Kein Limit per se

Vorerkrankungen sind per se keine wirkliche Einschränkung für ein Training im Alter, betont Stefan Fischerauer, Leiter der Sektion Sport-, Knorpel- und Gelenkchirurgie an der Grazer Univ.-Klinik für Orthopädie und Traumatologie. Freilich sollte das Programm individuell angepasst werden – und Abwechslung bieten.

Können altersbedingte Veränderungen im Körper durch Training beeinflusst werden?
Ja! Der biologische Alterungsprozess ist nicht nur genetisch veranlagt, sondern unterliegt auch dem Einfluss von vielen Umweltfaktoren. Ein gesunder Lebensstil, eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und der Verzicht auf Tabak und Alkohol können dazu beitragen die Alterung zu verlangsamen und das Auftreten von altersbedingten Krankheiten zu verringern. Die Förderung körperlicher Aktivität nimmt dabei einen besonderen Stellenwert ein. Zahlreiche klinische Studien konnten belegen, dass körperliche Aktivität auch im höheren Alter sehr wirkungsvoll ist, gerade wenn es um die Vorbeugung und Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselerkrankungen und Erkrankungen des Bewegungsapparates geht. Zudem können regelmäßige körperliche Aktivitäten das Krebsrisiko senken und dem Verlust kognitiver Funktionen, wie beispielsweise der Demenz, entgegenwirken.

Welche Maßnahmen sind da sinnvoll?
Allgemeine Empfehlungen haben sich lange vor allem auf den kardiovaskulären Bereich und damit auf ein Ausdauertraining gestützt. In den letzten Jahren hat sich ein Wandel vollzogen. Ein starker Fokus wird jetzt auf ein zusätzliches Krafttraining gelegt. Ein Muskelaufbautraining wirkt auf vielen verschiedenen Ebenen: Die Ausschüttung von Serotonin fördert das Wohlbefinden, die Belastung stärkt die Knochengesundheit, die verbesserte Insulinsensitivität senkt den Blutzuckerspiegel und die funktionelle Anpassung verringert das Sturzrisiko.

An welchen Hebeln setzt ein wirkungsvolles Training an?
Ein modernes Training wird diesen unterschiedlichen Ebenen gerecht. Ausdauer- und Krafttraining werden um Koordinationsübungen zur Schulung des Gleichgewichts und um Dehnungsübungen zur Förderung der Beweglichkeit erweitert. Immer wesentlich ist der Aspekt der Ernährung: Eine ausreichende Versorgung mit allen wichtigen Nährstoffen und ausreichend Flüssigkeit muss gewährleistet sein.

Was sollte dem Start zum Training vorangehen?
Vorab ist es von Bedeutung, zu unterstreichen, dass Vorerkrankungen per se keine wirkliche Einschränkung für ein Training sind. Das reicht von Krebs über Arthrose bis hin zu Diabetes. Bewegungsarmut wirkt sich ungünstig aus. Moderate Belastungen können meist bedenkenlos durchgeführt werden. Inwieweit jemandem eine intensive Belastung zuzumuten ist, muss freilich gerade bei instabilen Situationen zunächst ärztlich abgeklärt werden. Ist die Zielsetzung ambitioniert – einige Seniorinnen und Senioren haben durchaus auch noch Wettkampfansprüche – so sind vor Beginn der Belastungssteigerung auch Ruhe- und Belastungs-EKGs empfohlen, um Herz-Kreislauf-Risiken auszuschließen.

Wie sollte das Training konkret aussehen?
Um physiologisch Anpassungsmechanismen in Gang zu setzen, müssen die Aktivitätsreize über der Anforderung der Alltagsaktivität liegen. Für Personen über 65 Jahre sind 2,5 Stunden bis 5 Stunden pro Woche Ausdauertraining in mittlerer Intensität von der WHO empfohlen. Mittlere Intensität bedeutet, dass man sich währenddessen mit einem etwaigen Trainingspartner noch ohne Probleme unterhalten kann. Idealerweise erfolgt die Verteilung der Bewegungseinheiten auf mehrere Tage der Woche. Fühlt man sich wohl, so kann zunächst der Umfang und dann die Belastung gesteigert werden. Ist die Bewegungsintensität hoch, so genügen bereits Einheiten von 1,5 Stunden bis 2 Stunden pro Woche, um eine gesundheitsfördernde Wirkung zu erzielen. Muskelkräftigende Übungen sollten zusätzlich zwei- bis dreimal pro Woche auf dem Programm stehen.

Was ist im Fitnessstudio speziell zu beachten?
Safety first! Das Personal sollte für eventuelle Notfälle geschult sein, um im Ernstfall schnell eingreifen zu können. Bewegungsexperten können helfen schon im Vorfeld sichere Aktivitäten und Bewegungsumfänge festzulegen. Um Verletzungen zu Vermeiden, muss vor dem Krafttraining der Muskel aufgewärmt werden. Bestenfalls wird nicht nur eine einzelne Muskelgruppe trainiert, sondern stets mehrere, um eine Überbelastung zu vermeiden. Gerade für Patienten im höheren Alter erscheint eine funktionelle Trainingsform von Vorteil, da nebenbei auch die Koordination verbessert wird. Nach dem Training folgt eine Cool-Down-Phase. Um dem Körper ausreichend Zeit zur Regeneration zu geben, sollten Pausen von 48 Stunden zwischen den Krafttrainingseinheiten liegen.

Was ist noch wesentlich, damit die Motivation längerfristig besteht?
Im Training braucht es Abwechslung und Vielseitigkeit. Trainingsziele sollten klar formuliert werden. Als Kunde beziehungsweise Kundin eines Fitnessstudios kann man dann entsprechende Einheiten professionell planen und begleiten lassen. Hilfreich sind zudem Trainingspartner und Trainingsgruppen sowie individuelle Belohnungssysteme. Damit ist man bereits sehr gut aufgestellt. Denn man muss bedenken, das gerade einmal 20 Prozent aller Erwachsenen es überhaupt schaffen, die Bewegungsempfehlungen der WHO zu erfüllen. Immer gilt: Eine kleine Bewegung ist besser als gar keine Bewegung. Jeder Schritt ist wichtig. In vielen Fällen gelingt es dann praktisch von allein, die Motivation aufrecht zu erhalten, weil der Effekt am ganzen Körper spürbar wird.

Text von Elke Jauk-Offner
Bilder LKH-Univ. Klinikum Graz/Laura Schaffelhofer und shutterstock
Beitrag veröffentlicht am 03.09.2023

Plötzlich zu Hause: Mein Abenteuer Alter

Altlandeshauptmann Hermann Schützenhöfer im Interview über sein Leben nach 52 Jahren in der Politik, über Freundschaften und über die Sorgen der Spitalspatienten. 

Wir treffen Sie hier in einem Büro in der Grazer ÖVP-Zentrale. Das ist kein typischer Ort für einen Pensionisten, der einen Teil seines Lebens zurücklässt und einen neuen Lebensabschnitt beginnt, oder?
Hermann Schützenhöfer: Ich glaube, das könnte ich gar nicht. Aber ich bin zum Ehrenobmann der steirischen ÖVP gewählt worden und deshalb habe ich hier ein Büro. Ich bin vielleicht einmal in der Woche hier.

Wie erleben Sie den neuen Lebensabschnitt, auch als Abenteuer?
Es ist schon eine Art Abenteuer. Ich war 52 Jahre in der Politik, das ist eine sehr lange Zeit, und ich bin seit 44 Jahren mit meiner Frau verheiratet. Ich war immer zweigeteilt. Ich war Berufspolitiker, meine Frau hat zugunsten ihres Mannes und der Kinder ihre Berufskarriere aufgegeben und sich der Familie gewidmet. Und jetzt bin ich plötzlich zuhause. Allerdings nicht immer mit dem Kopf. Ich werde oft angerufen und um Rat gefragt. 

Sind Sie zuhause ein Fremdkörper?
Das nicht, aber es ist eine Umstellung. 

Wie sieht das Ihre Frau?
Offen gesagt, wir sind beide noch in der Eingewöhnungsphase. Sie war gewohnt, zuhause zu sein und alles irgendwie zu dirigieren. Meine Versuche, ihr im Haushalt irgendwie zu helfen, sind nicht nennenswert, weil es braucht Zeit, bis man weiß, wo was hingehört. Aber man lernt bei der Gelegenheit die Arbeit einer Frau schätzen. Das ist für mich und meine Frau neu, aber es geht gut. Der entscheidende Vorteil für mich auch in der Beziehung zu meiner Frau ist, dass ich nicht mehr die Letztverantwortung in der Politik habe. Ich war immer ein Mensch, dem die Leichtigkeit des Seins nicht gegeben ist. Wenn ich früher im Sommer ein paar Tage weg war und es gab in der Steiermark ein Unwetter, bin ich zurückgefahren. Diese Last ist weg, und das wirkt sich für mich gut aus. 

Wie beginnt Ihr Tag, wenn nicht frühmorgens der Chauffeur vor der Tür steht?
Im Regelfall steht meine Frau vor mir auf. Beim Frühstück muss die Zeitung da sein. Ich bin ein Zeitungsmensch, ich muss die Zeitung in der Hand haben, mit dem iPad kann ich nicht viel anfangen. Am Vormittag gehe ich dann entweder eine Stunde mit meiner Frau oder ich sitze eine gute halbe Stunde am Hometrainer und mache dann Körperübungen, die mir gut tun. Mein Rhythmus war ja: Man sitzt im Wagen, bereitet sich auf die nächste Rede vor, ist dann im Büro, man isst etwas, geht heim, schlaft und dann am nächsten Tag alles wieder von vorne. Diese Dinge haben sich ganz eindeutig verbessert. 

Sie hatten viele Jahre Dienstwagen und Fahrer, wie schaute es mit dem Autofahren aus?
Ich bin viele Jahre nicht selbst gefahren und ich fahre jetzt mit unserem Auto durch die Gegend. Aber es ist für mich keine Frage, wenn ich wohin fahre, wo ich auch ein Glaserl Wein trinke, dann bitte ich jemanden, dass er mich führt. Durch die Partei habe ich da Möglichkeiten, aber ich habe keinen Chauffeur, der Tag und Nacht für mich parat ist. 

