Daheim gut versorgt – Pflege

Ich werde aus dem Krankenhaus entlassen, habe ich für die Zeit zu Hause vorgesorgt? Was tun, wenn es einmal körperlich oder geistig nicht mehr geht und kann ich mir die notwendige Unterstützung daheim leisten?  Fragen über Fragen, kaum ein anderes Thema wie das der Pflege beschäftigt so intensiv alle sozialen Schichten. Nicht nur unter der Bevölkerung nimmt die Pflege Raum für Gespräche ein, auch in den politischen Reihen wird immer öfter intensiv darüber debattiert. 

In Österreich bezogen bereits 2023 476.223 Personen ein Bundespflegegeld, ca. 50 Prozent waren älter als 80 Jahre und 71 Prozent waren weiblich. Rund ein Drittel der Pflegegeldbezieher:innen waren der Pflegegeldstufe vier bis sieben zugeordnet und hätten somit auch im Pflegeheim aufgenommen werden können. 

Familienverband

Die Pflege zu Hause wird großteils durch pflegende Angehörige gestützt. Rund 1.000.000 Menschen leisten sogenannte Care-Arbeit und unterstützen damit ca. 80 Prozent der Pflegegeldbezieher:innen in Österreich. Die Pflegenden stellen sich multikomplexen Aufgaben wie Organisation, Bürokratie, Fachkenntnissen und gesellschaftlichen Veränderungen. Wenn Angehörige selbst nicht in der Lage sind, dementsprechende Leistungen zu erbringen oder dies seitens der zu versorgenden Personen nicht gewünscht ist, unterstützen mobile Dienste und die 24-Stunden-Betreuung das System. Rund 155.000 Personen greifen regelmäßig auf die Hilfe der Profis in Österreich zurück, um in ihrem Zuhause verbleiben zu können. 

Pflegegeld

Wer nicht über das notwendige Kleingeld verfügt, sich Pflegeleistungen aus der privaten Tasche finanzieren zu können, findet keinen Weg an der österreichischen Bürokratie vorbei. Nicht nur, dass das Pflegegeld mit Antrag und anschließender Begutachtung fest­gelegt wird, auch die Leistungen, werden sehr oft von verschiedenen Pflegekräften mit unterschiedlichen Ausbildungen erbracht. Unterstützung findet man bei den Beratungsstellen der öffentlichen Hand und den Pflegedienstanbietern.

Steirische Agenturen

Eine Auflistung aller steirischen Agenturen, Stand März 2025, können Sie hier abrufen. Die Personenbetreuerinnen und Personenbetreuer ermöglichen es, den Lebensabend in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Sie unterstützen bei den Dingen des täglichen Lebens und entlasten dabei Angehörige.

Pflegedienstleister

Steiermarkweit kann man ebenso auf bekannte Pflegedienstleister zurückgreifen. Das Rote Kreuz, das Hilfswerk, Caritas u.ä. erbringen täglich mehrfache Leistungen in der häuslichen Pflege. Hier stehen qualifizierte Fachpersonen für dementsprechende Leistungserbringungen zur Verfügung.

Pflegedrehscheibe

Wenn der Pflegebedarf noch unklar ist kann man sich in der Steiermark an die Pflegedrehscheiben des Landes wenden. Bei den Pflegedrehscheiben erhalten Sie unabhängige, bedarfsorientierte Unterstützung und Beratung. Hier kommen Sie direkt zu den Adressen der Pflegedrehscheiben.

 

Text: Vera Kowatschitsch

Foto: © pikselstock / Shutterstock.com, Halfpoint / Shutterstock.com

Pflegenotstand – ein Ende in Sicht?

Die Forderungen und die Debatten finden kein Ende. Die Pflege, die Versorgung im Alter beunruhigt nach wie vor die Bevölkerung. Dazu Landesrat Dr. Karlheinz Kornhäusl, Allgemeinmediziner und Facharzt für Innere Medizin im Interview mit „Abenteuer Alter“.

Am Foto ist Dr. Karlheinz Kornhäusl zu sehen.
Herr Dr. Karlheinz Kornhäusl, ist seit Herbst 2023 Landesrat der Steiermark für Gesundheit und Pflege. © Michaela Lorber

Herr Landesrat, Sie wissen am besten, dass Pflege der Menschen aller Altersgruppen meistens zu Hause in den Familien stattfindet. Wenn jetzt schon seit Jahren vom sogenannten Pflegenotstand gesprochen wird, heißt das dann nicht folgerichtig, dass diese Problematik hauptsächlich die Pflege daheim betrifft? 

