Interview – Mario Kunasek

Grüß Gott, Herr Landeshauptmann und vielen Dank für die Möglichkeit, dieses Gespräch für Abenteuer Alter mit Ihnen zu führen! Darf ich am Anfang fragen: Was war für Sie persönlich die größte Überraschung, als Sie dieses Amt übernommen haben?

Mario Kunasek: Auf alle Fälle die Fülle an Terminen und die Breite. Ich war ja schon einmal Minister und kenne die Regierungstätigkeit, aber der Landeshauptmann ist halt sehr breit aufgestellt, was die Themen betrifft vom berühmten Kanaldeckel, der irgendwo scheppert, bis hin zu den großen Projekten in der Steiermark. Die Terminfülle und vor allem die Tiefe und Breite waren schon eine Überraschung.

Am Foto ist der Landeshauptmann Mario Kunasek im Regierungszimmer in der Grazer Burg zu sehen.
Selbstverständlich bin ich der Landeshauptmann für alle Steirer, die hier in der Steiermark leben und sich positiv zum Gelingen der Gesellschaft einbringen. © Marco Reif-Teubenbacher

Sind Sie eigentlich ein Landeshauptmann für alle Steirer, das war eine Formulierung, die viele ihrer Vorgänger verwendet haben? Also auch für die, die Sie nicht gewählt haben?

Kunasek: Selbstverständlich bin ich der Landeshauptmann für alle Steirer, die hier in der Steiermark leben und sich positiv zum Gelingen der Gesellschaft einbringen. Die Leistung erbringen, sei es in der Familie, sei es als Unternehmer, als Angestellter oder Arbeiter. Ich bin nicht der Landeshauptmann für Kriminelle, die sich radikalisieren, die das System ausnützen wollen. Da gibt es andere möglicherweise, die haben mich aber auch nicht gewählt. Aber selbstverständlich versuche ich alle, mit ins Boot zu holen. Ich glaube, die Steiermark ist ein wunderbares Land. Die Vielfalt macht es aus. Es gibt Aufgabenstellungen, die hoch interessant sind und die ich mit voller Motivation angehe.

Wenn Sie erlauben, nun Themen für die Senioren. Sie haben in unserem letzten Interview vor der Landtagswahl gesagt, Sie werben um die Stimmen der Senioren, weil Sie und Ihre Partei sie wertschätzen, weil Sie für die Würde der Senioren eintreten. Was hat die ältere Generation jetzt in dieser Beziehung davon, dass Mario Kunasek Landeshauptmann geworden ist?

Kunasek: Eines ist klar, die Wertschätzung hat sich seit dem letzten Gespräch nicht verändert. Wertschätzung ist ein wesentliches Thema, das gelebt werden muss, aber auch mit Leben befüllt. Ich sage schon auch, es soll sich etwas positiv verändern. Ich bin jetzt seit einigen Wochen Landeshauptmann und ich glaube, dass man spürt, dass man Themen, die die ältere Generation betreffen, auch sehr motiviert angeht. Ich sage jetzt Gesundheitsversorgung oder die wohnortnahe Spitalsversorgung – Stichwort Leitspital Liezen in der Obersteiermark – wo man den Plan gehabt hat zu zentralisieren, womit die wohnortnahe Versorgung nicht mehr sichergestellt gewesen wäre. Ein anderes Beispiel sind die Mehrgenerationenwohnhäuser, die wir uns auf die Fahnen geheftet haben. 

Sie haben das Thema Gesundheitsversorgung mit dem Leitspital in Liezen angesprochen. Dieser Bereich ist das zentrale Thema dieser Generation, weil sie in dieser Hinsicht am ehesten gefährdet ist. Sind Sie ein Anhänger der Spitzenmedizin mit aller ihrer Spezialisierung, die aber natürlich in einem Konflikt mit alten Strukturen steht?

