Die (einstigen) steirischen Gesundbrunnen

Wenn der IC mit rund 100 Sachen durch die Station schießt, wird der Reisende kaum das Bahnhofsschild entziffern können. Dies bleibt dem Fahrgast eines Regionalzuges vorbehalten, wenn dieser in „Wörschach Schwefelbad“, so steht es weiß auf blau, einen kurzen Aufenthalt einlegt. Zwar zeugen heute nicht einmal Grundmauernfragmente von der Existenz des einst berühmten Kurbades, der Geruch von Schwefel ist das Einzige, das an die große Vergangenheit erinnert. Und die Stationsschilder am Bahnhof.

Aber immerhin ein Anlass, einen Blick auf eben diese Vergangenheit zu werfen, als sich noch kein Radkersburg, Loipersdorf, Waltersdorf, Blumau etc. mit dem Prädikat „Bad“ schmücken durfte, als man zwar zur Kur in die Steiermark fuhr, dort sich jedoch maximal mit Wannenbädern begnügen musste. So auch in Wörschach, wo man bereits im Jahre 1835 eine „Schwefelbadeanstalt“ errichtet hatte, die bald einen Bekanntheitsgrad als hervorragender Nothelfer bei Gicht, Rheuma und Ischias über die Grenzen des Kaiserreiches hinaus erlangte und in einem „Führer von der Salzach durch das Ennstal zur Traun“ auf vier Seiten großes Lob erfährt, wobei besonders hervorgehoben wird, „was den Gehalt an Schwefel und Radioaktivität anlangt, ist Wörschach Baden und Pystian (heute das slowakische Piestany) vollkommen gleichzustellen.“

 

Ein Werbe-Flyer für das Schwefelbad in Wörschach und das Kurhaus Wolkenstein

Das Prädikat „Bad“ blieb Wörschach zwar versagt, doch dafür wussten die Österreichischen Bundesbahnen die Attraktivität des Ortes zu würdigen und ergänzten im Jahre 1929 das Stationsschild „Wörschach“ mit einem Bindestrich und dem Zusatz „Schwefel­bad“. Das hat auch 93 Jahre später noch seine Gültigkeit, obwohl es das Schwefelbad seit 45 Jahren nicht mehr gibt, das Kurhotel bzw. das, was als Ruine übriggeblieben ist, im Jahre 1993 endgültig dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Dabei hatte es zu Beginn der Neunzigerjahre vielversprechende Bemühungen um eine zeitangepasste Nutzung der neun an einem Steilhang des Gameringsteines entspringenden Schwefelquellen seitens des Landes Steiermark gegeben.

Bernd Chibici schrieb damals im April 1990 in der „Kleinen Zeitung“: „Der vielfach kurprojekterprobte Bau-Hofrat Franz Josel ist auf der einen Seite bemüht, das Vorhaben optimal zu realisieren und Holdingchef Leopold Gartler versucht bereits jetzt, das Endprodukt auf den derzeit sehr munteren Markt zu werfen.“

Andere Region, gleiches Schicksal, nämlich zu geringe Schüttung und ein Mineralwasser, das für den Badebetrieb mit Fremdenergie auf eine annehmbare Temperatur gebracht werden musste, bedeutete auch in der Weststeiermark das Aus für ein Traditions-Heilbad – die ­Stainzer Johannes­quelle, auch als Bad ­Sauerbrunn in der „Höller Hansl“-Heimat in Erinnerung. Wo bis zu seinem Abriss im Jahre 1984 ein verwunschen wirkendes, vom Verfall gezeichnetes Gasthaus stand, in dem man bis 1970 noch ziemlich natur­belassene Wannenbäder in einem Säuerling, der Linderung bei Gicht und einem Dutzend anderer Wehwehchen versprach, nehmen konnte, ist heute ein idyllischer Rastplatz mit Bankerln eingerichtet, neben dem Stainzbach plätschert aus einem Bründerl ein gut daumendicker Wasserstrahl mit dem noch immer begehrten Säuerling, der heute gratis von jedermann abgefüllt werden darf.

Stainz und Johannesbrunnen, wie könnte es anders sein, als dass nicht Erzherzog Johann dahintergestanden wäre. So war es auch im Jahre 1840, als der Kaiser-Bruder die ­Quelle kaufte. 1875, schon unter einem neuen Besitzer, wurde sie neu gefasst, ein kleines Wannen-Kurbad eingerichtet und 1933 sogar als Heilquelle anerkannt.

