Gut zu Fuß – Graz entdecken

Wo Peter Rosegger im Gärtnerhaus schrieb, vier Millionen Werke archiviert sind und das Franzosenkreuz an Kämpfe um Graz erinnert: All das versammelt die Tour „Die Belesene“ aus dem Buch „10.000 Schritte in und um Graz“, die auf reizvollen Wegen über den Rosenhain nach Andritz führt. Jeder Schritt zählt!

Am Foto sieht man die Kurzbeschreibung der Tour.
Die Tour „Die Belesene“ ist eine der beschriebenen 15 Touren aus dem Buch von Elke Jauk-Offner.

Am Geidorfplatz, im Herzen des Viertels, war einst das „Dorf am flachen Land“, wie die mittelhochdeutsche Bezeichnung Gaidorf auch heute noch verrät. Aus allen Richtungen kann man zum Ausgangspunkt einer Tour anreisen, die auf rund 10.000 Schritten über den Rosenhain nach Andritz führt. Die Heinrichstraße ist zwar wegen des Verkehrsaufkommens keine von der idyllischen Sorte, sie führt aber schnurstracks zum Fuße des Rosenhains.

Ein kleiner Schlenker leitet auf das Universitätsgelände, direkt vor dem ReSoWi-Zentrum biegt man rechts in die Universitätsstraße ein, um einen Blick auf die Universitätsbibliothek der Karl-Franzens-Universität zu werfen. Hier könnte man sich übrigens Wissen aus vier Millionen Werken aneignen. 

Am Foto sieht man einen der möglichen Rastplätze auf der Tour die Belesene.
Unterwegs laden Sitzmöglichkeiten, in der warmen Jahreszeit unter lauschigen Blätterdächern, zum Verweilen ein.

Pionierin der Medizin

Zurück Richtung Heinrichstraße wird selbige gequert, um an Haus Nummer 45, der Klöcher-Perle, in den Rosenberggürtel einzubiegen. An der nächsten Kreuzung geht es rechts in die Aigner-Rollett-Allee. Der Straßenname erinnert an Oktavia Aigner-Rollett, eine Pionierin der Frauen-Medizin. Sie schloss ihr Studium 1905 ab und wurde die erste Ärztin in Graz und der Steiermark. Linker Hand schweift der Blick bald über die Rosenhainteiche. 

Rechter Hand liegt das Universitätssportzentrum – aus Studierendensicht legendär vor allem für seine USI-Feste. Gleich daneben toben sich Vierbeiner auf der Hundewiese aus. Jetzt geht es bergwärts auf der Max-Mell-Allee. Zwischen den Bäumen steht eine Ruine. Dabei handelt es sich um das ehemalige Sommerrefektorium der Jesuiten, das 1654 als Erholungsheim für den Orden errichtet wurde. Später ging es in Staatsbesitz über, nach einem Brand in den 1980er-Jahren bröckelt es langsam vor sich hin. 

Götter und Giganten

Bald weitet sich das Wäldchen, links liegt ein Kinderspielplatz, der dem Thema Holz gewidmet ist, das Café Rosenhain ist ins Blickfeld gerückt. Man kann den Hügel entlang der Straße, vorbei an einem eichenen Naturdenkmal, oder querfeldein über die Wiese erklimmen. Der gelbe Pavillon samt großer Terrasse hat eine malerische Lage, die Stadt liegt einem zu Füßen. Peter Rosegger hat im schmalen Gärtnerhaus nebenan übrigens die eine oder andere Zeile verfasst. 

„Wenn die Götter von den Giganten aus dem Himmel wären vertrieben worden, so hätten sie sich gewiß keine andere Wohnstätte als diesen Winkel der Welt erwählt“, schrieb Georg Stobäus von Palmburg, von 1584 bis 1618 Fürstbischof von Lavant, schon dereinst entzückt über den Rosenberg. Er war 1603 im Minoritenschlössl zu Gast, das wir, wenn wir der Panoramagasse folgen, weiter oben erreichen. Das Anwesen in der Quellengasse, in die man an der Gabelung links einbiegt, erhielt 1618 den Namen Rosegg. 

Am Foto ist das Minorien-Schlössl,Ecke Panorama- und Quellengassse in Graz, zu sehen.
Das Minoriten-Schlössl liegt an der Ecke von Panorama- und Quellengasse. Es beherbergte im 19. Jahrhundert ein Kaffeehaus.

Gefecht am Rosenberg

Am Haus Quellengasse 68 ist es an der Zeit, den Oberen Plattenweg zu nehmen. In der Hecke rechts neben der Haltestelle versteckt sich das Franzosenkreuz – es erinnert an die am 26. Juni 1809 bei den Kämpfen um Graz gefallenen Soldaten. Gegenwart präsentiert die fast höchste Erhebung unserer Tour: Auf der Ferdinandshöhe wurde 2022 ein neuer Hochbehälter fertiggestellt. Bevor das Trinkwasser in die Grazer Haushalte gelangt, fließt es nämlich durch einen von insgesamt 23 Hochbehältern. 

Die Jakobsleiter hinab

Vom Aussichtspunkt führt der Weg weiter zur Saumgasse, die direkt hinunter zum Kreuzwirt führt. Das Traditionsgasthaus wurde von Hans von der Sann – ein Pseudonym für den Oberlehrer Johann Krainz – bereits 1892 erwähnt. Seit 2020 kommen wieder Klassiker der Wirtshausküche im idyllischen Gastgarten auf die Teller. Die Saumgasse mündet schließlich in den Viktor-Zack-Weg. Wer die fahrrad- und kinderwagentaugliche Route vorzieht, der erreicht die gleichnamige Bushaltestelle weiter unten in der Ziegelstraße. 

Alle anderen erobern noch den knapp 500 Meter hohen Reinerkogel. Achtung: Abzweigung links in den Wald nicht verpassen! Am Reinerkogel befindet sich auch die Jakobsleiter. Es sind 150 oder 300 oder fast 400 Stufen, die Quellen behaupten da ganz Unterschiedliches, man muss einfach­­ selbst nachzählen. Der „Weg zum Reinerkogel“ führt schließlich zur Gra­benstraße, die man quert, um durch die Robert-Stolz-Gasse zur Straßenbahnhaltestelle zu gelangen. 

Am Foto ist das Buchcover, die ISBN, die Kurzbeschreibung und der Preis von Euro 24 zu sehen.
Das Buch von Elke Jauk-Offner ist eine tolle Geschenkidee für alle die mit einfachen Mitteln mehr Bewegung in ihren Alltag einbauen möchten.

