Pflegende Angehörige brauchen Entlastung! | Sandra Krautwaschl, GRÜNE

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Auch in dieser Landtagswahl werben alle Parteien um diese große Wählergruppe der Generation 60 plus. Sagen Sie uns bitte, warum sollen die steirischen Senioren die Grünen wählen?

Sandra Krautwaschl: Ich denke, gerade diese Generation, die Generation meiner Eltern, hat sehr gut erlebt, wie ein gutes Leben in der Steiermark aussehen kann und sie sind natürlich sehr daran interessiert, auch ihren Kindern und Enkelkindern ein gutes Leben mit einer gesunden Natur und in einer friedlichen Gesellschaft zu ermöglichen. Da sind sie bei den Grünen besonders gut aufgehoben. Unsere Politik richtet sich ganz darauf, dass die Steiermark das grüne Herz bleibt, von dem wir immer sprechen.

Diese große Wählergruppe hat so wenig Vertretung im Land Steiermark, wenn man daran denkt, dass es für Kinder, Jugendliche, Frauen oder Flüchtlinge eigene Einrichtungen gibt. Wollen Sie das ändern?

Krautwaschl: Für diese Generation gibt es ganz viel Unterstützung in verschiedenen Bereichen. Für mich ist da ganz besonders der Bereich Pflege und Unterstützung von Menschen wichtig, die ein gewisses Alter erreicht haben und Hilfe brauchen. So haben wir im Landtag eben erst das Thema Community Nurses wieder thematisiert. Das hat das Gesundheitsministerium initiiert, es ist bis 2028 mit EU-Geldern abgesichert. Jetzt macht das Land ein Modell, das die Gemeinden verpflichtet, mitzuzahlen und ich höre aus vielen Gemeinden, dass sie sich das nicht leisten können. Deshalb kämpfe ich mit meinem Team, dass diese wichtige Hilfestellung für zu Hause vom Land aufrecht erhalten und auch finanziert wird. 

Ist das nicht der Beweis, dass die Senioren eine hörbare, schlagkräftige Stimme auf Landesebene brauchen, die wirkungsvoller ist als die bestehenden, sehr verdienstvollen Seniorenverbände?

Krautwaschl: Ich glaube, es ist wichtig, dass die Betroffenen sich viel lauter einbringen, und zwar über die Parteigrenzen hinweg. Wir wissen, es gibt in der Steiermark in der Pflege ein Riesenproblem, weil wir viel zu lange in die falsche Richtung gesteuert haben und hauptsächlich Pflegeheime gebaut wurden. Die Entlastung der pflegenden Angehörigen wurde einfach nicht aufgebaut.

Wir möchten Ihre Einschätzung kennenlernen, wie die ältere Generation sich selbst fühlt. In der Seniorenstudie von Abenteuer Alter hat diese Generation zum Ausdruck gebracht, was ihre größte Sorge ist. Was glauben Sie: Ist es Altersarmut oder Einsamkeit?

Krautwaschl: Ich glaube, das eine und das andere hängt sogar zusammen. Gerade dann, wenn ich mir das Leben nicht mehr gut leisten kann, wenn ich mir soziale Kontakte in einem Kaffeehaus nicht leisten kann, dann ist die Gefahr, dass ich auch vereinsame, extrem groß. Deshalb ist für uns Grüne das Vorsorgeprinzip so wichtig, dass man eben frühzeitig gegen die Altersarmut ankämpft. Das beginnt schon bei der Kinderbetreuung, die leistbar sein muss. Ich bekomme Zuschriften von jungen Frauen, die sagen, sie können es sich nicht leisten, arbeiten zu gehen, weil ihr ganzes Einkommen in die Kinderbetreuung gehen würde. Damit produzieren wir die Altersarmut der Zukunft. 

Viele Senioren sind immer noch beruflich aktiv, auch nebenberuflich, und nehmen allerhand Nachteile in Kauf. Wie wollen Sie darauf Einfluss nehmen, dass sich das ändert?

Krautwaschl: Ich kenne dieses Problem sehr gut, weil es zum Glück ältere Menschen gibt, die sehr fit sind und weiter einen Beitrag leisten wollen. Es muss sich für diese Menschen auszahlen, wenn sie im Alter arbeiten. Und es gilt anzuerkennen, dass wir die Leistungen dieser Menschen auch ganz dringend brauchen. Uns fehlen die Arbeitskräfte und ihre Expertise und Erfahrung. Das gehört auch monetär abgegolten. Es wäre gut, wenn es in der Steiermark Projekte gäbe, bei denen die Menschen sehen, wie vorteilhaft es ist, wenn sich die Älteren einbringen.

Das Thema, das diese Generation wohl am meisten beschäftigt, ist die Gesundheit. Und da ist von der älteren Generation die Klage zu hören, dass das Gesundheitssystem immer schlechter wird. Finden Sie das auch?

