Vererbte Gartenliebe

Aus Wiesenschaumkraut macht Angelika Ertl Pesto, Taglilien legt sie in Essig, Giersch ist für sie Universalkraut. Auch Mutter Rosa profitiert vom Gartenwissen der Tochter. Ein Mutter-Tochter-Gespräch über Gartenlust und Generationen im Wandel.

Es ist sehr amüsant, mit Angelika Ertl durch den Garten und die Gewächshäuser zu gehen. Gebückt tritt sie mit ihren Gummistiefeln durch das sprießende Grün, zupft da und dort Blüten oder Blätter ab, reicht sie dem Gegenüber. Dieses stopft die bislang nur als Unkraut gekannten Pflanzen artig in den Mund und ist mehr als erstaunt, dass das, was sonst dem Rasenmäher zum Opfer fällt, richtig gut schmeckt: Wiesenschaumkraut zum Beispiel (schmeckt nach Marzipan), Vogelmiere (nach Mais) oder Portulak (nussig-salzig). Während Angelika Ertl weitergeht, erklärt sie noch schnell die Einsatzmöglichkeiten des verabreichten Grüns für Gesundheit und Küche und zupft weiter. Mutter Rosa steht daneben und amüsiert sich. 

Die dritte Generation baut um

Eigentlich sollte Angelika, die dritte von vier Kindern, die elterliche Gärtnerei in Feldkirchen bei Graz übernehmen. Wie Mutter Rosa erzählt, zeigte sie schon als Kind Begeisterung für die Gewächse der Natur, als sie die Kunden mit kleinen Blumensträußchen beschenkte und gern die Süßigkeiten, die es dafür gab, entgegennahm. Die Eltern betrieben die Gärtnerei in zweiter Generation im Sinne der prosperierenden Nachkriegszeit: Hier ging es vor allem um Quantität und um Neues wie Unbekanntes, wie Rosa Ertl erzählt, um Blühpflanzen für Haus und Heim, die man vor allem aus Dänemark importiert hatte. Deren Eltern wiederum, die den Betrieb 1948 gründeten, mussten zunächst für die Besatzungsmächte Gemüse anbauen. Per Anordnung wurde bestimmt, dass die Region Feldkirchen dazu Anbauflächen zur Verfügung stellen müsse. Rosa Ertl, damals noch ein Kind, erinnert sich an die Soldaten, die mit lupengenauer Gründlichkeit die Salate auf Schnecken und Schädlinge untersuchten, bevor sie die Ware entgegennahmen. Angelika, die dritte Generation, baute den Betrieb um, und zwar komplett. Der Junggärtnerin – sie absolvierte die Gartenbauschule in Schönbrunn – missfiel einerseits der intensive und unermüdliche Einsatz der Eltern, der nach dem EU-Beitritt finanziell immer weniger abwarf, andererseits der Chemieeinsatz, den es brauchte, um dem Markt die benötigten Pflanzen in entsprechender Menge zur Verfügung zu stellen. Das müsse auch anders gehen, dachte Angelika Ertl. 

Erste Offenbarung: Gärtnern und relaxen

Doch erst einmal will die Welt erobert werden. Diese erste Welt war das irische Schloss Birr, wo die 17-jährige Schülerin mit einer Schulfreundin das erste Praktikum absolvierte. Eine sehr lehrreiche Zeit sei es gewesen, in der die jungen Frauen zunächst eingebremst wurden und lernten, was Gartenarbeit im angelsächsischen Raum heißt: „Take your time“, „Rest yourself and have a cup of tea“. Im zweiten Praktikum in Holland wurde die Arbeitsgeschwindigkeit wieder erhöht, wie es Angelika Ertl aus dem elterlichen Betrieb gewohnt war. Daneben stieg die Sehnsucht, mehr von der Welt sehen zu wollen. Die Junggärtnerin erlebte bei ihren Gartenreisen Offenbarungen und tauchte in die jahrtausendealte Gartengeschichte ein: Sie erspürte die spirituelle Funktion japanischer Gärten, wo mit Gartenarbeiten zunächst die Seele beruhigt und im Anschluss die meditative Teezeremonie eingenommen wird; sie staunte über die lange Geschichte des ältesten Gartens Irans aus dem 7. Jahrhundert mit seinen vielen Herrschern und dem großartigen Blick auf das umliegende Zagros-Gebirge, in dem nur Kaiserkronen wachsen. Sie amüsierte sich über den mitteleuropäischen „Angebergarten“ und deren Erschaffer wie Luis XIV., denen es vorrangig darum ging, sich die Natur untertan zu machen und so ihre Macht zu demonstrieren. Die englischen Gärten wiederum zeigten ihr eine wunderbare Balance zwischen Gepflegtheit, Selbstversorgercharakter und bunter Pflanzensammlungen, allen voran: Prince Charles‘ Garten in Highgrove. Und natürlich ist da noch Südafrika, der Traum aller Gartenfreunde. Den österreichischen Garten beschreibt Angelika Ertl übrigens als Sammelsurium, aber doch praktisch, mit Gemüse- und Obstanbau.