Wie in Wörschach versuchte man auch in Stainz mit Landeshilfe einen Neustart, Landesbauhofrat Dipl.-Ing: Franz Josel erinnert sich mit ein wenig Wehmut an dieses Projekt. „Es sollte ein kleines, aber feines Schaffel­bad werden, für 70 Tagesgäste, nicht mehr, gut 20 Millionen Schilling hätte das Land dafür in die Hand genommen, ein Architektenwettbewerb war schon in Vorbereitung.“ Mit einer doppelseitigen Reportage von Peter Riedler und dem schlagkräftigen Titel „Millionenspritze gegen die Gicht“ verbreitete auch die Kronen Zeitung eine optimistische Grundstimmung für das Projekt, doch: „Es scheiterte letztendlich nicht nur an der geringen Schüttmenge, sondern auch am regionalen politischen Nachdruck, der eine Grundvoraussetzung für ein derartiges Projekt ist“, so Franz Josel.

Dipl.-Ing Franz Josef (m.) bei der Projektebsprechung.
Auch die „Steirerkrone“ räumte dem Projekt Zukunftschancen ein.

Ein ehemaliger Nobelkurort, der heute eine vollkommen andere Funktion hat: Tobelbad. Dieses Heilbad wurde zum Inbegriff für medizinische Großleistungen auf dem Gebiet der Rehabilitation auf Grund von Berufskrankheiten und Unfällen. 1949 wurde es von der AUVA erworben, 1951 behandelte man dort erstmals Querschnittgelähmte und ein Jahr später wurde die Rehabilitationsabteilung eröffnet und eine ständige Weiterentwicklung ließ diesen Standort zu einem international anerkannten medizinischen Forschungs- und Betreuungszentrum werden.

International bekannt jedoch war ­Tobelbad schon viele Jahrzehnte zuvor – als mondänes Kurbad. Die Heilkraft des 23 bis 26 Grad warmen Wassers war schon im Frühmittel­alter bekannt, erstmals erwähnt wurde sie dann 1241 unter Herzog Friedrich dem Streitbaren. Bereits 1578 erfolgte die Errichtung eines Badehauses über der Ludwigsquelle und im Jahre 1613 eines über der Ferdinandsquelle. Kaiserin Maria Theresia gönnte ihren invaliden Offizieren einen Genesungsaufenthalt in Tobelbad und im 19. Jahrhundert verbrachten dort auch ein Robert Hamerling, ein Richard Heuberger, Komponist der Operette „Der Opernball“, Johann Strauß und der Literat Leopold von Sacher-Masoch einige Wochen ihrer Gesundheit zuliebe.

Prominente Namen schützen den Kurort bei Graz jedoch nicht davor, bedenklich zu verludern und so erwies es sich als besonderer Glücksfall für Tobelbad, dass ein gewisser Gustav Robert Paalen, Erfinder, Schöngeist und Kunstmäzen, Geschäftsmann mit internationalen Beziehungen, aus jüdischem Hause stammend, aber zum Protestantismus konvertiert, im Jahre 1909 die Kuranstalt kaufte und sofort in einem Ausmaß sanierte, dass bereits ein Jahr später selbst Kaiser Franz Joseph zur Wiedereröffnung gekommen war, was ihm mit einem Denkmal ehrerbietigst gedankt wurde. Doch abseits von Glanz und Glorie gediehen auch Kur-Skandälchen.

In ebendiesem Sommer war auch Alma Mahler mit ihrer Tochter Anna Justine nach Tobelbad gekommen und hatte dort den deutschen Bauhausarchitekten Walter Gropius kennengelernt, was wieder von ­Gustav Mahler gar nicht goutiert wurde. Denn wie es das Schicksal wollte, landete ein glühender Liebesbrief von Gropius statt in den Händen ­Almas auf dem Schreibtisch des Komponisten. Der Rest ist rasch erzählt: Gustav Mahler starb bekanntlich im Jahre 1911, Alma Mahler schrieb sich von 1915 bis 1920 mit Familiennamen Gropius, bis dann Franz Werfel auf den Plan trat.

Das Heilwasser der Stainzer Johannesquelle kann heute gratis abgefüllt werden.

Doch soll hier nicht nur von vergangenen heilenden und sonstigen „Wannen-Wonnen“ die Rede sein, „Arzneiwasser“ oder auch „Sauerwasser“ – wie es der Volksmund häufig nannte – wurde in Flaschen abgefüllt und in gar manchem Haushalt wird man sich an das eine oder andere Etikett noch erinnern.

Der frühere Landes-Hydrogeologe Dr. Hilmar Zetinigg, Hofrat in Graz und Universitätsprofessor an der Montanuni in Leoben, hat in seiner akribischen Arbeit „Die Mineral- und Thermalquellen der Steiermark“ selbiges aufgelistet und dabei insgesamt 74 derartiger Vorkommen erfasst. Viele von diesen wurden durch Hochwässer verschüttet, andere mussten aus hygienischen Gründen geschlossen werden, weil sie Keime weit über alle Grenzwerte hinaus aufwiesen, aber alle haben sie eine interessante, häufig viele hundert Jahre alte Geschichte.