Krautwaschl: Ich habe oft erlebt, wie Menschen von einem zum anderen geschickt werden, wenn sie eine Anlaufstelle für ihr Gesundheitsproblem suchen. Oft braucht es Wochen und sogar Monate, bis sie die richtige Hilfe finden. Wir forcieren seit langen die Primärversorgungszentren als möglichen Ansatz. Da sind alle Gesundheitsberufe unter einem Dach. Das muss endlich auch in der Steiermark voll forciert werden. Wenn wir das vielschichtige Personalproblem im Gesundheitssektor in den Griff bekommen wollen, dann müssen wir an dieser Stelle ansetzen und nicht glauben, wir können alles mit irgendwelchen Krankenhausbauten lösen, wo dann erst wieder das Personal fehlt. 

Eine Wahrnehmung besonders der Älteren ist, dass es so lange Wartezeiten für Standardoperationen gibt und dass man da mit etwas Geld „anschieben“ kann. Ist das die Lösung, Geld in ein Kuvert zu stecken?

Krautwaschl: Nein, es ist Überzeugung der Grünen, dass es in unserem Gesundheitssystem, das von der Allgemeinheit bezahlt wird, reichen muss, wenn man mit der E-Card kommt und nicht mit der Kreditkarte. Wir müssen bei den Gesundheitsberufen sicherstellen, dass die Menschen, die ihre Ausbildung durch öffentliche Gelder finanziert bekommen, auch dem öffentlichen System zur Verfügung stehen. Wir haben ganz viele Ärzte, wir wissen aber auch, dass viele sich im Wahlarztsystem wohlfühlen. Das ist zwar grundsätzlich OK, aber dann stehen sie nicht der öffentlichen Gesundheitsversorgung zur Verfügung.

Eine große Sorge der älteren Generation ist der Zustand der Pflege mit dem viel zitierten Pflegenotstand. Wie wollen Sie ihnen diese Sorgen nehmen?

Krautwaschl: Wir wollen eine Umsteuerung zur Prävention und Pflege, die zu Hause geleistet wird.  Alles muss kostengünstig und wohnortnah zur Verfügung stehen wie die Community Nurses.  Das hilft, dass die Menschen länger gesund bleiben und gesund zu Hause leben können. Und wenn sie doch Hilfe brauchen, müssen sie die rasch bekommen können. Jetzt ist es oft so, dass erst lange nichts geschieht und dann ist der Zustand einer älteren Person so, dass nichts anderes mehr hilft als ein Pflegeheim. 

Vieles von dem, was Sie hier schildern, setzt auch ein hohes Maß an Mobilität voraus und das ist für viele ältere Menschen ein Riesenproblem. Viele fahren nicht mehr sicher Auto, aber ohne Auto verlieren sie besonders auf dem Land nicht nur ihre selbstbestimmte Mobilität, sondern überhaupt einen großen Teil ihrer Lebensqualität. Wie wollen Sie dieses Dilemma auflösen?

Krautwaschl: Das ist ein großes Problem und für einen Teil der Lösung halte ich das Klimaticket, das leistbare Mobilität sicherstellt. Das ist zu kombinieren mit dem sogenannten Mikro-ÖV, also Sammeltaxis und kleinen Bussen, die wirklich in das Klimaticket einbezogen werden sollten. Dann bleibt es leistbar und es stellt gerade in Regionen, wo kein Zug oder kein großer Bus hinfährt, sicher, dass Menschen mobil sind, ohne das Auto zu brauchen.

Die Seniorencard im Großraum Graz und im Bezirk Voitsberg mit ihren vielen Vergünstigungen ist ein Erfolgsmodell, aber auf diese Regionen beschränkt. Sollte sie landesweit eingeführt werden?

Krautwaschl: Ich denke, alle Modelle, die helfen, Älteren Möglichkeiten zu verschaffen, mobil zu bleiben und vor Vereinsamung zu bewahren, sind sinnvoll und sollten schrittweise ausgebaut werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

ZUR PERSON:

Sandra Krautwaschl (53) wurde in der Steiermark bekannt, weil sie mit ihrer Familie ein Leben ohne Plastik führt. Sie wurde dazu durch einen Film inspiriert und hat ihr eigenes Tun ebenfalls in einem Film und in Büchern dokumentiert. Das Motto der Physiotherapeutin, die in Rein zu Hause ist, lautet „Weniger Kram, mehr Leben.“ Krautwaschl ist seit 2015 Landtagsabgeordnete der Grünen und tritt zum zweiten Mal als Spitzenkandidatin an.

 

Beitrag veröffentlicht am 15.11.2024
Text: Johannes Kübeck
Fotos: Luef Light