Karlheinz Kornhäusl: Ich bin mit dem Begriff Notstand immer vorsichtig. Not gibt es in vielen Teilen der Welt, aber die Steiermark mit Not zu verbinden, da würde ich sehr vorsichtig sein. Ohne Zweifel haben wir im Pflege- und im Gesundheitsbereich Probleme und große Baustellen. Mein Zugang war schon immer der zu sagen, dass die Zukunft in der Versorgung in der Vielfalt liegen muss. Wir brauchen unter dem Aspekt „Mobil vor teilstationär vor stationär“ eine Vielzahl an Angeboten. Wir wissen ja, die meisten Menschen, eigentlich fast alle, wünschen sich, in Würde in den eigenen vier Wänden altern zu können. Das ist das Normalste der Welt. Dazu müssen wir die Möglichkeit schaffen.

Sind diese Möglichkeiten ausreichend vorhanden? 

Kornhäusl: Ich möchte darauf hinweisen, dass das Land Steiermark für den ganzen Pflegebereich pro Jahr weit mehr als 800 Millionen bereitstellt. Wir haben im letzten Jahr mit dem steirischen Pflege- und Betreuungsgesetz eine der modernsten Grundlagen in Österreich geschaffen und das müssen wir jetzt mit Leben erfüllen. Das bedeutet Ausbau der stundenweisen Alltagsbetreuung, Ausbau der Tagesbetreuungszentren, Ausbau von mobilen Diensten und vieles mehr. Die stationäre Langzeitbetreuung im Pflegeheim kann nur am Ende des Weges stehen und nicht gleich am Beginn. 

Weil Sie von einem Weg sprechen: Wo auf diesem Weg befinden wir uns gerade?

Kornhäusl: Ich kann das Prinzip „Mobil vor teilstationär vor stationär“ sogar in Zahlen belegen. Wir haben in der Steiermark 13 Bezirke und in mittlerweile neun Bezirken haben wir mehr Menschen in der mobilen oder teilstationären Betreuung als in der Langzeitpflege. 

Können Sie das bitte erläutern? Es heißt ja, etwa 80 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause von den Angehörigen betreut. Was bedeuten dann Ihre Angaben? 

Kornhäusl: Hier geht es um die in Anspruch genommenen Pflegeleistungen des Landes Steiermark und wir sehen eben, dass die Pflegebedürftigen in den neun Bezirken überwiegend in der mobilen oder tagesstationären Betreuung sind als in der stationären Langzeitbetreuung. Mein Ziel ist, dass in allen Bezirken Möglichkeiten bestehen, dass mehr pflegebedürftige Menschen zu Hause und mobil als stationär betreut werden.

Am Foto ist Dr. Kornhäusl in seinem Büro beim Interview zu sehen.
Erl ist Allgemeinmediziner sowie Facharzt für Innere Medizin und übte diesen Beruf in Landeskrankenhäusern und als Notarzt aus. © Michaela Lorber

Schon Ihr Vorvorgänger hat einst eine Ausbildungsoffensive für Pflegeberufe begonnen, weil klar war, dass wir mehr Betreuungspersonal aller Qualifikationen brauchen. Hat das etwas bewirkt oder hinken wir hier immer noch hinterher, weil die Vorlaufzeiten der Ausbildung so lange sind?

Kornhäusl: Das bringt effektiv etwas und wir haben im letzten Jahr auch den Turbo gezündet. Eines muss immer klar sein: Bei allen Maßnahmen, die wir heute setzen, spürt man die Veränderungen erst morgen. Ausbildung braucht seine Zeit, Veränderungen an einem System, das so komplex ist, brauchen ihre Zeit. Was ich sagen kann: Wir haben die Anzahl der Gesundheits- und Krankenpflegeschulen in der Steiermark von sieben auf 15 aufgestockt. Wir bilden an 15 Standorten im ganzen Land aus! Wir bauen derzeit den Campus der Fachhochschule Joanneum, auch das ist ein Meilenstein. Wenn der fertig gebaut ist, werden jedes Jahr 400 diplomierte Pflegekräfte in Graz und Kapfenberg ausgebildet. An den 15 Krankenpflegeschulen haben wir auf 1.350 Ausbildungsplätze für Heimhilfe, Pflegeassistenz und Pflegefachassistenz ausgebaut. Dazu kommt, dass wir allen an den Schulen ein Mittagessen bezahlen, jede und jeder bekommt ein monatliches Taschengeld, das höher ist als in den anderen Bundesländern. Und wir haben auch mehr Angebote, die Ausbildung berufsbegleitend zu machen. 

