Barrierefrei wohnen – Wirtschaftskammer

Glücklich und selbstbestimmt älter werden: Altengerechter und barrierefreier Wohnraum ist dafür Grundvoraussetzung. Worauf es bei der Sanierung ankommt, welche Förderungen es gibt und wo man sich am besten informiert, beantwortet Michael Stvarnik, Baumeister und Innungsmeister für den steirischen Bau, im Interview. 

Am Foto ist Michael Stvarnik, Innungsmeister des steirischen Baugewerbes zu sehen.
Herr Michael Stvarnik, Baumeister und Experte für nachhaltiges Bauen und Innungsmeister des steirischen Baugewerbes. © beigestellt

Älter werden wir alle. Muss barrierefreies Wohnen bereits beim Neubau mitgedacht werden?

Michael Stvarnik: Im Idealfall ja. Wer einen Hausbau plant, sollte immer auch etwas weiter in die Zukunft schauen: Wie wird mein Wohnraum aussehen müssen, wenn ich einmal nicht mehr so mobil bin? Wie werden sich meine Bedürfnisse ändern, wenn ich älter werde? Aber auch schon in jungen Jahren ist das Thema relevant: Was passiert, wenn ich einen Gipsfuß habe? Zu all diesen Fragen ist Ihr steirischer Baumeister Ansprechpartner Nummer eins. Gemeinsam planen wir Wohnraum, der für alle Eventualitäten gerüstet ist.

Wie kann man ein bestehendes Haus oder eine Wohnung nachträglich umrüsten?

Stvarnik: Durch gezielte Sa­nier­ungsmaßnahmen lässt sich jeder Wohnraum auch nachträglich barrierefrei und altengerecht adaptieren. Auch hier ist Ihr Baumeister die erste Adresse. Durch die umfassende Planungsbefugnis wissen wir als Profis genau, wie wir in die jeweilige Bausubstanz und Konstruktion eingreifen können, welche die erforderlichen Maßnahmen sind und wie sie sich am besten umsetzen lassen.

Gibt es Förderungen für die Sanierung?

Stvarnik: Ja, das Land Steiermark bietet verschiedene Förderungen für die Wohnhaussanierung an. Voraussetzung dafür ist, dass die Wohnungen ständig mit Hauptwohnsitz bewohnt werden. Vor allem drei Fördermodelle sind dabei von Bedeutung: die sogenannte kleine Sanierung, die umfassende energetische Sanierung sowie Maßnahmen für barrierefreies und altengerechtes Wohnen. Die Höhe der Förderung kann bis zu 30 % der förderbaren Kosten von derzeit maximal 100.000 Euro ausmachen. 

Weitere Informationen:

www.deinbaumeister.at

www.wohnbau.steiermark.at

Foto: © beigestellt; 24K-Produktion / Shutterstock.com;

Rotes Kreuz – Pflege daheim

Im eigenen Zuhause professionell betreut werden, das ist der mehrheitliche Wunsch von Menschen, die pflegerische und/oder medizinische Versorgung brauchen. Das Rote Kreuz stellt dafür auch in der Steiermark ein hochqualifiziertes Angebot zur Verfügung. Gisela Ambrosch, die stellvertretende Landespflegedienstleiterin, gibt Einblick in die „Pflege daheim“.

Am Foto ist Frau Gisela Ambrosch, stellvertretende Landespflegedienstleiterin des roten Kreuzes Steiermark zu sehen.
Frau Gisela Ambrosch, stellvertretende Landespflegdienstleiterin des österreichischen roten Kreuzes Steiermark im Interview. © Rotes Kreuz Steiermark/L. Kundigraber

Wie viele Menschen versorgt der mo­­bile Pflegedienst des Roten Kreuzes in der Steiermark?

Gisela Ambrosch: Wir betreuen im Rahmen von „Pflege daheim“ derzeit rund 3.000 Klient:innen pro Monat. Dafür sind knapp 700 Mitarbeiter:innen im Einsatz – in 22 Teams und 11 Bezirken der Steiermark. Die Teams setzen sich aus unterschiedlichen Berufsgruppen zusammen; da gibt es diplomiertes Pflegepersonal, Pflegefachassistent:innen, Pflege­assistent:innen, Heimhelfer:innen und Alltagsbegleiter:innen. Die Rahmenbedingungen dafür, welche Berufsgruppe was machen darf, werden vom Land Steiermark genau vorgegeben. 