Kunasek: Wenn Sie mit alten Strukturen die aktuellen Spitals­strukturen ansprechen, muss ich widersprechen. Spitzenmedizin und Spezialisierung schließen nicht aus, dass man das auf mehrere Standorte verteilen kann. Ich glaube, darum ist auch das Motto in der Obersteiermark, wo wir eben drei Häuser haben, dass wir selbstverständlich auch spezialisieren wollen. Nicht jedes Krankenhaus wird alles können im Bereich der Inneren Medizin und der Unfallmedizin und Vieles mehr, sondern es braucht hier Spezialisierungen. Sie gehen ja auch nicht zu erstbesten Arzt, wenn es um ein neues Knie oder eine neue Hüfte geht, sondern Sie gehen zu einem Spezialisten. Aber was es schon auch braucht, ist eine wohnortnahe Akutversorgung und dafür stehen wir genauso ein: Das heißt Spitzenmedizin und Spezialisierungen schließen nicht aus, das auf mehrere Standorte zu verteilen, ganz im Gegenteil. 

In unserem letzten Gespräch haben Sie beklagt, dass wir eigentlich schon mitten in der Zweiklassenmedizin sind. Was wird jetzt Ihr Weg sein, der herausführt aus diesem System, in dem offenbar ein Gruppe von Menschen schlechter behandelt wird als eine andere?

Kunasek: Leider haben wir das noch immer. Es ist mir nicht gelungen, das in den ersten Wochen zu reparieren. Wir wissen, dass wir zu wenig Ärzte haben, wir haben zu wenig niedergelassene Ärzte. Wir haben im Land Steiermark nur Teilmöglichkeiten, da ist die Ärztekammer zusammen mit der ÖGK verantwortlich, hier gute Verträge zu verhandeln, dass es wieder mehr Kassenärzte gibt. Es gibt immer mehr Wahlärzte und da müssten die Alarmglocken schrillen, weil da sind wir in der berühmten Zweiklassenmedizin. Auch bei den Wartezeiten auf Operationen muss man etwas tun, aber da ist Landesrat Kornhäusl auf einem guten Weg, rascher zu Operationen zu kommen. Letztes Jahr hatten wir Wartezeiten auf eine Grauer Star-Operation von eineinhalb Jahren, das ist ein untragbarer Zustand, aber da ist der Charly Kornhäusl auf einem guten Weg, das zu reparieren.

Es ist interessant, dass Sie mit dem Thema Gesundheit und Leitspital wahrscheinlich auch die Landtagswahl gewonnen haben, dass Sie die Umsetzung dieser Politik aber einem ÖVP-Mann anvertraut haben. Verzeihen Sie die Frage: Gibt es in Ihrer Partei niemanden, der dazu in der Lage gewesen wäre?

Kunasek: Das ist eine etwas verkürzte Darstellung. Ich möchte nicht sagen, dass es wichtigere und weniger wichtige Bereiche gibt. Alle Bereiche sind wichtig und nicht alle können von FPÖ-Regierungsmitgliedern verantwortet werden. Wir haben ein gemeinsames Programm und eine Aufgabenverteilung und beide Parteien stehen da voll dahinter. Außerdem gibt es den ständigen Austausch

zwischen Landesrat Kornhäusl mit unserem Klubobmann Marco Triller. Das heißt, es gibt keine wichtigen Ressorts und weniger wichtige. Alle sind wichtig und alle leisten eine gute Arbeit.

Am Foto ist Mario Kunasek zu sehen.
Mario Kunasek ist Landeshauptmann der Steiermark und steht für einen wertschätzenden Umgang mit der älteren Generation. © luef light

Meines Wissens ist die freiheitliche Partei in sechs Landesregierungen vertreten und in keinem dieser Länder hat eine freiheitliche Politikerin oder ein freiheitlicher Politiker die Verantwortung für Gesundheit und Spitäler. Was dürfen wir hinter diesem Umstand vermuten?

Kunasek:  Ich habe keine Ahnung, wie es in Oberösterreich der in Vorarlberg ausschaut. Da haben Sie sich besser vorbereitet als ich. Wir in der Steiermark haben einen Kurs getroffen, wo sich unsere Fähigkeiten und die der Volkspartei wiederfinden. Eines ist auch klar: Die Volkspartei hat über viele Jahre dieses Ressort gehabt und ich lasse es auch nicht zu, dass man das Eine gegen das Andere ausspielt. Wir machen unsere Arbeit gemeinsam mit der Volkspartei und der Landesrat Kornhäusl macht einen sehr guten Job. Aber noch einmal; Alles ist wichtig, nicht nur das Resort Gesundheit.