Steigt auch die Nachfrage nach Pflegeberufen?

Kornhäusl: Wir spüren, es kommen wieder mehr Leute in den Beruf. Die Plätze sind gut gefüllt. Wir spüren auch in den Pflegeeinrichtungen und in den Spitälern, dass die Pflege wieder kommt.

Wie bewähren sich neue Einrichtungen wie die Pflegedrehscheibe oder die Community Nurses? Hat das einen konkreten Nutzen für die Menschen oder sind das nur Schreibtische?

Kornhäusl: Ganz im Gegenteil! Die Pflegedrehscheiben bei den Bezirkshauptmannschaften geben Hilfestellung, wenn es bereits zu einem Pflegefall gekommen ist: Wo kann ich Förderungen abholen, wer hilft mir bei Umbauarbeiten, was kann ich tun, um eine andere Pflegestufe zu beziehen etc.? Bei den Communitiy Nurses geht es darum, so lange wie möglich zu vermeiden, dass jemand ein Pflegefall wird. Da geht es um Prävention, Vorsorge, Schulungen, um Angebote gegen die Einsamkeit, Angebote im Bereich Bewegung und Sport und vieles mehr. Also alles, was eigentlich jeder von uns tun sollte, um Pflegebedürftigkeit so lange wie möglich hinauszuzögern und im Idealfall zu verhindern.

Gibt es auch Hausbesuche, um den Pflegebedürftigen und den pflegenden Angehörigen konkret zu helfen? 

Kornhäusl: Die Pflegedrehscheiben sind in den Bezirkshauptmannschaften für die Menschen da, es gibt Sprechstunden, sie kommen aber auch nach Hause und schauen sich die Umstände vor Ort an. Wir haben wirklich einen bunten Strauß an Möglichkeiten.

Am Bild ist der steirische Landesrat, Dr. Kornhäusl, für Gesundheit und Pflege zu sehen.
Die Pflegedrehscheibe bei den Bezirkshauptmannschaften bieten ein vielfältiges Angebot an Unterstützungen. © Michaela Lorber

Sie haben die Angehörigen angesprochen. Wir von Abenteuer Alter haben starke Rückmeldungen aus diesen Kreisen, dass es bei der Pflege zu Hause nicht nur um die Menschen geht, die Pflege benötigen, sondern auch um die Angehörigen, die diese Pflege leisten. Da gibt es gar nicht so selten Überforderung und wir wissen, dass viele betreuende Angehörige selbst fast schon Pflegefälle sind. Wir begegnen hier unglaublichen Dilemmas. Oft weiß man gar nicht, wie prekär die Verhältnisse sind. Welche Hilfen stehen hier zur Verfügung?

Kornhäusl: Genau auch in solchen Fällen rate ich wirklich dringend, das Angebot der Pflegedrehscheibe zu nutzen. Wir haben sie niederschwellig in jeder Bezirkshauptmannschaft und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind es, die Antworten auf diese Fragen geben können. Wie kann ich mir Unterstützung holen? Was muss ich tun, damit ich entlastet werden kann? Welche Angebote gibt es hinsichtlich der stundenweisen Alltagsbegleitung durch mobile Dienste? Welche Tagesbetreuung gibt es? Es ist tatsächlich so, dass sich pflegende Angehörige mit konkreten Fragen Hilfe suchend an uns wenden und wenn wir dann an die Pflegedrehscheibe verweisen, erfahren wir, dass das gar nicht bekannt ist. Oft hören wir nach nur wenigen Tagen, dass alles geklärt und geregelt ist.

Also müssten die Pflegedrehscheiben stärker im Bewusstsein verankert werden. Ist das nicht Ihre Aufgabe?