Welche Leistungen werden konkret erbracht?

Ambrosch: Alles, was in den Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege fällt und was vom niedergelassenen Hausarzt angeordnet wird. Das reicht von der Wundversorgung über Infusionen, Injektionen bis zur Katheterpflege.

Wie kommen Pflegebedürftige zu diesen Leistungen?

Ambrosch: Da gibt es verschiedene Wege. Mehrheitlich läuft der Kontakt über den jeweiligen Hausarzt oder die Hausärztin. Klient:innen melden sich aber auch selbst – oder deren Angehörige. Auch über das Entlassungs-Management der Kliniken und die Pflegedrehscheibe des Landes Steiermark werden Adressen vermittelt. Fällt der Klient in unseren regionalen Zuständigkeitsbereich, erfolgt durch eine/n Diplom-Gesundheits- und Krankenpfleger:in die Kontaktaufnahme und die Erhebung des Pflegebedarfs.

Wie erfolgt die Finanzierung?

Ambrosch: Mehr als 51 Prozent der anfallenden Kosten werden vom Land Steiermark übernommen, rund 22 Prozent steuern die Gemeinden bei und rund 25 Prozent muss der/die Klient:in selbst finanzieren. Etwa zwei Prozent kommen von der Österreichischen Gesundheitskasse dazu – und zwar in Form einer Pauschale für die medizinische Hauskrankenpflege.

Pflege Zuhause ist ein besonders sensibler Bereich. Wie wird die Qualität gesichert?

Ambrosch: Auch hier gibt es ganz klare Vorgaben. Zum einen seitens des Bundes – über das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz- und zum anderen über die erwähnten Förderrichtlinien des Landes. Sie sind an fixe Qualitätskriterien gebunden. So wird etwa die Erhebung des Gesundheitszustandes und Pflegebedarfs über ein valides Assessment abgewickelt – mit acht Doppelseiten an Fragen. Das ist eines der wichtigsten Qualitätskriterien. Ein weiterer Qualitätsgarant ist die Tatsache, dass ausschließlich qualifizierte Mitarbeiter:innen aufgenommen werden. Um diesen Level zu halten, sind jährliche Fortbildungen verpflichtend. Außerdem wird direkt bei den Klient:innen die sogenannte Klient:innenzufriedenheit erhoben – anonym wie auch über das diplomierte Pflegepersonal während ihrer Pflegevisite. Diese ist vom Land Steiermark vorgeschrieben und verpflichtend einmal im Jahr durchzuführen.

Welche Entwicklungen nehmen Sie im mobilen Pflegebedarf wahr?

Ambrosch: Immer mehr ältere und hochbetagte Menschen leben allein. Da wird professionelle Hilfe verstärkt notwendig werden. Und mit dem weiteren Anstieg der Lebenserwartung wird auch die Zahl von chronisch und geriatrisch erkrankten Menschen weiter steigen. Es wird also einen noch höheren Bedarf an mobiler Pflege geben.

Was sehen Sie als die größte Herausforderung für die (mobile) Pflege?

Ambrosch: Ein ganz großes Thema ist der Fachkräftemangel – das wird in den nächsten Jahren sicher immer schwieriger zu bewältigen sein.

Was macht das Rote Kreuz für Pflegepersonal besonders attraktiv?

Ambrosch: Das Rote Kreuz hat allen voran einmal ein sehr gutes Image. Bei uns arbeitet man in professionellen Teams mit bestens ausgebildeten Kolleg:innen zusammen – nach den Werten des Roten Kreuzes. Wir nehmen auch sehr stark Rücksicht auf die private Situation der Mitarbeiter:innen.  So können etwa auch junge Mütter gut in der mobilen Pflege arbeiten.

Ihr diesbezüglicher Appell an die Gesellschaft?