Haben sich im neuen Lebensabschnitt ihre Freundschaften verändert?
Ich sage immer: Lebensfreundschaften entstehen eigentlich in der Jugend. Meine drei oder vier wirklichen Freunde waren das damals und sie sind es heute. Das sind Freunde, mit denen wir auch auf Urlaub fahren. Ich möchte hier auch dankbar erwähnen, dass es mich freut, wenn mich viele Leute ansprechen und sagen: Schade, dass Sie gegangen sind. Das sind übrigens die gleichen, die nach zwei Jahren sagen: Warum ist der noch immer nicht weg? 

Und in den Abendstunden, da sind Sie ja jetzt zuhause wie andere Leute in Ihrem Alter? Sitzen Sie vor dem Fernseher?
Was das Fernsehen betrifft: Meine Frau schaut mehr politische Sendungen als ich. Spätabends wird mir das zu dumm, da geh ich etwas lesen.

 Wie geht es Ihnen nach so einem außerordentlichen Berufsleben gesundheitlich?
In meinem Alter geht es ohne Wehwehchen nicht. Ich bemühe mich, etwas gesünder zu leben. Meine Funktion war ja auch Raubbau am Körper. Das geht oft gar nicht anders. 

Wenn es um die Gesundheit geht, erlebt die ältere Generation lange Wartezeiten in Ordinationen und Ambulanzen. Haben Sie das auch schon erlebt?
Ja schon. Natürlich muss ich zugeben, dass man als Landeshauptmann privilegiert ist. Da ruft man an, weil man Schmerzen hat und der Arzt fragt, wann man kommen will. Aber das heißt noch lange nicht, dass man nicht warten muss. Ich gehöre auch nicht zu denen, die nach drei Minuten ungeduldig werden. Insgesamt halten sich diese Situationen in Grenzen. 

Die ältere Generation nimmt gerade mit Sorge die Lage in den Landesspitälern wahr. Sie hatten viele Jahre dafür zumindest Mitverantwortung. Verstehen Sie die Sorgen der Menschen?
Das ist natürlich ein vielschichtiges Problem. Ich sehe, dass für viele Menschen die eigene Befindlichkeit das Maß aller Dinge geworden ist. Sie machen sich keine Gedanken und vertrauen darauf, dass die Gesellschaft sie auf irgendeine Weise tragen wird. Wenn ich durch das Land fahre, denke ich mir oft: Wissen die Leute denn, dass wir in einem privilegierten Land leben? Wenn ich denke, wie vieles selbstverständlich geworden ist, sehe ich einen gewissen Werteverfall. Die Erwartungshaltung der Menschen ist sehr groß geworden. Sie denken, dass ihnen Vieles zusteht. 

Was bedeutet das in Bezug auf die Lage in den Krankenhäusern?
Die Medizin kann heute unglaublich viel! Es gibt aber keinen Grundkonsens mehr, dass nicht jede der Errungenschaften in jedem einzelnen Spital angeboten werden kann, und dass es deshalb Spezialisierung geben muss. Deshalb ist es gut, wenn wir Krankenanstalten haben, die eine Erstversorgung anbieten, und gleichzeitig müssen die Leute dann mit dem Hubschrauber oder dem Jumbo rasch in ein Zentralspital kommen können. Daran muss die Politik arbeiten und auch festhalten! Ich sage immer: Politik ist dazu das, um das Richtige populär zu machen. Wenn das nicht gelingt, muss man aber immer noch das Richtige tun.

Viele Menschen in der Steiermark und gerade die ältere Generation leiden unter der hohen Inflation dieser Zeit. Wie erleben Sie das?
Ich kriege das natürlich mit, obwohl ich kein begnadeter Einkäufer bin. Ich bringe eher Sachen nachhause, die kein Mensch braucht. Aber es fällt mir zu, dass ich meine Frau zum Bauernmarkt auf den Kaiser Josef Platz oder Lendplatz fahre und wenn sie zurückkommt, erfahre ich, dass dieser Einkauf 70 Euro gekostet hat. Ich persönlich finde, dass die Politik wegen der Teuerung mehr tun müsste. Es muss einiges getan werden, um den Sozialstaat zu schärfen, um denen zu helfen, die ihn wirklich brauchen. Und ihn gleichzeitig für die zu schließen, die sich etwa in der Pandemie eigentlich ganz gut bedient haben. 

Viele Menschen beginnen den neuen Lebensabschnitt der Pension mit Plänen und Vorsätzen. Manches gelingt dann nicht wie beabsichtigt. War das bei Ihnen auch so?
Eigentlich nicht. Was ich mir vorgenommen habe, ist mehr zu lesen. Das tu ich. Was langsam dazu kommt, ist mehr zu reisen. Ich war nie ein Reisender. Als Politiker bin ich ziemlich viel herumgekommen in der Welt, jetzt genügt mir Österreich und das Umfeld. Ich fahre wahnsinnig gerne ins Friaul und nach Grado. Aber, ob ich durch die Grazer Herrengasse gehe oder in Grado, ich treffe die gleichen Leute aus der Steiermark. Zuhause genießen wir die Natur. Wenn meiner Frau und mir danach ist, fahren wir nach Pöllauberg, wo wir geheiratet haben. Das genießen wir sehr. 

Andere beginnen im Alter ehrenamtliche Tätigkeiten. Die halbe Republik würde wahrscheinlich nicht funktionieren, würden sich die Senioren nicht engagieren. Wie ist das bei Ihnen?
Ich bin Ehrenobmann der ÖVP, das ist natürlich ehrenamtlich. Ich fahre viel hinaus, wenn mich zum Beispiel die Altbürgermeister einladen, die kenne ich ja alle. Neu ist, dass ich die Präsidentschaft des Komitees „Große schützen Kleine“ übernehme. Da geht es um Unfallprävention und Gesundheitsförderung für Kinder und Jugendliche. Ich bin auch ehrenhalber der Vorsitzende des Kuratoriums des Universalmuseums Joanneum, wo wir bemüht sind, das Erbe Erzherzog Johanns in die heutige Zeit zu tragen. Mich füllt aus, dass wir dieses wichtige Erbe nicht nur verwalten, sondern in die Zukunft führen. 

Text von Johannes Kübeck
Bild von Luef Light
Beitrag veröffentlicht am 22.06.2023

Wir leisten ästhetischen Widerstand

Günther Krabbenhöft und Britt Kanja erfrischen mit ihrem stilvollen Auftreten seit Jahren das Straßenbild Berlins. „Sei einfach du“ ist ihr Motto. Warum „anders zu sein“ trotzdem nicht immer einfach ist, erzählen sie in einem sehr persönlichen Videogespräch. 

G ünther Anton Krabbenhöft erlangte als „Hipster-Opa“ über Nacht international Berühmtheit. Vor einigen Jahren stand der heute 77-Jährige elegant gekleidet wie immer in einer Berliner U-Bahn-Station, als ein Tourist ihn fotografierte und das Foto ins Netz stellte. Es wurde innerhalb kürzester Zeit millionenfach geteilt. Heute gilt er als Stil-Ikone und hat sogar ein Buch geschrieben: „Sei einfach du“. Vor acht Jahren traf er Britt Kanja, sie wurden Freunde und erfrischen mit ihrem modischen Schick und eleganten Benehmen Berlins Straßen und so manche Glamourparty. „Abenteuer Alter“ erreichte die beiden über Videocall in Berlin. Britt Kanja trägt ein creme-olivfarbenes Outfit mit passendem Hut, Günther Krabbenhöft Weste, Hemd mit Fliege in den Farben Hell- und Dunkelblau und einen Bogart-Hut. 

Es ist eine Freude, Sie so zu sehen! Neben Ihnen fühlt man sich sehr „underdressed“. Tragen Sie diese Kleidung auch, wenn Sie sich privat am Sonntag zum Kaffeetrinken treffen?
Britt Kanja: Wir sind immer so gekleidet und leisten ästhetischen Widerstand – ich gehe nicht aus dem Haus, ohne mich wohlzufühlen. In meinem Kleiderschrank befindet sich nur, was zu mir passt, doch ich muss mich in dem, was ich trage, bewegen können. Zuhause bin ich gerne etwas legerer.

Günther Krabbenhöft: Für mich ist der Inbegriff der Lässigkeit, im Pyjama und einem schönen Morgenmantel den Tag zu vertrödeln oder Dinge zu machen, zu denen man sonst nicht kommt. Das bin ich mir wert, das möchte ich haben, ich möchte mich gut fühlen in jeder Stunde des Tages. 

Wie haben Sie sich kennengelernt?
Krabbenhöft: Britt, vor acht Jahren war das? (Britt Kanja nickt.) Wir lernten uns bei einer Vernissage kennen, beim Schleifenladen meines Vertrauens (Krabbenhöft beugt sich nach vor und zeigt seine Masche in die Kamera). Als wir uns das erste Mal gesehen haben, stellte sich für uns die Frage: Wo warst du so lange, wo hast du dich versteckt, warum tauchst du jetzt erst auf? 

Kanja: Günther war mit einer Freundin unterwegs, die zuerst zu mir kam und wir verbrachten dann den gesamten Abend als Dreiergespann. Günther und ich stellten fest, dass wir einen ähnlichen Stil – außen wie innen – bevorzugen.

Günther Krabbenhöft schaffte es auch deshalb zu medialer Prominenz, weil er regelmäßig im Berghain anzutreffen ist. Dieser Club in Berlin ist Sehnsuchtsort vieler Menschen auf der ganzen Welt, die dorthin pilgern, mit der bangen Frage: Komme ich wohl am strengsten wie berühmtesten Türsteher der Welt vorbei?

Wie war das bei Ihnen, Herr Krabbenhöft?
Ich hatte da keine Probleme, zwei Mädels haben mich mitgenommen. Sie sprachen mich auf der Straße an und fragten, wo ich hingehe. Eigentlich wollte ich zu Freunden. Die jungen Frauen meinten, ob ich mit ihnen ins Berghain gehen möchte. Ich habe in Sekundenschnelle entschieden, mitzugehen und meine Verabredung sausen lassen. 