Text: Elke Jauk-Offner

Foto: © Lukas Elsneg

Ostermarkt Graz – Kunsthandwerk

Noch bis zum 19. April 2025 kann man in Graz, direkt am Hauptplatz, den Ostermarkt besuchen. Zahlreiche Aussteller präsentieren ihre kunsthandwerklichen Produkte. Zu finden ist nahezu für jeden Geldbeutel etwas. Von der Kleinigkeit als Mitbringsel bis hin zum handgefertigten Tafelservice erstreckt sich das Angebot. Das es sich hierbei um echte Unikate handelt ist eine Selbstverständlichkeit, kein Stück ist wie das Andere.

Wir waren bereits vor Ort und haben für Sie unsere Eindrücke mitgebracht.

Am Foto sind Filzwaren zu sehen.
Farbenfrohe Unikate wie diese Waren aus Filz geben jedem Osternest einen Farbklecks. © josefundmaria communications
Am Foto sind Pflanzgefäße aus Ton zu sehen.
Die handgemachten Waren aus Ton sind im Garten ein einzigartiger Blickfang. © josefundmaria communications
Am Foto sind handgemachte Seifen zu sehen.
Handgemachte Seifen findet man am Ostermarkt auch als Rasur-Variation. © josefundmaria communications
Am Bild sind Holzwaren zu sehen.
Ob als Dekorationsartikel oder als Spielware, handgemachte Holzfiguren machen in jedem Osternest eine tolle Figur. © josefundmaria communications

 

Text: Vera Kowatschitsch

Foto: © josefundmaria communications

Plötzlich zu Hause: Mein Abenteuer Alter

Altlandeshauptmann Hermann Schützenhöfer im Interview über sein Leben nach 52 Jahren in der Politik, über Freundschaften und über die Sorgen der Spitalspatienten. 

Wir treffen Sie hier in einem Büro in der Grazer ÖVP-Zentrale. Das ist kein typischer Ort für einen Pensionisten, der einen Teil seines Lebens zurücklässt und einen neuen Lebensabschnitt beginnt, oder?
Hermann Schützenhöfer: Ich glaube, das könnte ich gar nicht. Aber ich bin zum Ehrenobmann der steirischen ÖVP gewählt worden und deshalb habe ich hier ein Büro. Ich bin vielleicht einmal in der Woche hier.

Wie erleben Sie den neuen Lebensabschnitt, auch als Abenteuer?
Es ist schon eine Art Abenteuer. Ich war 52 Jahre in der Politik, das ist eine sehr lange Zeit, und ich bin seit 44 Jahren mit meiner Frau verheiratet. Ich war immer zweigeteilt. Ich war Berufspolitiker, meine Frau hat zugunsten ihres Mannes und der Kinder ihre Berufskarriere aufgegeben und sich der Familie gewidmet. Und jetzt bin ich plötzlich zuhause. Allerdings nicht immer mit dem Kopf. Ich werde oft angerufen und um Rat gefragt. 

Sind Sie zuhause ein Fremdkörper?
Das nicht, aber es ist eine Umstellung. 

Wie sieht das Ihre Frau?
Offen gesagt, wir sind beide noch in der Eingewöhnungsphase. Sie war gewohnt, zuhause zu sein und alles irgendwie zu dirigieren. Meine Versuche, ihr im Haushalt irgendwie zu helfen, sind nicht nennenswert, weil es braucht Zeit, bis man weiß, wo was hingehört. Aber man lernt bei der Gelegenheit die Arbeit einer Frau schätzen. Das ist für mich und meine Frau neu, aber es geht gut. Der entscheidende Vorteil für mich auch in der Beziehung zu meiner Frau ist, dass ich nicht mehr die Letztverantwortung in der Politik habe. Ich war immer ein Mensch, dem die Leichtigkeit des Seins nicht gegeben ist. Wenn ich früher im Sommer ein paar Tage weg war und es gab in der Steiermark ein Unwetter, bin ich zurückgefahren. Diese Last ist weg, und das wirkt sich für mich gut aus. 

Wie beginnt Ihr Tag, wenn nicht frühmorgens der Chauffeur vor der Tür steht?
Im Regelfall steht meine Frau vor mir auf. Beim Frühstück muss die Zeitung da sein. Ich bin ein Zeitungsmensch, ich muss die Zeitung in der Hand haben, mit dem iPad kann ich nicht viel anfangen. Am Vormittag gehe ich dann entweder eine Stunde mit meiner Frau oder ich sitze eine gute halbe Stunde am Hometrainer und mache dann Körperübungen, die mir gut tun. Mein Rhythmus war ja: Man sitzt im Wagen, bereitet sich auf die nächste Rede vor, ist dann im Büro, man isst etwas, geht heim, schlaft und dann am nächsten Tag alles wieder von vorne. Diese Dinge haben sich ganz eindeutig verbessert. 

Sie hatten viele Jahre Dienstwagen und Fahrer, wie schaute es mit dem Autofahren aus?
Ich bin viele Jahre nicht selbst gefahren und ich fahre jetzt mit unserem Auto durch die Gegend. Aber es ist für mich keine Frage, wenn ich wohin fahre, wo ich auch ein Glaserl Wein trinke, dann bitte ich jemanden, dass er mich führt. Durch die Partei habe ich da Möglichkeiten, aber ich habe keinen Chauffeur, der Tag und Nacht für mich parat ist. 

Haben sich im neuen Lebensabschnitt ihre Freundschaften verändert?
Ich sage immer: Lebensfreundschaften entstehen eigentlich in der Jugend. Meine drei oder vier wirklichen Freunde waren das damals und sie sind es heute. Das sind Freunde, mit denen wir auch auf Urlaub fahren. Ich möchte hier auch dankbar erwähnen, dass es mich freut, wenn mich viele Leute ansprechen und sagen: Schade, dass Sie gegangen sind. Das sind übrigens die gleichen, die nach zwei Jahren sagen: Warum ist der noch immer nicht weg? 

Und in den Abendstunden, da sind Sie ja jetzt zuhause wie andere Leute in Ihrem Alter? Sitzen Sie vor dem Fernseher?
Was das Fernsehen betrifft: Meine Frau schaut mehr politische Sendungen als ich. Spätabends wird mir das zu dumm, da geh ich etwas lesen.

 Wie geht es Ihnen nach so einem außerordentlichen Berufsleben gesundheitlich?
In meinem Alter geht es ohne Wehwehchen nicht. Ich bemühe mich, etwas gesünder zu leben. Meine Funktion war ja auch Raubbau am Körper. Das geht oft gar nicht anders. 

Wenn es um die Gesundheit geht, erlebt die ältere Generation lange Wartezeiten in Ordinationen und Ambulanzen. Haben Sie das auch schon erlebt?
Ja schon. Natürlich muss ich zugeben, dass man als Landeshauptmann privilegiert ist. Da ruft man an, weil man Schmerzen hat und der Arzt fragt, wann man kommen will. Aber das heißt noch lange nicht, dass man nicht warten muss. Ich gehöre auch nicht zu denen, die nach drei Minuten ungeduldig werden. Insgesamt halten sich diese Situationen in Grenzen. 