Wer erinnert sich an den Kalsdorfer Sauerbrunn und sein Ende im Jahre 1970, an die Gleichenberger und an die Rachauer Emmaquelle, an den Hengsberger Sauerbrunn? Nicht zu vergessen das Fentscher-Wasser, das sich einen besonderen Ruf als „Kropfbründl“ erworben hatte. Bevor in den Jahren von 1926 bis 1928 das Murkraftwerk Pernegg einschließlich Oberwasserkanal errichtet worden war, fuhr man auf der Strecke Bruck – Graz durch Zlatten, wo sich die „Hildesquelle“ beim Lindenbrunnen großer Beliebtheit erfreute. Seit damals fließt sie ungenutzt in den Zlattenbach. Von Bad Aussee bis Bad Radkersburg reichen die Quellen mit den besonderen Wässern.

Die Ulrichsquelle in Stanz im Mürztal ist in der Region bekannt, ebenfalls eine Reihe weiterer Säuerlinge im Raum des benachbarten Aller­heiligen, die den ehemaligen Landeshauptmannstellvertreter Dipl.-Ing Leopold Schöggl als Fürsprecher zwecks Nutzung für ein bescheidenes Bad namens „Rosegger Therme“ gefunden haben. Der Erfolg versuchter Überzeugungsarbeit bei den zuständigen Förderstellen des Landes lässt bis jetzt noch auf sich warten.

 

Umso erfolgreicher ist es dafür bei der Revitalisierung des Thalheimer Schlossbrunnens gelaufen. Nach wirtschaftlichen Schleuderkursen bis hin zu Verfall und Stilllegung hat nun Didi Mateschitz Geld und Zügel in die Hand genommen und jetzt gibt es das einst berühmte Heilwasser wieder als prickelnd oder still, auch als Limonade in sechs Geschmacksrichtungen und – man liest richtig – als Bier, gebraut mit Heilwasser.

 

Beitrag veröffentlicht am 19. September 2022
von Dieter Rupnik
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Aktiv altern: Interview zum langen Tag der Demenz

 

Was ist SALZ und wofür steht die Initiative?

Salz – Steirische Alzheimerhilfe ist ein Angehörigen-Verein. Wir vertreten deren Interessen und Anliegen aber wir geben auch Raum, damit Angehörige sich treffen und austauschen können. Es ist wichtig, in einem geschützten und anonymen Umfeld über die Trauer, die Frustration und über die Wut der Krankheit gegenüber sprechen zu können. Die eigene Ratlosigkeit zu thematisieren und gleichzeitig Tipps und Rat im Umgang mit Demenz zu bekommen hilft, Ressourcen zu erkennen und Hoffnung zu schöpfen.

Wir engagieren uns überdies in Projekten oder initiieren selbst welche, die dazu führen, dass das Leben mit Demenz leichter wird. Außerdem glauben wir, dass nur eine gute Vernetzung von Professionisten in der Region eine gute Versorgung gewährleisten kann und wir investieren in dieses Ziel viel Zeit.

 

Warum ist Ihnen das Thema Demenz so ein wichtiges Anliegen?

Wir von Salz sind oder waren Angehörige und wissen, wie belastend die Diagnose für die gesamte Familie ist. Wir wollen unsere Erfahrung weitergeben und helfen. Die Krankheit ist noch immer stark stigmatisiert und tabuisiert und zu lange werden Angehörige sowie Betroffene alleine gelassen. Das wollen wir ändern und dafür setzen wir uns ein.

 

Worum geht es beim Tag der Demenz, den Sie heuer veranstalten?

Heuer dreht sich der Lange Tag der Demenz um das Thema Zeit. In unserer sehr effizienten und geschwindigkeitsorientierten Welt bleiben viele zurück, die mehr Zeit brauchen würden. Die zunehmende Automatisierung, wie Selbstbedienungskassen, Fahrscheinautomaten, elektronisches Bankensystem, machen die Teilhabe von Menschen mit Demenz immer schwieriger. Daher stellen wir uns dieses Mal die Frage: „Wieviel Zeit braucht ein Mensch mit kognitiven Einschränkungen und was bedeutet das in unser aller Alltag?

In den drei Tagen vom 21.9. – 23.9. werden wir zu diesem Thema einen Gottesdienst feiern, einen Film sehen, öffentlich diskutieren, am Markt informieren und künstlerische Akzente setzen. Dazu sind alle Menschen geladen, die sich für das Thema, ob aus aktuellem Anlass oder präventiv, interessieren und sich mit Menschen mit Demenz und deren Familien solidarisieren möchten.