In Ihrem Buch schreiben Sie, Herr Krabbenhöft, viel über Ihre große Leidenschaft, das Tanzen. „Tanzen richtet mich auf, wenn sich die Liebe verabschiedet und der Weltschmerz überhandnimmt“, steht dort beispielsweise, oder „Tanzen tut mir gut, wenn mein Kopf zu platzen droht, weil er angefüllt ist mit Nachrichten, die mich erschüttern.“ In Ihrem Buch rufen Sie Menschen auf, ihre Kraftquellen aufzuspüren und sich mehr auf das Leben einzulassen. Ein schöner Satz heißt dort: „Je älter ich werde, desto mehr traue ich mich, jung zu sein.“ Trifft das auch auf Sie zu, Frau Kanja? Wann wurde in Ihrem Leben wichtig, Stil zu haben?
Kanja: Ich wurde im Alter von 14 expressiv und kleidete mich meiner Stimmung gemäß, vor allem für mich selbst. Ich hege nicht die Intention, die Schönste zu sein, ich erfreue mich einfach meines Lebens und sage dem liebevoll „Hallo“.

Krabbenhöft: Ich habe auch früh gespürt, dass ich anders bin als die Anderen und auch das Bedürfnis habe, mich anders zu kleiden. Es ist schwierig, aus der Masse auszuscheren und ein eigenes Ding zu machen. Aber ich habe gespürt, dass das zu mir gehört und ich es genauso machen muss, wie ich es fühle. 

Waren Sie Außenseiter?
Krabbenhöft: Ja, das würde ich so sagen. Als ich jung war, war die Welt längst nicht so bunt und vielfältig als es heute der Fall ist und wo man mit seinem Äußeren niemanden so schnell erschrickt. 

Braucht es für Stil viel Geld? 

Kanja: Mein Stil ist eine innere und äußere Haltung. Meine Schätze kaufte ich schon immer in Second-Hand-Läden ein. Da ich sehr zart gebaut bin, lernte ich früh, die Kleidung meinem Körper anzupassen und zurechtzuschneiden.

Krabbenhöft: Es ist halt Kreativität gefragt, vor allem aber braucht es einen Blick dafür, was einem steht. Man muss vieles ausprobieren. 

Wie reagieren junge Menschen auf Sie?
Kanja: Ich werde oft angesprochen, noch häufiger, wenn wir zusammen unterwegs sind. Wir bekommen viele Komplimente und hören gerade von jungen Menschen, dass sie sein wollen wie wir, wenn sie selbst einmal älter sind. 

Krabbenhöft: Es wundert einen, dass uns gerade so viele junge Menschen im Fokus haben, die gern wissen wollen, wie man mit Stil und lässig alt werden kann.

Fehlt es jungen Menschen an Vorbildern, wie man mit Stil älter werden kann?
Kanja: Na, sie haben ja uns! Ich denke, vielen war die Frage vorher gar nicht bewusst.

Krabbenhöft: Wenn mir ein junger Mensch sagt, er will einmal sein wie ich, frage ich meist nach dem Alter. Wenn dann als Antwort „25“ kommt, sagte ich: Dann hast du ja noch viel Zeit, um zu schauen und herauszufinden, wer du wirklich bist. Suche, was dich zum Tanzen bringt und dich berührt. Schaue, wer du bist, dann fügt sich alles zusammen.

Kanja: … und ich antworte gern: Die Zeit geht sowieso voran und du wirst bestimmt noch besser.

Was unterscheidet Sie von vielen anderen Menschen in Ihrem Alter?
Krabbenhöft: Ich glaube gar nicht so viel, vielleicht nur bei der Lust und Freude, zu leben. Wenn man älter wird und die Endlichkeit anders vor Augen hat, will man doch automatisch die Zeit, die man noch lebt, mit Freude und Lust verbringen. Die Leute vergessen das zu sehr. 

Kanja: Durch meine, wie ich es nenne, „konstruktive Naivität“, der Offenheit und Leichtigkeit eines Kindes, gepaart mit dem Wissen und der Weisheit einer Dame. Ich erlebe Wohlempfinden daran, mich schön zu kleiden, wie ein Baum, der sich im Frühjahr aus reiner Freude mit seinen schönsten Blüten schmückt. Heute machen das nicht mehr allzu viele Menschen, früher war es üblich, dass man sich schön kleidete.

Krabbenhöft: Die Menschen sollten mehr spüren, was sie glücklich macht, ohne Schere und Schranken im Kopf. Von wegen: In meinem Alter macht man das nicht! Für etwas zu brennen, ist auch im Leben und Alter noch wichtig. Vielleicht unterscheidet uns von anderen, dass wir nie aufgehört haben, Kind zu sein.

Kanja: Dazu gehört jedoch Courage. Erst durch Courage kann man ein wirklich glückliches Leben führen und wird erfahren, man selbst zu sein. Das geht nur, ohne sich Gruppenzwängen unterzuordnen. Wahre Gemeinschaft kann man nur durch Individualität erzeugen.

Sie beide wirken so entspannt, wie geht es Ihnen, wenn Sie Nachrichten hören, wie manche Politiker sich wie Diktatoren benehmen und gern die Zeit zurückdrehen würden?
Kanja: Ich verfolge das Weltgeschehen genau, auch die ganzen Herausforderungen, mit denen wir leben, nur so lassen sich Zusammenhänge besser erfassen. Und je schlimmer es wird, desto mehr Liebesfähigkeit kann ich bewusst in mir selbst, für den anderen und den kleinen Dingen in meiner direkten Umgebung entfalten. Jeder Einzelne ist eine wunderbare Chance, kann Schönes schaffen und an der Minimierung dieses Übels mitarbeiten.

Krabbenhöft: Im Laufe meines Lebens erlebte ich so viele Situationen, etwa als wieder ein neuer Krieg ins Haus stand oder Völker sich untereinander bekämpften. Letzten Endes sind alle Dinge geregelt worden und ins Lot gekommen. Im Moment ist eine irre Aufgeregtheit da, man muss auf andere Ebenen kommen und Dinge sachlich betrachten. Das aktuelle Gefühl, alles überschlägt sich, macht die Klärung von Schwierigkeiten nicht einfacher. 

Wie geht es Ihnen mit dem Älterwerden?
Kanja: Ich lebe gesund und gehe davon aus, dass ich nicht krank werde. Manchmal fühle ich mich auch nicht so wohl, doch ist jeder Tag anders. Ich empfinde jeden Tag als kostbares Geschenk. Ich möchte gesund sterben. Vielleicht noch einmal mit den Rollschuhen um die Ecke biegen.

Krabbenhöft: Ich bin froh, ohne schlimmere Erkrankung durch das Leben gekommen zu sein. Das genieße ich, weiß es zu schätzen und bin dankbar. Ich wünsche mir, gesund alt zu werden, das wünsche ich allen Menschen. 

Kanja: Ja, ich möchte auch gesund sterben. Vielleicht noch einmal mit den Rollschuhen um die Ecke biegen.

Krabbenhöft: … und ich beim Tanzen. 

Letzte Frage: Karl Lagerfeld wird das Zitat in den Mund gelegt, wer eine Jogginghose trage, habe die Kontrolle über sein Leben verloren. Herr Krabbenhöft, besitzen Sie so ein Kleidungsstück?
Krabbenhöft: Natürlich habe ich eine. Die kaufte ich mir während einer kleinen Auszeit, wo ich Sport machen musste, da kann ich ja schlecht mit Hut und Anzug auftauchen. Nun wartet dieses Teil seit Jahren darauf, wieder einmal ausgeführt zu werden. Ich sage jedes Mal: Da kannste lange warten. 

Text von Daniela Müller
Bilder von Krabbenhöft
Beitrag veröffentlicht am 25.05.2023

Was Ehen gut tut und was Gift für Beziehungen ist

In guten wie in schlechten Zeiten! Damit die rosarote Brille nicht schwindet und das Herz weiterhin Luftsprünge macht – Paartherapeutin Monika Wogrolly klärt auf!
Was sind die Grundvoraussetzungen dafür, dass eine Ehe über Jahrzehnte halten und glücklich sein kann?
Wogrolly: Das hängt natürlich von zahlreichen Kriterien ab. Wichtig ist, dass es eine ganz bewusste Entscheidung des Ehepaares ist, gemeinsam durchs Leben zu gehen und Verantwortung füreinander zu übernehmen. Und dass sie dabei grundsätzlich in eine Richtung schauen, ähnliche Werte und eine ähnliche Lebensphilosophie verfolgen. Wenn das weitgehend passt, ist schon einmal eine sehr gute Basis gegeben.

Aber Menschen verändern sich über die Jahrzehnte, es kehrt der Alltagstrott ein. Oft ist es dann das klassische „Auseinanderleben“, das Ehen scheitern lässt. Wie wirkt man da dagegen?
Natürlich besteht dieses Risiko, dass die anfängliche Neugierde, das Interesse, das Brennen für den anderen mit den Jahren nachlässt – aber nur, wenn man es einschlafen lässt. Das heißt, Beziehung ist ein Prozess, an dem man arbeiten und in welchem man achtsam, wachsam und kreativ bleiben muss. Wenn man das übersieht, riskiert man, dass es eines Tages ein böses Erwachen gibt.

Was heißt „wachsam bleiben und an der Beziehung arbeiten“ konkret?
Dass man sich zum Beispiel eine sogenannte unverplante „Paarzeit“ gönnt – unabhängig von Kindern oder stressigem Beruf. Denn grundsätzlich lässt die Dauer einer Beziehung das Interesse ja nicht abflachen. Vor allem dann nicht, wenn man einander immer wieder positiv überrascht, aufmerksam und respektvoll bleibt, sich gemeinsame Zeit ganz bewusst nimmt und das mit positiven Routinen, Ritualen, aber auch mit Spontaneität festigt. Nach etwa fünf Jahren brauchen Menschen aktuellen Studien zufolge erwiesenermaßen neue Reize – in der Beziehung wie im Beruf. Das heißt aber nicht, dass man sich gleich einen neuen Partner suchen soll, sondern dass man beispielsweise schaut, was man gemeinsam Neues machen könnte. Einfach einmal spontan und kreativ sein, das kann die Beziehung wunderbar frisch halten. Es ist wie in einem Garten: Man muss immer mit Motivation und Wohlwollen daran arbeiten, damit es blüht und gedeiht – lässt man das schleifen, verwildert es oder liegt es irgendwann alles brach.

Ist die Ehe für die Qualität einer Beziehung ausschlaggebend?
Wenn Verliebtheit und Romantik die Motive sind, kann das Eheritual, dieses besondere Gelübde, ein durchaus tragendes Fundament für die Beziehung sein. Verheiratete Paare überlegen sich dann auch doppelt und dreifach, dieses gemeinsame Projekt  nach all dem Gefühls- und Zeitinvestment und angesichts des gemeinsamen Lebensplans wieder aufzugeben.