Die ältere Generation nimmt gerade mit Sorge die Lage in den Landesspitälern wahr. Sie hatten viele Jahre dafür zumindest Mitverantwortung. Verstehen Sie die Sorgen der Menschen?
Das ist natürlich ein vielschichtiges Problem. Ich sehe, dass für viele Menschen die eigene Befindlichkeit das Maß aller Dinge geworden ist. Sie machen sich keine Gedanken und vertrauen darauf, dass die Gesellschaft sie auf irgendeine Weise tragen wird. Wenn ich durch das Land fahre, denke ich mir oft: Wissen die Leute denn, dass wir in einem privilegierten Land leben? Wenn ich denke, wie vieles selbstverständlich geworden ist, sehe ich einen gewissen Werteverfall. Die Erwartungshaltung der Menschen ist sehr groß geworden. Sie denken, dass ihnen Vieles zusteht. 

Was bedeutet das in Bezug auf die Lage in den Krankenhäusern?
Die Medizin kann heute unglaublich viel! Es gibt aber keinen Grundkonsens mehr, dass nicht jede der Errungenschaften in jedem einzelnen Spital angeboten werden kann, und dass es deshalb Spezialisierung geben muss. Deshalb ist es gut, wenn wir Krankenanstalten haben, die eine Erstversorgung anbieten, und gleichzeitig müssen die Leute dann mit dem Hubschrauber oder dem Jumbo rasch in ein Zentralspital kommen können. Daran muss die Politik arbeiten und auch festhalten! Ich sage immer: Politik ist dazu das, um das Richtige populär zu machen. Wenn das nicht gelingt, muss man aber immer noch das Richtige tun.

Viele Menschen in der Steiermark und gerade die ältere Generation leiden unter der hohen Inflation dieser Zeit. Wie erleben Sie das?
Ich kriege das natürlich mit, obwohl ich kein begnadeter Einkäufer bin. Ich bringe eher Sachen nachhause, die kein Mensch braucht. Aber es fällt mir zu, dass ich meine Frau zum Bauernmarkt auf den Kaiser Josef Platz oder Lendplatz fahre und wenn sie zurückkommt, erfahre ich, dass dieser Einkauf 70 Euro gekostet hat. Ich persönlich finde, dass die Politik wegen der Teuerung mehr tun müsste. Es muss einiges getan werden, um den Sozialstaat zu schärfen, um denen zu helfen, die ihn wirklich brauchen. Und ihn gleichzeitig für die zu schließen, die sich etwa in der Pandemie eigentlich ganz gut bedient haben. 

Viele Menschen beginnen den neuen Lebensabschnitt der Pension mit Plänen und Vorsätzen. Manches gelingt dann nicht wie beabsichtigt. War das bei Ihnen auch so?
Eigentlich nicht. Was ich mir vorgenommen habe, ist mehr zu lesen. Das tu ich. Was langsam dazu kommt, ist mehr zu reisen. Ich war nie ein Reisender. Als Politiker bin ich ziemlich viel herumgekommen in der Welt, jetzt genügt mir Österreich und das Umfeld. Ich fahre wahnsinnig gerne ins Friaul und nach Grado. Aber, ob ich durch die Grazer Herrengasse gehe oder in Grado, ich treffe die gleichen Leute aus der Steiermark. Zuhause genießen wir die Natur. Wenn meiner Frau und mir danach ist, fahren wir nach Pöllauberg, wo wir geheiratet haben. Das genießen wir sehr. 

Andere beginnen im Alter ehrenamtliche Tätigkeiten. Die halbe Republik würde wahrscheinlich nicht funktionieren, würden sich die Senioren nicht engagieren. Wie ist das bei Ihnen?
Ich bin Ehrenobmann der ÖVP, das ist natürlich ehrenamtlich. Ich fahre viel hinaus, wenn mich zum Beispiel die Altbürgermeister einladen, die kenne ich ja alle. Neu ist, dass ich die Präsidentschaft des Komitees „Große schützen Kleine“ übernehme. Da geht es um Unfallprävention und Gesundheitsförderung für Kinder und Jugendliche. Ich bin auch ehrenhalber der Vorsitzende des Kuratoriums des Universalmuseums Joanneum, wo wir bemüht sind, das Erbe Erzherzog Johanns in die heutige Zeit zu tragen. Mich füllt aus, dass wir dieses wichtige Erbe nicht nur verwalten, sondern in die Zukunft führen. 

Text von Johannes Kübeck
Bild von Luef Light
Beitrag veröffentlicht am 22.06.2023

Ich bin ein Bühnentier

Am 2. Juni feierte Boris Bukowski im Grazer Orpheum das Leben und vor allem das Überleben. Für Abenteuer Alter kramte der Musiker in den bunten Erinnerungen seiner Vergangenheit. 

Mit einer Spur von Blasphemie könnte man das, was Boris Bukowski vorhat, als Wiederauferstehungsgottesdienst bezeichnen. Er muss jedenfalls lachen, so recht an Gott glaubt er sowieso nicht, eher an die Wissenschaft – und an sich selbst. Nach Überwindung seiner schweren Krebserkrankung spielte er am 2. Juni im Orpheum ein großes Konzert mit einigen Überraschungen. In Graz, wo alles begonnen hat. 

Boris Bukowski, der eigentlich Fritz mit Vornamen heißt, Sohn eines Juristen, Bruder eines Diplomaten, ist zwar in einem bürgerlichen Haushalt in Ilz groß geworden, geprägt hat ihn jedoch die gesellschaftliche Stimmung im Graz der späten 1960er-Jahre. Auch Bukowski war dabei, als in der steirischen Landeshauptstadt der Aufstand gegen das Establishment ausgerufen wurde, freilich mit langen Haaren, sehr zum Missfallen der älteren Bevölkerung. Es sei nicht nur einmal vorgekommen, dass Altvordere einen in der Grazer Innenstadt an den Haaren gezogen hätten, erinnert sich der Musiker. „Wenn man als junger Mensch nicht unbedingt viel vorzuweisen hat, womit man glänzen kann, ist man halt dagegen. Und da hatten wir Gründe genug“, betont Boris Bukowski: die Obrigkeitshörigkeit der Bevölkerung, die alten, noch immer mitmischenden Nazis beispielsweise. „Die Stadt war ein guter Platz für unsere Revolution“, sagt er. 