Kornhäusl: Da sind wir auf dem Weg, aber es dauert natürlich eine gewisse Zeit, bis ein Bekanntheitsgrad erreicht ist. Wir leben hier ganz stark davon, dass die guten Erfahrungen mit den Pflegedrehscheiben weitererzählt werden.  

Sie haben zu Recht angemerkt, dass Sie mit dem Begriff Pflegenotstand keine Freude haben. Werden wir je wieder einen Zustand erreichen, wo man nicht mehr von der Krise im Pflegebereich sprechen wird?

Kornhäusl: Der demografische Wandel ist natürlich da und nicht aufzuhalten. Was mir persönlich aus einem Brotberuf als Arzt und Internist heraus am Herzen liegt, ist das Thema der Prävention und Vorsorge. Jede und jeder von uns kann selbst dazu beitragen, das System zu entlasten, indem man körperlich und geistig herausfordert und fit bleibt. Was das Gesundheitssystem betrifft, sage ich, dass wir mit Ausbildung oder neuen Versorgungsformen alles Mögliche tun, das Pflegesystem zu entlasten.

Schon seit Jahren beschäftigt die Menschen der sogenannte Vermögensregress in den Pflegeheimen und in der Pflege insgesamt. Im neuen Pflege- und Betreuungsgesetz ist in der 24-Stunden-Betreuung aber immer noch so etwas wie ein Rückgriff auf Einkommens- und Vermögenswerte möglich. Ist das die richtige Richtung, die wir da gehen, die Betreuung zu Hause schlechter zu stellen als die im teuren Pflegeheim?

Kornhäusl Ich bin nicht glücklich mit dieser Situation, die auf eine kurze Phase des sogenannten Spiels der freien Kräfte im Jahr 2017 im Nationalrat zurückgeht. Damals wurde bedenkenlos der Regress in Pflegeheimen abgeschafft. In der Steiermark haben wir das zwar kritisiert, aber es blieb nichts anderes übrig, als da mitzutun. Wir haben für die mobilen Dienste ein Modell eingeführt, mit dem Pflegebedürftigen daheim nach Abzug aller Kosten zumindest ein persönliches Minimaleinkommen bleibt. Was die 24-Stunden-Betreuung betrifft, gibt es in der Steiermark für Bezieher niedrigerer Einkommen eine Förderung. Aber ja, die Möglichkeit des Regresses besteht. Ich bin nicht glücklich damit, sage aber auch, das werden wir allein nicht schaffen. Vom Bund erwarte ich, dass er hier eine Lösung findet, wie er es auch für die stationäre Pflege getan hat.

 

Weiterführende Artikel: Auflistung der steirischen Pflegedrehscheiben und Auflistung aller steirischen Vermittlungsagenturen für Personenbetreuer

Foto: © Michaela Lorber, fizkes / Shutterstock.com

Text: Johannes Kübeck

Pfleger Hannes Fink: Es war die Entscheidung meines Lebens!

VOM TECHNISCHEN ZEICHNER ZUM PFLEGEASSISTENTEN

Während andere Anfang 50 bereits in Richtung Pension schielen, hat Hannes Fink einen beruflichen Neustart gewagt  und damit seine absolute Berufung gefunden! In die Pflege zu gehen, war für ihn die die Entscheidung seines Lebens – und für die Pflegeheimbewohner „ein Segen“!

„Wir lieben ihn, er ist ein wahrer Engel“, schwärmen die Bewohner im  Seniorenwohnheim Compass in Heiligenkreuz/Waasen von „ihrem“ Pfleger Hannes. Wenngleich: Alle, die sie dort und in anderen Pflegeeinrichtungen arbeiten und sich mit viel Engagement und Herz um ältere Menschen kümmern, sind sie Engel. Aber: „Der Hannes ist wirklich ein Segen für uns“, freuen sich die betagten Leute ganz besonders, wenn  der „sympathische Herr“  wieder im Haus ist. Dort ist er 57-Jährige vor fünf Jahren im wahrsten Sinne des Wortes angekommen.