Nicht selten hört man von Eheleuten, dass die Beziehung mit den vielen Jahren sogar besser wird. Was ist da das Geheimnis?
Das ist absolut möglich! Wenn man vieles gemeinsam hinter sich gebracht hat, Höhen und Tiefen, und wenn Krisen gemeinsam gemeistert wurden, dann stärkt und verbindet das gewaltig. Man weiß, dass man einander vertrauen kann, und dass man sich fallen lassen kann – das macht dann eine Beziehung besonders stabil, erfüllend und qualitätsvoll. Aus dem Pflänzchen der Verliebtheit ist ein tief und gut verwurzelter Baum geworden. Das Paar ruht in sich und ist sich sicher – das ist natürlich wunderbar.

Was ist Gift für eine Ehe?
Da gibt es meinem Kollegen John Gottman zufolge die sogenannten „apokalyptischen Reiter“. Das sind Kommunikationsmuster, die absolute Warnsignale und buchstäblich tödlich für eine Beziehung oder Ehe sind. (siehe Infobox) Etwa: Wenn eine Person schon die Mundwinkel herunterzieht und die Augen verdreht, wenn ihr Partner oder ihre Partnerin den Raum betritt. Wenn „gemauert“ wird, also wenn man selbst auf konstruktive Kritik gar nicht mehr eingeht und sie einfach abprallen lässt. Wenn man laufend genervt vom anderen ist und ihn dauernd auf vernichtende Art und Weise kritisiert. Oder wenn überhaupt nur mehr geschwiegen wird. Ganz besonders schlimm: den Partner in der Öffentlichkeit, etwa in einer Freundesrunde, schlecht oder sich über ihn lustig machen.

Und was ist so etwas wie Balsam für eine gute, langjährige Ehe?
Gegenseitiger Respekt, Neugierde und Interesse füreinander. Und Vertrauen ist überhaupt das kostbarste Geschenk, das man einander machen kann, das Fundament einer Beziehung. Wenn man sich sicher sein kann, mein Partner tut nichts, was mir schaden würde, dann kann man sich fallen lassen. Dann ist eine Beziehung erfüllend! 

Wann ist eigentlich eine Paartherapie ratsam?
Immer! Ich empfehle, selbst wenn Beziehungen noch ganz frisch sind, sich zum besseren Kennenlernen ein paar Stunden zu nehmen, um mit einer neutralen professionellen dritten Person Unklares abzuklären oder Altlasten aus vorigen Beziehungen aufzulösen. Es muss nicht immer erst „der Hut brennen“, bis man sich Hilfe holt. Es ist immer lohnend, sich beraten, unterstützen oder von einer auf Paartherapie spezialisierten Expertin helfen zu lassen, wenn es etwas zu deeskalieren gibt. Und es wirkt wie ein Booster für das Liebesleben, wenn man mithilfe eines Therapeuten wie mit einer Lupe auf den Alltag schaut und neue Gestaltungsmöglichkeiten erkennt. Mittlerweile funktioniert Paartherapie ja auch online bereits sehr gut.

Wie findet man Paartherapeuten?
Monika Wogrolly:
www.wogrollymonika.at

Eine Auswahl findet sich auf:
www.psyonline.at

Text von Johanna Vucak
Bilder von Jungwirth und shutterstock
Beitrag veröffentlicht am 18.04.2023

Andreas Herz: 24 Stunden würdevoll betreut

Die würdevolle Betreuung von Menschen, die den Alltag nicht mehr auf sich allein gestellt bewältigen können, ist eine besonders verantwortungsvolle und fordernde Aufgabe. Viele Tausend selbstständige Personenbetreuerinnen und Personenbetreuer leisten ihren Beitrag dazu, dass betreuungsbedürftige Menschen zu Hause in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können.

Die 24-Stunden-Betreuung durch selbstständige Betreuungspersonen zu Hause in den eigenen vier Wänden: Gerade in den vergangenen Krisenjahren wurden uns Verlässlichkeit und Unverzichtbarkeit dieser tragenden Säule des österreichischen Pflege- und Betreuungssystems in aller Deutlichkeit vor Augen geführt. Doch dieses krisenbedingte Szenario war wohl nur ein Vorgeschmack auf das, was in den kommenden Jahren und Jahrzehnten auf Österreichs Bevölkerung zukommen wird: eine weitere dramatische Verschiebung im Verhältnis von Betreuungsbedürftigen und Betreuenden. Dazu muss man wissen, dass nach wie vor der überwiegende Anteil jener, die Betreuung benötigen, von Familienangehörigen betreut wird – noch. Denn wer soll in Zukunft diese Aufgabe übernehmen, wenn aufgrund der demografischen Entwicklung immer mehr Betreuungsbedürftigen immer weniger Menschen gegenüberstehen, die in der Lage sind, diese Aufgabe zu leisten? 

Bereits heute nehmen selbstständige Personenbetreuerinnen und Personenbetreuer an der Schnittstelle zwischen Betreuungsbedürftigen und deren Familienumfeld eine Schlüsselrolle ein. Sie übernehmen dort Betreuungsleistungen, wo sie von Angehörigen nicht erbracht werden können; etwa, weil diese aufgrund ihrer beruflichen Verpflichtungen nicht mehr in der Lage dazu sind oder gar keine Angehörigen da sind; oder wenigstens nicht in der dafür erforderlichen geografischen Nähe. Wenn Menschen ihren Alltag nicht mehr auf sich allein gestellt bewältigen können, reicht es nämlich nicht, ein- oder zweimal  pro Woche nach dem Rechten zu sehen. Sturzgefahr, Körperhygiene, Versorgung mit Nahrung und vieles mehr: Die Betreuung betagter Menschen kann sehr rasch, manchmal tatsächlich über Nacht, zu einer Rund-um-die-Uhr-Verantwortung werden.

Warum aber ist das Modell der 24-Stunden-Betreuung durch selbstständige Personenbetreuerinnen und Personenbetreuer im Laufe der vergangenen rund zwei Jahrzehnte zu einer unverzichtbaren Säule der Betreuung in Österreich geworden? Dazu wirkten gleich mehrere Faktoren zusammen. Betreuung durch Selbstständige heißt: Betreuung zu Hause in den eigenen vier Wänden. Das wollen die meisten Menschen: nicht aus der vertrauten Umgebung gerissen zu werden. 24-Stunden-Betreuung heißt zudem: Sicherheit und Verlässlichkeit zu vergleichsweise leistbaren Konditionen. Die selbstständigen Betreuungspersonen erfüllen ihre Aufgabe in aller Regel nicht nur mit Professionalität, sondern sie bringen in hohem Maße Verantwortungsbewusstsein und Empathie in die Betreuungsbeziehung ein. Ein weiterer wichtiger Baustein: Qualitätsorientierte heimische Vermittlungsagenturen sorgen dafür, dass Betreuungspersonen rasch dort sind, wo sie gebraucht werden. Mit ihren Vermittlungs-, Service- und Backup-Leistungen bieten sie Betreuenden wie Betreuten und deren Familien messbaren Mehrwert. 

„Dieses aus dem akuten Bedarf nach leistbarer Betreuung zu Hause auf der einen Seite und Beschäftigung auf der anderen Seite entstandene Angebot“, betont Andreas Herz, Obmann der Fachgruppe Personenberatung und Personenbetreuung sowie Vizepräsident der WKO Steiermark, „wurde in den vergangenen Jahren qualitativ konsequent weiterentwickelt. Im Hinblick auf kommende gesellschaftliche Herausforderungen gilt es nun alles zu unternehmen, um diese Betreuungsform im Dienste aller Beteiligten, Betreuter wie Betreuender, nachhaltig zu fördern und zu stärken.“

 

BETREUUNG LANGFRISTIG SICHERN

Wie kann es gelingen, die Betreuung betagter Österreicherinnen und Österreicher, die ihren Alltag nicht mehr auf sich allein gestellt bewältigen können, auch in Zukunft sicherzustellen? Andreas Herz, MSc, Obmann der Fachgruppe Personenberatung und Personenbetreuung in der WKO Steiermark, Obmann des Fachverbands in der WKO und Vizepräsident der WKO Steiermark, im Interview.

Die demografische Entwicklung in europäischen Wohlfahrtsstaaten wie z. B. Österreich droht die Alterspyramide auf den Kopf zu stellen. Steht die Betreuung betagter Menschen noch auf sicheren Beinen?
Andreas Herz, MSC: Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind sicher außerordentlich groß. In den kommenden Jahren und Jahrzehnten werden in Österreich immer mehr Menschen in ein Alter kommen, in dem sie mit hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später Betreuung benötigen werden – und zwar zu einem erheblichen Teil rund um die Uhr. Gleichzeitig nehmen die familiären Betreuungsressourcen ab. Insofern zeichnet sich eine, zurückhaltend formuliert, herausfordernde  Situation ab. Vorboten dieser Entwicklung sind bereits zu erkennen.

Warnungen vor einem Pflegenotstand sind in den vergangenen Monaten noch häufiger zu hören gewesen als zuvor.
Herz: Die zunehmende Konkurrenz um Arbeitskräfte spitzt die Situation zu. Und die von den aktuellen Krisen markierte Zäsur macht vielen den Ernst der Lage erst wirklich bewusst. Wie wir die Herausforderungen in Betreuung und Pflege unter den skizzierten Voraussetzungen bewältigen werden, hängt von einem Zusammenwirken vieler Faktoren ab. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass der Betreuung durch selbstständige Personenbetreuerinnen und Personenbetreuer, also der sogenannten 24-Stunden-Betreuung, bei der Sicherung einer hochwertigen und für die breite Bevölkerung zugänglichen – sprich: leistbaren – Betreuung eine Schlüsselrolle zukommen wird. Das war ja auch in den vergangenen Jahren schon so, sonst hätte sich dieses Betreuungsangebot nicht in einem solchen Ausmaß durchgesetzt.

Worauf ist die beeindruckende Entwicklung der 24-Stunden-Betreuung in den letzten ca. zwei Jahrzehnten zurückzuführen?
Herz: Dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen. Nicht zu bestreiten ist, dass dieses Angebot einer leistbaren Betreuung zu Hause in den eigenen vier Wänden konkurrenzlos und somit alternativlos ist. Ihre Verlässlichkeit haben die vielen Tausend selbstständigen Betreuungspersonen ja zuletzt unter schwierigsten Bedingungen sehr eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Im Zusammenspiel mit den Agenturen gelingt es zudem, Betreuung Suchende und Betreuende rasch miteinander in Verbindung zu bringen. In solchen fordernden Lebenssituationen brauchen Menschen kompetente und effiziente Unterstützung.   

