbeit daher auch als überaus wertvollen Dienst am Menschen – und auch an der Gesellschaft.“

Ganz wie ihre Berufskollegin Astrid, die in Pflegeeinrichtungen „von  Kuscheln bis zum Geschlechtsverkehr die gesamte Spielwiese der Sexualität ermöglicht“, wie ihr wichtig ist zu betonen. Und die studierte Anglistin hat damit nur allerbeste Erfahrungen: „Mein ältester Klient ist über 90, aber wenn ich bei ihm bin ist er 35.“ Und das ist es auch, was Astrid an ihrem Beruf so sehr gefällt: „Ich mache jemanden glücklich und bekomme diese Glücksmomente direkt mit. Ich kann Menschen in höherem Alter ihr Leben versüßen – das ist etwas sehr Schönes! Und es macht auch mich glücklich, wenn ich sehe, was ich bewirken kann. Wie gut es den Leuten nach Berührungen, Intimität aber auch nach Sexualität geht; wie sehr sich ihr körperliches und seelisches Wohlbefinden steigert.“ Umso mehr bedauert Astrid, dass es in manchen Bundesländern nach wie vor nicht erlaubt ist, Sex in Pflegeeinrichtungen anzubieten: „Wir Sexualassistentinnen fallen unter das Prostitutionsgesetz, das Ländersache und demnach überall in Österreich anders geregelt ist. Wien, Niederösterreich und die Steiermark sind beispielsweise Bundesländer, wo das Thema  bereits sehr fortschrittlich gehandhabt wird.“

Ihre Aufträge bekommt die 43-jährige, die seit zwei Jahren hauptberuflich als Sexualbegleiterin arbeitet, entweder direkt von den Kunden oder sie wird von Pflegeeinrichtungen kontaktiert. Wobei Astrid die Aufgeschlossenheit für Sexualilät in den Häusern sehr unterschiedlich erlebt: „Die einen sind noch sehr steinzeitlich unterwegs. Bei anderen, wo entsprechend engagierte Leute arbeiten, sind die Angebote sehr gut. Da gibt es etwa eigene Kuschelzimmer, die besonders liebevoll ausgestattet sind und eine entsprechende Atmosphäre ermöglichen. Diese stehen auch Paaren zur Verfügung, von denen einer bereits im Heim, der andere aber noch in der eigenen Wohnung lebt.“ Was sich Astrid wünschen würde: „Dass das Angebot zur Sexualassistenz in Pflegeeinrichtungen etwas Selbstverständliches wird. Unsere Adressen sollen ebenso offiziell aufliegen wie jene der Friseurin oder Fußpflegerin. Ich bin, wie meine Kolleginnen, auf der offiziellen Seite der Berufsvertretung für Sexarbeit  zu finden – unter der Adresse astrid@sexistenziell.at.“ Und: „Das Thema müsste auch viel öfter ganz aktiv angesprochen werden. Oft kontaktiert man uns leider erst, wenn sprichwörtlich der Hut brennt. Dabei merke ich immer wieder, dass bei älteren Menschen ganz viel Bedarf nach Zärtlichkeit, Berührung aber auch konkrete sexuelle Lust da ist. Das wird vollkommen unterschätzt.“

Einer, der das alles längst bewusst ist, ist Tatjana Jankovic. Die Pflegedienstleiterin im Seniorenwohnheim Compass in Ardning leistet schon seit vielen Jahren Pionierarbeit auf diesem Gebiet und sorgt dafür, dass Sexualität in Pflegeheimen mit höchster Professionalität und Sensibilität behandelt wird. Entsprechend hochwertig und zeitgemäß ist auch das diesbezügliche Angebot in der Compass-Einrichtung – und das auf allen mit diesem Thema in Verbindung stehenden Ebenen. Jankovic: „Wir reflektieren diesen Bereich intensiv mit Ärzten und Psychologen, wir haben diesbezüglich spezielle Schulungen für unser Personal und wir stellen unseren BewohnerInnen auch ein entsprechendes Angebot zur Verfügung.“ Das heißt: „Es kommen auf Wunsch Sexualbegleiterinnen in unser Haus. Hat der Bewohner kein Einzelzimmer, in dem ein ungestörtes Zusammensein stattfinden kann, stellen wir ein eigenes Zimmer zur Verfügung. Wir bereiten unsere Bewohner auch immer speziell auf diese Treffen vor, beispielsweise mit ganz besonderer Pflege. Und ich muss sagen, wir haben bisher nur die allerbesten Erfahrungen mit unserer offenen Zugangsweise und unserem professionellen Angebot gemacht.“ Denn, erzählt Jankovic aus ihrer langjährigen Erfahrung „Bewohner, die ihr sexuelles Bedürfnis entsprechend stillen können, sind im Vergleich zu anderen weitaus ausgeglichener, sie sind körperlich wie auch mental deutlich fitter und meist auch deutlich besser gelaunt. Was wir auch bemerken ist, dass Sexualität sehr gut hilft, Aggressionen, die sich bei alten Menschen immer wieder aufstauen, abzubauen.“

