Vorhofflimmern ernst nehmen

Vorhofflimmern schränkt nicht nur die Leistungsfähigkeit und Lebensqualität ein, die Rhythmusstörung erhöht das Risiko für einen Schlaganfall um das Fünffache. Prognosen zufolge wird sich die Anzahl der Betroffenen in den nächsten 20 Jahren verdoppeln. Eine frühzeitige Diagnose ist wichtig, betont Kardiologe Martin Manninger-Wünscher von der Med Uni Graz.


Martin Manninger-Wünscher

Was ist Vorhofflimmern überhaupt?

Vorhofflimmern ist die häufigste anhaltende Rhythmusstörung beim Erwachsenen. Normalerweise wird der Herzrhythmus durch einen Taktgeber im Herzvorhof, dem Sinusknoten, vorgegeben. Beim Vorhofflimmern kommt es zu einer chaotischen elektrischen Aktivierung und damit zu Vorhoffrequenzen von bis zu 600/min, welche auf die Herzkammern übergeleitet werden und dort oft zu einem schnellen Puls von 100 bis 180/min führen. Die Rhythmusstörung kann in kurzen, selbstlimitierten Episoden vorkommen oder stabil laufen, bis man sie zum Beispiel durch Medikamente unterbricht. Je länger und öfter sie läuft, desto länger und öfter wird sie in Zukunft wieder kommen. Am Anfang der Erkrankung wird die Rhythmusstörung durch einzelne Zellen ausgelöst, die in den Lungenvenen im linken Herzvorhof liegen. Je häufiger die Rhythmusstörung auftritt, desto mehr bauen sich die Herzvorhöfe um und immer mehr Bereiche können sie auslösen und aufrechterhalten.

Wie verbreitet ist diese Rhythmusstörung?

Vorhofflimmern betrifft weltweit zwei bis vier Prozent der Erwachsenen. Berechnungen zufolge soll sich die Rate in den nächsten 20 Jahren verdoppeln. In Österreich sind rund 230.000 Patienten betroffen. Das Lebenszeitrisiko für 55-Jährige, Vorhofflimmern zu bekommen, liegt bei 1:3. Männer haben ein gering höheres Risiko. Die Häufigkeit ist bei Frauen und Männern aber ähnlich verteilt, da Frauen eine höhere Lebenserwartung haben.

Wer ist in besonderer Weise davon betroffen?

Zu den nicht beeinflussbaren Risikofaktoren zählen genetische Prädisposition, Alter, männliches Geschlecht und Ethnizität – Nicht-Kaukasier sind häufiger betroffen. Der Großteil der Risikofaktoren ist beeinflussbar, dazu zählen Herzklappenerkrankungen, Herzschwächen, koronare Herzerkrankungen, Gefäßerkrankungen, akute Erkrankungen oder Operationen, Inaktivität oder übermäßige Aktivität, hohe Blutfette, Rauchen, Alkoholkonsum, Übergewicht, obstruktive Schlafapnoe, Autoimmunerkrankungen, COPD, Nierenerkrankungen, Diabetes mellitus und Bluthochdruck.

Welche Symptome machen sich bei Vorhofflimmern im Alltag bemerkbar?

Die Wahrnehmung ist sehr unterschiedlich. Manche Betroffene spüren jede kurze Episode und sind dadurch stark beeinträchtigt. Andere spüren die Rhythmusstörung gar nicht und werden erst durch eine Komplikation, etwa einen Schlaganfall oder eine Herzschwäche, symptomatisch. Der Handlungsbedarf hängt stark vom Stadium der Erkrankung ab. Ist Vorhofflimmern noch nicht bekannt, ist es wichtig, während der laufenden Rhythmusstörung ein EKG zu schreiben, um die Diagnose zu bestätigen. Wenn es bereits bekannt ist und die Basistherapie schon besteht, hängt der Handlungsbedarf davon ab, ob die Episoden wieder spontan aufhören oder ob man dadurch in seiner Lebensqualität beeinträchtigt ist.

Wie wird Vorhofflimmern diagnostiziert, welche medizinischen Checks finden statt?

Vorhofflimmern wird mittels EKG diagnostiziert. Dafür muss man aber neuerdings nicht mehr unbedingt die traditionelle 12-Kanal-EKG-Aufzeichnung in einer Ordination oder Spitalsambulanz machen lassen. Auch neue Technologien, die eine 1-Kanal-EKG Aufzeichnung ermöglichen – wie zum Beispiel in einer Smartwatch – sind für die Diagnose ausreichend. Aufgrund der Häufigkeit der Erkrankung und der damit verbundenen Komplikationen empfiehlt es sich, bei Menschen über 65 Jahren regelmäßig mittels Pulstasten und EKG-Aufzeichnungen nach Vorhofflimmern zu suchen. Dafür stehen auch automatische Pulsmessungen von Smartphones, Pulsuhren oder Smartwatches zur Verfügung. Man geht davon aus, dass Vorhofflimmern bei einem Drittel der Betroffenen noch unentdeckt ist.