Sie haben am Anfang die Mehrgenerationenhäuser angesprochen. Können Sie das ein bisschen erläutern, denn es klingt ein wenig wie die bäuerliche Großfamilie mit Großeltern, Eltern und Kindern unter einem Dach. Können Sie erläutern, wohin Ihre Vorstellungen gehen?

Kunasek:  Wir wissen aus Umfragen und Studien, dass die Älteren gern lange zuhause bleiben und dass das oft nicht mehr möglich ist. Meine Großmutter war mit 93 Jahren allein zuhause und hat kaum Betreuung gebraucht. Das ist wunderbar, aber oft ist das nicht so. Das heißt, es sind pflegende Familienangehörige – meistens sind es die Frauen, die diese Verantwortung übernehmen – und da ist es gut und wichtig, wenn man den zu pflegenden oder den älteren Teil der Familie im Haus hat. Das ist etwas, was seit Jahren nicht nur die Freiheitlichen verfolgen, sondern auch viele andere Parteien und da möchten wir die Möglichkeiten schaffen, den Familienverbund möglichst lange im den eigenen vier Wänden zu halten. Das íst der Wunsch der Älteren, aber auch der pflegenden Angehörigen. Übrigens sehe ich das auch bei meinen Bub, der ist sechs Jahre alt, und hat das Glück, noch einen Urgroßvater und eine Urgroßmutter zu haben. Das ist auch für die Kinder etwas Wichtiges, weil sie von der älteren Generation viel lernen können. 

Aber es ist doch die Realität, dass die Generationen nicht mehr im gleichen Haushalt wohnen. Bei den Bauern ist das möglicherweise etwas anders. Aber wie führe ich die jetzt wieder zusammen? Irgendwer muss jetzt auf seine Wohnung verzichten …

Kunasek:  Ich glaube, wenn der ältere Familienteil allein in seiner Wohnung ist, ist es ihm vielleicht lieber, in der Wohnung bei seinen Kindern zu sein. Genau darum geht es: Hier eine adäquate Infrastruktur zu schaffen, auch Ausbaumöglichkeiten im Eigenheim sicherzustellen und vieles mehr. Das kann man nicht zusammenfassen wie in einer Bauernfamilie, da leben wir nicht mehr in dieser Zeit, das gibt es leider in dieser Form auch nicht mehr. Aber wir wollen haben, dass die Älteren möglichst lange im eigenen Familienverband bleiben können, und das muss man unterstützen und fördern, wie wir auch wollen, dass sich die pflegenden Angehörigen, die hier eine große Arbeit leisten, auch entsprechend entlohnt werden und diese Wertschätzung bekommen, die sie brauchen. 

Sie sind der einzige Landeshauptmann, dessen Partei nicht in der neuen Regierungskoalition auf Bundesebene vertreten ist. Wie empfinden Sie das im Hinblick darauf, dass die Republik offenbar in einer schwerwiegenden finanziellen Krise ist. Es heißt, da müssen jetzt alle ihre Beiträge leisten, damit wir aus diesem Schlamassel wieder herauskommen. Wie werden Sie sich als freiheitlicher Landeshauptmann verhalten, wenn der Bund an Sie herantritt und sagt, auch die Steirer sollen einen Beitrag leisten?

Kunasek:  Mit mir hat noch keiner dazu ein Gespräch geführt. Es hat mit dem Herrn Bundeskanzler ein angenehmes Gespräch gegeben und ich bin überzeugt, dass die Steiermark weiterhin eine starke Rolle spielen wird. Das gilt auch für den Chor der Landeshauptleute, wo ich im Sommer den Vorsitz übernehmen darf. Es ist klar, dass die Länder ihren Beitrag leisten, schon aus Eigenverantwortung heraus. Wir haben selbst keine positive Überraschung erlebt. Nach dem Kassasturz wissen wir, dass auch das Land Steiermark eine angespannte Budgetsituation hat. Das heißt: Ja, auch wir werden unsere Hausaufgaben machen. Aber das gilt auch für den Bund. Natürlich sind die Länder auch in der Pflicht, auf ihre Budgets zu achten. Was ich aber finde, ist, dass man aktuelle Budgetzahlen hat. Das war für mich ernüchternd und fast schon erschütternd, dass es fast täglich neue Überraschungen gibt. Das muss besser werden. Der Bund, der Finanzminister, muss quasi auf Knopfdruck wissen, wie es um die Staatsfinanzen steht und da gehören die Budgets der Länder dazu. Wir sind gerne bereit, da mitzuarbeiten, aber wie gesagt, muss jeder da die Hausaufgaben machen. 