Was erwarten Sie sich von öffentlichen Stellen zum Thema Demenz?

Zurzeit gibt es viele engagierte Initiativen in diesem Bereich. Eine Zusammenführung dieses Wissens zumal in einer Form, die für Betroffene und Angehörige praktikabel ist, sowie eine Vernetzung der damit verbundenen Akteur/innen wäre wünschenswert. Außerdem ist nach wie vor unsere dringlichste Forderung nach individueller, flexibler Alltagsassistenz als Unterstützung für Betroffene im leichten Stadium und in weiterer Folge zur Entlastung der betreuenden Angehörigen.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft in Bezug auf die Aufmerksamkeit und öffentliche Wahrnehmung des Themas Demenz?

Eine Sensibilisierung in Wort und Bild. Das Bild des alten Menschen muss generell ein differenzierteres werden. Dem Menschen muss seine Individualität und Würde bewahrt werden und er darf nicht hinter Statistiken oder Klischees verschwinden. Menschen mit kognitiven Einschränkungen sollen nicht zu einer anonymen Masse werden, über die man hauptsächlich defizitorientiert spricht. So unterschiedlich wie wir Menschen nun einmal sind, ist auch die Ausprägung des Verhaltens bei Demenz. Es gibt erstaunlich kreative und erfolgreiche Ansätze, mit diesem Schicksalsschlag fertig zu werden. Genauso verhält es ich bei uns Angehörigen. Natürlich ist die Betreuung oft sehr herausfordernd, aber auch hier sind Familien sehr einfallsreich, wenn es um einen guten Umgang mit dem betroffenen Menschen und mit der eigenen Selbstfürsorge geht. Darüber würde ich gerne mehr lesen, sehen oder hören.

 

Veranstaltungstipp:

Beitrag veröffentlicht am 12.09.2022
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Größte Pflegereform seit Jahrzehnten

Nach mehr als zehn Jahre der Diskussion machte die Bundesregierung jetzt Nägel mit Köpfen und lieferte ein breites Paket, das mit Reformmaßnahmen bei den wichtigen Säulen der Pflege ansetzt.

Die Reform konnte aufgrund der Corona-Pandemie, welche mit großer Verantwortung und persönlichem Einsatz der handelnden Personen in Bund und Land gemeistert wurde, nicht schon früher erfolgen.

Bundesrat Ernest Schwindsackl

Einige Fakten und Taten seien kurz angeführt:

Bis 2030 fehlen uns mindestens 76.000 zusätzliche Pflegekräfte bundesweit und das bestehende Pflegepersonal ist am Limit!
Besonders erfreut zeigt sich der Grazer Seniorenbundobmann und Seniorensprecher im Bundesrat, Ernest Schwindsackl, in diesem Zusammenhang über die Einführung der Pflegelehre. „Damit können wir junge, interessierte Menschen gleich nach der Pflichtschule für den Pflegeberuf gewinnen, bevor wir sie in andere Bereiche verlieren.“
Insgesamt beinhaltet das engagierte und umfangreiche Paket über 20 Maßnahmen mit einem Volumen von 1 Milliarde Euro.

Diese werden in den Pflegeberuf, die Pflegeausbildung sowie für Pflegebedürftige und pflegende Angehörige bis zum Ende der Gesetzgebungsperiode investiert.
In den kommenden zwei Jahren erhält jede:r Mitarbeiter:in einen Gehaltsbonus. Abseits davon werden in den Bereichen der Ausbildung, Kompetenzen und Zuwanderung neue Akzente gesetzt.

Außerdem wird ein Angehörigenbonus von 1.500,– Euro ab dem Jahr 2023 für die Person, die den größten Teil der Pflege zuhause leistet und zu diesem Zweck selbst- oder weiterversichert ist, gewährt!

Unsere Senioren:innen haben diese große Pflegereform nicht nur verdient, sie steht ihnen als jahrzehntelange Leistungsträger:innen im Aufbau unseres Wohlstandes auch zu, meint Ihr Bundesrat Ernest Schwindsackl.

Beitrag veröffentlicht am 19. August 2022

Barbara Frischmuth: Mein fantastisches Leben

Barbara Frischmuth spricht mit Abenteuer Alter über ihr Ausseer Dirndl, ihren Feminismus und die Gefahr des Klimawandels.