Den Eltern zuliebe studierte er Jus, mit dem Fach stünde ihm immer ein Türchen offen, war seine Überlegung, er brachte es nach 14 Semestern sogar zum Dr. jur.. Die Musik war ihm stets wichtiger, und so ließ er sich mit seinem Studium Zeit, war lieber in Proberäumen als in den Hörsälen. Oder wie er es beschreibt: „Die Prüfer in der juridischen Fakultät haben mich nicht suchen lassen.“ Zu den Staatsprüfungen ließ er sich für die nötige Seriosität von einer Freundin die langen Haare mit Haarspray und Klammern an den Kopf kleben. Seine Promotionsurkunde hat er jedenfalls abgeheftet und damit alles, was mit der Juristerei zu tun hatte. Das Jus-Studium habe ihm wohl geholfen, wenn später komplexere Verträge begutachtet werden mussten, sein „Instrument“ war von Anfang an aber nicht das ABGB, sondern das Schlagzeug. Auch wenn ihm stets klar war, dass sich als Musiker von der Steiermark aus nur schwer die große weite Welt erobern ließe – zumindest zur damaligen Zeit.

 

1972 stieg er bei der Band „Magic 69“ ein, die unter anderem von Günter Timischl, der später zum „T“ von STS wurde, und Carl Peyer, der mit dem von Thomas Spitzer und Nino Holm geschriebenen und von Boris Bukowski produzierten Song „Romeo und Julia“ seinen Durchbruch hatte, gegründet wurde. Boris Bukowski war zunächst Schlagzeuger, später Sänger und Frontman. Bevor die Band zu „Magic“ wurde und in der Oststeiermark, dem Südburgenland bis nach Wien große Bekanntheit erlangte, gab es noch eine Zäsur zu bestehen: Der alte Kinosaal, den man sich gemeinsam mit Wilfried und seiner Band als Probebühne teilte, brannte komplett nieder, einschließlich der Musikinstrumente. Am nächsten Tag engagierte die Band einen Fotografen, die Bandmitglieder Bukowski, Robby Musenbichler, Andi Beit, Erich Reinberger und Günter Timischl setzten sich in ihrer mit einem Feuerzeug angeflammten Kleidung vor ein Plakat, auf dem stand: „Magic, die Rockband, die noch Feuer hat.“ Pleite, aber mit dem Willen, jetzt richtig Gas zu geben, marschierte man ins Musikgeschäft, um sich „auf Pump“ die besten Instrumente zu kaufen. Mit „Magic“ ging es dann auch wirklich bergauf, die Band coverte Songs und trat in Gasthäusern auf, oft sechs Stunden lang, sogar aus Wien pilgerten Fans in den Süden Österreichs. Nach drei Alben, elf Singles und vielen Auftritten war 1980 Schluss. Das Fatale, rückblickend gesehen: Als man sich für die dritte Platte gegen die bisher gespielten deutschsprachigen Schlager für Rockmusik auf Englisch entschloss, schwappte die Neue Deutsche Welle über das Land. Wieder alles auf Deutsch, aber doch ganz anders. Man hatte musikalisch auf das falsche Pferd gesetzt. 

Mit seinem Bandkollegen und späteren Keyboarder der EAV, Andi Beit, gründete Boris Bukowski ein Tonstudio, in dem die ersten Alben von EAV und STS produziert wurden, doch das Studiogeschäft lief nicht recht berauschend. 1985 nahm Boris Bukowski die von seiner Tante geerbte Garconniere als Sicherheit für einen Bankkredit, mit den 100.000 dort abgeholten Schilling finanzierte er sein erstes Solo-Album mit dem Song „Fritze mit der Spritze“. Die Solokarriere kam in Fahrt, sein „Kokain“ war textbedingt zwar nicht unbedingt radiotauglich, aber der Musiker wurde damit über die Grenzen Österreichs bekannt. Ihm wurde sogar von EMI Deutschland ein Plattenvertrag zugesichert, der letzten Endes aber platzte. Was den steirischen Musiker nicht daran hinderte, mit den großen Tonstudios in München zusammenzuarbeiten, wo in den Achtzigerjahren ein- und ausging, was Rang und Namen hatte: Mick Jagger, Frank Zappa, Freddie Mercury. 

Seine künstlerische Bilanz, das sind 14 Platten, eine Hauptrolle in einem Spielfilm („Das Glück liegt in Waikiki“ von Peter Patzak) und ein Buch. Was hat seine Karriere vorangetrieben, Disziplin, Konsequenz? „Wenn man sich trauen will, muss man wissen, wo das Sicherheitsnetz ist“, sagt Boris Bukowski. Wer sich auf ein großes Abenteuer einlassen möchte, muss die Grenzen erkennen. Das trifft für ihn auch auf Drogen zu. So ließ er die Finger von Rauschmitteln, deren schwere Auswirkung bekannt waren, bei leichteren Drogen setzte er klare Grenzen – um letztlich festzustellen, dass er ohnehin in nüchternem Zustand am kreativsten ist. Musikalische Kreativität bedeutet für ihn heute, am Computer zu arbeiten, mit dem sich nahezu jedes Instrument und jeder Sound einspielen lässt. Für die Studioarbeit hingegen holt er sich Profimusiker, Christian Eigner, den Schlagzeuger von Depeche Mode beispielsweise. Seine letzte Platte „Gibt’s ein Leben vor dem Tod?“ wurde von Presse und Publikum gefeiert, der Titel bekam schlagartig eine andere Bedeutung, als beim Musiker im Vorjahr Krebs diagnostiziert wurde. „Ich habe gedacht, ich bin unbesiegbar“, erzählt der sportlich recht aktive 77-Jährige. Seine Disziplin half ihm schließlich, die Krankheit zu überwinden, nicht zuletzt, weil er mit großem Ehrgeiz an seiner körperlichen Fitness arbeitete, um die heftigen Nebenwirkungen der Chemotherapien gut vertragen zu können. Auch wenn er sich miserabel fühlte, raffte er sich auf und spazierte für drei Stunden im Wald. 

Heuer wird sein Bühnenjahr, („Ich bin ein Bühnentier!“), die Konzerte, die er krankheitsbedingt absagen musste, werden nachgeholt, ein paar neue sind dazugekommen. Und dort ist Vollgas angesagt: „Wenn ich auf der Bühne bin, ist es mir ein Anliegen, nicht so gut zu sein wie ich vorher war, es muss besser werden. Ich muss mir die größten Sterne am Himmel vornehmen, sonst reicht mir das nicht.“ 

Text von Daniela Müller
Bild von Manfred Fichtinger
Beitrag veröffentlicht am 20.06.2023

Mein Beruf ist gefährlich

Die Grazerin Aglaia Szyszkowitz avancierte zum Star in Film und Fernsehen. Für Abenteuer Alter spricht sie Klartext über diesen Beruf, ihre Rollen und ihre Zustimmung zur MeToo-Bewegung.