Wie kann die 24-Stunden-Betreuung nachhaltig gesichert werden?
Herz: In den vergangenen Jahren wurden kontinuierlich Anstrengungen unternommen, um rechtliche Rahmenbedingungen und das Leistungsniveau stetig zu steigern. Unter den aktuellen Gegebenheiten – sprich: Inflation und Anstieg der Lebenshaltungskosten – geht es vor allem darum, die Attraktivität des Berufs für die selbstständigen Betreuungspersonen zu erhalten, ohne die Leistbarkeit für die Betreuung Suchenden aufs Spiel zu setzen. Dazu wird es allerdings auch eines klaren gesellschaftlichen Bekenntnisses bedürfen: Die Förderungen sind nach Jahren der Stagnation nun endlich so anzupassen, dass Betreuung Suchende in die Lage versetzt werden, jene Menschen, die sie so sorgsam und liebevoll betreuen, auch in Zukunft fair zu entlohnen.

 

WICHTIGE INFORMATIONEN ZUM THEMA BETREUUNG

Betreuung und Vermittlung als Gewerbe
Um in Österreich als selbstständige Personenbetreuerin/selbstständiger Personenbetreuer bzw. als Vermittlungsagentur tätig sein zu können, bedarf es einer aufrechten Gewerbeberechtigung. Betreuung und Vermittlung sind getrennte Gewerbe mit jeweils eigenen Berechtigungen. Die berufliche Standes- und Interessenvertretung auf Landesebene obliegt der „Fachgruppe Personenberatung und Personenbetreuung“ in der WKO Steiermark. In den „Standes- und Ausübungsregeln für Leistungen der Personenbetreuung“ sowie den „Standes- und Ausübungsregeln für die Organisation von Personenbetreuung“ sind Rechte und Pflichten von Betreuungspersonen bzw. Vermittlungsagenturen definiert und beschrieben.

Betreuung durch Selbstständige
Als Selbstständige sind gewerbliche Personenbetreuerinnen und Personenbetreuer in der Lage, den zeitlichen Rahmen ihrer Tätigkeit selbst zu gestalten. Sie können daher, abgesehen von entsprechenden Ruhezeiten, rund um die Uhr tätig bzw. in Bereitschaft sein und leben während der Betreuungszeit im Haushalt der betreuten Person. Bei der Betreuung lösen sich in der Regel zwei Betreuungspersonen im Zwei-Wochen- bzw. Monatsrhythmus ab.

Vermittlungsagenturen und Verträge
Vermittlungsagenturen sorgen dafür, dass bei Bedarf möglichst rasch qualifizierte und geeignete Betreuungspersonen dort sind, wo sie benötigt werden. Die Geschäftsbeziehung zwischen einer Vermittlungsagentur und einer Betreuungsperson wird im sogenannten Organisationsvertrag geregelt, die zwischen Agentur und Betreuung Suchenden (bzw. deren Angehörigen) im Vermittlungsvertrag. Betreuungspersonen und Betreute schließen einen Betreuungsvertrag. Die Inanspruchnahme einer Agentur ist weder für Betreute noch für Betreuende verpflichtend. Allerdings können Vermittlungsagenturen beiden Seiten, Betreuten wie Betreuenden, eine Reihe von Zusatzleistungen bzw. entsprechende Pauschalpakete für mehr Sicherheit und Komfort bieten. 

Betreuung oder Pflege
Im täglichen Sprachgebrauch, aber auch in der Berichterstattung werden Pflege und Betreuung häufig nicht korrekt unterschieden. Betreuung umfasst keine pflegerischen bzw. ärztlichen Tätigkeiten. Bestimmte pflegerische Tätigkeiten wie etwa das Wechseln von Verbänden oder die Verabreichung von Medikamenten dürfen Betreuungspersonen nach (schriftlicher) Delegation sowie Unterweisung durch medizinisches bzw. pflegerisches Fachpersonal übernehmen.

OQZ24
Mit ÖQZ24 wurde ein eigenes Qualitätszertifikat für Vermittlungsagenturen geschaffen. Entwickelt  wurde es vom Sozialministerium gemeinsam mit der Wirtschaftskammer Österreich und den Wohlfahrtsträgern. Es steht für Qualität und Fairness für Betreuende und Betreute sowie Verlässlichkeit für Familien und Angehörige. Die Zertifizierung ist freiwillig. www.oeqz.at

Personenbetreuung in Zahlen
Mit Stand Ende 2022 waren in der Steiermark über 11.600 selbstständige Personenbetreuerinnen und Personenbetreuer mit aufrechter Gewerbeberechtigung tätig. Weitere fast 4.600 hatten ihre Gewerbeberechtigung ruhend gestellt. 61,3 % der Betreuungspersonen stammten aus Rumänien, 15,9 % aus Kroatien, 10,1 % aus der Slowakei, die übrigen aus weiteren vorwiegend (süd)osteuropäischen EU-Staaten sowie aus Österreich (2,4 %, Tendenz steigend). 231 Vermittlungsagenturen verfügten mit Stand Ende 2022 über eine aufrechte Gewerbeberechtigung zur „Organisation von Personenbetreuung“, weitere 32 hatten ihre Berechtigung ruhend gestellt.

Informationen zur 24-Stunden-Betreuung: www.daheimbetreut.at

Entgeltliche Einschaltung
Fotos von Marija Kanizaj und shutterstock
Beitrag veröffentlicht am 23.03.2023

Gerald Gollenz: Exklusiv wohnen in der Steiermark

Gerald Gollenz, Obmann der Immobilien- und Vermögenstreuhänder an der Wirtschaftskammer, berichtet über den Luxuswohnsektor.

 

 

Wie viele Luxusimmobilien sind derzeit auf dem Markt und wer sind die Käufer?
Gollenz: Es gab zuletzt einige Projekte, die großteils schon verkauft sind, neue sind in Vorbereitung. Solche Immobilien kommen oft gar nicht auf den Markt und werden eher „unter der Hand verkauft“. Das sind oft Wohnungen in kleineren Wohneinheiten in Ballungsgebieten, die von Menschen gekauft werden, die nicht unbedingt ein Haus wollen, aber das Geld für eine 150-Quadratmeter-Wohnung für 1,5 Millionen Euro haben. Oft sind es auch Personen, die auswärts gelebt und gearbeitet haben und nach Graz zurückkommen wollen. 

Das sind Beträge, die man sich in einem Erwerbsleben nie leisten kann.
Das Klientel ist überschaubar, keine Frage, das geht sich nur mit einem Job aus, in dem man sehr gut verdient oder mit einem Erbe im Hintergrund. 

Ab wann ist eine Immobilie überhaupt Luxus und was ist es für Sie?
Das ist einmal die Lage und die Art der Wohnung – ist es ein Penthouse, eine Gartenwohnung mit Pool? Ein Faktor sind die Quadratmeterpreise, die über 10.000 Euro liegen. Luxus wird auch definiert über eine außergewöhnliche Planung und die technischen Spielarten sowie die verwendeten Materialien, die im Inneren abgebildet sind. Für mich ist Luxus, auf dem Land leben zu können, mit einer gewissen Nähe zu guten Lokalen, dem Golfplatz, Skigebieten. Mein Haus habe ich vor 22 Jahren gebaut, mit Pool, das war damals Luxus. Noch heute genieße ich es, abends heimzukommen und privat schwimmen zu können. Das Haus ist groß, das kann für zwei Personen mitunter auch zur Belastung werden.  

Gibt es so etwas wie Modeerscheinungen im hochpreisigen Segment?
Da ändert sich nicht so viel: Das Grundstück muss passen, die Planung, die Ausstattung, Luxus sieht jeder anders. Vor allem definieren es die Käufer und nicht der Bauträger. 

Luxus und eine nachhaltige Bauweise: Passt das überhaupt zusammen?
Das schließt einander nicht aus, im Gegenteil! Nachhaltigkeit ist heute Voraussetzung, um überhaupt bauen zu können. Gerade beim Thema Beheizung, Energiebedarf gibt es intelligente Hightech-Lösungen, die gerade im Luxusbereich Einsatz finden. 

Mancherorts wird eine Immobilie rein deshalb zum Luxus, weil dort die Bodenpreise gestiegen sind.
Das stimmt. Früher wollten alle in Geidorf oder St. Leonhard wohnen, die Preise stiegen dementsprechend. Heute stellen sich Menschen vielmehr die Frage, wie die Umgebung erschlossen ist: Wo sind Einkaufsmöglichkeiten gegeben, wo ist die nächste Schule, wie weit habe ich es zum Arbeitsplatz, zur Autobahn? Klar: Wenn ich es mir leisten kann, wähle ich eine begehrtere Lage, das ist auch für den Weiterverkauf wesentlich, weil die Immobilie kaum an Wert verliert.  

Was wären in puncto Lage hier Ihre Tipps in Graz?
Das ist schwierig zu sagen und ergibt sich eher aus der Nachfrage. In den begehrten Lagen in der Grazer Innenstadt gibt es kaum Angebote, Nachfrage wäre vorhanden. St. Peter, Andritz und zuletzt Eggenberg können als die neuen „guten Lagen“ bezeichnet werden. Allerdings zogen mit der Pandemie einige Menschen weg aus Graz. Wir Entwickler beobachten hier den Markt genau. Der Neubaubericht der Wirtschaftskammer zeigt, dass die Bezirkshauptstädte und die nähere Umgebung von Graz aktuell stärker nachgefragt werden. 

Kann man in Graz von einer Stadtflucht reden?
Wohnen auf dem Land ist günstiger, keine Frage, doch die Nachfrage nach Wohnraum in Graz ist ungebrochen, da wird sich nicht viel ändern. 

Glauben Sie, kann man des Luxus‘ auch überdrüssig werden?
Wenn ich Luxus gewöhnt bin und ihn mir leisten kann, eher nicht. Vielleicht verkleinert man sich von einer 200-Quadratmeter-Villa in eine Wohnung in guter Lage. 

Bilder von Michael Pontasch-Hörzer, Philip Liparski
Beitrag veröffentlicht am 09.03.2023

Aktiv altern: Interview zum langen Tag der Demenz

 

Was ist SALZ und wofür steht die Initiative?