Sie betonen immer wieder die Wertschätzung für die ältere Generation und haben auch auf ihre Leistungsbereitschaft und die Erfahrung der Senioren hingewiesen. In der Debatte über den finanziellen Sanierungsnotwendigkeiten in der Steiermark und in Österreich ist jetzt auch klar, dass Opfer geleistet werden müssen. Es fällt auf, dass nicht nur ihre Partei, sondern auch andere von vornherein sagen, der älteren Generation ist ein Solidarbeitrag nicht zuzumuten. Das ist aber die Generation mit der größten Lebenserfahrung, die haben schon Krisen gemeistert. Wollen Sie die jetzt für alle Zukunft unter einen Glassturz stellen oder kann man in einem Dialog herausfinden, ob auch Beiträge denkbar sind, die diese Generation leisten kann?

Kunasek:  Herr Kübeck, da haben Sie sich jetzt selbst widersprochen. Auf der einen Seite sprechen Sie von Wertschätzung, aber diese Generation, die dieses Land aufgebaut und ein wunderbares Land geschaffen und für die hohe Wirtschaftskraft gesorgt hat, jetzt für etwas bestrafen, wofür sie keine Verantwortung tragen, weil wahrscheinlich ein gewisses Systemversagen stattgefunden hat, das finde ich unfair. Die Kinder können nichts für die Situation, von der wir reden. Die ältere Generation, die dieses Land aufgebaut hat, die Zeche zahlen zu lassen, finde ich nicht für korrekt. Ich glaube, es gibt andere Bereiche, wo man einsparen kann, aber sicherlich nicht bei der älteren Generation, die dieses Land aufgebaut hat. Ich glaube nicht, dass sie wollen, dass bei der Bildung oder der Elementarpädagogik gespart wird. Die Kinder sind die Zukunft dieses Landes. Da nehme ich einen riesengroßen Glassturz, wenn es notwendig ist, und bin der Schutzherr der Kinder so wie der älteren Generation. Beide kommen bei mir nicht in Frage, um ein Budget zu konsolidieren.

Das Interview steht Ihnen hier auch als Video auf Youtube zur Verfügung.

Foto: © Marco-Reif-Teubenbacher; luef light

 

Siegfried Schrittwieser: Endlich Uhu!

Warum Altpolitiker Siegfried Schrittwieser nach Landhaus, Rotem Kreuz und Kirche jetzt Uhu werden wollte.

Diese zwei Dinge zu glauben fällt einem schwer, wenn sich der – salopp formuliert, könnte man sagen – „Gute-Laune-Typ“ vor der Pernegger Frauenkirche aus seinem Ford Kuga schwingt, dass er nämlich eine Woche zuvor noch mit einer covid-bedingten schweren Lungenentzündung kämpfte und dass er soeben auch beim Siebziger angeschrieben hat. Warum sich „Abenteuer Alter“ mit dem früheren Landeshauptmann-Stellvertreter Siegfried Schrittwieser ausgerechnet vor dieser Marien-Wallfahrtskirche traf, hat einen besonderen Grund, worüber hier noch die Rede sein wird.

Auf unser scherzhaftes Kompliment zur Begrüßung „Gratuliere, der schlankste Siegi, denn es je gab“ antwortet er lachend: „Ich habe mir auch fest vorgenommen, zu meinem Siebziger ein Uhu zu werden. Jetzt habe ich’s geschafft, jetzt bin ich Uhu. Unter hundert Kilo.“