Welche Therapieoptionen gibt es?

Die Grundpfeiler der Therapie sind die Vermeidung von Schlaganfällen, Symptomkontrolle und die Behandlung von Risikofaktoren. Anhand eines Risikoscores beurteilt man das Schlaganfallrisiko und empfiehlt eine orale Antikoagulation, also eine Blutverdünnung. Um Symptome zu behandeln, kann man medikamentös die Herzfrequenz im Vorhofflimmern reduzieren oder alternativ versuchen, den normalen Sinusrhythmus wieder herzustellen und zu halten. Dafür stehen Medikamente oder die Elektrokardioversion – eine externe Schockabgabe in Kurznarkose – zur Verfügung. Zur Langzeit-Rhythmuskontrolle zählen die medikamentöse Therapie und die Katheterablation. Letztere wird in spezialisierten Einrichtungen durchgeführt. Mit einem Gefäßzugang über die Leiste mittels Kathetern wird der linke Herzvorhof erreicht, um dort die auslösenden Zentren elektrisch vom restlichen Vorhof zu isolieren. Zur Behandlung der Risikofaktoren gehört die adäquate Blutdruck- und Zuckereinstellung, Reduktion von Übergewicht, Raucherentwöhnung, Einnahme von Blutfettsenkern, Alkoholkarenz und regelmäßige körperliche Aktivität oder Reduktion der Trainingsintensität bei exzessiver sportlicher Belastung.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen Vorhofflimmern und Schlaganfällen?

Vorhofflimmern erhöht das Schlaganfallrisiko um ein Fünffaches und jeder fünfte Schlaganfall ist durch Vorhofflimmern verursacht. Leider sind Schlaganfälle, die so zustande kommen, oft schwerwiegender als bei anderen Ursachen. Der Grund für das Auftreten von Schlaganfällen im Zusammenhang mit Vorhofflimmern ist, dass während der Rhythmusstörung die Herzvorhöfe nicht kontrahieren und sich erweitern. Durch die gestörte Zirkulation im Vorhof kommt es zum Stau von Blut in Hohlräumen wie dem linken Herzohr. Dort können sich Blutgerinnsel (Thromben) bilden, die aus dem Herzen ausgespült werden und Hirngefäße verstopfen können.

Beitrag veröffentlicht am 18.05.2022

Wenn das Herz stolpert

Vorhofflimmern (VHF) ist die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung. In Österreich sind rund 230.000 Patienten betroffen, wobei rund 1/3 der Fälle unentdeckt bleiben. Während manche Patienten Vorhofflimmern als Herzrasen oder Herzstolpern wahrnehmen, spüren viele Betroffene gar keine Symptome, was eine frühzeitige Diagnose erschwert. 

Vorhofflimmern selbst ist nicht lebensgefährlich, jedoch erhöht die Erkrankung das Risiko diverser Folgeerkrankungen, etwa für einen Schlaganfall. Menschen mit Vorhofflimmern haben ein rund fünffach höheres Schlaganfall-Risiko, das ab dem Alter von 65 Jahren stark ansteigt. Sie sind außerdem gefährdeter, weitere Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln.

Die Erkrankung sollte daher frühzeitig diagnostiziert und behandelt werden. Ärzte führen dafür ein EKG (Elektrokardiogramm) durch. Ergänzend kann eine Ultraschalluntersuchung des Herzens Aufschluss geben. Patienten können zur Identifikation einer Herzrhythmusstörung wie Vorhofflimmern beitragen, indem sie regelmäßig ihren Puls messen.

Entstehung von Vorhofflimmern

Das Herz besteht aus zwei Hälften, die je zwei Hohlräume besitzen: einen Vorhof und eine Kammer. Damit das Blut im Körper zirkulieren kann, müssen sich diese immer wieder zusammenziehen und dann entspannen. Dafür ist der sogenannte Sinusknoten zuständig. Er ist der natürliche Schrittmacher des Herzens, der den Herzrhythmus vorgibt. Indem er elektrische Signale aussendet, sorgt er dafür, dass sich die Vorhöfe gleichzeitig zusammenziehen – ein Herzschlag wird ausgelöst. 