Die gefeierte Schriftstellerin lebt und arbeitet in ihrem Haus hoch oben über Altaussee und ist durchaus froh, dass sie nicht alles mitbekommt, was „unten“ im Ort passiert. Zum Beispiel die Folgen der Bauwut im Ausseerland und im ganzen Salzkammergut, die sie stören und verärgern. Aber auch in ihrem großen Garten erkennt die Schriftstellerin Veränderungen, die sie herausfordern und die auf verblüffende Weise den Ereignissen unserer Tage ähneln. „Auch Pflanzen haben ihre Reviere und überwuchern die anderen“, beobachtet sie bei der täglichen Arbeit. Im Mai, als Barbara Frischmuth mit Abenteuer Alter telefonierte, musste sie feststellen, dass im harten Winter manche ihrer Pflanzen erfroren sind, konnte aber auch die Pracht ihrer Pfingstrosen genießen.

Die 81-Jährige kennt wie wenige sowohl das Leben in der Stadt als auch auf dem Land, in ihrem Heimatort. Ganz schnörkellos sagt sie „Altaussee ist sehr schön“. Sie kann das trennen vom Umstand, dass es hier ein Klima gibt, das ihre Pflanzen erfrieren lässt, und davon, dass sie den Flächenfraß durch die Untaten der Bauwütigen für ein ernstes Problem hält. Sie akzeptiert einige der Villen der Großbürger aus Wien oder München, wird aber energisch beim Gedanken, dass Manche aus Spekulationsgründen zwei oder drei Wohnungen horten und die Preise für Immobilien in schwindelnde Höhen treiben: „Man muss einmal Stopp sagen!“ Die äußerst erfolgreiche Autorin Barbara Frischmuh missgönnt niemandem das Erreichte, vermisst aber Grenzziehungen. „Wenn es hier zu wenig Wiesen und Umwelt gibt, wird auch Altaussee seinen Charme verlieren. Dann kann man gleich nach Kitzbühel fahren.“ Sie kennt schon Leute, die sagen, dass sie nicht mehr kommen, weil es nicht mehr das Altaussee ist, das sie lieben. „Die Ruhe, die wunderschöne Landschaft, die Natur – das hört sich alles auf.“

Das ist nicht Verbitterung, sondern derselbe Realismus, der aus ihr spricht, wenn die Touristen im Ort in Tracht und Dirndl aufmarschieren. Sie anerkennt die Kleidsamkeit des Dirndls: „Den meisten Freuen passte es“. In ihrem Schrank hängen „drei oder vier Dirndln, die ich schon ewig habe“. Das spricht wohl auch dafür, dass sie ihre Figur über die Jahre behalten hat. Sie trägt ein Dirndl nur im Salzkammergut und höchstens dann, „wenn es ein Fest gibt, wo man es halt anzieht“. So würden es alle Einheimischen halten. Offenbar tragen die Ortsfremden viel öfter Tracht als die Ausseer es tun. „Denen macht es Spaß und sie glauben dann, dass sie eher Kontakt zu den Einheimischen finden. Und für die Einheimischen ist es eine Einkommensquelle.“

Manche ihrer Beobachtungen und Empfindungen klingen lakonisch und andere wiegen schwer. Etwa, wenn Barbara Frischmuth sich intensiv mit den Themen des Lebens auseinandersetzt. Ihre Naturverbundenheit ist kein Gefühl, sondern geradezu wissenschaftlich fundiert und kommt in ihren jüngsten Büchern zu Ausdruck: „Dein Schatten tanzt in der Küche“ und „Natur und die Versuche, ihr mit Sprache beizukommen“. Deshalb hat sie mehr als nur Sympathie für die Fridays for future-Bewegung. „Die Natur rächt sich zu Recht. Da kommt etwas auf uns zu, was die meisten noch immer nicht ernst nehmen und das die nächste Generationen ausbaden müssen“, sagt sie. Das ist nicht Selbstanklage, sondern Analyse.

Sie gehört einer Generation an, „die ein fantastisches Leben hatte, weil es keinen Krieg gab“ und weil die Gesellschaft „auf die erste Nachkriegsjugend geradezu gewartet hat.“ Die positive Erfahrung, willkommen zu sein, begleitet sie ihr ganzes Leben und wappnen sie für alle Herausforderungen. Umso mehr macht ihr zu schaffen, dass sie neben der drohenden Klimakatastrophe und der Pandemie auch noch einen Krieg in Europa erleben muss. Also ob die Schäden durch den Klimawandel noch nicht bedrohlich genug wären, „kommt da noch diese Zerstörung durch die Menschen dazu“. Als Schriftstellerin will Barbara Frischmuth nicht behände gleich ein Buch über dieses neue Thema schreiben, das hat sie auch in Bezug auf die Pandemie vermieden. So etwas braucht „eine längere Zeit und einen gewissen Abstand“. Zum Beispiel sagt sie über das 2019 erschienene Buch „Verschüttete Milch“, sie habe es „schon 40 Jahre lang schreiben wollen“.