 

Wenn die Mutter von der Tochter lernt 

All ihre Erkenntnisse über die Natur, naturnahes Gärtnern und die gängige Agrarwirtschaft ließen für die ausgebildete Gärtnerin und Meisterfloristin einen Schluss zu: umzusatteln. Angelika Ertl gründete vor zehn Jahren ihr Gartenreisen-Büro Oliva und arbeitete parallel, vor allem als Kommunikationstrainerin und Moderatorin, daneben studierte und probierte sie in den leerstehenden Gewächshäusern alternative Anbauformen, suchte nach Nützlingen und holte altes Garten- und Kräuterwissen aus der Versenkung. 

Die Gärtnerei schloss endgültig ihre Pforte. Den Eltern war schon früh klar, dass die Tochter das Geschäft umkrempeln würde, die Schließung war für sie in Ordnung. „Papa war der Bewahrer, ich wollte etwas Neues machen“, erzählt Angelika Ertl. In ihren Eltern hatte sie stets wohlwollende Unterstützer, ihr Vater ist im Vorjahr verstorben. Was die Mutter von ihrer Tochter gelernt hat? „Von ihrer Neugierde auf Neues, sogar Besseres habe ich sehr profitiert“, worauf Angelika Ertl kontert: „Und du kochst jetzt viel öfter Brennnesselsuppe!“ Die Eltern waren oft bei Gartenreisen der Tochter dabei, freilich in der ersten Busreihe. Gereist ist die Familie Ertl früher nie, mit den Gartenreisen hat man das nachgeholt. 

Manches Mal muss man schimpfen

Selbst beschreibt sich Angelika Ertl als Impulsmenschen, der handelt, statt allzu lange zu überlegen. Zur Erdung arbeitet sie am liebsten ohne Handschuhe und barfuß, dafür mit vollem Einsatz für die Natur und dem Anspruch, den Planeten auch für die nächste Generation lebenswert zu erhalten. Und da kann es schon mal passieren, dass sie Hobbygärtnern Standpauken hält, wie neulich einem Mann, der bereits im März seinen Rasen mitsamt der gerade erst aufkeimenden Nahrungsgrundlage für die Insekten mähte. „Für was predige ich seit 20 Jahren!“, rief die Gartenexpertin in die Siedlung, nachdem sie wütend aus ihrem Auto ausgestiegen war. Der rasenmähende Mann rief daraufhin seiner Frau zu: „Schnell, komm‘ raus, die Frau Ertl ist da!“ Hier wird die Gartenexpertin ernst: „Wir müssen endlich lernen, im Einklang mit der Natur zu leben und dazu gehört, die Lebensgrundlagen für alle Lebewesen zu schaffen und zu bewahren.“ 

Doch sie sieht auch positive Entwicklungen, ausgerechnet durch die Pandemie hervorgerufen, etwa wenn Menschen vermehrt Wert auf Regionalität legen und jeder noch so kleine städtische Balkon zur Obst- und Gemüsezucht verwendet wird. „Der Trend geht jedenfalls zu Permakultur und zu mehr Frische. Die Märkte sind hier zu langsam. Wenn ein Kraut vier Tage im Supermarkt liegt, sind die Vitalstoffe verloren gegangen“, sagt die Gartenexpertin. Nach wie vor ärgert sie sich darüber, dass Rosen aus Indien und Kolumbien oder Äpfel aus Südamerika billiger sind als heimische Ware. „Es braucht ein Umdenken. Unsere Fördersysteme sind stark lobbyiert, wir kaufen auf Kosten der Natur.“ Weil die Gärtnerin auch Unternehmerin ist, will sie genau hier ansetzen: Ab nächstem Jahr baut sie auf 8.000 Quadratmetern Gemüse an, die sie über Kisterl- bzw. Direktverkauf an die Menschen in der Region vertreiben möchte. Mutter Rosa wird freilich eine der Abnehmerinnen sein. Und ihre Tochter weiter im Einsatz für eine lebenswerte Natur unterstützen.

 

Angelika Ertl ist für Abenteuer Alter wieder in ihrem üppigen Garten unterwegs und zeigt uns, wie man ein harmonisches Beet gestalten kann. 🌺

 


 

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28.6.2021