Er erzählt: „Eigentlich bin ich gelernter technischer Zeichner und habe viele Jahre im Bereich Innenarchitektur gearbeitet – Häuser und Wohnungen gezeichnet und geplant. Auch da war das genaue Zuhören und Eingehen auf meine Auftraggeber schon eine Grundvoraussetzung.“  Anfang 50 kam dann jedoch eine Phase, in der ihm sein Beruf „nicht mehr so wirklich gepasst und erfüllt hat.“  Und weil er im Rahmen der Betreuung seiner Schwiegereltern spürte, dass ihm die Pflege nicht nur liegt, sondern auch  große Freude bereitet, hat er kurzerhand eine Ausbildung zum Pflegeassistenten absolviert. Dieses Feuer ist dann im Vorpraktikum und während der  Praxiswochen in diversen Landesspitälern und Pflegeeinrichtungen so richtig entflammt: „Als mir dann das Compass eine Stelle angeboten hat, habe ich sofort zugesagt. Die Entscheidung meines Lebens! Denn seither bin ich noch keinen einzigen Tag ungern in die Arbeit gegangen.“

Auf die Frage, was ihn so beliebt macht, setzt Hannes Fink sein sympathisches Lächeln auf und meint: „Das müssen wohl andere beantworten. Aber vielleicht liegt es an meiner Ruhe und meiner Geduld und daran, dass ich ältere Menschen ganz einfach und ehrlich mag. Das spüren sie wohl.“  Sichtbar wird das immer wieder, wenn er etwa geduldig dem Schlaganfallpatienten die Suppe in den Mund löffelt, wenn er der dementen Dame sanft die Hand drückt, mit einer fröhlichen Runde unter der Laube Karten spielt oder mit einer Bewohnerin ein Tänzchen macht. Dann leuchten die Augen! „Und auch mir macht das Freude – vor allem aber macht es für mich unglaublich viel Sinn. Ich habe in der Pflege meinen absoluten Traumberuf gefunden“, betont der Spätberufene. Eine Lebenseinstellung, die beispielsweise auch bedingt, dass die betagten Menschen von Hannes niemals ein „jetzt nicht“  zu hören bekommen. Bei ihm heißt das stets: „Ich komme gleich!“ Ein kleiner Unterschied mit ganz großer Wirkung!

Und wohl auch eine der Ursachen dafür, dass Pflegepersonal heute Mangelware ist: „Man muss da einfach mehr als nur gewisse Rahmenbedingungen sehen. Ja, man muss über diese vielleicht sogar oft hinweg sehen und einfach mit Leib und Seele bei der Sache sein. Mit der Entscheidung, diesen Beruf zu machen, entscheidet man sich,  für Menschen, die Betreuung brauchen, voll und ganz da zu sein – und nicht dafür, irgendeinen Job zu machen. Diese Lebenseinstellung braucht es wohl, um in der Pflege gut, dauerhaft und für sich erfüllend tätig sein zu können. Der Sinn der Arbeit steht da über allem anderen. Das muss Berufung, Lebensphilosophie und ein großes Stück vom eigenen Ich sein.“ Denn immer wieder bekommt er auch zu hören: Das könnte ich  nie machen!“ Für Hannes Fink sind solche Bemerkungen aber ein Zeichen für ein Problem, dass die jeweilige Person mit dem eigenen Älterwerden hat – Devise: Wegschauen und verdrängen, so lange es geht!

Dass er als Mann ein Exote in der Frauendomäne Pflege ist, ist für Hannes Fink übrigens absolut kein Problem. „Im Compass bin ich unter 22 Kolleginnen quasi der Hahn im Korb“, lacht der Quereinsteiger. Betont aber auch: „Es gibt tatsächlich noch Menschen, die bezweifeln, ob ein Mann diesen Beruf überhaupt gut genug ausüben kann.“ Wie er das kann, zeigt er nicht zuletzt, wenn er wieder einmal wie der Blitz losschießt, wenn die Glocke läutet: „Die Menschen, die Betreuung brauchen, sind das Allerwichtigste!“ Deshalb schaut Hannes auch nicht immer exakt auf die Uhr, wenn es Richtung Dienstschluss geht: „Manchmal dauert es halt ein bisschen länger. Hauptsache, die Arbeit wird in Ruhe fertiggemacht“, lautet sein Credo.