Durch all die Jahre und all die Bücher, Aufsätze und Vorträge zieht sich ein leidenschaftliches Bekenntnis zum Frau-Sein und zum fundierten Feminismus.

Das beginnt mit der Erfahrung zuhause, weil sowohl ihre Großmutter als auch ihre Mutter nach dem Tod des Mannes „ihren Mann stehen“ mussten, die eine in einer Fleischhauerei, die andere in einem Hotel. Man darf sich auch Barbara Frischmuth nicht als Stern vorstellen, der ohne sein Zutun von einer Sonne bestrahlt wird, sondern als eine zielstrebige berufstätige Frau. Die große Zahl von Büchern, die sie in mehr als 50 Jahren geschrieben hat, ist nicht vom Himmel gefallen, sondern Ergebnis disziplinierter Arbeit. Diese gelebte Selbstständigkeit gerade als Frau war in ihrer Generation die absolute Ausnahme. Das sind andere Erfahrungen, als sie etwa Ingeborg Bachmann machte, von der demnächst ein Film erzählen wird, dass sie bei ihrem Lebenspartner Max Frisch auch so etwas wie Schutz gesucht habe. Die Altausseerin hat durchaus Verständnis für dieses Empfinden, sagt aber ohne Schnörkel „Ich habe immer versucht, mich selbst zu schützen.“

von Johannes Kübeck
© Luef Light
Beitrag veröffentlicht am 29. Juli 2022

Prince Charles: Ein Königreich für die Natur

Das Regieren wurde ihm bisher verwehrt, außer in seinem Gartenparadies Highgrove. Dort ist Prinz Charles König, dort hat er das Gärtnern neu erfunden. Karl Ploberger drehte über die Leidenschaft Seiner Königlichen Hoheit kürzlich eine Dokumentation, für die er jahrelang auf eine Genehmigung warten musste. Wir spazieren einfach so hinein, an der Seite von ORF-Biogärtnerin Angelika Ertl.

Nein, in London waren wir nicht dabei, als mit großem Pomp das 70. Thronjubiläum von Königin Elisabeth II. gefeiert wurde. Wir besichtigten stattdessen mit der Gartenexpertin Angelika Ertl das Anwesen Highgrove, in dem Prince Charles, der ewige Thronfolger, die Welt ein bisschen besser macht. Das mit dem Hineinspazieren ist wohlgemerkt etwas flapsig ausgedrückt, selbstverständlich müssen auch wir uns an das Fotografierverbot halten und den Anweisungen der Sicherheitskräfte folgen. Die übrigens auch für das Wohlergehen der Kleintiere auf dem Anwesen sorgen: So wurden einmal einer Entenfamilie, die an einem entlegenen Ende des Gutes gebrütet hatte und mit ihrem Nachwuchs stets eine Straße außerhalb des Geländes queren musste, auf Geheiß des Prinzen kurzerhand Bobbys für den Straßenübertritt zur Seite gestellt.

Einen Garten mit Haus, please

Prinz Charles wollte schon immer einen Garten mit Haus – und nicht umgekehrt –, gefunden wurde dieser in Cloucestershire in den Cotswolds, zweieinhalb Autostunden von London entfernt. Highgrove erwarb Anfang der Achtzigerjahre übrigens nicht die königliche Familie, sondern das Herzogtum Cornwall für – aus heutigem Blickwinkel gesehen – ein Schnäppchen von kolportierten 800.000 Pfund, Prinz Charles, der Herzog von Cornwall und Prinz von Wales, wurde als Pächter ernannt. Das Haus war beim Kauf von „einem Nichts“ umgeben, wie der Prinz selbst sagt – außer einer alten Eibenhecke und der 200 Jahre alten Zeder vor dem Gebäude, die das Herz des 73-jährigen Thronfolgers letztlich eroberte. Als erste Maßnahmen ließ er am Haus Balustraden und Säulen als Kletterhilfe für Pflanzen anbringen, die ihren Duft bis hinauf in die Königlichen Räume bringen sollten. Die Leidenschaft für die Gärtnerei hat Prinz Charles von seiner Großmutter geerbt, deren Gartenutensilien er zu ihrem Andenken aufgehoben hat. Den Garten von Highgrove zieren zudem Büsten jener Menschen, die für den Prinzen Inspiration und Ideengeber waren. Sein Garten, so schreibt er im Vorwort seines Buches „Highgrove – ein Jahr im Königlichen Garten“, sei ein bescheidener Versuch, zur Heilung von Schäden beizutragen, die durch kurzsichtiges Handeln dem Boden, der Landschaft und letztlich unseren Seelen zugefügt wurden. Ihn hat er wie ein Maler gestaltet, jeder Teil ist ein separates Bild: Der Thyme Walk etwa mit verschiedensten Thymiansorten und den künstlerisch zurechtgestutzten Eiben-Figuren, und der „Stumpery“, in dem wilder Farn und sattes Grün über alten Wurzeln wuchern. Vor dem Haus finden sich Felder von Rittersporn, der Lieblingsblume des Prinzen. Die Kunst bei der Gestaltung bestehe für ihn zur Hälfte darin, dafür zu sorgen, dass der Garten beim Blick aus dem Fenster auch in den Wintermonaten reizvoll sei. Was ist für Angelika Ertl das Besondere an der Anlage? „Prinz Charles lässt seinen Garten mehr und mehr verwildern, penible Genauigkeit gibt es nur in wenigen formalen Gartenzimmern. Sonst wird der Garten lebendiger und auch wilder.“ Prinzessin Diana hielt übrigens nicht sehr viel von der Gartenleidenschaft ihres Mannes. Sie fuhr lieber ins benachbarte Städtchen Tetbury und ging dort einkaufen.