25  Jahre nach ihrem Durchbruch in der Beziehungskomödie „2 Männer, 2 Frauen – 4 Probleme?“ kämpft sich die Wahlmünchnerin nach einem Bandscheibenvorfall gerade zurück auf die Sets, die ihre Welt bedeuten. Aglaia Szyszkowitz (55) liebt es, in fremde Rollen zu schlüpfen und bringt dazu Talent und Professionalismus mit. Es macht ihr Spaß, einmal eine toughe Polizistin zu sein, dann eine manisch-depressive Ärztin und ein anderes Mal eine überdrehte, kiffende Althippie-Mutter. 

Was so faszinierend klingt, ist ein knochenharter Job, sagt die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen. Sie kennt die Herausforderung von allen Seiten, weil sie die älteste Tochter berufstätiger Eltern war. Als Schauspielerin hat sie den Nachwuchs einige Zeit mit aufs Set genommen, aber dann selbst das typische Schicksal der berufstätigen Frau erlebt. „Ich habe gelitten, dass ich so viel von ihnen getrennt war“, sagt Szyszkowitz, die mit einem Münchner Manager verheiratet ist. Am schlimmsten hat sie bei Dreharbeiten die Freitage empfunden, weil die Teams der Krimi-Produktionen dann die nächtlichen Drehs machen, die meist bis in die frühen Morgenstunden dauern. Dann kommt man vollkommen überdreht nach Hause und ist für die Familie den ganzen Samstag nicht zu gebrauchen, erinnert sie sich mit Bedauern. Die Liebe für die Schauspielerei kann das nicht trüben. Vielleicht wäre aus ihr auch eine gute Ärztin geworden, überlegt die Tochter eines angesehenen Unfallchirurgen und einer Psychotherapeutin. Das Medizinstudium hat sie in Graz begonnen, ehe sie sich nach einer schweren Erkrankung für die Bühne entschied und das Metier am Wiener Volkstheater erlernte. In fünf Spielzeiten an deutschen Bühnen machte sie als Viola in „Was ihr wollt“, als Helena in „Faust II“ und in anderen Rollen die Regisseure und das Publikum auf sich aufmerksam. Das Theater ist nach wie vor ihre Leidenschaft und Szyszkowitz beklagt, dass die Arbeit auf der Bühne und am Set sich oft nicht gut kombinieren lässt. Das bedauern auch ihre zahlreichen Fans, die nicht genug von der wandelbaren Grazerin haben können. Nach dem Durchbruch vor der Kamera spielte sie sich in mehr als 100 Rollen in die Herzen des Publikums.

Zuletzt hat Aglaia Szyszkowitz das Repertoire erweitert, indem sie 2022 eine Rolle in der US-Miniserie „Inventing Anna“ spielte. Seither setzt sie sich das Ziel, stärker in das internationale Filmgeschäft einzusteigen, in dem sie schon 2006 im Drama „Klimt“ an der Seite des Hollywood-Stars John Malkovich Fuß gefasst hat. Mit der Rolle als Modell, Muse und Geliebte am Sterbebett des so genialen wie zügellosen Künstlers erwarb sie sich große Lorbeeren.

Die Wochen, als sie zuletzt wegen ihrer Rückenprobleme nur Beobachterin sein konnte, haben den Blick auf die Branche gefestigt, die sie als „gefährliches Pflaster“ wahrnimmt. „Es dreht sich alles so sehr um einen selbst, dass es sehr schwer ist, diesen Beruf von der eigenen Person zu trennen und mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben.“ Ein großes Vorbild ist für sie eine andere Wahlmünchnerin aus Österreich, Senta Berger. An ihr beobachtet sie, „wie man würdevoll älter wird, warmherzig und geerdet bleibt.“ Das sind in der glitzernden Branche keine Selbstverständlichkeiten. „Ich wünsche mir manchmal, einen Beruf zu haben, den ich klar von meiner Person trennen kann.“

Kein anderer Beruf ist so unerbittlich mit dem Alter und dem Geschlecht gerade der Frauen, wird dem Star bewusst. Sie empfindet, dass eine gesundheitsbedingte Pause geradezu an einen Abgrund führen kann und arbeitet umso intensiver an weiteren beruflichen Herausforderungen. Es sind brüchige, zerrissene Charaktere, die sie interessieren oder historische Personen. Die Rolle der Schirennläuferin Nikola Werdenigg, die sexuelle Übergriffe im Schisport erlitten und öffentlich gemacht hat, konnte sie gesundheitsbedingt nicht spielen, aber die Geschichte dieser Frau hat ihre eigene Einstellung zu dem heiklen Thema beeinflusst. Sie unterstützt die Me too-Bewegung, hatte aber keine persönlichen Erfahrungen, die inakzeptabel oder traumatisch gewesen wären. „Ich habe meine Haltung immer sehr klar kommuniziert und solchen Männern keine Möglichkeit gegeben, mir zu nahe zu kommen.“ Da mag das Selbstbewusstsein einer Frau mit dem Hintergrund des gehobenen Bürgertums hilfreich gewesen sein, als sie mit durchaus exzellenten Kollegen, Regisseuren und Produzenten zu tun hatte, die sich auch als lüsterne Männer entpuppten. Sie erinnert sich, wie filmschaffende junge Frauen am Set offen aufforderten, ihnen den Nacken zu massieren, und hinter vorgehaltener Hand wohl auch Anderes reklamierten. Dabei hat der Star durchaus keine Bedenken, sich nach dem Gebot des Drehbuchs vor der Kamera auch als lustvolle Frau zu geben. Ihr hätte es Spaß gemacht, bei den Salzburger Festspielen der Buhlschaft besondere feminine Facetten zu verleihen.

 

Text von Johannes Kübeck
Bilder von Christian Jungwirth
Beitrag veröffentlicht am 08.05.2023

Design-Apartments von Zaha Hadid

Kaufen ist die eine Option, mieten die andere. Auch hier gibt es Objekte, die man nicht gerade unter den Kleinanzeigen finden wird. Zum Beispiel Apartments mit Frühstücks- und Zimmerservice wie im Hotel, aber verbunden mit einem intim-privaten Wohngefühl.

Das griechische Sagenungeheuer Argos mit seinen über hundert Augen, von denen jeweils nur zwei schlafen, die übrigen alles sehen, ist für diesen Bau in der Burggasse-Ecke Einspinnergasse Namenspate gestanden. ARGOS Graz Serviced Apartments nennt sich dieses Projekt der WEGRAZ, das als Boardinghouse 21 exklusiv eingerichtete Räumlichkeiten für Langzeitgäste und Städtereisende bietet.