Ambrosch: Wer allein lebt, sollte sich rechtzeitig klar machen, welche Hilfe im Bedarfsfall gewünscht ist – eine Wohngemeinschaft, ein Tageszentrum oder eine Pflegeeinricht­ung? Und: Angehörige sollten sich so früh wie möglich bei uns melden, um präventive Möglichkeiten abzuwägen, wie etwa Einkaufshilfe, Sturzprävention oder Adaptierungen in der Wohnung. Meist werden wir nämlich erst kontaktiert, wenn die betroffene Person bereits bettlägrig ist.

Wenn es einmal notwendig sein sollte, wie würden Sie gerne gepflegt werden?

Ambrosch: Ich finde eine Alters-WG mit Pflegebeauftragten am reizvollsten. Im englischen und skandinavischen Raum gibt es das bereits. Ein Modell, das mir auch für das Rote Kreuz vorschwebt.

 

Kontaktdaten österreichischen roten Kreuzes Steiermark

Mobile Pflege und Betreuung 050 1445 / 10202

24-Stunden-Personenbetreuung 0800 222 800

Betreutes Wohnen 050 1445 / 10250

Seniorentageszentren 050 1445 / 10202

Besuchs- und Begleitdienste 050 1445 / 10156

 

Entgeltliche Einschaltung

Foto: © Ground Picture / Shutterstock.com, Rotes Kreuz Steiermark/L. Kundigraber, pikselstock / Shutterstock.com

Text: Johanna Vucak

Der Weg zur Pflege – Pflegedrehscheibe des Landes Steiermark

Hilfe für Pflegebedürftige gelingt dann am besten, wenn die Betroffenen rechtzeitig kommen, weiß Alexandra Fähnrich. Als Leiterin der Pflegedrehscheibe an der BH Voitsberg ist sie eine der guten Feen, die Pflege zu Hause möglich machen. 

Seit 2018 gibt es die Pflegedrehscheibe, was muss man sich darunter vorstellen und was ist ihre Aufgabe?
Alexandra Fähnrich: Das ist die zentrale Anlaufstelle für Fragen rund um die Pflege zu Hause. Das heißt, wir sind für alle interessierten Menschen da, die entweder selbst einen Betreuungsbedarf haben oder für die Angehörigen.

Kann man sagen, das ist bei der Betroffenen nach diesen fast fünf Jahren angekommen?
Ja. Wir wissen das aus den Rückmeldungen und den Zahlen. Darüber sind wir natürlich sehr froh.

Was ist durch die Pflegedrehscheibe anders und besser geworden?
Grundsätzlich erheben wir, was es im Bezirk an Betreuungsangeboten und Organisationen überhaupt gibt und was für Klient:innen konkret infrage kommt. Das vernetzen und koordinieren wir und können es dann individuell auf den konkreten Bedarf einer Klientin oder eines Klienten so zuschneidern, dass sie zu Hause gut versorgt sind. Auf dieser Basis machen wir auch Empfehlungen für das weitere Vorgehen. Oft geht es dabei auch um durchaus komplexe Anforderungen.

Gab es solche Anlaufstellen vorher nicht?
Es war etwas undurchsichtig. Es gibt tatsächlich sehr viele Angebote, aber da war kein Ort oder keine Stelle, wo das so transparent dargestellt wurde. Dadurch war es auch schwerer, individuell auf eine Problemstellung oder komplexere Anforderungen einzugehen. Häufig war die Gemeinde die Anlaufstelle der Menschen und da wurden auch Beratungen durchgeführt oder Unterstützungsleistungen. Aber gerade in den letzten Jahren ist eine große Zahl an Netzwerkpartner:innen und Sozialeinrichtungen hinzugekommen. Da ist es wichtig, den Überblick zu haben und den haben wir.  