Vor sieben Jahren hatte sich der gebürtige und auch heute noch dort wohnhafte Thörler Siegfried „Siegi“ Schrittwieser aus der Landespolitik verabschiedet, nicht aber von den Menschen, für die er immer da war. Vor allem nicht für jene aus „seiner“ Region, dort ist er weiterhin omnipräsent. Nicht als stimmenwerbender Politiker, sondern als engagierter Bezirksstellenleiter des Roten Kreuzes für Bruck-Mürzzuschlag. „Ich bin im Jahr 2016 zum Bezirksstellenleiter gewählt worden und es ist dann ein Jahr später die Fusion der vier Rot-Kreuz-Bezirke Bruck, Kapfenberg, Mürzzuschlag und Mariazell gelungen und, was mich besonders freut, wir schreiben heute schwarze Zahlen.“

Ganz von ungefähr kommt dieser erfreuliche Umstand nicht, der lässt auch auf eine gewisse Beharrlichkeit und Durchsetzungsfreude des Bezirksstellenleiters zurückführen: „Natürlich besuche ich mindestens einmal im Jahr alle 19 Bürgermeister unseres Rot-Kreuz-Bezirkes, halte enge persönliche Kontakte mit der Wirtschaft und habe immerhin auf diese Art in den letzten sechs Jahren mehr als drei Millionen Euro zusätzlich auftreiben können.“ Und übrigens: Vor kurzem wurde Siegfried Schrittwieser wieder für die nächsten fünf Jahre ohne jede Gegenstimme zum Bezirksstellenleiter gewählt.

Zum Sammeln von Erfahrungen für das Rote Kreuz hatte der gestandene Landes- und Kommunalpolitiker reichlich Gelegenheit. „Denn immerhin“, so Schrittwieser, „war ich schon 1983 Ortstellenleiter vom Roten Kreuz in Thörl und dort war meine erste Aktion, dass wir eine neue Dienststelle gebaut und dabei keine Schulden gemacht haben. Und ich muss sagen, ich bin heute nach 39 Jahren Rotes Kreuz noch immer gerne für diese Einrichtung da, weil ich spüre, ich habe noch die Kraft, die Freude und die Begeisterung und die lege ich jetzt in die Arbeit für das Rote Kreuz und schaue, dass ich so viel wie möglich von dem zurückgeben kann, was ich in meinem Berufsleben erfahren habe.“

Siegfried Schrittwieser als Bezirksstellenleiter beim Roten Kreuz

Was er alles in diesem Berufsleben erfahren hat? Erstens eine profunde Ausbildung als Schlosser bei der Firma Pengg in Thörl und zweitens in „seiner“ Sozialdemokratischen Partei einen Werdegang, von dem er heute nicht ohne Stolz sagen kann: „Niemand anderer in der SPÖ hat derart viele Funktionen ausgeübt wie ich.“ Mit 16 Jahren Landesobmann der jungen SPÖ, mit 27 der damals jüngste Vizebürgermeister, Bezirkspartei Parteisekretär. Mit seiner Einsatzfreude bald in Graz aufgefallen berief ihn Peter Schachner zum Landesparteisekretär. 1987 zum ersten Mal in den Landtag gewählt, in weiterer Folge Klubobmann im Landtag, dann einen Stellungswechsel von der Grazer Landhausgasse in das Thörler Rathaus, wo er den Bürgermeistersessel einnahm.

„Nachdem man mehrfach mit dem Ansinnen, mich als Bürgermeister zur Verfügung zu stellen, an mich herangetreten ist, habe ich zu den Thörlern gesagt ‚Gut, wenn’s ihr mich unbedingt wollt’s, dann komme ich.‘ Die haben gewollt und ich habe mich an mein Versprechen gehalten und bin Bürgermeister geworden, was in der Praxis jedoch bedeutet hat: Dienstauto weg und weniger verdienen. Aber Versprechen sind dazu da, um gehalten zu werden. Und die Belohnung ist gekommen in Form von mehr als 70 Prozent der Stimmen bei der nächsten Gemeinderatswahl.“

2005 eine „Rückholaktion“ nach Graz, diesmal als Präsident des Steiermärkischen Landtages, 2009 von Landeshauptmann Franz Voves als Landesrat für Soziales der Öffentlichkeit vorgestellt und ein Jahr später nach der Landtagswahl zum Landeshauptmann-Stellvertreter mit den Ressorts Soziales und Erneuerbare Energie ernannt. 2015 dann mit 63 Jahren der Abgang von der politischen Bühne, bedacht mit höchsten Auszeichnungen, darunter auch der großen Viktor-Adler-Plakette.