Im Gegensatz zum griechischen Sagenungeheuer stehen die Apartments in der Grazer Innenstadt allerdings für das Wohngefühl der eigenen vier Wände verbunden mit dem Servicekomfort eines Hotels. Bis es so weit war, war es ein etwas längerer Weg – vom alten Kommodhaus, seinem Abriss im Jahr 2003 bis zum Neubau der Argusaugen-Fassade und der Eröffnung vor drei Jahren. Doch gut Ding braucht manchmal eben Weile. Dass der von der irakisch-britischen Architektin Zaha Hadid geplante markante Bau mit der auffälligen Fassade und seinen 43 Bubbles nicht jedermanns Geschmack ist, ist allseits bekannt, doch er bleibt im Gedächtnis und dominiert das Blickfeld. Laut WEGRAZ-Gründer Dr. Reinhard Hohenberg wird mutige Architektur immer für Diskussionen sorgen, doch neben dem Erhalt wertvoller Bauten muss auch Raum für neue zielgerichtete und hochwertige Baukunst sein. Für ihn sind diese Bubbles die moderne Interpretation für den Begriff des alten Erkers.

In diesem Haus wohnt es sich in fünf Größen- und Ausstattungskategorien von 30 bis zu 80 Quadratmetern, beginnend bei einem Basispreis von 125 Euro pro Nacht.

Buchungen können online direkt auf der Website vorgenommen werden:
argos-graz.at

Entgeltliche Einschaltung
Bilder von Gerald Liebminger
Beitrag veröffentlicht am 16.05.2023

Totentanz: Auseinandersetzung mit dem Tod in der Kunst

Die Auseinandersetzung mit dem Tod und der Tatsache, dass alle einmal sterben müssen, ist nicht einfach und muss doch auf die verschiedensten Arten irgendwann passieren. Der Tod als Endpunkt des Lebens, die Frage um seine Bedeutung und die Absicht, dem in seiner Länge absehbaren Leben Sinn und Inhalt zu verleihen, beschäftigt die Menschheit in allen Kulturen und Gesellschaftsformen seit Anbeginn der Zeit.

Nicht überraschend findet die Konfrontation mit dem Thema Tod Tod auch in der Kulturgeschichte unter dem Leitmotiv des Totentanzes seinen Ausdruck. Dieses setzt sich mit dem Sterben, der Vergänglichkeit und der Endlichkeit alles Irdischen auseinander und fungiert als memento mori: Eine mahnende Erinnerung daran, dass der Tod jeden, ungeachtet der gesellschaftlichen Position, des Vermögens oder des Geschlechtes plötzlich aus dem Leben reißen kann.

Das Motiv des Totentanzes: Der personifizierte Tod im Tanz mit den Menschen

Der Totentanz kam im 14. Jahrhundert im christlichen Spätmittelalter in Europa als eigene Kunst- und Literaturgattung auf. Zuerst wurde diese in Frankreich unter dem Namen „danse macabre“ bekannt. Motiv waren Menschen jeden Standes und Alters, die einen Reigen mit dem Tod tanzten. Dieser wurde als allegorische Figur dargestellt: Ein Leichengerippe, der personifizierte Tod. Das Bemerkenswerte und Makabere dieser Kunstwerke war die Verbindung zweier so unterschiedlicher Motive, das tragische Sterben und das fröhliche Tanzen. Auslöser für diese Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit und vor allem mit der Gleichheit aller Menschen im Tod waren die verheerenden Seuchen des Mittelalters und das Massensterben der Bevölkerung. Als die Pest in Europa wütete, starben Dutzende Millionen Menschen – ungeachtet ihres Geschlechts oder ihres Standes mussten sie dem Tod ins Auge blicken. Der Totentanz soll an die Endlichkeit alles Irdischen erinnern und vor Augen halten, dass Statuswerte wie Reichtum oder Macht im Augenblick des Sterbens obsolet werden.

Der Totentanz als Skulptur: Auch in der Moderne ein beliebtes Motiv

Der Basler Totentanz

Als eines der berühmtesten Werke des Totentanz-Motivs gilt der Basler Totentanz. Dieser wurde im Jahr 1440 von einem unbekannten Künstler auf die Innenseite des Laienfriedhofsmauer beim Dominikanerkloster gemalt. Das Kunstwerk war 2 Meter hoch und ganze 60 Meter lang. Auch beim Basler Totentanz wird der spätmittelalterliche Gesellschaftsaufbau widergespiegelt: Die einzelnen Sterbenden sind durch ihre Kleider und andere Attribute ganz klar als Angehörige einer bestimmten Gesellschaftsgruppe gekennzeichnet. Den Tanzzug der insgesamt 37 Tanzpaare führen die weltlichen und geistlichen Obrigkeiten an, ihnen folgen die Ständevertreter der Stadt. Am Ende des Reigens tanzen die damals am niedrigsten gestellten Vertreter der Gesellschaft: Bauer, Koch, Heide, Jude und Blinder. Sterben müssen sie jedoch alle.

 

Die 1362 erbaute Kirche San Vigilio in Trient mit dem bekannten Totentanz von Simone Bascheni

Totentanz in der Steiermark

Auch in der Steiermark gibt es einen bekannten zeitgenössischen Künstler, der sich mit dem Totentanz-Motiv auseinandersetzt: der aus Graz stammende Bildhauer und Künstler Manfred Erjautz. 1966 geboren, besuchte er in seiner Jugend in Graz an der HTBLA Ortwein den Zweig Bildhauerei und studierte anschließend von 1985 bis 1990 an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Bruno Gironcoli. Erjautz lebt in Wien, gilt als einer der führenden Vertreter der heutigen Bildhauergeneration und hat bereits mit unterschiedlichsten Ausstellungen und Arbeiten im öffentlichen Raum künstlerische Meilensteine gesetzt. Als Mitglied der Wiener Secession und von Forum Stadtpark setzt er sich in seiner Kunst mit existenziellen Themen auseinander. Im Frühjahr und Sommer 2022 stellte er im Kulturzentrum “Kultum” bei den Minoriten eine mehr als 50-teilige Totentanzserie aus und orientierte sich dafür am bekannten Basler Totentanz. Erjautz transportierte dabei den im Spätmittelalter so ikonischen Umgang mit dem Tod in die Gegenwart und verband ihn mit dem technischen Fortschritt und den neuen Medien des 21. Jahrhunderts. In seiner Ausstellung findet sich unter anderem ein auf Augenhöhe schwebendes Skelett, das bei Berührung einen Wirbelsäulentanz beginnt und Totentanz-Originalmotive auf Holzschnitten und Kupferstiche, die mit dem Massenmedium des 21. Jahrhundert – dem Handy – digital bearbeitet, mit gegenwärtigen Attributen verschmolzen und durch den Drucker geschickt wurden.