Salz – Steirische Alzheimerhilfe ist ein Angehörigen-Verein. Wir vertreten deren Interessen und Anliegen aber wir geben auch Raum, damit Angehörige sich treffen und austauschen können. Es ist wichtig, in einem geschützten und anonymen Umfeld über die Trauer, die Frustration und über die Wut der Krankheit gegenüber sprechen zu können. Die eigene Ratlosigkeit zu thematisieren und gleichzeitig Tipps und Rat im Umgang mit Demenz zu bekommen hilft, Ressourcen zu erkennen und Hoffnung zu schöpfen.

Wir engagieren uns überdies in Projekten oder initiieren selbst welche, die dazu führen, dass das Leben mit Demenz leichter wird. Außerdem glauben wir, dass nur eine gute Vernetzung von Professionisten in der Region eine gute Versorgung gewährleisten kann und wir investieren in dieses Ziel viel Zeit.

 

Warum ist Ihnen das Thema Demenz so ein wichtiges Anliegen?

Wir von Salz sind oder waren Angehörige und wissen, wie belastend die Diagnose für die gesamte Familie ist. Wir wollen unsere Erfahrung weitergeben und helfen. Die Krankheit ist noch immer stark stigmatisiert und tabuisiert und zu lange werden Angehörige sowie Betroffene alleine gelassen. Das wollen wir ändern und dafür setzen wir uns ein.

 

Worum geht es beim Tag der Demenz, den Sie heuer veranstalten?

Heuer dreht sich der Lange Tag der Demenz um das Thema Zeit. In unserer sehr effizienten und geschwindigkeitsorientierten Welt bleiben viele zurück, die mehr Zeit brauchen würden. Die zunehmende Automatisierung, wie Selbstbedienungskassen, Fahrscheinautomaten, elektronisches Bankensystem, machen die Teilhabe von Menschen mit Demenz immer schwieriger. Daher stellen wir uns dieses Mal die Frage: „Wieviel Zeit braucht ein Mensch mit kognitiven Einschränkungen und was bedeutet das in unser aller Alltag?

In den drei Tagen vom 21.9. – 23.9. werden wir zu diesem Thema einen Gottesdienst feiern, einen Film sehen, öffentlich diskutieren, am Markt informieren und künstlerische Akzente setzen. Dazu sind alle Menschen geladen, die sich für das Thema, ob aus aktuellem Anlass oder präventiv, interessieren und sich mit Menschen mit Demenz und deren Familien solidarisieren möchten.

Was erwarten Sie sich von öffentlichen Stellen zum Thema Demenz?

Zurzeit gibt es viele engagierte Initiativen in diesem Bereich. Eine Zusammenführung dieses Wissens zumal in einer Form, die für Betroffene und Angehörige praktikabel ist, sowie eine Vernetzung der damit verbundenen Akteur/innen wäre wünschenswert. Außerdem ist nach wie vor unsere dringlichste Forderung nach individueller, flexibler Alltagsassistenz als Unterstützung für Betroffene im leichten Stadium und in weiterer Folge zur Entlastung der betreuenden Angehörigen.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft in Bezug auf die Aufmerksamkeit und öffentliche Wahrnehmung des Themas Demenz?

Eine Sensibilisierung in Wort und Bild. Das Bild des alten Menschen muss generell ein differenzierteres werden. Dem Menschen muss seine Individualität und Würde bewahrt werden und er darf nicht hinter Statistiken oder Klischees verschwinden. Menschen mit kognitiven Einschränkungen sollen nicht zu einer anonymen Masse werden, über die man hauptsächlich defizitorientiert spricht. So unterschiedlich wie wir Menschen nun einmal sind, ist auch die Ausprägung des Verhaltens bei Demenz. Es gibt erstaunlich kreative und erfolgreiche Ansätze, mit diesem Schicksalsschlag fertig zu werden. Genauso verhält es ich bei uns Angehörigen. Natürlich ist die Betreuung oft sehr herausfordernd, aber auch hier sind Familien sehr einfallsreich, wenn es um einen guten Umgang mit dem betroffenen Menschen und mit der eigenen Selbstfürsorge geht. Darüber würde ich gerne mehr lesen, sehen oder hören.

 

Veranstaltungstipp:

Beitrag veröffentlicht am 12.09.2022
© Luef Light

Politiker:innen: Wie war das damals mit Sex, Drugs & Rock ’n‘ Roll?

DAS GROSSE GENERATIONENINTERVIEW

In einem Waggon des Wiener Riesenrads, hoch über den Dächern von Wien, findet sich ein interessantes Grüppchen. Die Spitzenvertreter:innen der Österreichischen Seniorenverbände stehen hier Abenteuer Alter in einem ganz besonderen Interview Rede und Antwort.

Es geht darum, Brücken zwischen den Generationen zu bauen, sich anzunähern und zu zeigen: Die Jugend kann von der Erfahrung der älteren Generation profitieren – und diese wiederum von der Spontanität der jungen.

Zu diesem Zweck sind Peter Kostelka (SPÖ), Ingrid Korosec (ÖVP) und Thomas Richler (FPÖ) nach Wien gereist und erzählen aus ihrem Leben. Doris Eisenriegler (Die Grünen) konnte leider nicht vor Ort anwesend sein, hat die Fragen jedoch schriftlich beantwortet. Im großen Generationen Interview geht es um die Menschen hinter den Politiker:innen. Und die beantworten Fragen der ganz anderen Art.

 Denn: Auch die ältere Generation war mal jung und hat viel zu erzählen!

KAROLINA WIENER: Eine Frage die uns Jungen unter den Nägeln brennt – wie war das damals eigentlich mit Sex, Drugs und Rock ’n‘ Roll?

PETER KOSTELKA, SPÖ: Sex war zu meiner Zeit ein unglaublich belastetes Thema. Mit Angst und Scham und religiösem Druck verbunden. Das war die Zeit, als ein Mädchen die Schule verlassen musste, wenn es schwanger wurde. Das hat oft die Zukunftsträume von jungen Frauen zerstört. Was Drogen betrifft, war das eigentlich ausschließlich Alkohol. Ich möchte dazusagen, dass es das Komasaufen von heute damals nicht gab. Der Tanz meiner Generation war der Twist, das war noch vor dem Rock n’ Roll. Damals hat ein Landeshauptmann in Westösterreich Twist sogar verboten, er hat ihn als unsittlich bezeichnet (lacht). Da haben wir erst recht getanzt!

INGRID KOROSEC, ÖVP: Das war eine tolle Zeit. Wenn ich an die Musik denke, an die Beatles, die Rolling Stones. Ich meine, was hätten wir heute für eine Musik, wenn es nicht damals diese gegeben hätte! Die ganze Entwicklung damals war schon eine Revolution der Jugend gegen das Establishment. Wir haben zusammenhalten und der Welt einen Haxn ausgerissen. Ich finde diese Entwicklung heute noch sehr positiv. Soweit ich konnte, habe ich das damals genossen, aber nicht zu viel, weil ich war schon berufstätig.

THOMAS RICHLER, FPÖ: Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, die nicht ganz so freizügig war und ich war immer in der Gastronomie berufstätig. Gerade in der Saison am Klopeiner See haben wir natürlich einen Blick auf die Mädchen geworfen, aber Leute wie ich waren am Abend sehr müde und wir sind lieber schlafen gegangen.

DORIS EISENRIEGLER, DIE GRÜNEN: Ich war immer schon eher widerständig gegen das Autoritäre. Da kam mir diese Bewegung, die sich gegen diese Nazistrukturen gerichtet hat, sehr entgegen. Bei der Arbeit an der Uni Wien habe ich die Studentenbewegung live miterlebt und das hat mich unheimlich interessiert und bewegt. Dann haben große Musik Festivals wie Woodstock die Begleitmusik zu den Protestbewegungen geliefert. Janis Joplin, Bob Marley, Bob Dylan und viele andere haben mich – und ich glaube meine ganze Generation – stark beeinflusst. Ich selbst habe keine Drogen genommen, aber es hat rund um mich stattgefunden.

KAROLINA: Expert:innen sprechen davon, dass Paare zwischen 60 und 80 Jahren wieder deutlich öfter Sex haben als jüngere. Ist das bei Ihnen auch so und wollen Sie uns verraten, wie sich Ihr Sexleben verändert hat?

KOSTELKA: Als ich jünger war, war Sex im Alter ein absolutes Tabuthema. Das ist es nicht mehr. Eine große Rolle spielt, dass die Älteren heute viel länger gesund bleiben wollen. Um körperliche Beziehungen zu pflegen, muss man sich körperlich wohl fühlen. Die Pensionistinnen und Pensionisten haben heute eine Ruhestandszeit von 20 und mehr Jahren, in dieser Zeit kann sich viel abspielen.

KOROSEC: Ich glaube, das kann man nicht verallgemeinern. Grundsätzlich ist es sicher so, wenn man älter wird, genießt man vielleicht Manches mehr, weil man mehr Zeit hat. Und da würde ich schon sagen, spielt die Liebe eine sehr große Rolle. Wenn man eine Partnerschaft hat, die so ist, wie man es sich vorstellt, ist das im Alter manchmal vielleicht sogar intensiver und schöner als in der Jugend.

RICHLER: In einem gewissen Alter hat man einen anderen Abstand zu allen Dingen. Und Liebe ist etwas anderes als Sex. Im Alter ist es wichtig, dass man sich gut versteht. Ich bin über 40 Jahre verheiratet, zufrieden und so soll es bleiben.

EISENRIEGLER: Es hat damals wie heute natürlich eine Rolle gespielt, dass die Pille gekommen ist und man als Frau nicht mehr Angst haben musste, schwanger zu werden.

KAROLINA: Ich bin jetzt in meinen 20ern und mich interessiert natürlich gerade dieser Lebensabschnitt sehr. Stellen Sie sich vor, Sie würden heute Ihrem 20-jährigen Ich gegenüberstehen: Was würden Sie ihm mitgeben?

KOSTELKA: Ich würde sagen: Hab Spaß, aber verletze niemand anderen. Nicht physisch und nicht psychisch. Und mach aus deinem Leben etwas.

KOROSEC: So wie ich mein Leben geführt habe, bin ich mit mir selbst zufrieden. Vieles hat Spaß gemacht, es war sehr abwechslungsreich. Ich bin ein Mensch, der Eintönigkeit ablehnt. Ich liebe Herausforderungen, auch jetzt noch, jeden Tag. Ich würde es wieder so machen.