Trotz seines erfüllenden Arbeitslebens genießt Hannes aber natürlich auch seine Zeit außerhalb des Berufs: „Da bin ich am allerliebsten in der Natur – Schifahren, Schwimmen, Walken, Spazieren.“

Was er sich bei aller Begeisterung für seinen Job dennoch wünschen würde? „Vielleicht den einen Kollegen oder die andere Kollegin mehr, um noch mehr Zeit mit den Bewohnern verbringen zu können – ohne Zeitdruck auf der Terrasse sitzen und zuhören, wenn jemand Geschichten aus seinem Leben erzählt, Karten spielen, Kastanien braten, Feste feiern, tratschen. Das sind unglaublich schöne und besonders wertvolle Momente.“  Und die möchte er mit „seinen“ Bewohnern so oft und so lange wie möglich genießen: „Wenn ich fit bleibe, ist das ganz bestimmt mein Traumberuf bis zur Pension!“

Text von Johanna Vucak
Bilder von Philipp Podesser, beigestellt
Beitrag veröffentlicht am 07.03.2023

Politik-Montag: Doris Kampus – Dort hinschauen wo es nicht gut läuft

Zur Sorge Corona kam auch die Sorge Inflation. Mag. Doris Kampus (54), die Soziallandesrätin der Steiermark, hat besonders die Schwächsten in der Gesellschaft im Visier.

Die ältere Generation hat schon seit zwei Jahren mit der Corona-Pandemie zu kämpfen. Was macht das mit den Menschen?

DORIS KAMPUS: Was die sozialen und psychologischen Aspekte betrifft, machen mir zwei Gruppen besonders Sorge. Das sind die Kinder und die Jugendlichen und natürlich die älteren Menschen. Das sieht man auch in der Seniorenstudie von Abenteuer Alter, zu der ich nur gratulieren kann. Auch wenn diese Ergebnisse sich auf die Zeit vor der Pandemie beziehen, zeigen sie, wie groß das Thema Einsamkeit bei den Älteren ist. Ich freue mich, dass diese Studie zeigt, wie viele ältere Steirerinnen und Steirer sich wohlfühlen und dass es ihnen gut geht. Aber mein Job als Soziallandesrätin ist es, dort hinzuschauen, wo es nicht so gut läuft.

Glauben Sie, die Befragten stellen ihre Befindlichkeit besser dar als sie ist?

KAMPUS: Viele in dieser Generation geben nicht so gerne zu, dass es ihnen nicht so gut geht. Ich glaube, unsere gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe muss es sein, da hinzuschauen. Wenn man die Oma fragt, wie geht es dir, sagt sie: ‚Passt schon, passt schon‘. Das sagt sie sogar, wenn etwas nicht mehr passt. Ich glaube, diese Gruppe ist unter Corona eher größer geworden. Die Menschen haben sich ein Stück zurückgezogen. Das macht mir große Sorgen.

Braucht es vielleicht neue Wege, um in dieser Situation an die Seniorinnen und Senioren heranzukommen?

KAMPUS: Ich bin kein ausgesprochener Fan der neuen Medien, aber sie sind schon auch eine Chance, wie man noch teilhaben kann. In den Familien hat das geholfen, indem die Großeltern über Whatsapp trotz Lockdown etwas Verbindung mit den Enkeln hatten. Das macht viel aus, dass man auch die ältere Generation auf diese Weise einbindet. Auch die Seniorenverbände haben sich darauf eingestellt. Sie bieten jetzt Schulungen und Kurse an, damit sich diese Welt für alle öffnet. Wir beteiligen uns da durch die Finanzierung etwa des Seniorenbeirates oder von Computerkursen.

Zur Sorge wegen Corona ist für viele Menschen die Sorge um’s Geld gekommen, weil die Inflation so stark geworden ist wie seit vielen Jahren nicht mehr. Wie sehen Sie das?

KAMPUS: Die Teuerungswelle trifft die Älteren doppelt hart. Wir haben Zahlen dazu, die mich betroffen machen, weil die Teuerung vor allem die Gruppe 60+ sehr trifft. Wir haben zum Glück zwei Instrumente, mit denen wir das teurer gewordene Wohnen unterstützen, die Wohnunterstützung und der Heizkostenzuschuss. Bei der Wohnunterstützung sind mehr als die Hälfte der 8.000 Bezieher Pensionistinnen und Pensionisten. Das finde ich ganz schlimm. Beim Heizkostenzuschuss sind es mehr als zwei Drittel von fast 9.000. Wir haben den Heizkostenzuschuss von 120 auf 170 Euro erhöht, um dagegenzuhalten, aber da braucht es auch andere Bemühungen, zum Beispiel bei der Höhe der Pensionen.