Das Motiv des tanzenden Todes mit den noch-Lebendigen, gilt für Erjautz als zeitlos: Unsere Gegenwart besteht aus Krieg in Europa, den Schrecken einer tödlichen Pandemie und den existenziellen Sorgen und Ängsten, die mit der sich verändernden Realität einhergehen. In Bildern und Skulpturen kann diese Angst vor der Vergänglichkeit und dem Tod fassbar gemacht werden.

Beitrag veröffentlicht am 19. Oktober 2022
von Karolina Wiener
©️godongphoto / Shutterstock.com, Joaquin Ossorio Castillo / Shutterstock.com, Erik Laan / Shutterstock.com

Als ein Grazer Portorož „erfand“

Jede Zeit hat ihren Lugner. Nicht nur die unsere kann in den letzten Dezennien mit einem solchen aufwarten, auch die Monarchie hatte den ihren. Eine Nummer größer sogar.

Es war im „Fin de Siècle“ ein adeliger Industriellensohn aus Graz, der, hätte es damals schon so etwas wie ein TV gegeben, den perfekten k. u. k. Seitenblicker abgegeben hätte. Beide haben sich ein Denkmal gesetzt – der Wiener mit der Lugner City, der Grazer mit einem Hotel, das Portorož vom kleinen istrianischen Fischerdorf zum international begehrten Nobelkurort aufsteigen ließ, dem legendären „Palace Hotel“, das heute als Fünf Sterne „Kempinski Palace Hotel“ den Charme dieser einstigen Noblesse in die Gegenwart mitgenommen hat.


Hans Reininghaus

Man schrieb das Jahr 1907, als der damals vierzigjährige Johann Friedrich von Reininghaus, bekannt als Hans von Reininghaus, beschloss, in der malerischen Bucht von Portorož ein Hotel zu errichten. Nicht irgendeines, sondern eines, das sämtliche Maßstäbe an bisher gebotenem Komfort sprengen sollte. Als Architekt beauftragt wurde ein gewisser Johann „Giovanni“ Eustacchio aus Buje, Sohn jenes Angelo Eustacchio, der zum Ahnherren der großen steirischen Eustacchio-Familie werden sollte. 1908 wurden die Bauarbeiten aufgenommen und nach nicht einmal zwei Jahren konnten die ersten prominenten Gäste im Luxustempel, der schönste an der oberen Adria neben dem Excelsior in Venedig, wie die Zeitungen schwärmerisch berichteten, ab 20. August 1910 ihre Zimmer beziehen.

Man speiste im Kristallsaal, genoss den betörenden Duft von hunderten Rosenstöcken und Lorberbäumen, suchte den Schatten der Pinien und Zypressen oder zog sich in die Ruhe des Lesesaals zurück. Zu den Thermen gab es eine direkte Verbindung. Alles hatte Architekt Eustacchio, der in Graz studiert hatte, in seinen Planungen berücksichtigt, nur die Grundwassersituation nicht – Frischwasser musste täglich per Tankschiff herbeigeschafft werden, was aber für die Gäste keine Minderung des Komforts bedeutete.

In nur zwei Jahren Bauzeit war das Luxus-Hotel fertiggestellt – und in fünf Jahren pleite.

Nachdem der technisch begabte und vor Ideen sprudelnde Hans Reininghaus diese auch in die Baugestaltung einfließen ließ, hatte sich die kalkulierte Bausumme in der Endabrechnung mit 2.257.100 Kronen nahezu verdoppelt. Johann Eustacchio erlebte allerdings die Eröffnung „seines“ Hotels nicht mehr, er starb mit nur 40 Jahren am 7. Juli 1909 in Wien. In imperialer Pracht geprägt von einer behutsam abgestimmten Mischung von Historismus, Wiener Sezession und Neorenaissance entfaltete sich ein gesellschaftliches Leben, das der Projektentwickler und Financier Hans von Reininghaus sehr genoss und für seine PR-Zwecke einzusetzen wusste. Richard Lugner hätte bei ihm bestimmt Know-how Anleihen zeichnen können. Einzig bei der Zahl der geschlossenen Ehen hat ihn Lugner überflügelt. Waren es beim Wiener Baumeister insgesamt fünf, so hielt Reininghaus bei drei an. Davon sollte die erste jedoch nicht nur für längere Zeit die Tagesthemen in der monarchischen Zeitungslandschaft vorgeben, sondern auch den Grund liefern, dass sich Sorgen- und Zornesfalten auf des Kaisers Stirn zeigten. Aber davon etwas später.


Das Palace Hotel setzte neue Maßstäbe in punkto Glanz und Gloria zur Endzeit der Monarchie.

Ein Lieblingsneffe erinnert sich noch gut an Onkel Hans und auch an dessen erste Gattin Tante Gina.

„Abenteuer Alter“ konnte mit einem liebenswürdigen Herrn, der das Grazer „Luschin-Schlössl“ am Rosenberg bewohnt, sprechen, der diesen Hans von Reininghaus nicht nur gut kannte, sondern auch dessen Lieblingsneffe war. Würde die Monarchie noch existieren, würde er sich Georg Graf Künigl von Ehrenburg nennen, so ist er einfach Diplomingenieur, der beim Land Steiermark als Experte für den Autobahnbrückenbau arbeitete, sich als Hofrat in den Ruhestand verabschiedete und heuer seinem Neunziger entgegensieht.

„Der Onkel Hans war ein Herr, der auch im Alter noch eine charismatische Ausstrahlung versprühte, groß, fesch, eloquent, interessiert an allem, wusste viel und hielt damit auch nicht zurück. Das konnte mitunter anstrengend werden, wenn er auf langen Spaziergängen bei seinem Wochenendhaus in Edelschrott dir als jungem Menschen die Budgetgestaltung erklärte. Oder seine Fahrten nach Wien. Weil er Angst vor dem Einschlafen im Auto hatte, durfte ich mit ihm immer wieder in seinem stromlinienförmigen Tatraplan mit dem markanten Schrägheck in die Bundeshauptstadt fahren. Aber ich habe dadurch so viel von seinem bunten spannenden Leben erfahren können, auch von seiner Expeditionsreise am Nil bis in den Sudan im Jahr 1905.“

Der „Onkel Hans“, geboren 1867 in Graz, war in seinen jungen Jahren ein talentierter Universalsportler, fuhr mit dem Hochrad sogar von Graz bis München, wo er recht enttäuscht war, dass die festliche Beflaggung der Isar-Metropole nicht ihm, sondern dem Oktoberfest galt. Er war ein sieggewohnter Turnierreiter, forcierte mit Max Kleinoscheg den Skisport, zählte Peter Rosegger, Alexander Girardi und den Bildhauer Hans Brandstetter zu seinen engsten Freunden, nannte eines der ersten Autos in Graz sein Eigen und stieg konsequenterweise zum ersten Präsidenten des steirischen Automobilclubs als frühen Vorläufer des ÖAMTC auf, zählte zu den besten Schachspielern der Monarchie und war so ganz nebenbei eine technische Begabung. Nur ein kleines Beispiel: die Drehtür – ein Patent von Hans Reininghaus.