Als der Prinz „Bio“ hoffähig machte

In den 1980ern, als sich der fein- und kunstsinnige Prinz, der in seiner Freizeit gern malt, entschlossen hatte, sein Anwesen nach den Kriterien der biologischen Landwirtschaft zu betreiben, fand in Österreich gerade der Weinskandal statt und weltweit wurden in der Landwirtschaft unbedacht giftige Chemikalien eingesetzt. Dennoch hielt man von „Bio“ nicht viel, das war für Spinner. Auch in Großbritannien wusste man zunächst nicht recht, was man von der „spinnerten“ Idee des Prinzen halten sollte. Er schickte Sekretäre nach Deutschland zu Hardy Vogtmann, dem damaligen Pionier für biologische Landwirtschaft, um sich Beispiele zu holen, damit der Prinz seine Familie, die von der Bio-Idee rein gar nichts hielt, überzeugen konnte. Er bekam 60 Hektar Land „zum Probieren“ und fand mit David Wilson als Gutsleiter den kongenialen Partner, wie die Dokumentation „Der Bauer und sein Prinz“ zeigt. Wilson kam frisch von der Landwirtschaftsschule, wo ihm vor allem beigebracht wurde, welche Chemikalien er in welchen Situationen einsetzen sollte, wie er erzählt. Als er beim Bewerbungsgespräch mit der Frage konfrontiert wurde, ob er sich unter „biologischer Landwirtschaft“ etwas vorstellen könne, verneinte er und sagte Ja zum Job. Die Reise hin zu einer alternativen Art der Lebensmittelproduktion gefiel dem Vater von zwei kleinen Kindern. Mittlerweile ist man sich einig: Des Prinzen „verrückte“ Idee war eine vernünftige in einer verrückten Welt.

 

 

Einsatz für eine gesunde Zukunft

Heute ist das Landgut Highgrove mit insgesamt 760 Hektar – 311 waren es vor 30 Jahren, mittlerweile bewirtschaftet man auch den Boden von Nachbarn – ein landwirtschaftlicher Vorzeigebetrieb, in dem sich viele Bauern Rat für neue Wege holen. Es werden alte Schaf- und Schweinerassen vor dem Aussterben bewahrt, tausend Apfelbäume, jeder eine eigene Sorte, wurden gepflanzt. Die Milchkühe haben nichts mit den Turboleisterinnen in der konventionellen Landwirtschaft gemein, im Gegenteil, sie finden reichlich Platz in einem modernen Stall, wo ihnen ein längeres Leben gestattet ist. Artenschutz, Biodiversität sowie der Erhalt traditioneller Pflanzmethoden und Handwerksberufe stehen im Landgut des Prinzen an erster Stelle, und bei allem wird einen Schritt weitergedacht, um die Natur zu erhalten und die Menschen mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen. So ist es Prinz Charles zu verdanken, dass im nahezu baumlosen Großbritannien die Heckenkultur wieder etabliert wurde. Damit
steigt nicht nur der Grundwasserspiegel, Hecken verhindern Bodenerosionen durch Wind und bieten zudem Platz für viele Wildtiere. Den
Schnitt der Eibenhecken aus seinem Garten lässt er an ein nahegelegenes Forschungsinstitut liefern, das Öl hemmt das Tumorwachstum. Als
Grund für seinen ökologischen Einsatz nennt der Prinz die vielen umweltschädigenden Maßnahmen ab den 1960ern, als Gebiete weitgehend mit Chemie behandelt wurden, man Bäume entwurzelt hat und Feuchtgebiete trockengelegt, Hecken entfernt und Wiesen zerstört. Prinz Charles sagt dazu: „Wir müssen einsehen, dass wir selbst auch Teil der Natur sind und nicht separat existieren. Viele aber sind in diesem Glauben aufgewachsen.“ Nachsatz mit einem Verweis auf EU-Fördermaßnahmen, die keinesfalls auf Nachhaltigkeit abzielen: Solange wir die billigsten Lebensmittel wollen, wird die Landwirtschaft, die auf Produktionssteigerung und maximale Erträge ausgerichtet ist, bestehen bleiben.