Etwas, dass auch Sexualtherapeut und Sexualberater Ales Svoboda voll und ganz unterschreiben kann: „Der Mensch ist nun einmal ein sexuelles Wesen und es steht jedem Menschen zu, Sexualität zu leben. Die viel zitierte Alterssexualität gibt es nicht! Sexuelles Verlangen ist völlig unabhängig von Alter, Geschlecht oder geistigem Zustand. Und es ist gerade die sexuelle Funktion des Menschen, die ganz besonders langsam altert. Entgegen einer breiten Ansicht ist Sexualität deshalb auch bis zum Ende des Lebens ein Thema. Es mögen zwar Intensität und Quantität aufgrund der sich verändernden körperlichen Gegebenheiten abnehmen, dafür steigt aber oftmals die Qualität um ein Vielfaches. Im Alter wird Sex verstärkt zu einer Kopf- und Qualitätssache.“

von Johanna Vucak
© Shutterstock
Beitrag veröffentlicht am 25. Juli 2022

 

Haus Esther: Ein wichtiges Stück Selbstbestimmung im Alter

Möglichst lange gesund zu Hause wohnen – das ist der Wunsch fast aller Seniorinnen und Senioren. Aber wie?

In Österreich gibt es mittlerweile mehr Pensionistinnen und Pensionisten als Kinder und Jugendliche – und der Anteil der älteren und hochaltrigen Menschen wird sich bis zum Jahr 2040 verdoppeln. Was es also braucht, sind langfristige Mittel und Wege, in einer immer älter werdenden Gesellschaft Seniorinnen und Senioren niederschwellig dabei zu unterstützen, ihre Selbstständigkeit möglichst lange zu behalten.

Mit dem „Haus Esther“ als Zentrum für gesundes Altern wurde in Graz nun ein Pilotprojekt ins Leben gerufen, das verschiedenste Pflege- und Hilfsangebote für Seniorinnen und Senioren und deren Angehörige an einem Ort vereint.

Das Konzept des Haus Esther orientiert sich an dem schwedischen „Esther Modell”, einem Netzwerk, das sich für optimale Entwicklungen im Gesundheitssystem einsetzt und nach zukunftsfähigen Lösungen für eine immer älter werdende Gesellschaft sucht. Die Basis für das Angebot der neuen Grazer Einrichtung bildet die fiktive ältere Person „Esther” und die Frage: „Was ist das beste für Esther?” Esther möchte selbstständig leben und in Würde altern – dabei benötigt sie jedoch Unterstützungsangebote. Und genau diese bietet das „Haus Esther”: Der Standort in Graz beheimatet Ambulanzen, die Pflegedrehscheibe des Sozialamts und ein Zentrum für altersunterstützende Technologien. Alternde Personen und ihre Angehörige finden dort notwendige Hilfen und Beratungen und können vor Ort unnötig lange und beschwerliche Amtswege abkürzen.

 

 

Besonders ist auch, dass im „Haus Esther” der Einsatz von altersassistiven Technologien (AAL) gefördert werden soll. Vor Ort besteht die Möglichkeit, sich über den Nutzen solcher Technologien im Alltag sowie in Pflege und Therapie zu informieren. Erstmalig wurden für die breite Bevölkerung öffentliche AAL-Showrooms errichtet, die in ihrer Größe einzigartig sind. In diesen Ausstellungsräumen, die sich im Erdgeschoss des Gebäudes befinden, werden alternden Personen und ihren Angehörigen verschiedenste Möglichkeiten zur technischen Unterstützung im Alter vorgestellt. Hersteller:innen von Lösungen für Senior:innen haben einen Raum, um ihre Produkte zu präsentieren, während im Rahmen des neuen Living Labs der Human technology styria Forschung und Entwicklung gefördert werden.

„Selbst wenn’s zuhause nicht mehr geht, wissen Leute sich hier in guten Händen“

Im Zuge der feierlichen Eröffnung des „Haus Esther” spricht Johann Harer, Geschäftsführer der Human technology styria, darüber, dass Altern bereits mit dem ersten Lebensjahr beginnt und wie wichtig die enge Zusammenarbeit von Forschung und Gesundheitseinrichtungen ist, um den Menschen mehr und gesündere Lebenstage zu bieten.

Gert Hartinger, der Geschäftsführer der Geriatrischen Gesundheitszentren der Stadt Graz (GGZ), berichtet von einem kleinen Meilenstein im sozialen Bereich und betont die Besonderheit der guten Zusammenarbeit von so vielen unterschiedlichen Teilnehmer:innen an einem gemeinsamen Projekt mit einer gemeinsamen Vision.

Auch eine Bewohnerin des betreuten Wohnen der GGZ, Frau Pflüger, ist anwesend, um Einblicke in die Herausforderungen, Wünsche und den Alltag einer „Esther” zu geben. Nur beim Tragen ihres Rollators braucht sie Hilfe, sonst kann sie den Haushalt noch alleine schupfen, erzählt sie. Jeden Mittwochabend wird sie zur Chorprobe abgeholt und wartet am Tor auf ihre Fahrgelegenheit. Ihr ganz besonderer Wunsch: Ein Bankerl zum Sitzen und Warten, da das Stehen schon anstrengend wird.

Im Anschluss eröffnen Bürgermeisterin Elke Kahr und Stadtrat Robert Krotzer das „Haus Esther” feierlich. Und versprechen, ein weiteres Bankerl aufstellen zu lassen.

 

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von Karolina Wiener
Beitrag veröffentlicht am 15.07.2022