Die Älteren wissen aus ihrem Leben, was Inflation ist, die jüngeren Generationen aber nicht. Hilft dieses Wissen etwas?

KAMPUS: Die, für die ich mich zuständig fühle, also MindestpensionistInnen oder BezieherInnen der Ausgleichzulage, sind ganz besonders betroffen. Wir brauchen im Sozialsystem mehrere Stellschrauben, einen Teil davon machen wir in der Steiermark mit diesen Hilfen beim Wohnen und Heizen und in anderen Bereichen. Wir brauchen aber auch eine Bundesregierung, die bei den Pensionen hinschaut. Und es ist verstörend, dass es noch immer und massiv zur Diskriminierung der Älteren kommt, nur auf Grund von Alter. Bei den Banken fragen sie, braucht man im Alter wirklich unbedingt einen Kredit? Aber auch in dieser Generation hat man zum Glück viele Wünsche, aber auch Notwendigkeiten. Man muss ein Bad umbauen oder andere altersgerechte Investitionen vornehmen. Was es im Bereich der Banken und Versicherungen immer noch an Altersdiskriminierung gibt, ist unglaublich.

Zu den Leistungen Ihres Ressorts gehört auch die Seniorenurlaubsaktion. Wie ist die unter Corona-Bedingungen gelaufen?

KAMPUS: Wie andere Entwicklungen. 2020 durften wir es gar nicht anbieten wegen der Corona-Lage. 2021 haben wir es wieder angeboten, aber die Nachfrage war schaumgebremst. Wir hätten mehr Plätze für diese Urlaube gehabt als in Anspruch genommen wurden. Ich schätze diese Möglichkeit sehr und treffe mich mit den Leuten und plaudere gern mit ihnen. Da gibt es teilweise Gruppen aus den Bezirken, wo man sich untereinander schon kennt. Ganz viele sind im Vorjahr aber nicht mitgefahren, weil sie sich nicht getraut haben. Für mich wäre es das Schlimmste, würde das so bleiben.

Die Seniorenstudie von Abenteuer Alter hat ergeben, dass viele dieser Altersgruppe noch arbeiten. Was halten Sie davon?

KAMPUS: Ich befürchte, diese Medaille hat zwei Seiten. Es gibt eine Gruppe, die das nicht ganz freiwillig macht, weil ihre Pension zu gering ist, um den Lebensstandard halbwegs zu halten. Das gefällt mir nicht, weil eigentlich sollten die Pensionen in Österreich für Menschen, die so lange gearbeitet haben, so sein, dass man gut  davon leben kann. Natürlich kommt noch die Frauenproblematik dazu: Sie haben weniger Versicherungsjahre, die Kinder betreut, und oft nur halbtags gearbeitet. Die andere Seite der Medaille sagt: ‚Jetzt bin ich Anfang 60, eigentlich geht es mir super, aber ich würde gerne noch Anteil haben und ich mache nebenher noch was‘. Das finde ich super. Und dazu kommt, dass wir jetzt auf dem Arbeitsmarkt die Chance, ein besonderes Zeitfenster, haben. Bisher hat es immer mehr Angebot als Nachfrage gegeben und jetzt ist daserstmals anders. Die Betriebe suchen händeringend Leute und jetzt haben erstmals auch Menschen der Generation 50+ eine realistische Jobchance.

Der Pflegenotstand wegen des Personalmangels in Spitälern und Heimen ist ein großes Problem, das zum Teil auch in Ihre Zuständigkeit fällt. Was muss geschehen, dass die Pflege gerade für die Älteren nicht zusammenbricht?

KAMPUS: Gemeinsam mit meiner Kollegin Juliane Bogner-Strauß bringen wir da einiges weiter. Wir haben schon vor fünf Jahren eine Pflegestiftung ins Leben gerufen, die hat schon 1.500 Arbeitslose ausgebildet oder sie sind in Ausbildung. Der Bedarf steigt nicht nur wegen der demografischen Entwicklung, sondern zum Beispiel auch deshalb, weil viele Pflegende am Ende ihrer Kräfte sind und eine Auszeit brauchen.

Beitrag veröffentlicht am 06.04.2022
© Peter Drechsler
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