RICHLER: Wir sind damals so aufgewachsen, dass sich alles um die Schule und den Arbeitsplatz gedreht hat. Natürlich haben wir auch unser Vergnügen gehabt und wenn ich mit Freunden zurückschaue, sind wir noch ganz begeistert von unserem Leben damals. Ich glaube, wir haben vieles richtig gemacht damals. Jetzt machen die jungen Leute es eben anders.

EISENRIEGLER: Da liegt die Erfahrung vieler Jahre dazwischen. Ich würde sagen: Nütze den Tag! Und bring dir ins Bewusstsein, dass das Leben kurz ist, und verschwende es nicht.

JOHANNES KÜBECK: Sie sehen auf große Abschnitte Ihres privaten Lebens und der öffentlichen Karriere zurück. Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie nicht in die Politik gegangen wären?

KOSTELKA: Mein Brotberuf vor der Politik war an der juristischen Fakultät der Uni Wien. Ohne Politik wäre es wohl eine akademische Laufbahn geworden. Ich habe mich anders entschieden, weil ich eine Art Horrorvorstellung hatte: Dass ich einen Schreibtischberuf habe und es läutet genau zweimal an einem Tag das Telefon, und einmal davon ist es meine Frau. Das war eine Horrorvorstellung von Berufsleben.

KOROSEC: Zum Beispiel Vorstandsdirektorin eine großen Firma. Ich hatte mit Politik überhaupt nichts am Hut gehabt, sondern war in führender Position in einem großen Unternehmen tätig – und natürlich gab es die Familie. Ich hatte schon das Ziel, bis ganz nach oben zu kommen, aber das war damals als Frau nicht machbar.

RICHLER: Bei uns war das Hotel immer Lebensmittelpunkt. Nach der Schule war klar: Schultasche weg und rein den Betrieb. Da haben wir nicht viel nachdenken müssen. Die Frage nach einem anderen Beruf hat sich nie gestellt. Als Funktionär war es reiner Zufall, dass ich die FPÖ-Senioren übernommen habe. Ich habe mich damals überreden lassen.

EISENRIEGLER: Ich hätte vielleicht einen schreibenden Beruf ergriffen und wäre Journalistin geworden. Ein anderer Wunsch während meiner Schulzeit war, Tierärztin zu werden.

JOHANNES: Sie gehören der Generation an, die in den 1970er Jahren schon eine hohe Inflation erlebt hat. Wie haben Sie selbst damals gespart und welche Tipps können Sie jungen Menschen geben, mit der Teuerung umzugehen?

KOSTELKA: Die Inflation in den siebziger Jahren war weit höher als sie bis vor einem Jahr war. Aber damals gab es eine ganz andere Reaktion der Regierung. 1976 hat es eine Pensionserhöhung von 11,5 Prozent gegeben! Und heuer hängen wir mit 1,8 Prozent herum und die Teuerungsrate ist im Frühsommer 2022 bei acht Prozent. Die öffentliche Hand ist verpflichtet, den Verlust der Kaufkraft der Pensionistinnen und Pensionisten sicherzustellen. Was die Jüngeren betrifft: Wie soll man sich bei den Preisen am Immobilienmarkt als junger Mensch eine Wohnung oder ein Haus leisten? Da müssen wir auch eine gesellschaftliche Lösung finden. Das kann man nicht einfach den Jungen überlassen.

KOROSEC: Es war schwierig. Man konnte damals überhaupt nichts sparen und musste froh sein, wenn man ausgekommen ist. Eine der Reaktionen auf die Ölkrise der 1970er Jahre war der autofreie Tag. Da hat man gedacht: Das gibt’s ja gar nicht! Und trotzdem ist es gegangen. Heute gibt es wieder solche Situationen, dass man denkt, das gibt es gar nicht, aber man passt sich an. Ich glaube dass es für die heutige Jugend notwenig ist, auf das eine oder andere auch zu verzichten.

RICHLER: In meiner Zeit mussten wir nicht sparen, weil es hat nichts gegeben. Wenn ich heute sehe, wie viel weggeworfen wird, tut mir das Herz weh. Vom Sparen haben die jungen Leute noch nicht so viel mitgekriegt. Sparen könnten sie sicher bei den Zigaretten oder beim Alkoholkonsum. Und bei den Lebensmitteln, indem man das einkauft, was man braucht, und nicht das, was man sieht.

EISENRIEGLER: Der Club of Rome hat ja schon in den frühen 1970er Jahren auf die „Grenzen des Wachstums“ hingewiesen, dass unsere Ressourcen wie Öl und Gas nicht unendlich vorhanden sind. Es hat also 50 Jahre gedauert bis dieses Wissen ins allgemeine Bewusstsein eingesickert ist! Man muss wissen, dass damals die Privathaushalte nur einen Bruchteil der Energie von heute verbraucht haben. Bei uns gab es einen Kachelofen mit Holz, das Schlafzimmer und die Küche waren ungeheizt!

JOHANNES: Als Mensch im Privat- und Berufsleben und als Spitzenvertreter:in der älteren Generation in Österreich haben Sie sehr viel erreicht. Haben Sie eigentlich noch Ziele?

KOSTELKA: Ich möchte die Ziele des Pensionistenverbandes erfolgreich weiterverfolgen. Also die Bekämpfung der Altersarmut und die Bekämpfung der Alterseinsamkeit. Wenn man heutzutage so lange in Pension sein kann, wird die Phase, in welcher der Mensch potenziell einsam ist, sehr lange. Und als Vater einer fünfeinhalbjährigen Tochter hoffe ich, dass aus ihr ein sehr glücklicher Mensch wird.

KOROSEC: Ziele muss man immer haben. Es gibt so viele Dinge, die ich noch machen möchte mit den Seniorinnen und Senioren, wenn ich an die Alterseinsamkeit denke, an die Altersdiskriminierung, an die Pflege, aber vor allem an den Paradigmenwechsel. Wir sind heute nicht alt und klapprig, sondern fidel, unternehmungslustig und wir genießen das Leben. Das zu verbreiten in der Öffentlichkeit ist eine harte Aufgabe.

RICHLER: Unsere Gastronomie hat schon neue Ziele, da sind jetzt meine Söhne dran. Wenn es die Gesundheit erlaubt, möchte ich auch meine Funktionen in der Arbeit für die ältere Generation noch eine Zeitlang weiterführen.

EISENRIEGLER: Es gibt noch allerhand, was ich tun und erreichen möchte. Dazu gehört durchaus auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Alter und dem Tod. Das ist eine Aufgabe, die man zu bewältigen hat, und die zu einem guten Leben gehört.

 

Hier geht’s zum Video:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

von Karolina Wiener / Johannes Kübeck
© Philipp Bohar
Beitrag veröffentlicht am 10. August 2022

 

Barbara Frischmuth: Mein fantastisches Leben

Barbara Frischmuth spricht mit Abenteuer Alter über ihr Ausseer Dirndl, ihren Feminismus und die Gefahr des Klimawandels.

Die gefeierte Schriftstellerin lebt und arbeitet in ihrem Haus hoch oben über Altaussee und ist durchaus froh, dass sie nicht alles mitbekommt, was „unten“ im Ort passiert. Zum Beispiel die Folgen der Bauwut im Ausseerland und im ganzen Salzkammergut, die sie stören und verärgern. Aber auch in ihrem großen Garten erkennt die Schriftstellerin Veränderungen, die sie herausfordern und die auf verblüffende Weise den Ereignissen unserer Tage ähneln. „Auch Pflanzen haben ihre Reviere und überwuchern die anderen“, beobachtet sie bei der täglichen Arbeit. Im Mai, als Barbara Frischmuth mit Abenteuer Alter telefonierte, musste sie feststellen, dass im harten Winter manche ihrer Pflanzen erfroren sind, konnte aber auch die Pracht ihrer Pfingstrosen genießen.

Die 81-Jährige kennt wie wenige sowohl das Leben in der Stadt als auch auf dem Land, in ihrem Heimatort. Ganz schnörkellos sagt sie „Altaussee ist sehr schön“. Sie kann das trennen vom Umstand, dass es hier ein Klima gibt, das ihre Pflanzen erfrieren lässt, und davon, dass sie den Flächenfraß durch die Untaten der Bauwütigen für ein ernstes Problem hält. Sie akzeptiert einige der Villen der Großbürger aus Wien oder München, wird aber energisch beim Gedanken, dass Manche aus Spekulationsgründen zwei oder drei Wohnungen horten und die Preise für Immobilien in schwindelnde Höhen treiben: „Man muss einmal Stopp sagen!“ Die äußerst erfolgreiche Autorin Barbara Frischmuh missgönnt niemandem das Erreichte, vermisst aber Grenzziehungen. „Wenn es hier zu wenig Wiesen und Umwelt gibt, wird auch Altaussee seinen Charme verlieren. Dann kann man gleich nach Kitzbühel fahren.“ Sie kennt schon Leute, die sagen, dass sie nicht mehr kommen, weil es nicht mehr das Altaussee ist, das sie lieben. „Die Ruhe, die wunderschöne Landschaft, die Natur – das hört sich alles auf.“

Das ist nicht Verbitterung, sondern derselbe Realismus, der aus ihr spricht, wenn die Touristen im Ort in Tracht und Dirndl aufmarschieren. Sie anerkennt die Kleidsamkeit des Dirndls: „Den meisten Freuen passte es“. In ihrem Schrank hängen „drei oder vier Dirndln, die ich schon ewig habe“. Das spricht wohl auch dafür, dass sie ihre Figur über die Jahre behalten hat. Sie trägt ein Dirndl nur im Salzkammergut und höchstens dann, „wenn es ein Fest gibt, wo man es halt anzieht“. So würden es alle Einheimischen halten. Offenbar tragen die Ortsfremden viel öfter Tracht als die Ausseer es tun. „Denen macht es Spaß und sie glauben dann, dass sie eher Kontakt zu den Einheimischen finden. Und für die Einheimischen ist es eine Einkommensquelle.“

Manche ihrer Beobachtungen und Empfindungen klingen lakonisch und andere wiegen schwer. Etwa, wenn Barbara Frischmuth sich intensiv mit den Themen des Lebens auseinandersetzt. Ihre Naturverbundenheit ist kein Gefühl, sondern geradezu wissenschaftlich fundiert und kommt in ihren jüngsten Büchern zu Ausdruck: „Dein Schatten tanzt in der Küche“ und „Natur und die Versuche, ihr mit Sprache beizukommen“. Deshalb hat sie mehr als nur Sympathie für die Fridays for future-Bewegung. „Die Natur rächt sich zu Recht. Da kommt etwas auf uns zu, was die meisten noch immer nicht ernst nehmen und das die nächste Generationen ausbaden müssen“, sagt sie. Das ist nicht Selbstanklage, sondern Analyse.