Im Normalzustand passiert das 60 bis 90 Mal pro Minute. Bei Vorhofflimmern kommt es zu einer Störung des Herzrhythmus. Durch ungeordnete elektrische Signale geraten die Vorhöfe mit über 100 Schlägen pro Minute aus dem Takt – sie flimmern. Bei Vorhofflimmern wird das Blut nicht mehr gleichmäßig gepumpt und die Fähigkeit des Vorhofs, sich zusammenzuziehen, ist deutlich eingeschränkt. So kann es zur Bildung von Blutgerinnseln kommen. Diese werden mit dem Blutstrom zunächst noch in die größeren Gefäße des Körpers befördert. In den kleineren Gefäßen des Gehirns können sie jedoch zu einem Gefäßverschluss und somit zu einem Schlaganfall führen.

Symptome

Die Symptome sind oft unspezifisch, viele Betroffene spüren gar keine Beschwerden. Bei einigen Patienten kann es sich als starkes Herzrasen oder Herzstolpern bemerkbar machen. Bei manchen kommt es außerdem zu:

  • Antriebslosigkeit, Atemnot, Brustschmerzen, 
  • Engegefühl in der Brust, Erschöpfung, Innere
  • Unruhe, Schwindel, Schwitzen, Schlafstörungen
  • Risikofaktoren

Der Hauptrisikofaktor für Vorhofflimmern ist das Alter. In Industrieländern entwickelt jeder vierte Erwachsene mittleren Alters in seiner verbleibenden Lebenszeit Vorhofflimmern. Das Risiko erhöht sich zusätzlich durch viele Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie eine Herzschwäche, Bluthochdruck, aber auch Diabetes oder einen vorausgegangenen Schlaganfall. Weitere patientenseitige Faktoren sind: 

  • Fettleibigkeit, Rauchen, Übermäßiger Alkoholkonsum, Häufige, starke Anstrengung, Geringe körperliche 
  • Aktivität
  • Diagnose

Vorhofflimmern wird vom Arzt diagnostiziert. Er nutzt dafür ein Elektrokardiogramm (EKG), das den Herzschlag aufzeichnet. Außerdem kann eine Ultraschalluntersuchung (Echokardiographie) des Herzens erfolgen. Hierbei werden die Struktur und das Pumpverhalten des Herzens sichtbar gemacht. Die Diagnose von Vorhofflimmern wird jedoch gerade bei episodenhaft auftretendem Vorhofflimmern erschwert, da die Untersuchung möglicherweise in einem Zeitraum stattfindet, in dem sich das Herz im normalen Sinusrhythmus befindet. Vorhofflimmern tritt in verschiedenen Formen auf. Dabei schreitet die Erkrankung auch bei einzelnen Patienten üblicherweise von kurzen, seltenen Episoden zu längeren und häufigeren Episoden fort und kann in permanentem Vorhofflimmern enden.

Therapie

Die Therapie von Vorhofflimmern umfasst fünf wesentliche Punkte und dient sowohl der Verbesserung der Lebenserwartung als auch der Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen.

Akute Frequenz- und Rhythmuskontrolle: Ziel ist das Erreichen hämodynamischer Stabilität, das heißt, eines gleichmäßigen Blutflusses in den Gefäßen. Dazu können zum Beispiel Medikamente eingesetzt werden, die die Herzfrequenz bei akuten Beschwerden rasch wieder unter Kontrolle bringen sollen oder aber eine Kardioversion zur akuten Rhythmuskontrolle.

Behandlung auslösender Faktoren: Ein wesentlicher Aspekt der Therapie ist die Korrektur eines ungesunden Lebensstils sowie die Behandlung zugrundeliegender Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Patienten sollten auf eine gesunde Ernährung sowie ausreichend Bewegung achten. Starke körperliche Anstrengungen, Alkohol, Rauchen, Stress und Schlafmangel sollten vermieden werden.

Schlaganfallrisiko senken: Um Blutgerinnsel aufgrund eines Herzstolperns zu vermeiden, können Gerinnungshemmer zum Einsatz kommen. Mit ihrer Hilfe wird die Gerinnungsfähigkeit des Blutes herabgesetzt, um der Entstehung von Blutgerinnseln vorzubeugen. 

Verbesserung der Symptomatik: Zur Verbesserung der Symptomatik bei Vorhofflimmern sowie zum Erhalt der sogenannten Linksventrikel (LV)-Funktion (Funktion der linken Herzhälfte) wird eine Frequenz-regulierende Therapie durchgeführt.

Wiederherstellung des Herzrhythmus: Der normale Herzrhythmus kann mittels Antiarrhythmika, Kardioversion oder Katheterablation wiederhergestellt werden.

 

Beitrag veröffentlicht am 15. November 2020
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