Nach mehreren „Hafenrundfahrten“ steuerte auch ein Hans Reininghaus den Hafen der Ehe an. In Triest hatte er die bildhübsche und blitzgescheite Gina, Tochter des berühmten Portraitmalers Tito Agujari kennen gelernt und sich Hals über Kopf in die Sechzehnjährige verliebt, die er alsbald – man schrieb das Jahr 1896 – vor den Traualtar führte. Der Ehe entsprossen sechs Kinder, wovon der älteste Sohn Peter von Reininghaus ab 1920 für 50 Jahre die Geschicke des Unternehmens Reininghaus leiten wird.

Aber weswegen verschlug es den Grazer Hans Reininghaus in das verträumte, damals (noch) österreichisch-istrianische Portorose, dem Rosenhafen? Georg Künigl erinnert sich an alles, was man in der Familie darüber erzählte: Nachdem seine Mutter Therese Reininghaus schon in Abbazia das Hotel Quisisana besaß, sah sich der Sohn an der gegenüberliegenden Seite von Istrien in Piran und Portorose um – und wurde fündig, indem er dort 1907 die Leitung der Portorose Aktiengesellschaft übernahm. Seine Handschrift sollte sofort sichtbar werden, denn ein Jahr später begann schon der Bau des Hotels Palace. Damit stellte das Jahr 1907 einen Meilenstein im Leben des Grazer Adeligensprosses in zweifacher Hinsicht dar – er trug sich mit den Plänen für das Hotel, ein anderer mit solchen betreffend seine attraktive Frau.

„Als 1901 der Vater von Onkel Hans, Peter Reininghaus, der gemeinsam mit seinem schon früher verstorbenen Bruder Julius Reininghaus die Grazer Brauerei-Dynastie begründet hatte, plötzlich verschied, war es nicht  Hans, bis dahin als Prokurist im Betrieb tätig, der die Brauerei führen sollte, seine Mutter Therese übernahm gemeinsam mit einem Schwiegersohn die Leitung. Hans aber steckte voller Ideen, wollte sich beweisen und Geld dazu besaß er auch.“

Niemand anderer als der damalige Chef des Generalstabes, Franz Conrad von Hötzendorf, vor Jahren schon Witwer geworden, verliebte sich unsterblich in die 27 jüngere Virginia „Gina“ von Reininghaus, die vorerst seinem Liebeswerben Folgendes beschied: „Sieben Gründe sprechen dagegen – sechs Kinder und ein Ehemann.“


Die bildhübsche Triestinerin Virginia „Gina“ Augjari, geschiedene Reininghaus und spätere Gattin von Feldmarschall Franz Conrad von Hötzendorf

 

Jenes Glück, das dem späteren Feldmarschall im ersten Weltkrieg auf allen Frontlinien versagt geblieben war, konnte er dafür durch Hartnäckigkeit bei seiner Angebeteten erringen. 1915 wurde diese Art einer „Menage à trois“ Hans Reininghaus zu viel und er reichte die Scheidung ein. Aus für die Ehe, ein Aus auch für das Hotel. Bedingt durch die Einschränkungen des Krieges schlitterte es nach fünf Jahren Mondänität, in denen Hoch- und Geldadel dort allerhöchsten Luxus genossen hatten, sogar Kronprinz Franz Ferdinand seine Gattin Gräfin Sophie Chotek dort zum Tanz geführt hatte, in die Insolvenz. Ein mäßiger Betrieb in der Zwischenkriegszeit, anschließend Beschlagnahme durch das Militär, erst durch das deutsche, dann nach dem Zweiten Weltkrieg durch das jugoslawische. Dann die Auferstehung in den Wirtschaftswunderjahren als neuerlicher Treffpunkt für Schön & Reich.

Der internationale Jetset liebte das Palace Hotel und selbst Marschall Tito war dort Stammgast.

Staatschef Josip Broz Tito liebte es genauso wie Yul Brynner, wie Winnetou Pierre Brice oder Sophia Loren, um nur einige zu nennen. Zu Beginn der Siebzigerjahre der große architektonische Sündenfall: In den prachtvollen Park setzte man unansehnliche Kioske, die den Blick auf das Meer verstellten, diente sich dem zunehmenden Autoverkehr mit dem Bau einer Straße mit zwei Spuren an – jeweils eine davon für das Parken. Das Palace Hotel verlor erst seinen Charme, daraufhin sein Publikum. 1980 war zum ersten Mal Schluss und nach einigen erfolglosen Wiederbelebungsbemühungen kam mit 1990 das endgültige Aus.

Erst nach einer völligen Neuordnung der Besitz-  und Zuständigkeitsverhältnisse konnte im Jahr 2003 eine bis 2008 dauernde, umfassende 70 Millionen teure Sanierung das Hotel mit der Kempinski-Gruppe als Betreiber wieder unter den Top-Fünf-Sterne-Palästen positionieren. Und wie ging es mit den handelnden Personen von einst weiter? Georg Künigl erinnert sich: „Tante Gina, die Ex-Gattin von Hans, die wir ja auch gut kannten und von ihrem Klavierspiel immer fasziniert waren, wurde bereits 1925 Witwe, starb selbst 1961 im Südbahnhotel am Semmering, wo sie die letzten Lebensjahre verbracht hatte. Sie war nie wieder eine Ehe eingegangen. Onkel Hans hatte in unserer Gegenwart nie über sie gesprochen, er heiratete noch zwei Mal und lebte glücklich mit seiner letzten Frau, der Apothekerin Elisabeth Seidl in einer eher kleinen Wohnung in der Glacisstraße 5 in Graz. Das Schloss Hardt in Thal hatte er verkauft, hatte aber 1927 den inzwischen trocken gelegten Thalersee wieder zu einer beliebten Freizeiteinrichtung für die Grazer ausgebaut. 1959 war er noch bei meiner Graduierung zum Diplomingenieur dabei, starb aber noch im selben Jahr nach einem Schlaganfall im Alter von 92 Jahren.“

Richard Lugner hat mit seiner Lugner City ein bauliches Denkmal und Hans von Reininghaus? Hat eben jüngst auch eines bekommen: Im neuen Stadtviertel Reininghauspark trägt ein Wohnblock – fünf Stockwerke, 20 Wohnungen – den Namen „Haus Johann Dietrich“. Hans nannten ihn ja außer der Familie nur die vielen Freunde und Bekannten.

Beitrag veröffentlicht am 21.4.2022
© Kempinski Palace Hotel