Sie gehört einer Generation an, „die ein fantastisches Leben hatte, weil es keinen Krieg gab“ und weil die Gesellschaft „auf die erste Nachkriegsjugend geradezu gewartet hat.“ Die positive Erfahrung, willkommen zu sein, begleitet sie ihr ganzes Leben und wappnen sie für alle Herausforderungen. Umso mehr macht ihr zu schaffen, dass sie neben der drohenden Klimakatastrophe und der Pandemie auch noch einen Krieg in Europa erleben muss. Also ob die Schäden durch den Klimawandel noch nicht bedrohlich genug wären, „kommt da noch diese Zerstörung durch die Menschen dazu“. Als Schriftstellerin will Barbara Frischmuth nicht behände gleich ein Buch über dieses neue Thema schreiben, das hat sie auch in Bezug auf die Pandemie vermieden. So etwas braucht „eine längere Zeit und einen gewissen Abstand“. Zum Beispiel sagt sie über das 2019 erschienene Buch „Verschüttete Milch“, sie habe es „schon 40 Jahre lang schreiben wollen“.

Durch all die Jahre und all die Bücher, Aufsätze und Vorträge zieht sich ein leidenschaftliches Bekenntnis zum Frau-Sein und zum fundierten Feminismus.

Das beginnt mit der Erfahrung zuhause, weil sowohl ihre Großmutter als auch ihre Mutter nach dem Tod des Mannes „ihren Mann stehen“ mussten, die eine in einer Fleischhauerei, die andere in einem Hotel. Man darf sich auch Barbara Frischmuth nicht als Stern vorstellen, der ohne sein Zutun von einer Sonne bestrahlt wird, sondern als eine zielstrebige berufstätige Frau. Die große Zahl von Büchern, die sie in mehr als 50 Jahren geschrieben hat, ist nicht vom Himmel gefallen, sondern Ergebnis disziplinierter Arbeit. Diese gelebte Selbstständigkeit gerade als Frau war in ihrer Generation die absolute Ausnahme. Das sind andere Erfahrungen, als sie etwa Ingeborg Bachmann machte, von der demnächst ein Film erzählen wird, dass sie bei ihrem Lebenspartner Max Frisch auch so etwas wie Schutz gesucht habe. Die Altausseerin hat durchaus Verständnis für dieses Empfinden, sagt aber ohne Schnörkel „Ich habe immer versucht, mich selbst zu schützen.“

von Johannes Kübeck
© Luef Light
Beitrag veröffentlicht am 29. Juli 2022

Interview: „Wir lassen in der Steiermark niemanden zurück.“

Landeshauptmann-Stellvertreter Anton Lang und Soziallandesrätin Doris Kampus im Abenteuer Alter-Interview über die Teuerung, den Steiermark Bonus und warum Zusammenhalt gerade jetzt wichtig ist.

Frau Landesrätin, Herr Landeshauptmann-Stellvertreter, die Teuerung ist seit einiger Zeit das große Thema, das die Menschen in der Steiermark bewegt. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?

DORIS KAMPUS: Wir erleben es jeden Tag, dass das Leben in fast allen Bereichen teurer geworden ist. Von den Lebensmitteln über das Tanken bis zu den Energiepreisen. Den Steirerinnen und Steirern bleibt weniger in der Geldbörse. Das trifft alle Menschen, aber Menschen mit geringerem Einkommen besonders. Dazu kommt, dass sich die allermeisten von uns gar nicht mehr an eine solche Situation erinnern. Zum letzten Mal war die Inflation vor 50 Jahren so hoch. Das macht vielen Menschen verständlicherweise Sorgen, und sie fragen sich: Kann ich mir das oder das noch leisten? Wie kann ich Strom oder Heizöl sparen? Diese Sorgen höre ich auch immer wieder bei meinen Sozialsprechstunden in den steirischen Regionen.

ANTON LANG: Als Sozialdemokratie können und werden wir es nicht hinnehmen, dass sich immer mehr Menschen das Leben nicht mehr leisten können. Mittlerweile spüren rund 80 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher die Teuerungswelle. Wir sehen, dass gerade zahlreiche Pensionistinnen und Pensionisten besonders betroffen sind. Noch dazu haben sie keine Möglichkeit ihre Situation von alleine zu verbessern. Daher haben wir bereits am 1. Mai eine vorgezogene Pensionserhöhung gefordert, denn für mich ist klar, dass wir unsere älteren Mitmenschen, die ihr Leben lang viel für unser Land geleistet haben, jetzt nicht im Stich lassen dürfen.

Welche politischen Konsequenzen haben Sie aus dieser Entwicklung gezogen? Es ist ja auch noch nicht abzusehen, wie es weitergeht und wie lange die Teuerung anhält.

KAMPUS: Der Herr Landeshauptmann-Stellvertreter und ich sind seit Monaten in enger Abstimmung, auch mit unserem Koalitionspartner. Wir waren österreichweit unter den ersten Bundesländern, die den Heizkostenzuschuss im Herbst 2021 um 42 Prozent auf 170 Euro angehoben haben. Mit dem Steiermark Bonus, der jetzt ab 1. Juli ausbezahlt wird, erreichen wir jetzt 50.000 Steirerinnen und Steirer in 30.000 Haushalten. Das sind die Bezieherinnen und Bezieher des Heizkostenzuschusses im letzten Winter und diejenigen, die im Mai Wohnunterstützung bezogen haben. Wir erreichen mit dem Bonus zu 80 Prozent ältere Menschen, und zwei Drittel davon sind Frauen.

LANG: Aufgrund der Corona-Pandemie musste das Land Steiermark mit enormen Einnahmenverlusten zurechtkommen. Da wir aber in den letzten Jahren stets gut gewirtschaftet haben sind wir nun auch in schwierigen Zeiten handlungsfähig. Als Landesregierung haben wir daher ein Paket mit einem Volumen von rund zwölf Millionen Euro geschnürt. Neben sozialen Maßnahmen beinhaltet dieses Paket auch Unterstützung für den geförderten Wohnbau. Als Verkehrsreferent war es mir besonders wichtig, auch unsere Verkehrsunternehmen zu unterstützen, die sehr stark unter den Dieselpreissteigerungen leiden. Nur so konnten wir sicherstellen, dass die Steirerinnen und Steirer auch in Zukunft die Möglichkeit haben die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen.

Auch wenn die Budget durch die Corona-Pandemie und Teuerung belastet sind, wird es möglicherweise weitere Maßnahmen brauchen. Oder erwarten Sie, dass sich die Situation entspannt?

LANG: Aufgrund der unsicheren Corona-Lage und dem schrecklichen Krieg in der Ukraine sind Prognosen für das kommende Jahr sehr schwierig. Grundsätzlich sind die Maßnahmen der Bundesregierung, insbesondere die Abschaffung der kalten Progression, zu begrüßen. Durch die vorgestellten Maßnahmen der Bundesregierung kommt es für die Steiermark und unsere Kommunen aber neuerlich zu massiven Einnahmenverlusten, welche das Nulldefizit erneut in weite Ferne rücken lassen. Insgesamt rechnen wir in der Steiermark derzeit, dass die gesamten Maßnahmen dem Land und den Gemeinden rund eine Milliarde Euro bis 2026 kosten werden. Daher braucht es eine klare finanzielle Unterstützung des Bundes für Länder und Gemeinden.

KAMPUS: Wir können als SPÖ versprechen, dass wir immer für die soziale Handschrift in der Steiermark sorgen und niemanden zurücklassen werden. Da können uns die Steirerinnen und Steirer vertrauen, weil wir es auch bisher bewiesen haben. Natürlich ist es wichtig, dass wir solide Finanzen haben, und  da sorgt Landeshauptmann-Stellvertreter und Finanzreferent Anton Lang dafür. Wichtig ist aber, dass wir auch in den kommenden Monaten, in denen vieles geschehen kann, genau auf die Entwicklung hinschauen und zielgerichtet reagieren, wie wir es mit dem Steiermark Bonus bereits getan haben.

350.000 Steirerinnen und Steirer sind mehr als 60 Jahre alt – etwa jede und jeder vierte im Land. Was tut die Steiermark sonst noch für die ältere Generation?

LANG: Ein wesentlicher Bestandteil zur Teilhabe am öffentlichen Leben ist für mich die Möglichkeit mobil zu bleiben. Daher investieren wir als Land Steiermark viel Geld in den Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Einerseits bauen wir unser S-Bahn Angebot aus, andererseits verstärken wir das RegioBus Angebot in den steirischen Regionen. Auch der Ausbau des Mikro-ÖV ist insbesondere für die ältere Generation von großer Bedeutung. Mein Dank gilt auch allen Steirerinnen und Steirer, die sich in verschiedenen Verbänden für unsere älteren Mitmenschen einsetzen.

KAMPUS: Wir im Sozialressort sind im engen Austausch mit den Vertreterinnen und Vertretern der Seniorenverbände in unserem Seniorenbeirat. Ich freue mich auch, dass die Seniorenurlaubsaktion heuer wieder stattfinden kann. Und aktuell arbeiten wir gerade an einem Schwerpunkt, um Seniorinnen und Senioren besser vor Cyber Crime zu schützen.

Die ältere Generation hat sich in der Pandemie sehr solidarisch verhalten und in großen Teilen impfen lassen, andere hingegen nicht. Ist der Zusammenhalt in der Gesellschaft nun wieder da?

KAMPUS: Mit dieser Art von Verantwortungsbewusstsein haben die Seniorinnen und Senioren wieder einmal gezeigt, dass sie gute Vorbilder sind. Dafür ein großes Danke!

LANG: Zusammenhalt ist für mich einer der wesentlichen Grundwerte unserer Gesellschaft. Daher müssen wir gerade jetzt wieder enger zusammenrücken, denn nur gemeinsam werden wir die kommenden Herausforderungen meistern.

Beitrag veröffentlicht am 27. Juli 2022
©Peter Drechsler