Was muss man sich unter komplexeren Anforderungen vorstellen?
Davon sprechen wir, wenn mehrere Stellen zugezogen werden müssen. Zum Beispiel gibt es Fälle, in denen die Klient:innen nicht das soziale Gefüge oder Netzwerk haben, das sie bei gewissen Dingen unterstützen kann. Dann sage ich beispielsweise: „Herr X, bei Ihnen sehen wir einen Pflege- und Betreuungsbedarf. Sie haben Anspruch auf Pflegegeld. Wenn Sie damit einverstanden sind, können wir den Antrag gemeinsam ausfüllen. Wir können Ihre Befunde beim Hausarzt organisieren.“ Oft geht es um mobile Betreuungsdienste, die stundenweise nachhause kommen. Das können wir organisieren. Dann nehmen wir mit der betreffenden Organisation Kontakt auf, besprechen die Details im Beisein der Klient:innen oder ihrer Angehörigen und vereinbaren dort schon eine Aufnahme. Es kann sein, dass auch zusätzliche finanzielle Förderungen notwendig sind, dann beraten wir auch in diesem Bereich. Wenn gewünscht, füllen wir auch gemeinsam die Anträge aus und schicken sie auch zu den jeweiligen Einrichtungen. Mit dem Einverständnis der Klient:innen können wir in komplexeren Beratungssituationen tiefgreifend unterstützen. Wir stellen die Schnittstellen her und machen die Anträge. Nach einer gewissen Zeit evaluieren wir auch, ob alles ausreichend und passend ist oder ob man etwas ergänzen muss.

Mit welchem grundsätzlichen Anliegen kommen die Menschen eigentlich zur Pflegedrehscheibe?
Für uns sind die Wünsche der Klientinnen und Klienten vorrangig und das ist in den meisten Fällen: Sie wollen so lange wie möglich im häuslichen Umfeld versorgt und betreut werden. 

Die Leute, die sich an die Pflegedrehscheibe wenden, kommen sie als Bittsteller, die verzweifelt sind, oder als Fordernde?
Für mich ist es interessant zu sehen, wenn jemand erkennt, dass sie oder er Hilfe benötigt und dass diese Person diesen Weg auch beschreiten möchte. Das ist das Wichtigste überhaupt, dass man so früh wie möglich erkennt, wenn sich ein Bedarf abzeichnet oder sogar eintreten kann. Dann kann man präventiv Informationen einholen, was im Bedarfsfall alles möglich ist. Wenn Menschen mit dieser Einstellung kommen, ist es für mich geradezu imponierend. Ist ein Hilfsbedarf erkannt, braucht es ja eine gewisse Zeit, bis alles organisiert ist. 

Selbst zu erkennen, dass man Hilfe braucht, ist für viele eine große Hürde, auch für die Angehörigen. Da beginnt man abhängig zu werden von anderen. Wird diese Hürde für die mündigen und selbstbewussten Senior:innen unserer Zeit langsam weniger hoch?
Viele kommen zu uns, noch ehe es einen akuten Bedarf gibt. Sie wollen wissen, was sie machen können, wenn so ein Fall eintritt. Aber es ist wünschenswert, dass das mehr werden, dass die Leute früh genug kommen. Dann wissen sie, dass es bis zur konkreten Hilfestellung eine gewisse Vorlaufzeit braucht.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Arbeit genügend bekannt ist bei denen draußen, die sie brauchen?
Ich glaube, das ist auch ein Generationsdenken und dass das in Zukunft stärker kommen wird. 

Erleben Sie im Kontakt mit den Menschen auch Überraschungen?
Viele sind überrascht oder erstaunt und sagen: Das habe wir gar nicht gewusst, dass es diese Vielzahl an Möglichkeiten gibt.

Kommt es vor, dass den Menschen, die zu Ihnen kommen, erst bei diesem Kontakt bewusst wird, dass ihre Lebenssituation prekär oder gefährlich werden kann, zum Beispiel durch einen Sturz?
Ja, und darum ist auch so hilfreich, wenn wir Hausbesuche machen können. Da sehen wir das häusliche Setting und können darauf hinweisen: „Schauen Sie einmal, hier besteht eine erhöhte Sturzgefahr.“ Da können wir unser Wissen als qualifizierte und diplomierte Expertinnen weitergeben und das geht auch ganz stark in die Prävention. Das betrifft nicht nur den Bereich Sturzgefahr, sondern wir sehen auch, wie die Menschen sich ernähren und welchen Bedarf an Pflege und Betreuung im weiteren Sinn es gibt.