Erwin Zankel, ehemaliger Chefredakteur der Kleinen Zeitung und ebenfalls gebürtiger Thörler, der Siegi Schrittwiesers politischen Weg von dessen Jugend an mitverfolgte, kommt bei der Beurteilung des Gesamterscheinungsbildes Schrittwieser zu folgendem treffsicheren Schluss: „Bei ihm hat man sich jedes Mal, wenn er wieder eine neue Funktion antrat, die Frage gestellt, ob das für ihn nicht eine Nummer zu groß sein könnte. Und man konnte recht bald feststellen: Nein, ist es nicht. Er ist in jedes Amt rasch hineingewachsen und hat es überraschend gut ausgefüllt.“

In die Wiege gesungen war dem Sohn aus dem einfachen Arbeiterhaushalt in Thörl dieser Aufstieg in die Höhen der Landespolitik sicher nicht – sechs Kinder, drei Buben, drei Mädel, Mutter Hausfrau, Vater Alleinverdiener. Mit sechs Jahren ging der Bub schon ministrieren, machte das mit Begeisterung bis zu seinem zwölften Lebensjahr, dann war einmal Schluss. „Wir hatten damals Wochendienste, das hieß eine Woche lang jeden Tag um sechs Uhr Messe, zusätzlich Begräbnisse, aber auch Hochzeiten. Die waren gefragt, weil da hat es dann hier und da auch für die Ministranten ein paar Schillinge gegeben. Aber dafür wurde ich nie eingeteilt und einmal fragte ich den Kaplan, warum ich nicht darf und er stellte mir nur die Gegenfrage: Ministrierst du vielleicht nur wegen dem Geld? Ich habe mich umgedreht, bin gegangen und nie wiedergekommen. Ich war immer schon ein Gerechtigkeitsfanatiker.“

Diese Erfahrung hat aber seine positive Einstellung zur Katholischen Kirche nie getrübt, im Gegenteil, als Landtagspräsident hat er auch den Dialog mit Bischof Egon Kapellari gesucht und gefördert und als die Frauenkirche in Pernegg, als beliebte Wallfahrtskirche auch Klein-Mariazell genannt, bedenklich zu bröckeln begann, wandte sich der damalige Bürgermeister Andreas Graßberger an seinen Freund Siegi Schrittwieser: „Du, deine Frau Liesi ist ja Perneggerin und es wäre schön, wenn du uns da helfen könntest.“ Er half, wurde Obmann des Kuratoriums zur Rettung der Frauenkirche, setzte auf sein Verhandlungsgeschick und seine Verbindungen und man überzeuge sich selbst – das barockisierte Kulturjuwel ist es allemal wert, von der Brucker Schnellstraße D 35 die Abfahrt Pernegg zu nehmen und dort innezuhalten.

Einen Ruf als erfolgreicher Kirchensanierer wird man nicht so leicht los, also folgte schon die Einladung zum nächsten Kuratoriumsvorsitz, diesmal für die Pfarrkirche von Seewiesen. „Auch das ist nun abgeschlossen und selbst das Problem in St. Ilgen, dort habe ich aber nur dem Kuratorium angehört, haben wir gelöst. Der Turm ist dort schon ein wenig schief gestanden, jetzt hält er wieder für die nächsten Jahrzehnte.“

Rotes Kreuz, Kirche, und sonst noch etwas, was ihm den „Unruhestand“ verkürzt? „Oh ja, meine Frau und ich haben uns ein Jahresticket gekauft und entdeckt, wie schön es ist, mit den Öffis zu reisen. Vor kurzem waren wir in Venedig – super. Aber an meine Altersgeneration möchte ich an dieser Stelle schon noch eine kleine Botschaft ausrichten: Es soll niemand glauben, dass er, nur weil er 70 ist, schon zum alten Eisen gehört. Es ist nämlich wirklich schön, vorausgesetzt man ist noch gesund, sich in die Gesellschaft einzubringen und etwas Gutes zu tun. Schließlich kommt auch viel wieder zurück. Und das tut einem gut.“

von Dieter Rupnik
© Luef Light
Beitrag veröffentlicht am 01. August 2022