Es braucht auch im Garten Humor

Der Magnet von Highgrove ist freilich der Garten Seiner Hoheit, den jedes Jahr rund 40.000 Gartenfans
besuchen. Weilt der Prinz dort, wird das durch eine gehisste Flagge signalisiert, zwischendurch kommt er immer wieder auf den Balkon, um seinen Gästen zuzuwinken. Es kann auch vorkommen, dass eine geplante Gartentour kurzfristig abgesagt wird, weil Prinz Charles mit seiner Camilla ein Wochenende in Abgeschiedenheit verbringen will, sagt die ORF Biogärtnerin Angelika Ertl. In ihren Gartenreisen ist Highgrove Garden ein regelmäßig wiederkehrender Programmpunkt, sie selbst wird dort wie eine alte Bekannte begrüßt. Bei ihrem letzten Besuch wurde sie allerdings stutzig, denn die Führung durch den wunderschönen Garten startete nicht wie üblich, man betrat diesen über einen anderen Pfad. Der Grund: Auf dem Weg, den man sonst gegangen ist, steht eine Büste von Prince Charles, ein Geschenk, über die der Thronfolger gar nicht „amused“ ist. Und diesen Anblick will man auch den Gästen ersparen. Eine Büste, die Prince Charles mit seiner
Camilla zeigt, hat man überhaupt im Wald versteckt. Genau das macht die Briten so unverbesserlich: charmante Diplomatie, stets mit einer guten Prise Humor, die auch dem Kronprinzen nachgesagt wird. Humor findet sich ebenso in seinem Garten, erzählt Angelika Ertl. So ließ der Prinz die etwas verknöcherte Eibenhecke im Thyme Walk von seinen Gärtnern eigenwillig umgestalten: Jeder seiner Gärtner durfte sich mit einem Gegenstand verewigen. So wächst da eine Schnecke aus der Hecke und dort eine Teekanne. Es wird übrigens gemunkelt, dass
sich der Prinz auf eine baldige Thronnachfolge einstellt, seine Mutter, Queen Elizabeth II., feierte immerhin im April ihren 96. Geburtstag. Auf Highgrove bereitet man sich schon jetzt darauf vor, dass der Prinz in Zukunft viel weniger Zeit dort verbringen wird. Sein Garten und sein Landgut stehen Besuchern unverändert offen, Tee oder Prosecco wird nach der Gartentour weiterhin serviert werden. Cheers!

 

Britische ­Gartenleidenschaft
Die Briten und die Franzosen sind sich bekanntlich nicht sehr „grün“. So ist der britische Garten in gewisser Weise ein Gegenentwurf zum französischen. Sonnenkönig Ludwig XIV. war bekannt dafür, sich die Natur untertan gemacht zu haben. Sein Garten in ­Versailles, ein „Angebergarten“, wie Angelika Ertl sagt, sollte perfekt sein und auf den Tisch bringen, was er für sein feudales Leben haben wollte. In England derweil wurde das gegenteilige Motto ausgerufen: Man solle der Natur wieder folgen. Wobei auch dort ein bisschen Angeberei sein musste: Unter Königin Viktoria bereisten „Plant Hunter“, so genannte Pflanzenjäger, die Welt, um von überall Pflanzen, Früchte und Kräuter mitzubringen. Das beeinflusste auch die Architektur, denn es brauchte Pflanzhäuser, um diese neuen Errungenschaften präsentieren zu können. Die Landschaftsplaner hatten damals alle Hände voll zu tun. Ein schöner Garten ist in England noch heute Statussymbol. Einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung dieses Erbes leistet der National Trust. Er wurde gegründet, nachdem sich viele Erben ihre Anwesen nicht mehr leisten konnten, weil sie die Hälfte des Wertes als Erbschaftssteuer abzuführen hatten. Der National Trust ist heute der größte Land-, Küsten-, Pub-, Mühlen- und Gartenbesitzer in Großbritannien. Die Königsfamilie unterstützt diesen Trust seit jeher.

 

von Daniela Müller
Beitrag veröffentlicht am 20.07.2022