Vertrauen die Menschen Ihnen oder gibt es auch solche, die Ihnen mit Mistrauen begegnen?
Das uns ganz wichtig, denn anfangs sind wir fremde Personen, da ist ein gewisser Vertrauensaufbau ganz entscheidend. Da genügt manchmal nicht ein Gespräch, sondern es bedarf mehrerer Beratungen, bis eine Vertrauensbasis da ist. Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass das Angebot so niedrigschwellig wie möglich ist und natürlich vollkommen anonym. Das fängt schon mit den baulichen Umfeld an. Wenn Sie bei uns ins Haus kommen, kann niemand sehen, zu welcher Einrichtung Sie gehen. Wir haben hier die Caritas, die Lebenshilfe oder gewerbliche Gesundheitsdienstleister. Diese Anonymität schätzen die Leute sehr. 

Geht es bei Gesprächen in der Pflegedrehscheibe mehr ums Geld oder um Leistungen, die Sie vermitteln?
Grundsätzlich geht es primär um die konkrete Leistungen, die jemand individuell benötigt. Das ist aber natürlich in weiterer Folge mit Kosten verbunden und dann geht es um Pflegegeld oder um Förderungen für bestimmte Leistungen. Das geht ineinander über und ist natürlich Teil unserer Gespräche. 

Haben Sie auch selbst etwas gelernt in dieser Aufgabe?
Man lernt nie aus. Es gibt keinen Stillstand und Situationen ändern sich immer wieder. Ich bin hin und wieder selbst überrascht, was es an Möglichkeiten gibt und welche Erfolge wir erzielen.

Apropos Erfolg. Was macht Erfolg in diesem sensiblen Bereich für Sie aus?
Erfolg definiere ich so: Wenn ich für eine Person es genau so habe organisieren können, dass sie sich zu Hause sicher wohl und gut aufgehoben fühlt. Das ist ein Erfolgserlebnis für die Klient:innen, für ihr Umfeld und für uns.  

Beim Pflegegeld scheuen sich manche Menschen aus Scham, zuzugeben, welchen Bedarf sie eigentlich haben. Sie vergeben sich damit aber die Chance auf ein angemessenes Pflegegeld. Wie nehmen Sie das wahr?
Aufklärung in der Beratung ist auch hier ganz wichtig. Es steht ihnen ja zu, das Pflegegeld ist kein Almosen! Wir arbeiten da ganz eng mit den Hausärzt:innen zusammen, die kennen ja diese Personen. Eine wesentliche Information ist zu erklären, dass die Menschen durch das Pflegegeld Zugang zu konkreten Angeboten erhalten, die ihren Alltag verbessern. 

Sie selbst sind ursprünglich diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin. Wie hat sich dieser Beruf für Sie persönlich durch die Arbeit in der Pflegedrehscheibe verändert?
Ich war 19 Jahre leidenschaftlich als DGKP und wurde dann Lehrerin an einer Schule für Gesundheits- und Krankenpflege. Jetzt bin ich wieder in den direkten Klient:innenkontakt zurückgekehrt und bin sehr froh, dass ich wieder so nahe bei den Menschen sein und für sie da sein kann.

Text von Johannes Kübeck
Bild von Johannes Kübeck

 

Pflegedrehscheibe des Landes Steiermark

Was ist die Pflegedrehscheibe?
Die Pflegedrehscheibe ist die zentrale Anlaufstelle für pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen. Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen helfen Pflegebedürftigen bzw. deren Angehörigen, die beste Art der Betreuung zu finden und bieten Betroffenen Beratung und Informationen über die verschiedenen Formen der Unterstützung und der Entlastung. Sie helfen ihnen dabei, rasch und verlässlich jene Hilfe zu bekommen, die sie brauchen.

Für wen ist die Pflegedrehscheibe gedacht?
Personen, die Informationen zur Betreuung und Pflege benötigen, und/oder Personen, die Unterstützung bei der Suche nach Lösungen in einer speziellen Pflegesituation brauchen.

Beratung und Unterstützung zu folgenden Themen:

  • Mobile Pflege- und Betreuungsdienste/Hauskrankenpflege
  • medizinische Hauskrankenpflege
  • mehrstündige Alltagsbegleitung
  • Tageszentren
  • Betreutes Wohnen
  • Pflegeheime/Pflegeplätze
  • Mobiles Palliativteam
  • Finanzielle Zuschüsse für pflegende Angehörige
  • Pflegekarenz, Pflegeteilzeit, Familienhospizkarenz
  • Erwachsenenschutz (vormals Sachwalterschaft),
  • Vorsorgevollmacht, Vertretungsbefugnis…
  • Essenszustellung
  • Pflegegeld
  • Hilfsmittel
  • 24-Stunden-Betreuung
  • psychiatrisches Unterstützungsangebot

Beitrag veröffentlicht am 19.09.2023

 

Mobil vor stationär

Gesundheitslandesrätin Juliane Bogner-Strauß über Wege der Entlastung in der Pflege, das neue Steiermark Tarifmodell zur Leistbarkeit von mobiler Unterstützung, die ausgerufene Bewegungsrevolution und das geflügelte Wort des alten Baumes, den man nicht verpflanzt.

Welchen Stellenwert haben mobile Angebote im Gesamtfeld der Pflege?
Meine Oma sagte immer: „Einen alten Baum verpflanzt man nicht.“ Mobile Pflege- und Betreuungsdienste sind der zentrale Baustein für die Zukunft im Pflegebereich. Pflege- und betreuungsbedürftige Menschen können in ihrer vertrauten Umgebung bedarfsgerecht und individuell versorgt werden. Pflegende Angehörige werden von Pflegefachkräften bei der medizinischen Versorgung oder alltäglichen Aktivitäten unterstützt. Zugleich werden stationäre Einrichtungen durch die Pflege und Betreuung zu Hause entlastet. 

Wie ist die Steiermark in diesem Bereich aufgestellt?
Die mobilen Pflege- und Betreuungsdienste werden von immer mehr Personen in Anspruch genommen. Damit dieser Aufwärtstrend weitergeht und mobile Dienste für alle Steirerinnen und Steirer leistbar sind, haben wir im Juli 2023 das „Steiermark Tarifmodell“ eingeführt. So ist sichergestellt, dass jede:r sich mobile Pflege leisten kann. Auch die 2019 eingeführte Alltagsbegleitung, die pflegende und betreuende Angehörige entlastet, wird gut angenommen. Pflege- und betreuungsbedürftige Personen werden gezielt durch körperliche und kognitive Aktivierung gefördert, bei Wegen außer Haus begleitet und haben eine Ansprechperson für Fragen des Alltags. Durch dieses Angebot, in Kombination mit Tageszentren und betreutem Wohnen, gelingt uns ein weiterer Lückenschluss zwischen der Hauskrankenpflege und der 24-Stunden-Betreuung.

Welche Maßnahmen braucht es, um mobile Dienste nicht zuletzt im Spannungsfeld der demographischen Entwicklung langfristig zu sichern?
Mit dem „Steiermark Tarifmodell“ ist uns ein wichtiger Schritt in Richtung „mobil vor stationär“ gelungen. Wir müssen weiter dranbleiben, Betreuung und Pflege in der Steiermark leistbar und verfügbar zu machen. Gleichzeitig sollen mobile Dienste noch attraktiver und passgenauer gestaltet werden, damit jede Steirerin und jeder Steirer die Form der Betreuung wählen kann, die möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben zu Hause ermöglicht.

Wie kann diese „Passgenauigkeit“ forciert werden?
Wichtig ist, dass pflege- und betreuungsbedürftige Personen und ihre Angehörigen wissen, welche Möglichkeiten es gibt. Nur dann können sie entscheiden, welche Variante die passende für ihre individuelle Situation ist. Die Broschüre des Landes Steiermark „Pflege[n] zu Hause“ und die Pflegedrehscheiben sind hier wichtige Wegweiser. Zugleich muss es uns gelingen, dass mobile Pflege- und Betreuungsdienste als attraktives Angebot gegenüber der stationären Langzeitpflege wahrgenommen werden. Damit sich das alle Steirerinnen und Steirer leisten können, haben wir das „Steiermark Tarifmodell“ ins Leben gerufen. Dadurch stellen wir sicher, dass den Kundinnen und Kunden jedenfalls ein Betrag in Höhe der Mindestpension übrigbleibt, wenn mobile Dienste in Anspruch genommen werden.

In welchen Bereichen ist der Bedarf besonders groß und inwieweit wird das Angebot künftig noch erweitert werden müssen?
Die Angebote werden in allen Bereichen – auch in der Langzeitpflege – zunehmend angenommen. Wir arbeiten daran, den mobilen Bereich sowohl für pflege- und betreuungsbedürftige Personen und ihre Angehörigen als auch für Pflegefachkräfte noch attraktiver zu gestalten. 

Das definierte Leistungsspektrum und die Erwartungshaltung betroffener Familien können durchaus divergieren. Wo braucht es da Sensibilisierung?
Bei jedem Träger mobiler Dienste werden im Vorfeld Aufklärungsgespräche mit den Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen geführt, bei denen der genaue Pflege- und Betreuungsbedarf der betroffenen Person erhoben wird. Die Angehörigen werden dabei darüber informiert, welche Leistungen durch die Pflegefachkräfte erbracht werden dürfen und wo die gesetzlichen Grenzen liegen. 

Was wird getan, um mehr Menschen für den Beruf zu motivieren, aber auch, um Pflegefachkräfte langfristig zu halten?
Unsere – sehr erfolgreiche – Social-Media-Werbekampagne „Zeit für Pflege“ verweist interessierte Jugendliche an die neu geschaffene Beratungsstelle im LOGO-Jugendmanagement. Mithilfe der Beratungsstelle können wir nicht nur „face to face“ informieren, sondern auch das Vernetzen von Angeboten und deren Außenauftritt weiter voranbringen. Klar ist: Wir brauchen mehr Jugendliche und auch Quereinsteiger:innen für die Pflege. Die Rahmenbedingungen – zum Beispiel Gehalt – liegen nicht in der Kompetenz des Landes, jedoch müssen wir eben gemeinsam mit den Trägern, den Betreiber:innen der mobilen Dienste sehr genau hinschauen, wie wir diesem hochprofessionellen Beruf den Stellenwert geben können, den er verdient.

Was braucht es an Wissen, damit Pflegefachkräfte gerade mit Krankheitsbildern wie Demenz im Pflegealltag gut umgehen zu können?
Demenz hat viele Seiten und ist nicht nur für die Betroffenen, sondern vor allem auch für Angehörige und Pflegende eine große Herausforderung. Über das Bildungszentrum Haus der Gesundheit haben Pflegefachkräfte die Möglichkeit, sich über unterschiedlichste Aspekte der Arbeit mit Demenzkranken weiterzubilden. Zudem haben wir das Netzwerk Demenz Steiermark (needs) gegründet, um die Lebensqualität von Betroffenen und Angehörigen zu verbessern. Dabei geht es um spezielle Versorgungsangebote, eine demenzgerechte Weiterentwicklung vorhandener Strukturen und die Sensibilisierung in der breiten Öffentlichkeit für das Krankheitsbild.

Was sind die aus Ihrer Sicht größten Herausforderungen für die Zukunft?
Gesundheit, Pflege und Betreuung sind sicher die größten Herausforderungen unserer Zeit. Um den Menschen möglichst viele gesunde Lebensjahre zu ermöglichen, haben wir in der Steiermark die Bewegungsrevolution ausgerufen. Wir wollen die Menschen zur niederschwelligen Alltagsbewegung motivieren. Dabei geht es nicht um Leistungssport – mit jedem gegangenen Schritt und jeder Minute an der frischen Luft tut man sich selbst und seiner Gesundheit etwas Gutes. Das gilt für Menschen jeden Alters. 

Text von Elke Jauk-Offner
Bild von Maija Kanizaj
Beitrag veröffentlicht am 14.09.2023